Dettelbach (Unterfranken/Bayern)

Datei:Dettelbach in KT.svg Dettelbach ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 7.000 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Kitzingen (bestehend aus zehn Ortsteilen) – knapp 20 Kilometer östlich von Würzburg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Dettelbach gilt als einer der ältesten jüdischen Gemeinden im Hochstift Würzburg.

Erste Belege über sich in Dettelbach aufhaltende Juden sind aus dem ausgehenden 16.Jahrhundert bekannt; gegen Ende des 17.Jahrhunderts ist eine 23 Personen zählende Judenschaft nachgewiesen. Die Blütezeit der jüdischen Gemeinde Dettelbach lag in den Jahrzehnten nach 1820, als die Zahl ihrer Angehörigen fast 200 Personen erreichte.

Die alte Synagoge befand sich an der westlichen Stadtmauer am Steinbühl; 1780 war die "Judenschule" in der Neugasse einem Großbrand zum Opfer gefallen. Anfang der 1860er Jahre ließ die Kultusgemeinde eine neue Synagoge mit zwei Schulräumen errichten; sie wurde im September 1862 vom Würzburger Bezirksrabbiner Bamberger eingeweiht, wie ein Bericht der Zeitschrift „Der Israelit” am 22.10.1862 vermeldete:

Dettelbach bei Würzburg, 19. Sept.   Gestern fand die Einweihungsfeierlichkeit der neuen Synagoge dahier durch den Herrn Distrikts-Rabbiner Bamberger aus Würzburg statt. Dieselbe ging ... in folgender Weise vor sich: Nachdem von dem Festcomite für passende Dekoration der Synagoge, des Synagogen-Hofes etc. etc. in rühmlicher Weise gesorgt, wurde Vormittags von Seite der israel. Cultusgemeinde der Wohlthätigkeit gegen die Armen aller Confessionen würdig Rechnung getragen.
Um 1 Uhr fand des Vesper-Gebet in der alten Synagoge statt. Nach Beendigung desselben hielt der Rabbiner an die zahlreich versammelten Anwesenden eine kurze, jedoch höchst rührende und sinnreiche Ansprache, auf das Verlassen des alten Bethauses und die Übersiedlung in das neue Bezug habend. Sodann begann der feierliche Zug von der alten Synagoge in die neue. Unter Vorantritt der Musik der Schuljugend ... Hierauf folgten die k. (öniglichen) Beamten hiesiger Stadt in Uniform, das Stadtkollegium, die israelitische Kultusgemeinde, eine große Anzahl christlicher Mitbürger, meist den höheren Ständen angehörig, und eine Menge auswärtiger Fremden. ... In der neuen Synagoge angekommen, wurden einige Umzüge in deren Säulengängen, unter Absingung mehrerer Gebete und Psalmen mit Musikbegleitung abgehalten, worauf die Einweihungsrede und am Schlusse derselben das Gebet für das Wohl Seiner Majestät des Königs, Ihrer Majestät der Königin und des königlichen Hauses folgte. ...  Ist auch Herr Rabbiner Bamberger als ein höchst geistreicher, gelehrter Mann und Redner schon längst bekannt, so hat er bei dieser Feier hiervon wiederholt glänzende Beweise abgelegt, wofür ihm auch von allen Anwesenden, worunter auch mehrere christliche Geistliche, volle Anerkennung zuteil geworden.
Es war als ein rührendes Zeichen wahrer Bruderliebe zu erkennen, wie sich Israeliten und Nicht-Israeliten am Tage des Herrn gemeinsam freuten, und an dem kirchlichen und weltlichen Feste Teil nahmen. Dank und Anerkennung den Herrn Beamten und übrigen christlichen Mitbrüdern, welche ein so schönes Zeugnis echter Bruderliebe ablegten, und hierdurch wesentlich zur Verherrlichung dieses unvergeßlichen Festes beitrugen.

 

Stellenangebote: Schächtstelle vom 3.Jan. 1884 und Lehrerstelle vom 7.März 1889 (beide aus der Zeitschrift „Der Israelit“)

Über Jahrzehnte hinweg wirkten die beiden jüdischen Kantoren/Lehrer: zum einen Jakob Kahn (von 1858 bis 1898) und dessen Amtsnachfolger Abraham Mannheimer, der bis zur Auflösung der Gemeinde in Dettelbach tätig war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20178/Dettelbach%20Israelit%2006041922.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20191/Dettelbach%20Israelit%2028031929.jpg Privatanzeigen von 1922 bzw. 1929

Neben einem Gemeindehaus war auch eine Mikwe vorhanden.

 Jüdisches Gemeindehaus in Dettelbach (Aufn. um 1960 ?)

Seit 1909 existierte offiziell die „Israelitische Elementarschule Dettelbach“; allerdings wurde sie wegen Schülermangels bereits 1923 wieder geschlossen.

                                                   Anzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 5.8.1909

Anmerkung: Abraham Mannheimer, langjähriger jüdischer Lehrer in Dettelbach, veröffentlichte zahlreiche Beiträge in jüdischen Zeitschriften (insbesondere in der Zeitschrift "Der Israelit"), in denen er sich mit theologischen, aber auch aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinandersetzte. (vgl. dazu zahlreiche Beispieltexte unter: Dettelbach, in: alemannia-judaica.de)

Nordwestlich des Ortes wurde vermutlich um 1600 der jüdische Friedhof angelegt, der von der Gemeinde bis ca. 1800 benutzt wurde; warum er damals aufgegeben wurde, ist unbekannt. Danach wurden die verstorbenen Gemeindemitglieder auf den jüdischen Bezirksfriedhöfen in Rödelsee und Schwanfeld beerdigt.

Juden in Dettelbach:

         --- 1699 ........................   23 Juden,

    --- um 1780 .....................   10 jüdische Haushalte,

    --- 1803 ........................   15     “       “   (mit 66 Pers.),

    --- 1814 ........................   25     “       “   (mit 111 Pers.),

    --- 1823 ........................  199 Juden,

    --- 1830/33 .....................  121   “   (in 33 Familien),

    --- 1875 ........................   97   “  ,

    --- 1900 ........................  101   “  ,

    --- 1910 ........................   81   “  ,

    --- 1925 ........................   60   “  ,

    --- 1933 ........................   39   “  ,

    --- 1937 ........................   27   “  ,

    --- 1939 ........................   26   “  ,

    --- 1942 (Febr.) ................   24   “  ,

             (Sept.) ................   keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 281

und                 Konrad Reinfelder, Zur Geschichte der Juden in Dettelbach

Die jüdischen Bewohner waren weitgehend in die Kleinstadtgesellschaft integriert; in den 1920er Jahren gehörten zwei jüdische Bewohner dem Stadtrat an.

Während der NS-Zeit schienen judenfeindliche Aktivitäten in Dettelbach die Ausnahme gewesen zu sein; auch während des Novemberpogroms ist von Gewalttätigkeiten gegenüber Personen oder Sachen nichts bekannt. Das Synagogengebäude ging wenige Tage nach der „Reichskristallnacht“ laut Überlassungsvertrag unentgeltlich in den Besitz der Stadtgemeinde über; doch das Bezirksamt Kitzingen lehnte die Überlassung ab, da diese sich „mit den rassischen Grundsätzen des nationalsozialistischen Staates nicht vereinbart, daß man Grundbesitz als Zuwendungen (Schenkung) von Juden annimmt. Die Stadtgemeinde Dettelbach kann die dortige Synagoge nur käuflich erwerben.”

Daraufhin wurde dann ein neuer Vertrag im obigen Sinne verfasst und eine Kaufsumme von 300 Reichsmark (!) festgesetzt.

                   Aus einem Lagebericht der SD Außenstelle Kitzingen vom 28.3.1941:

„ ... Aus der Gemeinde Dettelbach wird das Verhalten von Volksgenossen gegenüber Juden beanstandet. Es soll noch vorkommen, daß die Juden durch Hintermänner mit Geflügel versorgt werden. Teilweise holen die Juden die Milch direkt beim Landwirt. Es wird angeregt, eine gesetzliche Bestimmung zu erlassen, wonach Vg., insbesondere Frauen, überhaupt jeden Umgang mit Juden zu unterlassen haben. ...”

Mit den Deportationen der letzten 24 jüdischen Bewohner im April 1942 nach Izbica und im September 1942 nach Theresienstadt endete jegliches jüdisches Leben in Dettelbach. Nachweislich wurden 38 gebürtige bzw. längere Zeit in Dettelsbach lebende Juden Opfer des Holocaust.

Das später als Schule genutzte Synagogengebäude wurde Anfang der 1960er Jahre abgerissen und an seiner Stelle ein Sparkassengebäude errichtet. Seit 1988 erinnert an diesem Neubau eine Tafel.

                    http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20108/Dettelbach%20Synagoge%20130.jpg Hinweistafel (Aufn. J. Hahn, 2007)

 

In Sommerach - nur wenige Kilometer östlich von Dettelbach gelegen - existierte wahrscheinlich im späten Mittelalter Ansässigkeit jüdischer Familien. Um 1715 gab es fünf jüdische Familien im Dorf. Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) sind für Sommerach 18 Familienvorstände genannt.

Spätestens nach Ausweisung der Juden aus Kitzingen (1763) bestand dann hier eine israelitische Gemeinde. Zu ihren Einrichtungen zählten eine Synagoge, eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war - zumindest zeitweise - ein jüdischer Lehrer am Ort tätig, der zugleich - wie es in kleinen Gemeinden üblich war - das Amt des Vorbeter und Schächters ausübte.

In der folgenden Anzeige empfahl der Sommeracher Spenglermeister Gottlieb Walldorf seine „Kochmaschinen zum Kochen der Speisen auf Sabbat“.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20130/Sommerach%20Israelit%2013021861.jpg Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13.2.1861

Das vor mehr als 200 Jahren gebaute Synagogengebäude wurde bis 1873 für Gottesdienste verwendet. Nach Auflösung der jüdischen Gemeinde (1880) wurde es verkauft und danach als Werkstatt bzw. Abstellraum benutzt. Thorarollen und Ritualien kamen großenteils in die Synagoge nach Kitzingen. Anfang der 1990er Jahre wurde das Gebäude abgerissen.

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 281/282

Ernst Roth (Red.), Gedenken an den Lehrer Jakob Kahn. Anregung zur Feier seiner 80. Jahrzeit, in: „Allgemeine jüdische Wochenzeitung“ vom 25.7.1986

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Bayern, München 1992, S. 50 und S.122

Konrad Reinfelder, Zur Geschichte der Juden in Dettelbach, in: ‘Dettelbacher Geschichtsblätter’ - Mitteilungen des Stadtarchivs (mehrere Ausgaben der Jahre 1997/2000)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenskundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs, Würzburg 2008, S. 100 (Dettelbach) und S. 236/237 (Sommerach)

Dettelbach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen, zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortsgeschichte)

Sommerach, in: alemannia-judaica.de