Ahrensburg (Schleswig-Holstein)

Ahrensburg ist eine derzeit ca. 31.000 Einwohner zählende Stadt im Südosten von Schleswig-Holstein und die größte Stadt des Kreises Stormarn – ca. 25 Kilometer nordöstlich von Hamburg gelegen.

Auf dem Gebiet des damaligen adligen Gutes Ahrensburg siedelten sich ab dem letztem Viertel des 18.Jahrhunderts einige jüdische Familien an. Die ersten beiden waren die Familien Lehmann und Meyer, die die Keimzelle der kleinen Gemeinde bilden sollten. Finanzielle Motive der lokalen Obrigkeit, der Grafen Schimmelmann, Juden anzusiedeln und durch Schutzgelder Einnahmen zu erzielen, waren hier aber nicht bestimmend, denn die jüdischen Familien waren viel zu arm, um Zahlungen leisten zu können. Über die Lebensumstände der Ahrensburger Juden informiert ein aus dem Jahre 1811 stammender Bericht des Justiziars Witt and das Kgl. Holsteinische Obergericht zu Glückstadt, in dem es u.a. heißt: „ ... Haupterwerbszweig ... (war) immer der kleine Handel, da derselbe aber jezo immer mehr eingeschränkt wird, so fangen einige der erwachsenen Kinder dieser jüdischen Familien an auch als Arbeitsleute ihren Erwerb zu suchen und scheint dadurch einige Hoffnung zu entstehen, daß auch die Juden mit der Zeit (zu) mehr nutzbaren Staatsbürgern werden könnten. Bey den vielen Nachfragen welche ich über das Betragen und den muthmaßlichen Erwerbszweig der Ahrensburger jüdischen Familien angestellt habe, hat sich zwar nichts Nachtheiliges ergeben ... ... (Zu) Diebstählen scheinen sie zu feige und zu Hehlern ... sind sie zu arm, es dürfte also anzunehmen sein, daß sie sich auf eine, wenngleich kümmerliche, jedoch größtenteils ehrliche Art ernähren. ...”

Erst im Jahre 1812 wurde den im Ahrensburger Gut wohnenden Juden der Aufenthalt vom Kgl. Holsteinischen Obergericht offiziell erlaubt. Allerdings war die Zahl der Familien begrenzt. Eine 1818 erlassene strenge Heiratsordnung sollte zudem ein Anwachsen der ansässigen jüdischen Familien in Schranken halten und neue Familiengründungen verhindern: So wurden erwachsene Kinder - im Falle ihrer Heirat - vom Gut Ahrensburg verwiesen.

Anfangs fanden gottesdienstliche Zusammenkünfte in privaten Räumen statt, dies führte zu Streitigkeiten zwischen den einzelnen Familien. Durch die 1822 erfolgte Einrichtung eines kleinen, sehr schlichten Bethauses nahe der Ahrensburger Schlosskirche/Kastanienallee und die Anlage eines Begräbnisgeländes weit außerhalb des Dorfes am Wulfsdorfer Weg erhielt die hiesige Judenschaft nun eigenen gemeindlichen Besitz. Das Bethaus war eine kleine strohgedeckte Kate; Frauen und Männer waren durch eine hölzerne Wand voneinander getrennt.

  Im hinteren Teil des Hauses befand sich der Betraum (hist. Aufn., um 1920)

Eine im rechtlichen Sinne bestehende jüdische Gemeinde gab es in Ahrensburg erst mit dem 1863 erlassenen „Gesetz betreffend die Verhältnisse der Juden im Herzogthum Holstein”. Seit 1805 erteilte ein jüdischer Lehrer den Ahrensburger Kindern Unterricht. Während seine dürftige Entlohnung von der Altonaer bzw. Hamburger Gemeinde übernommen wurde, waren für seine Beköstigung wechselweise die jüdischen Familien Ahrensburgs zuständig. Nach längerer Vakanz der Schulstelle - zwischenzeitlich besuchten die jüdischen Kinder die Ortsschule - wurde Mitte der 1860er erneut eine private jüdische Schule eingerichtet, die aber schon 1876 wieder aufgegeben wurde.

Juden in Ahrensburg:

       --- 1788 .....................  2 jüdische Familien,

--- 1811 ..................... 39 Juden (in 6 Familien),

    --- 1835 ..................... 46   “  ,

    --- 1852 ..................... 50   “  ,

    --- um 1900 ..................  ?

    --- 1925 ..................... 25   “  ,

    --- 1930/33 .............. ca.  6 jüdische Familien.

Angaben aus: Martina Moede, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Ahrensburg. Von der ersten Ansiedlung 1788 bis zur Deportation 1941 (Dissertation)

Ende der 1920er Jahre löste sich die Ahrensburger Gemeinde auf; Abwanderungen in größere Städte innerhalb Deutschlands hatten die Zahl der Gemeindeangehörigen dezimiert.

Der Boykott vom 1.April 1933 erreichte auch Ahrensburg. Betroffen war u. a. die von G. Ries geführte Apotheke, vor der sich mehrere NSDAP-Mitglieder postiert hatten. Informiert wurden die Ahrensburger „Volksgenossen“ vom „Oldesloer Landboten”, der sich zum Sprachrohr der NS-Propaganda machte. Im gleichen Jahr wurde der jüdische Friedhof geschändet; in der Reichspogromnacht wurde die 1880 errichtete Friedhofskapelle in Brand gesteckt und völlig zerstört. – Im Frühjahr 1939 wurde das Synagogengrundstück mit dem inzwischen baufälligen Gebäude verkauft, das abgerissen wurde. Einige jüdische Bewohner Ahrensburgs gingen in die Emigration; der letzte verbliebene Jude wurde Ende 1941 aus Ahrensburg deportiert. Über die Schicksale der wenigen Ahrensburger Juden liegen keine gesicherten Angaben vor.

Lediglich der mit einer Mauer umschlossene jüdische Friedhof am Wulfsdorfer Weg/Am Haidschlag mit seinen 25 bis 30 Grabsteinen legt heute Zeugnis davon ab, dass in Ahrensburg einmal eine kleine jüdische Gemeinde existiert hat. Die letzte Beerdigung fand auf dem Gelände im Jahre 1923 statt.

Jüdischer Friedhof Ahrensburg1.jpg  http://www.stormerland.de/radeln/barock/34barock.jpg 

Jüdischer Friedhof Ahrensburg (Aufn. Vitavia, 2017, aus: wikipedia, org, CC BY-SA 4.0 und aus: stormerland.de)

Auf dem kleinen Friedhofsareal wurde 1994 eine aus Findlingen gestaltete Gedenkstätte errichtet.

Jüdische, aus Russland und der Ukraine stammende Bürger aus Ahrensburg und der Region haben im November 2003 wieder eine allerdings nur aus wenigen Familien bestehende jüdische Gemeinde in Ahrensburg gegründet. Der dortige jüdische Friedhof wurde aber geschlossen, deshalb werden Beerdigungen bis auf Weiteres auf dem neuen jüdischen Friedhof in Bad Segeberg stattfinden.

2009 wurde in Ahrensburg ein sog. „Stolperstein“ für einen ehemaligen jüdischen Bewohner der Stadt, Magnus Lehmann, verlegt. Sieben Jahre später kamen vier weitere (in der Waldstraße) hinzu, die an die Familie Rath* erinnern.

* Anm.: Die Veronika-Rath-Straße im südlichen Stadtgebiet von Ahrensburg erinnert bereits mit der Namensgebung an ein Mitglied der Familie Rath; Veronika Rath - Tochter einer reichen jüdischen Hamburger Bankiersfamilie - beging im Alter von 55 Jahren Selbstmord, weil sie dem psychischen Druck – sie lebte als Jüdin in einer „Mischehe“ mit dem Arzt Hugo R. - nicht mehr standhalten konnte.

Dieser Stolperstein erinnert an Magnus Lehmann. Er liegt in der Rathausstraße vor dem Café.  "Stolperstein" für Magnus Lehmann (Aufn. aus: ahrensburg24.de)

Zum 75.Jahrestag des Novemberpogroms wurde eine Gedenktafel am Schäferweg installiert, die namentlich die Shoa-Opfer aufführt.

In (Bad) Oldesloe - wenige Kilometer nördlich von Ahrensburg - haben seit dem 18.Jahrhundert nur wenige jüdische Familien gelebt. Der erste sich im Ort niedergelassene Jude war der aus Moisling stammende Israel Israel, der seinen Lebensunterhalt als Kleinhändler im ambulanten Gewerbe bestritt. Eine Gemeinde hat es im Ort zu keiner Zeit gegeben.

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts haben vermutlich kaum zehn Personen mosaischen Glaubens in Bad Oldesloe gelebt. Henry Hirsch betrieb bis in die 1920er Jahre hier ein Kaufhaus. Während einigen noch die Emigration gelang, wurden andere ehem. Bewohner von ihren neuen Wohnorten deportiert.

Weitere Informationen:

Udo Beer, Das vermögensrechtliche Ende der kleineren jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein während des Dritten Reiches, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Band 112/1987, S. 235 - 243

Hannelies Ettrich, Der jüdische Friedhof Ahrensburg, in: Stadt Ahrensburg (Hrg.), 750 Jahre Wulfsdorf, Ahrensburger Hefte No.4/1988, S. 50 - 53

Christa Reichardt, Das Ahrensburger Schloß. Geschichte und Geschichten, in: Chr. Reichardt/W.Herzfeld/W.Pioch, 400 Jahre Schloß und Kirche Ahrensburg, Husum 1995, S. 7 – 141

Hermann Jochen Lange, Der jüdische Friedhof in Ahrensburg, in: Stormarner Hefte: Denkmalspflege im Kreis Stormarn III, Neumünster 1997, S. 138 - 153

Angelika Behrens, Das Adlige Gut Ahrensburg um 1800. Zur Dynamik eines ländlichen Herrschaftsgebietes, in: N.Fischer/F.Kopitsch/J.Spallek (Hrg.), Regionalgeschichte am Bespiel Stormarn, Stormarner Hefte 21, Neumünster 1998, S. 73 - 92

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 22/23

Martina Moede, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Ahrensburg. Von der ersten Ansiedlung 1788 bis zur Deportation 1941 (Dissertation), in: Stormarner Hefte 22, Neumünster 2003

Ahrensburg, aus: juedische-friedhoefe.info

Claas Greite (Red.), So lebten die Juden in Ahrensburg, in: „Hamburger Abendblatt“ vom 8.11.2012

Monika Veeh (Red.), Weitere Stolpersteine in Ahrensburg: Für die Familie Rath, in: ahrensburg24.de vom 5.11.2015

Christina Schlie (Red.), Ahrensburg hat jetzt vier neue Stolpersteine, in: „Hamburger Abendblatt“ vom 23.4.2016

Liste der in Ahrensburg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ahrensburg

Sylvina Zander, Ich bin an diesem Ort geboren – Die Geschichte der Juden in Bad Oldesloe, Wachholtz-Verlag, Kiel 2016

Britta Matzen (Red.), Blick auf die jüdische Geschichte Bad Oldesloes, in: "Lübecker Nachrichten" vom 16.11.2016