Ahaus (Nordrhein-Westfalen)

Die Stadt Ahaus mit derzeit fast 40.000 Einwohnern liegt im westlichen Münsterland im Kreis Borken (Reg.bezirk Münster).

Amt Ahaus (hist. Karte um 1650)

Ab der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts findet erstmals ein Jude im Amt Ahaus Erwähnung; auch in der Folgezeit scheinen sich Juden nur vereinzelt hier aufgehalten zu haben. Erst ab 1678 waren unter der Schutzherrschaft der Fürstbischöfe von Münster nachweislich Juden dauerhaft hier ansässig, allerdings zunächst nur sehr wenige Familien. Ihre Ansiedlung hing vermutlich mit Ausweisungen aus der Stadt Münster zusammen. Doch erst seit dem ausgehenden 18. bzw. dem beginnenden 19.Jahrhundert kann hier von einer nennenswerten Zahl von „Schutzjuden“ ausgegangen werden. Als deren Erwerbsquellen werden um 1810 „Handel“ und „Wucher“ genannt; drei Jahrzehnte später weist das Berufsspektrum vier Krämer, drei Trödler, drei Fleischer, je einen Buchbinder, Händler und Lehrer auf.

Nachdem die kleine Synagoge am Domhof, erbaut 1818 (andere Angabe: 1808), während eines großen Stadtbrandes im Jahre 1863 auch zerstört worden war, konnte die jüdische Gemeinde sechs Jahre später ihr größeres neues Gotteshaus in der Marktstraße einweihen; teilfinanziert worden war es mit Hilfe auswärtiger Hauskollekten.

                    Rückfront des Synagogengebäudes (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Im Gebäude war auch ein Schulraum untergebracht, und direkt hinter der Synagoge befand sich eine später gebaute Mikwe.

Der Synagogenbezirk Ahaus umfasste Mitte des 19.Jahrhunderts neben Ahaus auch die Ortschaften Epe, Gronau, Legden, Nienborg, Schöppingen, Stadtlohn und Vreden.

Seit 1820 verfügte die Kultusgemeinde auch über ein eigenes Begräbnisareal "vor dem neuen Tore" (Windmühlentor) an der heutigen Wessumer Straße; der älteste erhaltene Grabstein datiert von 1844.

Juden in Ahaus:

--- um 1740 ....................   3 jüdische Familien,

--- um 1775 ....................   4     “       “   ,

--- um 1800 ....................   5     “       “   ,

    --- 1828 .......................  56 Juden,

    --- 1840 .......................  47   “  ,

    --- 1855 .......................  58   “  ,

    --- 1871 .......................  49   “  ,

    --- 1892 .......................  86   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1903 ....................... 130   “  ,

    --- 1925 .......................  91   “  ,

    --- 1933 .......................  66   “  ,*  * andere Angabe: 52 Pers.

    --- 1938 .......................  64   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ................  keine.

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Reg.bezirk Münster, S. 59

und                 I.Höting/F.J.Hesse, Ahaus, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen ..., S. 143/144 und S. 149

Die Ahauser Juden bestritten ihren Lebensunterhalt in den 1920er Jahren vor allem mit Vieh- und Einzelhandel.

Ein Jahr nach der NS-Machtübernahme verübten Jugendliche einen Sprengstoffanschlag auf die Synagoge, der im Inneren des Gebäudes erheblichen Sachschaden verursachte.

         Innenraum nach dem Anschlag 1934 (Aufn. aus: portal-muensterland.de)

Während des Novemberpogroms wurde das Synagogengebäude mitsamt der Nebengebäude durch Brandstiftung zerstört; das Grundstück mit der ausgebrannten Synagoge wurde 1939 an einen Kaufmann aus Epe verkauft, der es wenig später abreißen ließ.

Auch einige Wohnungen jüdischer Familien waren Ziel gewalttätiger Ausschreitungen gewesen, in Folge derer die meisten Bewohner abwanderten. Ab Anfang 1942 wurden die Juden des Kreises zwangsweise in zwei „Judenhäusern“ in Ahaus untergebracht; in etwa zeitgleich begannen die Deportationen ins Ghetto Riga und Theresienstadt. Am Ende des Jahres 1942 lebten keine Juden mehr in Ahaus. Namentlich sind 47 Juden aus Ahaus bekannt, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind; nur 22 Personen konnten durch Emigration ihr Leben retten.

Seit 1987 erinnert eine bronzene Tafel an den einstigen Standort der Ahauser Synagoge. 1998/1999 ließ die Stadt auf dem Sümmermannsplatz ein dreiteiliges steinernes Mahnmal für die Opfer des Holocaust errichten. Eine Tafel trägt die Inschrift:

Zum Andenken an unsere jüdischen Bürgerinnen und Bürger,

die in den Jahren 1933 – 1945 gedemütigt, entrechtet, vertrieben und ermordet wurden.

Weitere Bronzetafeln nennen namentlich die Ermordeten und den Ort ihres gewaltsamen Todes.

 Gedenkstätte (Aufn. aus: ahaus.de)

Seit 2003 trägt ein Weg hinter dem ehemaligen Synagogenstandort die Bezeichnung „An der Synagoge“.

Zwei Jahre später begann man in Ahaus mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“, inzwischen zählt man mehr als 50 solcher Gedenktäfelchen an 15 verschiedenen Verlegeorten (Stand 2018).

     "Stolpersteine" in Ahaus (Aufn. Grothues)

Stolperstein Ahaus Wallstraße 2 Moritz Cohen.jpg Stolperstein Ahaus Wallstraße 2 Ernst Cohen.jpg Stolperstein Ahaus Wallstraße 2 Marga Cohen.jpg Stolperstein Ahaus Wallstraße 2 Miriam Cohen.jpg

verlegt für Familie Cohen, Wallstraße (Aufn. Gmbo, 2015, aus: wikipedia.org, CCO)

Sichtbares Zeugnis jüdischer Stadtgeschichte ist der Ahauser Friedhof an der Wessumer Straße; auf dem ca. 750 m² großen Gelände des jüdischen Friedhofs befinden sich 58 Grabsteine.

 

Jüdischer Friedhof in Ahaus (links: Aufn. Franz Beckert - rechts: Aufn. Steinheim-Institut)

In Legden - wenige Kilometer südöstlich von Ahaus - findet sich der früheste Nachweis jüdischer Ansiedlung im Jahre 1683. Stets haben nur sehr wenige Juden im Ort gewohnt; im 19.Jahrhundert erreichte deren Zahl maximal fünf Familien, die in äußerst ärmlichen Verhältnissen lebten.

Am Ort war ein Betraum vorhanden; an hohen Feiertagen suchte man die Synagoge in Ahaus auf. Ein um 1745 angelegtes Begräbnisgelände zwischen den beiden „Ahlers Kämpen“ wurde um die Mitte des 19.Jahrhunderts durch einen neu geschaffenen kleinen Friedhof im Engelborger Feld ersetzt. Die in den 1930er Jahren in Legden lebenden Einwohner mosaischen Glaubens fielen zumeist der Shoa zum Opfer.

Auch in Legden wurden sog. "Stolpersteine" verlegt; sechs Steine erinnern in der Kirch- und der Hauptstraße an Angehörige der beiden Familien Rosenbaum und Seligmann, die Opfer der NS-Herrschaft geworden sind.

Stolperstein Kirchstrasse 18 Legden Bertha Neuberg geb. Rosenbaum.jpg Stolperstein Kirchstrasse 18 Legden Jettchen Rosenbaum.jpg  Stolperstein Hauptstrasse 22 legden Moritz Seligmann.jpg Stolperstein Hauptstrasse 22 legden Rika Seligmann.jpg Stolperstein Hauptstrasse 22 legden Grete Eichenwald geb. Seligmann.jpg Stolperstein Hauptstrasse 22 legden Karl Seligmann.jpg

alle Aufn. Tetzemann, 2017, aus: commons-wikimedia.org, CCO

Zusammen mit den Juden aus Eggerode bildeten die aus Schöppingen seit 1856 eine selbstständige Untergemeinde im Synagogenbezirk Ahaus. Ein erster Beleg für jüdisches Leben in Schöppingen stammt aus dem Jahre 1678. Für das 18.Jahrhundert sind in Geleitbriefen des Münsteraner Fürstbischofs vereinzelt Juden genannt. Um 1815 lebten am Ort zwei jüdische Familien, drei Jahrzehnte später waren es derer sechs, die zumeist ein recht ärmliches Leben führten. Dies war auch der Grund für die Auswanderung dreier Familien in die USA.

In einem Raume im Hause des wohlhabendsten Juden, Samuel Heimann, kam die kleine jüdische Gemeinschaft zu Gottesdiensten zusammen. Die wenigen Kinder besuchten die christliche Schule am Ort.

Außerhalb der Ortschaft - an der Landstraße nach Horstmar in der Bauernschaft Ebbinghoff - befand sich der Friedhof, der erstmals 1832 erwähnt wird.

Juden in Schöppingen:

--- um 1815 .................  2 jüdische Familien,

--- 1840 .................... 21 Juden,

    --- 1846 ....................  6 jüdische Familien,

    --- 1858 .................... 24 Juden,

       --- 1895 .................... 14   “  ,

    --- 1902 .................... 14   “  ,

    --- 1925 ....................  5   “  ,

    --- um 1930 ................. eine Familie.

Angaben aus: Aloys Nacke, Schöppingen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen ..., S. 627

Zu Beginn der 1930er Jahre wohnte in Schöppingen nur noch eine jüdische Familie. Heute erinnern zwölf Grabsteine auf dem kleinen jüdischen Friedhof daran, dass in Schöppingen ehemals jüdische Familien gelebt haben.

Blick durch die Pforte auf den jüdischen Friedhof (Aufn. Sabine Sitte)  Die Heimatfreunde erfuhren Interessantes unter anderem über den Jüdischen Friedhof.

[vgl. Gronau (Nordrhein-Westfalen)]

Weitere Informationen:

Diethard Aschoff, Zur Geschichte der Juden in Ahaus bis zum Ende des 30jährigen Krieges, in: ‘Unsere Heimat’ - Jahrbuch Kreis Borken 1980, S. 154 f.

Wilhelm Kohl, Jüdische Gemeinde, in: Stadt Ahaus (Hrg.), Beiträge zur Geschichte der Stadt Ahaus, Band 2, S. 87/88

Franz Joseph Hesse, “Es ist nicht leicht, darüber zu sprechen.”, in: August Bierhaus (Hrg.), Der Novemberpogrom 1938 im Kreis Borken, Schriftenreihe des Kreises Borken/1988, S. 53 – 55

Aloys Nacke, Die Juden in Schöppingen, in: Werner Frese (Red.), Schöppingen 838 – 1988. Eine Geschichte der Gemeinde Schöppingen und Eggerode, Schöppingen 1988, S. 328 - 344

Franz Josef Hesse/Bernhard Segbers, Synagogengemeinde Ahaus. Die Geschichte der Juden in Ahaus, Ahaus 1993

Hansjürgen Heinritz, Die Geschichte der Ahauser Synagoge, in: Gemeindebrief der Evang. Kirchengemeinde Ahaus 1/1998, S. 23 - 25

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 5/6

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 21/22

Ingeborg Höting/u.a., Jüdische Geschichte in Ahaus - Materialien und Dokumente für die pädagogische Arbeit, zusammengestellt vom VHS-Arbeitskreis Ahauser Geschichte 1933 - 1945, Ahaus 2002

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Regierungsbezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 59 – 64

VHS-Arbeitskreis Ahauser Geschichte, Jüdische Geschichte in Ahaus. Materialien und Dokumente für die pädagogische Arbeit, Typoskript, Ahaus 2003

Ingeborg Höting/Franz-Josef Hesse, Ahaus, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 143 – 157

Dieter Böhringer, Legden, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 450 – 456

Aloys Nacke, Schöppingen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 625 – 628

Heimatverein Legden (Hrg.), Briefe an Rika, Selbstverlag 2009 (Anm.: Legder jüdische Familien in der NS-Zeit)

Ausstellung: Jüdische Familien in Ahaus. Namen bekommen ein Gesicht, in: „Münsterland-Zeitung“ vom 8.Nov. 2010

Nathanja Hüttenmeister, Jüdischer Friedhof Ahaus, Hrg. Salomon Ludwig Steinheim-Institut, Duisburg 2010

Stolpersteine Ahaus, Hrg. Arbeitskreis Ahauser Geschichte 1933 -1945 am aktuellen forum, VHS (Leitung Ingeborg Höting), online abrufbar unter: ahauser-geschichte.jimdo.com (enthalten sind Biografien der jüdischen Familien)

Auflistung der in Ahaus verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ahaus

Auflistung der Stolpersteine in Legden, online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Legden