Altenmuhr (Mittelfranken/Bayern)

Altenmuhr ist seit 1976 ein Teil der Einheitsgemeinde Muhr am See im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen – knapp 30 Kilometer südlich von Ansbach gelegen.

Der früheste Nachweis für den Zuzug einer jüdischen Familie nach Altenmuhr stammt aus dem Jahre 1593. Eine jüdische Gemeinde bildete sich dann im ausgehenden 16./beginnenden 17.Jahrhundert. Vermutlich waren die zugezogenen Familien Flüchtlinge aus dem Gebiet der Ansbacher Markgrafen, die nun unter dem Schutz der Ritterschaft von Altenmuhr, der Familie von Lentersheim, standen und dieser gegenüber abgabenpflichtig waren. Unterkunft fanden die jüdischen Familien im sog. „Judenhof“, der zum Schloss Mittelmuhr gehörte und in dem sie gegen Mietzahlungen in sehr beengten Verhältnissen lebten. Aus einer Pfarrchronik von 1811: „ ... Der ehemalige Gutsherr Christoph Gustav Freih. von Lentersheim (1693-1749) hatte die fürtrefflichsten Anstalten wegen der Juden getroffen: Kein Jud durfte im Dorf unter denen Christen wohnen; sie mußten alle in dem Mittelmuhr oder sogenannten Judenhof beysammen sein und bleiben. Es war ihnen strenge verbotten, ein Haus im Dorfe zu erkaufen.” Gegen Ende des 18.Jahrhunderts war es der wachsenden Zahl der Juden Altenmuhrs erlaubt, ihr „Ghetto“ zu verlassen und im Dorf zu wohnen bzw. dort Häuser zu bauen.

Mit dem Aussterben des Lentersheimer Adelsgeschlechts wurde Altenmuhr für wenige Jahre preußisch, ab 1806 war es bayerisch. Von nun an mussten die hier ansässigen Juden kgl. preußische bzw. bayerische Schutzbriefe erwerben. Ihren bescheidenen Lebensunterhalt bestritten sie mit dem Handel, teilweise auch mit einer kleinen Landwirtschaft. Ab ca. 1800 spielte der Viehhandel eine größere Rolle: Um 1810 gab in Altenmuhr 20 jüdische Viehhändler, die weit über die unmittelbare Region hinaus ihre Geschäfte betrieben. Einige Jahrzehnte später übten hiesige Juden auch Handwerksberufe aus.

Eine in den 1730er Jahren erbaute, inzwischen baufällig gewordene Synagoge ersetzte die Kultusgemeinde durch einen Neubau, der 1802/1803 eingeweiht wurde. Das Gotteshaus bot 80 Männern Platz, und auf der holzvergitterten Empore konnten etwa 40 Frauen untergebracht werden. Trotz der relativ großen Zahl jüdischer Familien in Altenmuhr gab es keinen eigenen Rabbiner. Anfangs stellte Gunzenhausen das Rabbinat, dieses wurde ab ca. 1845 vom Distriktrabbinat Ansbach abgelöst.

Zu den weiteren gemeindlichen Einrichtungen gehörten ein Gemeindehaus mit Schule und eine Mikwe. Um 1810 besuchten die jüdischen Kinder mehrheitlich die christliche Dorfschule; nur der Religionsunterricht fand in der Synagoge statt. Ab 1832 gab es eine eigene Elementarschule, die bis Anfang der 1920er Jahre bestand. Danach besaßen Altenmuhr und Windsbach einen gemeinsamen jüdischen Lehrer.

 

aus der Zeitschrift des „Central-Vereins“ vom 28. Februar 1924 und vom 13. September 1926

Unter den Lehrern haben mehrere Jahrzehnte hinweg Simon Krämer (1831 bis 1866) und Jakob Nußbaum (1894 bis 1917) in Altenmuhr gewirkt; letzterer unterhielt am Ort ein Schülerpensionat und machte durch Werbeanzeigen darauf aufmerksam:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2095/Altenmuhr%20Israelit%2008091899.jpg von 1899     http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20178/Altenmuhr%20Israelit%2022071915.jpg von 1915

Die Toten wurden anfangs auf dem jüdischen Friedhof in Gunzenhausen bestattet und ab 1706 auf dem Friedhof in Bechhofen. Dieser wurde bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts genutzt und anschließend wieder vom Begräbnisplatz Gunzenhausen ersetzt.

Juden in Altenmuhr:

      --- um 1710/20 ..................  11 jüdische Familien,

    --- 1732 ........................  12     "        "   ,

    --- um 1795 .....................  42     "        "   ,

    --- um 1800/05 .............. ca. 190 Juden (ca. 30% d. Dorfbev.),

    --- 1811/12 ..................... 206   “  ,

    --- 1837 .................... ca. 250   “   (ca. 36% d. Dorfbev.),

    --- 1867 ........................ 163   “   (ca. 21% d. Dorfbev.),

    --- 1880 ........................ 116   “   (ca. 15% d. Dorfbev.),

    --- 1900 ........................ 106   “   (ca. 14% d. Dorfbev.),

    --- 1910 ........................  91   “   (ca. 12% d. Dorfbev.),

    --- 1925 ........................  49   “   (in 12 Familien),

    --- 1933 ........................  29   “  ,

    --- 1938 (Okt.) .................  10   “  ,

             (Dez.) .................  keine.

Angaben aus: Wilfried Jung, Die Juden in Altenmuhr

und                 Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 155

Um 1840 setzte in Altenmuhr eine Auswanderungswelle ein, die vor allem jüngere Juden erfasste und innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem deutlichen Rückgang der hiesigen Judenschaft führte. Trotzdem blieb ihr Anteil an der Dorfbevölkerung noch relativ hoch. Auf Grund ihrer aktiven Mitwirkung im kommunalen Bereich ist anzunehmen, dass die Altenmuhrer Juden in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts von den christlichen Dorfbewohnern akzeptiert und geachtet wurden.

Um 1920/1930 bestritten die Juden in Altenmuhr – damals waren es noch zwölf Familien - ihren Lebensunterhalt vor allem mit dem Viehhandel. Nach der NS-Machtübernahme änderten sich die Lebensbedingungen der jüdischen Dorfbewohner einschneidend: Ein Großteil der „arischen“ Bevölkerung stand nun der jüdischen Minderheit feindselig gegenüber, was sich auch in tätlichen Angriffen wie Bespucken und Verprügeln manifestierte. Diese Haltung verstärkte sich noch ab 1935/1936, als „arische“ Geschäftsleute ihre Läden für Juden versperrten und sie damit zwangen, lebensnotwendige Güter von auswärts zu beschaffen. Mit der Verwüstung der Wohnhäuser der wenigen noch in Altenmuhr verbliebenen Juden begann der Novemberpogrom 1938. Man sperrte die verängstigten Bewohner sperrte in ein Gebäude ein, in dem der Leichenwagen untergestellt war; danach transportierte man sie nach Gunzenhausen. In den folgenden Tagen wurden die „Judenhäuser“ in Altenmuhr systematisch geplündert. Obwohl die Synagoge bereits Ende Oktober 1938 mitsamt der Ritualgegenstände geräumt worden war, wurde das Gebäudeinnere stark beschädigt; Bänke und andere Holzteile wurden herausgerissen und anschließend verbrannt.

Die „Pappenheimer Zeitung” berichtete am 25.Nov. 1938 in ihrer Ausgabe:

Altenmuhr, 25.November (Altenmuhr hat’s ebenfalls geschafft). Die letzten Juden sind fort!

Altenmuhr, das im Jahr 1850 bei einer Gesamteinwohnerschaft von 800 Menschen 200 Juden beherbergte, um die Jahrhundertwende noch 100 Juden in seinen Mauern hatte, vermeldete am Mittwoch, dem 23.November, dem Frankenführer den Abzug des letzten Juden ... erhielt vom Gauleiter Julius Streicher folgendes Antworttelegramm: “Zur Befreiung vom Judentum herzliche Glückwünsche, gez. Julius Streicher.”

Bis Ende des Jahres 1938 hatten alle jüdischen Bewohner Altenmuhr verlassen; im Januar 1939 wurde der Ort für „judenfrei“ erklärt. Mindestens 15 in Altenmuhr geborene oder ansässige Juden wurden nachweislich Opfer des Holocaust.

Das ehemalige Synagogengebäude, das lange Zeit landwirtschaftlichen Zwecken gedient hatte, wurde in den 1960er Jahren abgerissen, um einem Wohnhaus Platz zu machen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2078/Altenmuhr%20Synagoge%20200.jpg Seit 1986 erinnert ein vom Ansbacher Künstler Jörg Kutzer gestalteter Gedenkstein im „Judenhof“ (Aufn. J. Hahn, 2006) mit den folgenden Worten an die Synagoge:

Hier stand bis 1968 eine Synagoge.

1985

Zum Gedenken an die jüdische Gemeinde,  die über 300 Jahre in Altenmuhr bestand.

Das ehemalige Schulgebäude der jüdischen Gemeinde befindet sich heute im Privatbesitz und wird zu Wohnzwecken genutzt.

Auf dem israelitischen Friedhof in Bechhofen sind heute noch zahlreiche Grabsteine verstorbener Altenmuhrer Juden zu finden.

Weitere Informationen:

M. Jankelowitz, Die berühmte Synagoge und der Judenfriedhof in Bechhofen, in: ‘Bayerland’ 37.Jahrgang, Heft 20/1926

Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 155/156

Johann Höhlein, Chronik der Gemeinde Muhr a.See, Selbstverlag, Würzburg 1983

Wilfried Jung, Die Juden in Altenmuhr, in: “Alt-Gunzenhausen“, Heft 44 (1988), Hrg. Verein für Heimatkunde Gunzenhausen, S. 133 - 212

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 150

Wilfried Jung, Die Folgen des Judenediktes von 1813 für eine mittelfränkische Landgemeinde am Beispiel Altenmuhr, in: Jüdische Landgemeinden in Franken II - Beiträge zu Kultur und Geschichte, Hrg. Zweckverband Fränkische Schweiz-Museum Tüchersfeld, Forchheim 1998, S. 87 – 92

H.-Chr. Haas/A.Hager/C. Berger-Dittscheid, Altenmuhr, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 2, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2010, S. 39 – 44

Gunther Reese (Hrg.), Spuren jüdischen Lebens rund um den Hesselberg, in: Kleine Schriftenreihe Region Hesselberg Band 4, Unterschwaningen 2011, S. 76 – 81

Altenmuhr, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen, zumeist personenbezogenen Texten zur jüdischen Ortshistorie)

Stefanie Fischer, Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt. Jüdische Viehhändler in Mittelfranken 1919 – 1939, in: A.Brämer/M.Rürup (Hrg.), Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden, Band XLII, Wallstein Verlag Göttingen 2014