Diemerode (Hessen)

Datei:Sontra ESW.svg Diemerode ist heute ein Ortsteil von Sontra im hessischen Werra-Meißner-Kreis – knapp 35 Kilometer nordöstlich von Bad Hersfeld gelegen (Karte TUBS, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die ersten urkundlichen Nachweise jüdischen Lebens in Diemerode stammen aus dem beginnenden 18.Jahrhundert; doch scheinen sich bereits Mitte des 17.Jahrhunderts zeitweilig wenige Juden im Dorfe aufgehalten haben. Die jüdischen Familien Diemerode verdienten ihren Lebensunterhalt damals zumeist im Vieh- und Kleintextilhandel.

Bereits zu Beginn des 18.Jahrhunderts soll es im Dorf eine „israelitische Synagoge“ gegeben haben; dabei handelte es sich um einen privaten Betraum, der im Wohnhaus von Moses Wolf (Dorfstraße) untergebracht befand. In einem Anbau soll sich die Mikwe befunden haben. Mit dem gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erfolgten Anwachsen der Zahl der Gemeindeangehörigen wurden Planungen zum Bau einer neuen Synagoge angestellt; doch kamen diese nicht zur Ausführung. Vielmehr erstand man gegen Ende der 1860er Jahre in der Dorfstraße ein zweigeschossiges Fachwerkgebäude (es war bereits schon jahrelang seitens der Gemeinde angepachtet gewesen), das nach Umbauten nun einen Betsaal mit umlaufender Empore, einen Schulraum und die Lehrerwohnung erhielt.

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Rekonstruktionszeichnung der Diemeroder Synagoge (aus: Th. Altaras, Synagogen , 1988, S. 72)

Zeitweilig bestand in Diemerode auch eine eigenständige jüdische Schule.

Nachdem anfänglich verstorbene Diemeroder Juden auf dem jüdischen Friedhof in Sontra beerdigt worden waren, legte man um 1850 ein eigenes Bestattungsgelände nordöstlich des Dorfes an; der älteste Grabstein datiert aus dem Jahre 1862.

[vgl. Sontra (Hessen)] 

Die Diemeroder Gemeinde unterstand dem Provinzial-Rabbinat Kassel.

Juden in Diemerode:

    --- um 1665 .........................   2 jüdische Familien,

    --- um 1730 .........................   2     "       "    ,

    --- um 1760 .........................   5     "       "    ,

    --- 1835 ............................  69 Juden,

    --- 1861 ............................ 101   “   (knapp 30% d. Dorfbev.),

    --- 1871 ............................  64   "   (ca. 16% d. Dorfbev.),

    --- 1885 ............................  37   "  ,

    --- 1895 ............................  62   "  ,

    --- 1905 ............................  43   “  ,

    --- 1933 ............................  15   “   (in 5 Familien),

    --- 1941 ............................   5   “  ,

    --- 1942 (Juli) .....................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Band 1, S. 137

und                 K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen ..., S. 78/79

In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts übten mehrere Juden Diemerodes den Beruf des Schuhmachers aus. In den 1860er Jahren erreichte die jüdische Bevölkerungszahl Diemerodes ihren Höchststand, um dann in den nächsten Jahrzehnten durch Abwanderung in umliegende Städte stark abzufallen. Zu Beginn der NS-Zeit wohnten nur noch fünf jüdische Familien am Ort.

Das Synagogengebäude wurde während des Novemberpogroms demoliert; es ging Jahre später in Kommunalbesitz über. Auch die Wohn-/Geschäftshäuser von Selma u. Gustav Löwenstein, Moses Falkenstein und Joseph Sobernheim wurden demoliert, teilweise auch geplündert.

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J-Kennkarten zweier gebürtiger Diemeröder Jüdinnen – ausgestellt 1939 in Dieburg

Die letzten fünf Diemeröder Juden wurden am 1.Juni 1942 deportiert.

Von dem ehemaligen Synagogengebäude sind heute noch Reste erhalten.

Auf dem nordöstlich der Ortschaft versteckt liegenden kleinen Friedhof - die letzte Beisetzung fand hier 1939 statt – befinden sich heute noch mehr als 50 Grabsteine. Im Jahre 2013 ist eine schwere Friedhofsschändung dokumentiert.

Aus Diemerode stammte der Lehrer, Kantor und Rabbiner William (Wilhelm) Katz (geb. 1895), der nach seiner Ausbildung seit 1919 als Lehrer und Kantor in verschiedenen Städten Westdeutschlands tätig war. Nachdem er 1938 seines Amtes im Vorstandes des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ von den Nationalsozialisten enthoben worden war, gelang es ihm - nach seiner Inhaftierung im KZ Buchenwald - nach Australien zu emigrieren. Ab 1940 wirkte er in Sydney als Rabbiner und Lehrer einer Religionsschule. Nach 25jähriger Tätigkeit legte er sein Amt nieder. Im hohen Alter von 93 Jahren starb William Katz in Sydney.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 137 f.

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ?, Königstein (Taunus) 1988 (Neubearbeitung 2007)

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945, Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt, 1995, S. 235

K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen im Werra-Meißner-Kreis, Verlag Jenior & Pressler, Kassel 1996, S. 78/79

Diemerode, in: alemannia-judaica.de