Diepholz (Niedersachsen)

Datei:Diepholz in DH.svg Mit derzeit ca. 17.000 Einwohnern ist Diepholz die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises – zwischen den größeren Städten Osnabrück (im SW) und Bremen (im NO) gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Dieffolt (Merian).jpgDiepholz – Stich um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

1684 stellte der Landesherr Ernst August, Bischof zu Osnabrück und Herzog von Braunschweig-Lüneburg zwei Juden den Brüdern Samuel und Simon Moyses) einen Schutzbrief auf zehn Jahre aus; dieser erlaubte seinen Inhabern, „geziemende Nahrung und zuverlässigen Handel gleich anderen Untertanen zu treiben.

Erste gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden zunächst in einer Wohnung, danach in einem angemieteten „Tempel“ statt. 1835 erwarb die Gemeinde ein Haus in der Mühlenstraße und richtete hier eine Synagoge ein; im Haus war auch die Schule untergebracht. In der Straßenfront war das Haus nicht von den nebenstehenden Fachwerkgebäuden zu unterscheiden.

                  Diepholzer Synagoge 3.Haus von links (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Der 1843 gebildete Synagogenbezirk Diepholz schloss die Orte Barnstorf, Cornau und Drebber in die Gemeinde ein; wenige Jahre später zählten auch die jüdischen Familien aus Goldenstedt und Heiligenloh dazu. Obwohl Barnstorf keine autonome Gemeinde war, gab es hier einen Friedhof auf dem „Judenberg“.

Unterricht für die jüdischen Kinder soll es in Diepholz ab Ende des 18.Jahrhunderts gegeben haben. Es gab aber Konflikte zwischen dem angestellten Lehrer und der Gemeinde über die Gestaltung des Gottesdienstes; häufige Lehrerwechsel waren die Folge, und es konnte kein kontinuierlicher Unterricht abgehalten werden. Auf Grund der zurückgegangenen Schülerzahl wurde die Schule 1924 ganz aufgegeben, nur Religionsunterricht wurde noch bis 1932 erteilt.

Die nordwestlich von Diepholz gelegene jüdische Begräbnisstätte wurde erstmals 1774 und 1782 urkundlich als „alter jüdischer Friedhof“ genannt; d.h. das Friedhofsgelände muss bereits Jahrzehnte zuvor genutzt worden sein.

Juden in Diepholz:

        --- 1717 ........................   3 jüdische Familien,

   --- 1824 ........................   9     “       “    ,*    * in der ‘Hausvogtei’ Diepholz

   --- 1833 .........................  50 Juden,

    --- 1845 ........................   8 jüdische Familien,

    --- 1867 ........................  17    “         “   ,**    ** Synagogengemeinde

    --- 1871 ........................  48 Juden,

    --- 1885 ........................  50   “  ,

    --- 1901 ........................  30   “  ,

    --- 1909 ..................... ca. 45   “  ,

    --- 1912 ........................  40   “  ,

    --- 1926 ........................  38   “  ,

    --- 1935 ........................  27   “  ,

    --- 1939 ........................   8   “  ,

    --- 1942 (Aug.) .................   keine.

Angaben aus: Falk Liebezeit/Herbert Major, Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Diepholz

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Diepholz ca. 30 Juden. Dass die antisemitische Propaganda der Nazis auch in Diepholz auf fruchtbaren Boden gefallen war, zeigte sich bald nach ihrer Machtübernahme: Soziale und wirtschaftliche Diskriminierung drängten die Diepholzer Juden ins Abseits.

Vorläufiger Höhepunkt der antijüdischen Maßnahmen war der 10.November 1938, der in Diepholz zu massiven Ausschreitungen gegenüber den jüdischen Bürgern führte. Die Inneneinrichtung der Synagoge in der Mühlenstraße wurde während des Novemberpogroms fast völlig von SA-Angehörigen verwüstet; auch eine Schulklasse unter Leitung ihres Lehrers soll sich an den Ausschreitungen beteiligt haben. Danach wurden die jüdischen Bürger im Schlossgefängnis zusammengetrieben; ehe man sie am nächsten Morgen wieder freiließ, wurden ihre Wohnungen demoliert. Auch der jüdische Friedhof in Diepholz wurde in der NS-Zeit völlig verwüstet, die Grabsteine kurz und klein geschlagen, anschließend als Material für den Straßenbau benutzt. Im Frühsommer 1942 wurden die wenigen noch in Diepholz verbliebenen Juden über Hannover-Ahlem deportiert. Am 25.Juli 1942 meldete die „Diepholzer Kreiszeitung“ in ihrer Ausgabe: „Diepholz judenfrei!” Mindestens zehn Diepholzer Bürger jüdischen Glaubens wurden Opfer des Holocaust.

Im Jahre 1947 fand vor dem Landgericht Verden ein Prozess gegen neun ehemalige SA-Angehörige statt, darunter gegen den ehem. SA-Standartenführer Gustav Quinckhardt aus Syke. Zur Verhandlung standen die gewalttätigen Ausschreitungen und Synagogeninbransetzungen in verschiedenen Orten des Kreises Hoya und Diepholz. Erst in einem zweiten Verfahren (April 1951) wurde Quinckhardt zu einer 15monatigen Haftstrafe verurteilt, die aber bereits durch Untersuchungs- bzw. Internierungshaft als verbüßt galt.

In der Stadt Diepholz wurden nach Kriegsende zeitweilig in einem Barackenlager jüdische DPs aus Bergen-Belsen aufgenommen; doch wegen der unzureichenden Lebensbedingungen in Diepholz kehrten sie wieder ins Camp Bergen-Hohne zurück. Im September 1946 feierte das „Jüdische Komitee“ in Diepholz unter dem Vorsitz von Mordechai Freudenreich die Wiedereröffnung der Synagoge; diese war auf Anweisung der britischen Militärbehörden wiederhergestellt worden. In den 1950er Jahren wurde das in Privathand übergegangene Gebäude abgerissen; am ehemaligen Standort der Synagoge befindet sich heute ein Wohn- und Geschäftshaus; dort ist seit den 1980er Jahren eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht:

Hier, Mühlenstraße 5, stand die 1835 erbaute Synagoge.

Diese wurde am 10.November 1938 von der SA zerstört, 1946 auf Kosten der Täter wieder hergerichtet, 1952 Besitz der Jewish Trust Corporation,

1953 infolge Einsturzgefahr verkauft, abgerissen und das jetzige Wohn- u. Geschäftshaus erbaut.

Auf dem jüdischen Friedhof im Ortsteil Ovelgönne erinnert ein Gedenkstein an die kleine Diepholzer Gemeinde; dessen Inschrift lautet:

Zum Gedenken an die Mitglieder der Synagogengemeinde in Diepholz, die hier auf diesem Friedhof ihre Ruhe gefunden haben.

Allen unvergeßlichen fern der Heimat umgekommenen Opfern einer Zeit,

in der die Liebe und Achtung vor den Mitmenschen gestorben war,

1933 - 1934

Für Dich ließen wir uns würgen alle Tage.

Geächtet wie die Schafe an der Schlachtbank.

44. Psalm, 23.Vers

  Am 9.November 1997 wurde auf dem jüdischen Friedhof ein neues Mahnmal enthüllt; es ist aus Fragmenten zerschlagener Grabsteine zusammengesetzt, die zuvor bei Bauarbeiten geborgen werden konnten (Aufn. Falk Liebezeit).

Seit 1980 erinnern in einem Diepholzer Neubaugebiet zwei Straßen an jüdische Familien, deren Angehörige deportiert und in den Vernichtungslagern ums Leben kamen: die Robergstraße und Fontheimstraße.

 

Um 1700 ist allererste Ansässigkeit eines Juden in Barnstorf urkundlich belegt; gegen Ende des 18.Jahrhunderts lebten drei Familien im Dorf, die Handel und Schlachtgewerbe betrieben. 1801 wird erstmalig ein jüdischer Begräbnisplatz „Am Judenberg“ genannt; er dürfte aber bereits vorher bestanden haben. Als Filialgemeinde von Diepholz konnten die Juden Barnstorfs mit Hilfe im Umkreis lebender Familien einen Minjan zusammenbringen und bis 1829 in einer Betstube im Hause der Gemeindevorstehers Benjamin Abraham Rosenthal gottesdienstliche Zusammenkünfte abhalten. Eine angeblich versuchte offizielle Gemeindegründung (um 1840) kam aber nicht zustande. Im Laufe des 19.Jahrhunderts haben nie mehr als 20 Personen israelitischen Glaubens im Dorf gewohnt, im Jahr 1932 waren es 15 „jüdische Seelen“; sieben Jahre später hatten alle den Ort verlassen. 

Zwölf Grabsteine bzw. –relikte haben sich auf dem kleinen Begräbnisareal an der Straße "Am Rosengarten" erhalten.

Jüdischer Friedhof Barnstorf (Aufn. Merbalge, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Hier befinden sich auch die Gräber von zehn sowjetischen Kriegsgefangenen; daran erinnert ein Gedenkstein.

2009/2010 wurden für Angehörige zweier jüdischer Familien sog. "Stolpersteine" verlegt.

Weitere Informationen:

Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen, Verlag G. Rautenberg, Leer/Ostfriesland 1979, S. 79 f.

Emil J. Guttzeit, Geschichte des Fleckens Barnstorf im Landkreis Diepholz, Band 1, Diepholz 1986, S. 111 f.

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Niedersachsen II (Reg.bezirke Hannover und Weser-Ems), Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1986, S. 7

H.Focke/H.Greve/H.Kurth, Als die Synagogen brannten - der Judenpogrom vom 9./10.November 1938 in Deutschland und im Kreis Diepholz - Seine Vorgeschichte und seine Folgen, Arbeitskreis Regionalgeschichte Syke, 2.Aufl., 1989, S. 97 f.

Herbert Major, Entstehung und Geschichte der Diepholzer Synagoge, in: ‘Zwischen Dümmer und Eschbach’, Diepholz 1990, S. 96 - 99

Wilfried Gerke, Jüdische Lehrer in Diepholz. Pädagogen hielten es oft nicht einmal zwei Jahre aus, in: Heimatblätter des Landkreises Diepholz 14/1990-1991, S. 77/78

Ilse Henneberg/B.Gemmeke-Stenzel (Hrg.), Gestern Nachbar - Heute Jude. Verfolgte in der Heimat - Zur Geschichte der Juden im Landkreis Diepholz, Wissenschaftliches Institut für Schulpraxis, Arbeitsberichte 111/95, Bremen 1995

Arbeitskreis Jüdische Heimatforschung im Landkreis Diepholz (Hrg.), “ ... eine Welt ging uns unter.” Materialübersicht über die Geschichte der Juden im Landkreis Diepholz, 2.Aufl., Diepholz 1998

Wilfried Gerke, Der letzte jüdische Lehrer: Julius Rosenblatt in Diepholz, in: Heimatblätter des Landkreises Diepholz 18/1998-1999, S. 14

Falk Liebezeit/Herbert Major, Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Diepholz. Mit vollständigem Verzeichnis der Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Diepholz, Schröderscher Buchverlag - Verlag für Regionalkultur, Diepholz 1999

Wilfried Gerke, Grabsteine als Straßenschotter. Weniger Bekanntes über einen Diepholzer Friedhof, in: Heimatblätter des Landkreises Diepholz 11/1999

Harald Storz,Die Grabsteine des jüdischen Friedhofes in Barnstorf, Maschinenmanuskript,Kreisarchiv Diepholz 2000

Wilfried Gerke, 1699 – Der erste Händler. Die Juden in Barnstorf. Langsamer Aufstieg und rasches Ende, in: Heimatblätter des Landkreises Diepholz 19/2000/2001, S. 47 - 50

Wilfried Gerke, Das zweite Ende, in: Heimatblätter des Landkreises Diepholz 20/2004, S. 107 - 109

Hildegard Harck (Bearb.), Unzer Sztyme. Jüdische Quellen zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Britischen Zone 1945 - 1947, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein, Kiel 2004, S. 31, S. 53 und S. 105

Andrea Baumert, Jüdisches Schulwesen auf dem Lande in Lemförde und Diepholz, in: ‘Fundstücke’ - Nachrichten und Beiträge zur Geschichte der Juden in Niedersachsen u. Bremen, 2004, S. 11 - 15

Nancy Kratochwill-Gertich/Antje C. Naujoks (Bearb.), Diepholz, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 1, S. 468 – 478

Geflüchtet, vertrieben, deportiert und ermordet – Jüdische Schicksale in der NS-Zeit (Materialübersicht), in: juedische-geschichte-diepholz.de (Anmerkung: enthält Kurzbiographien von jüdischen NS-Opfern aus dem Landkreis Diepholz)

F.Liebezeit/R.Schröder/P.Sobetzki-Petzold (Hrg.), Stationen jüdischen Lebens in Diepholz – ein Stadtrundgang, in: Diepholzer Topografien Band 1, Diepholz 2010

Auflistung der in Barnstorf verlegte Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Barnstorf

Ulrich Knufinke, Stätten jüdischer Kultur und Geschichte in den Landkreisen Diepholz und Nienburg, hrg. vom Landschaftsverband Weser-Hunte e.V, Nienburg 2012, S. 16/17 (Barnstorf) und S. 20 – 23 (Diepholz)

H. Bredemeyer (Red.), Möglichkeiten der Erinnerung an jüdische Mitbürger diskutiert. „Stolpersteine“: Kein Stein des Anstoßes, in: kreiszeitung.de vom 3.1.2015

Reckmann (Red.), Vor 75 Jahre in Diepholz. Judenverfolgung: Erinnerung an ein dunkles Kapitel der Stadtrgeschichte, in: kreiszeitung.de vom 27.1.2017

Falk Liebezeit (Red.), DIEPHOLZ– Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/diepholz/