Achim (Niedersachsen)

Achim ist mit derzeit ca. 30.000 Einwohnern die größte Stadt im niedersächsischen Landkreis Verden - knapp 20 Kilometer südöstlich von Bremen gelegen.

Im 18.Jahrhundert war in Achim nur eine einzige Familie ansässig, dabei handelte es sich um die von Jacob Alexander, der im Jahre 1746 gegen jährliche Schutzgeldzahlung und monatliche Kontribution sich sein Aufenthaltsrecht und seine Handels- und Schlachtlizenz erworben hatte. Für seine Söhne erwarb es in den 1770er Jahren jeweils einen Schutzbrief für deren Aufenthaltsrecht in Ottersberg und in Hastedt.

Etwa zeitgleich mit der Vertreibung aus Bremen begannen sich Juden dann  auch in Achim anzusiedeln. Im Verlauf des 19.Jahrhunderts verzeichnete die kleine jüdische Gemeinde in Achim, die auch die Ortschaft Hemelingen umfasste, einen allmählichen, aber steten Aufschwung; sie zählte jedoch zu keiner Zeit mehr als 70 Personen.

Im Jahre 1864 (oder 1874) wurde eine Synagoge errichtet (gestiftet von Elias Moses Alexander auf dessen Privatgrundstück); das Gebäude war einem Wohnhaus ähnlich und besaß eine schlichte Inneneinrichtung.

Etwa zeitgleich wurde auch ein eigener Begräbnisplatz vor den Toren der Stadt angelegt; bis dahin hatten Beerdigungen auf den weit entfernten jüdischen Friedhöfen in Hastedt bzw. in Hoyerhagen stattgefunden; die erste Beerdigung auf dem ca. 1.000 m² großen Areal fand hier 1867 statt; der jüngste Grabstein datiert von 1935.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde die jüdische Schule als öffentliche Schule zugelassen, nachdem sie zunächst als reine Religionsschule und ab 1855 als private Elementarschule geführt worden war. 1928 wurden die Angehörigen der kleinen Gemeinde von Ottersberg an die Achimer Kultusgemeinde angeschlossen.

Die Achimer Gemeinde gehörte zum Landrabbinat Stade.

Juden in Achim:

    --- 1845 ................  6 jüdische Familien (35 Personen),

    --- 1865 ................ 10     “       “   ,

    --- 1875 ................ 67 Juden,

    --- 1895 ................ 56   “  ,

    --- 1907 ................ 73   “  (ca. 2% d. Bevölk.)

    --- 1913 ............ ca. 70   “  ,

    --- 1928 ................ 61   “  ,

    --- 1933 ................ 37   “  ,

    --- 1939 ................ 15   “  ,

    --- 1943 ................ keine.

Angaben aus: Wolfgang Griep, Verfolgt, vertrieben, vernichtet. Zur Geschichte der Achimer Juden im Dritten Reich

Bereits vor der NS-Zeit zeigten sich in Achim antisemitische Tendenzen, die durch Mitglieder der Ortsgruppe des „Deutschen Herold” und der „Deutsch Völkischen Freiheitsbewegung” getragen wurden; aus letzterer ging später die Achimer Ortsgruppe der NSDAP hervor. Wenige Wochen nach der NS-Machtübernahme veröffentlichte das „Achimer Kreisblatt” die Anordnungen des Komitees zur „Durchführung des Boykotts gegen jüdische Geschäfte”. Organisiert und ausgeführt wurde dieser vom Gauführer des „Kampfbundes für den gewerblichen Mittelstand”. Um den Boykott noch zu unterstützen, hatte der „Landbund Achim-Thedinghausen e.V.” zusätzlich einen Aufruf in der Lokalpresse platziert, in dem es u.a. hieß:

„ ... Ein Aufleben der deutschen Wirtschaft ist nur möglich, wenn, nachdem die Trabanten des jüdischen Händlertums und des internationalen Kapitals vernichtend geschlagen sind, auch der jüdische Händlergeist restlos geschlagen wird. Das gesamte Landvolk muß sich zur Pflicht machen, den Kampf der NSDAP gegen das Judentum tatkräftig zu unterstützen und muß nach dem Grundsatz handeln: ‘Wir kaufen nicht beim Juden und verkaufen nicht an die Juden und meiden die Warenhäuser’ ...”

Über die erfolgten Boykottmaßnahmen berichtete am 3.April 1933 das „Achimer Kreisblatt” in einer Kurzmeldung:

„... Die Boykottmaßnahmen gegen die jüdischen Geschäfte kamen auch hier zur vorgesehenen Durchführung, indem SA-Leute mit Plakaten aufklärenden Inhalts vor den Geschäften Aufstellung nahmen. Die in Frage kommenden Geschäfte hielten ihre Läden bereits von sich aus geschlossen.“

In den Folgejahren kam es seitens der NSDAP-Ortsgruppe Achim zu weiteren gezielten Maßnahmen gegen jüdische Bürger, was dazu führte, dass jüdische Geschäfte schlossen und die Eigentümer fortzogen. Über die Vorgänge während des Novemberpogroms von 1938 berichtete die Lokalzeitung in ihrer Ausgabe vom 10.November in einer an Schärfe und Diskriminierung kaum zu übertreffenden Weise:

„ ... In Achim zogen zahlreiche Volksgenossen im Morgengrauen vor die Wohnungen der hiesigen Juden. Vorher hatte sich vor der hiesigen Synagoge eine empörte Menge angesammelt, um ihren Abscheu über die neue abgrundtiefe Niedertracht der Methoden, mit denen immer wieder Deutsche von Juden gemeuchelt werden, auszudrücken. In wenigen Augenblicken war dies verfluchte Symbol Jehovas, das Prinzip des ewigen Bösen zerstört. Es wäre wahrscheinlich in Flammen aufgegangen, wenn nicht für die unmittelbar angrenzenden Häuser Gefahr bestanden hätte. Von dem flammenden Zorn unserer Achimer Volksgenossen erhält man ein Bild, wenn man die Überreste dieses schmierigen Judentempels sieht: es blieb buchstäblich kein Stück aufeinander, und daß unser Ort niemals wieder durch ein ähnliches “Kleinod” verbrecherischer Giftmischerei verschandelt wird, das sind wir den Gemordeten der Bewegung schuldig. Eine Unmenge von Brennmaterial aus den ehemaligen “Betstühlen” wird bedürftigen Volksgenossen sicher willkommen sein. ...”

Nachdem die Wohnungen jüdischer Bewohner durchsucht und Teile der Inneneinrichtung „sichergestellt“ worden waren, wurden noch am gleichen Morgen fast alle männlichen Juden verhaftet und mit dem Zug ins Konzentrationslager abtransportiert.

Im Gefolge des Pogroms wurde auch der jüdische Friedhof stark im Mitleidenschaft gezogen. Bestrebungen, das Begräbnisgelände in eine landwirtschaftlich genutzte Fläche zu verwandeln, scheiterten nur daran, dass man zunächst den Wert der hier noch befindlichen Grabsteine ermitteln wollte!

Im Jahre 1943 lebten in Achim keine jüdischen Bewohner mehr; neun Menschen waren Mitte November 1941 ins Ghetto Minsk, andere nach Theresienstadt deportiert worden. Ingesamt 30 jüdische Einwohner wurden Opfer der Shoa, lediglich zwei in „Mischehe“ verheiratete Jüdinnen überlebten die NS-Zeit in Achim.

Am Standort der ehemaligen Achimer Synagoge, Synagogenweg/Anspacherstraße, erinnert seit 1990 ein Mahnmal mit folgender Inschrift an die Juden der Stadt:

Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und an die Synagoge, die hier gestanden hat.

Am 9.November wurde sie mutwillig zerstört.

Vergessen führt in die Verbannung. Erinnern ist jedoch das Geheimnis der Befreiung.

Im Synagogenweg deutet eine unterschiedliche Pflasterung im Straßenbelag den Grundriss des Gottesdienstraumes innerhalb des ehemaligen Synagogengebäudes an. Die Anspacherstraße wurde auf Beschluss des Stadtrates von Achim nach einer alteingesessenen jüdischen Familie Achims benannt.

 „Stolpersteine“ für Fam. Anspacher (Aufn. Brodt, aus: kreiszeitung.de)

An das Schicksal der jüdischen Bürger, die der „Endlösung“ zum Opfer gefallen sind, erinnern in Achim 18 sog. „Stolpersteine“; auch Opfern der NS-“Euthanasie“ wurde inzwischen durch weitere „Stolpersteine“ gedacht.

Im Jahre 1991 errichtete die Stadt Achim einen Gedenkstein, der an das Schicksal von hundert Jüdinnen erinnert.

Anm.: Die jüdischen Frauen waren in Uphusen, einem Außenkommando des KZ Neuengamme, gefangengehalten und vor heranrückenden alliierten Truppen ins KZ Bergen-Belsen bei Celle „evakuiert“ worden. Dieses Außenkommando bestand seit Mitte November 1944, und etwa 100 bis 200 weibliche Häftlinge aus Obernheide waren dort in einer langen Steinbaracke untergebracht. Die meisten Frauen mussten im nahen Betonsteinwerk Rodiek arbeiten, wo sie Betonsteine gossen und Pressplatten herstellten. Andere waren in Uesen beim Behelfswohnbau der Firma Rohlfs beschäftigt.

Der jüdische Friedhof, der im Laufe der Jahrzehnte völlig verwahrloste, wurde ab 2002 – dank Initiative einer Privatperson – wieder in einen ansehbaren Zustand gebracht. Etwa 55 Grabsteine befinden sich auf dem Gelände „An der Eisenbahn“. 

  Jüdischer Friedhof in Achim (Aufn. Chr. Butt, um 2010)

Weitere Informationen:

Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen - Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Verlag Gerhard Rautenberg, Leer/Ostfriesl., 1979, S. 195 ff.

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Niedersachsen I (Reg. Bez. Braunschweig und Lüneburg), Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1986, S. 109

Karlheinz Gerhold, Die Achimer Synagoge - ein Mahnmal für die Zukunft, in: Achim aktuell, Mitteilungsblatt der Achimer SPD, 1988

Hartmut Müller, Die Frauen von Obernheide. Jüdische Zwangsarbeiterinnen in Bremen 1944/1945, Donat-Verlag, Bremen 1988

Wolfgang Griep, Verfolgt, vertrieben, vernichtet. Zur Geschichte der Achimer Juden im Dritten Reich, in: Achimer Geschichtshefte 1/1988, S. 3 – 15

Karlheinz Gerhold, Das Verbot des jüdischen Schulunterrichts im Volksschulhaus zu Achim im Jahre 1936, in: Achimer Geschichtshefte 1/1988, S. 17 – 19

Wolfgang Griep, Der Fall Seligmann, in: Achimer Geschichtshefte 4/1990, S. 3 - 12

G.Beermann/K.Heemsoth/K.Hofmann/u.a., Juden in Achim: Integration und Isolation, in: Achimer Geschichtshefte 6/1993, S. 3 - 14

Albert Marx, Geschichte der Juden in Niedersachsen, Fackelträger-Verlag, Hannover 1995

G. Beermann/K. Hofmann/F. Veit, Jüdisches Leben in Achim: von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Achim 1995

Andreas Voß, Die jüdische Gemeinde in Achim, Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt an Realschulen, 1999 (publiziert unter: ‘Die jüdische Gemeinde in Achim 1742 - 1943’, Achim 2004)

Manfred Brodt, Nazi-Spuk begann in Achim recht früh, in: ‘Achimer Kreisblatt’ vom 6.11.2003

Antje C. Naujoks (Red.), Achim, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 1, S. 83 – 88

Liste der Stolpersteine in Achim, online abrufbar unter. wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Achim