Dietzenbach (Hessen)

Datei:Dietzenbach in OF.svg Dietzenbach mit derzeit ca. 34.000 Einwohnern ist die Kreisstadt des Landkreises Offenbach in Hessen – ca. 15 Kilometer südlich der Main-Metropole Frankfurt (Karte TUBS, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Existenz von Juden in Dietzenbach wird erstmals um die Mitte des 16.Jahrhunderts erwähnt; dabei handelte es sich vermutlich lediglich um durchziehende „Handelsjuden“, die am Orte ihre Geschäfte tätigten. Der Jude Isaac Wolf lebte Mitte des 18.Jahrhunderts in Dietzenbach und war der „Stammvater“ fast aller in der Folgezeit in der Ortschaft lebenden Juden; allerdings waren es stets nur sehr wenige.

In Dietzenbach gab es keine Synagoge; deshalb nahmen die jüdischen Bewohner an Gottesdiensten der jüdischen Gemeinde in Dreieichenhain oder in Heusenstamm teil.

Religionsunterricht für die hiesigen jüdischen Kinder erteilten wohl auswärtige jüdische Lehrer; doch dürfte hier auch ein eigener Lehrer kurzzeitig tätig gewesen sein; denn darauf deutet die folgende Anzeige aus dem Jahre 1886 hin:

             http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20190/Dietzenbach%20Israelit%2029031886.jpg Anzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 29.März 1886

Ihre Verstorbenen begruben die Dietzenbacher Juden auf dem 1669 angelegten jüdischen Friedhof in Heusenstamm, der bis 1938 belegt wurde; auf dem Gelände wurden auch verstorbene Juden aus Hainhausen, Jüdesheim, Obertshausen und Weiskirchen begraben.

Juden in Dietzenbach:

        --- 1831 ...........................  8 Juden,

    --- 1873 ........................... 24   “  ,

    --- 1906 ........................... 28   “  ,

    --- 1927 ........................... 23   “  ,

    --- 1933 ........................... 20   “  (in 7 Familien),

    --- 1938 (Jan.) .................... 15   “  ,

             (Dez.) .................... keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 138

und                 G.Rathert/D.Kindel (Bearb.), 775 Jahre Dietzenbach - Heimat- und Geschichtsbuch, S. 216 - 218

Ihren Lebenserwerb verdienten die Juden Dietzenbachs im Handelsgeschäft; im lokalen und regionalen Viehhandel waren sie zunächst kaum vertreten, da dieser Wirtschaftsbereich von auswärtigen Juden bestimmt wurde; erst ab 1860 spielte auch hier die jüdische Großfamilie Wolf eine wichtige Rolle, die durch Handel mit landwirtschaftlichen Produkten noch gestärkt wurde.

  Geschäftsanzeige aus den 1920er Jahren

Mehrheitlich lebten die jüdischen Einwohner Dietzenbachs im ausgehenden 19.Jahrhundert in gutsituierten Verhältnissen. Das Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerungsmehrheit lief in Dietzenbach damals aber nicht immer ohne Konflikte ab. Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Dietzenbach 20 Einwohner jüdischen Glaubens.

Nach der Übernahme des Bürgermeisteramtes im ehemals ‚roten’ Dietzenbach durch einen überzeugten Nationalsozialisten litten die jüdischen Bewohner zunehmend unter dessen Schikanen. Ihnen wurde allmählich die Existenzgrundlagen entzogen, so dass 1937/1938 die letzten jüdischen Bewohner Dietzenbach verließen und nach Frankfurt bzw. Offenbach zogen. (Anm.: Die letzte Abmeldung eines jüdischen Bewohners war Mitte Sept. 1938 erfolgt.)

Wer nicht mehr rechtzeitig emigrieren konnte, wurde 1941/1942 deportiert. Von denjenigen, die den Holocaust überlebten, kehrte niemand wieder nach Dietzenbach zurück.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20233/Dietzenbach%20Stolpersteine%20130.jpg Bereits 2006 wurde mit in das Gehwegpflaster eingelassenen sog. „Stolpersteinen“ an NS-Opfer erinnert; von den damals verlegten Steinen erinnern drei an die jüdische Familie Ostermann (Aufn. Cengiz Hendek). Im Jahre 2014 wurden in Dietzenbach dann weitere elf Steine verlegt, die Angehörigen zweier jüdischer Familien gewidmet sind.

Babenhäuserstr 34.jpg

„Stolpersteine in der Babenhäuser Straße (Aufn. 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In der südlich von Dietzenbach gelegenen Ortschaft Urberach gab es eine sehr kleine jüdische Gemeinde, die in den 1880er Jahren kaum 50 Mitglieder umfasste. Die letzten jüdischen Bewohner hatten den Ort 1938 verlassen.  vgl. Urberach (Hessen)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die Jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 138/139

Detlev Kindel, Die jüdische Gemeinde Dietzenbach, Hrg. Magistrat der Stadt, Dietzenbach 1986

Georg Wittenberger, Beiträge zur Geschichte der Juden in Dietzenbach - Die Kinder des Götz Wolf, in: Landschaft Dreieich, Blätter für Heimatforschung, Jahresband 1992

Georg Wittenberger, Beiträge zur Geschichte der Juden in Dietzenbach - Die Kinder des David Wolf, in: Landschaft Dreieich, Blätter für Heimatforschung, Jahresband 1993

G.Rathert/D.Kindel (Bearb.), 775 Jahre Dietzenbach - Heimat- und Geschichtsbuch. Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Dietzenbach und Umgebung, Hrg. Magistrat der Stadt Dietzenbach, 1995, S. 215 ff.

Dietzenbach, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Urberach mit Ober-Roden, in: alemannia-judaica.de

Christoph Manus (Red.), Dietzenbach: Aus der Heimat verjagt, in: „Frankfurter Rundschau“ vom 18.2.2014

Stadtverwaltung Dietzenbach (Red.), Steine gegen das Vergessen - „Stolpersteine“ in Dietzenbach, in: dietzenbach.de

Auflistung der in Dietzenbach verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Dietzenbach

Horst Schäfer, " und tilg nicht unser Angedenke"n. Recherchen zum Bewahren der Würde der NS-Verfolgten Dietzenbachs, hrg. von der Arbeitsgruppe Aktives Gedenken in Dietzenbach und Zusammenleben der Kulturen e.V., Dietzenbach 2016