Dornum (Niedersachsen)

Dornum mit derzeit knapp 5.000 Einwohnern ist eine Einheitsgemeinde in Ostfriesland im Landkreis Aurich – in unmittelbarer Nähe zur Nordseeküste gelegen.

Abb. O., 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

In der ‚Herrlichkeit Dornum’ wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg die erste jüdische Familie ansässig. Sie diente als Händler besonders der Herrschaft und war dieser zu Schutzgeldzahlungen verpflichtet; der Fürst Haro Joachim von Coster nahm um 1700/1710 weitere jüdische Kaufleute und Handwerker auf.

Die Jahrhundertflut von 1717 traf auch Dornum schwer, und so ließ man eine verstärkte Ansiedlung jüdischer Familien zu; von ihnen versprach man sich eine Besserung der wirtschaftlichen Lage.

Mit dem Tode des letzten Fürsten Carl Edzard 1744 ging Ostfriesland in preußischen Besitz über und damit änderte sich auch das Schutzverhältnis: von nun an stellte die preußische Regierung königliche Schutzbriefe aus, die zahlreiche Beitragszahlungen der Juden vorsahen:

„ Alle und jede Juden, so in Unserem Fürstentum Ostfriesland ... sich anzusetzen willens sind, bei Uns zuforderst sich melden und von Uns als Landesfürsten einen Schutzbrief lösen ...” (1749)

Im 18.Jahrhundert verdienten die Dornumer Juden ihren Lebensunterhalt im An- und Verkauf von Landesprodukten, vor allem von Vieh, Getreide, Honig und Wachs; auch versorgten sie die ländliche Bevölkerung mit Gebrauchswaren.        

Seit ca. 1720 fanden gottesdienstliche Zusammenkünfte der Dornumer Juden in einem Privathaus statt; 1841 wurde in der Hohen Straße eine neue Synagoge gebaut; dabei handelte es sich um einen kleinen Ziegelbau, der sich nur durch seine Bogenfenster äußerlich von den Nachbargebäuden abhob. In der Synagoge war die Frauenabteilung durch ein Holzgitter vom eigentlichen Hauptbetraum abgetrennt. Um 1910 wurde ein Synagogenneubau geplant, der aber nicht realisiert wurde. (Anm.: Die Synagogengemeinde Dornum war offiziell erst 1842 gegründet worden)

Für die religiöse Unterweisung der Kinder und Besorgung religiös-ritueller Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt. In einer vom Landrabbiner unterzeichneten Anzeige von 1855 wurde auch für Dornum ein Religionslehrer gesucht. In der Folgezeit war die Besetzung der Stelle einem häufigen Wechsel unterworfen (siehe: drei Ausschreibungen von 1870, 1871 und 1874)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20116/Dornum%20AZJ%2016041855.jpgAnzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16.4.1855

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20116/Dornum%20AZJ%2014061870.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20116/Dornum%20Israelit%2008021871.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20191/Dornum%20AZJ%2006011874.jpg

"Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 14.6.1870   -  "Der Israelit” vom 8.2.1871  -  "Allgemeine Zeitung des Judentums' vom 6.1.1874

In Dornum existierte von 1882 bis 1922 eine jüdische Volksschule, die zunächst in einem angemieteten Raume, ab 1904 dann in einem neuen Gebäude mit Lehrerwohnung und Mikwe untergebracht war; allerdings wurden hier nur relativ wenige Kinder unterrichtet; es war die kleinste jüdische Elementarschule Ostfrieslands; zu ihrer Hochzeit (um 1908/1910) besuchten 28 Schülern die Schule. Das Schulhaus wurde von der Synagogengemeinde im Jahre 1933 verkauft.

Seit ca. 1720 verfügten die Dornumer Juden nahe der Synagoge und des Marktplatzes über ein kleines Beerdigungsgelände (Lübbe-Lübben-Warft); der älteste vorhandene Grabstein stammt aus dem Jahre 1721. Die letzte Bestattung auf dem Dornumer Friedhof wurde wenige Stunden vor dem Novemberpogrom 1938 vorgenommen.

Die Dornumer Gemeinde gehörte zum Rabbinat Aurich, später zum Bezirksrabbinat Emden.

Juden in Dornum:

        --- 1662 ......................... eine jüdische Familie,

    --- 1719 .........................   2     “       “   n,

    --- um 1730 ......................  10     “       “    ,

    --- 1779 .........................   8     “       “    ,

    --- 1802 .........................  31 Juden,

    --- 1828 .........................  46   “   (in 10 Familien),

    --- 1848 .........................  68   “  ,

    --- 1860/61 ......................  12 jüdische Familien,

    --- 1867/71 ......................  65 Juden,

    --- 1894 .........................  83   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1903 .........................  85   “  ,

    --- 1917 .........................  75   “  ,

    --- 1925 .........................  58   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1933 (Jan.) ..................  53   “  ,

             (Dez.) ..................  32   “  ,

    --- 1938 (Okt.) ..................  15   “  ,

    --- 1939 (Sept.) .................   8   “  ,

    --- 1940 (Apr.) ..................   keine.

Angaben aus: Horst Reichwein, Die Juden in der ostfriesischen Herrlichkeit Dornum (1662 - 1940), S. 200

Spätestens seit Mitte des 19.Jahrhunderts waren die jüdischen Einwohner in das gesellschaftliche Leben des Ortes weitestgehend integriert; sie waren u.a. Mitglieder im Schützenverein und im Gemeinderat. Zu Beginn der 1930er Jahre gehörten jüdische Familien noch eine Textil- und Lederwaren- (Daniel Cohen), eine Manufakturwaren- (van Cleef), eine Pferde- (Jakob Rose) und eine Viehhandlung (Weinthal); zudem gab es eine Schlachterei (Moses Rose).

                                     

                                                                          Anzeigen der Schlachterei Rose von 1888 bzw. 1890
Mit der NS-Machtübernahme drohten auch in Dornum den etwa 50 noch hier lebenden jüdischen Bürgern Repressalien; so machte der als SA-Hochburg geltende Ort durch antijüdische Aktionen auf sich aufmerksam: Am 28.März 1933, dem Tage des Schächtverbots, marschierten SA- und SS-Angehörige aus Norden auf dem Dornumer Marktplatz auf und verbrannten - unter Absingen des Deutschlandliedes – zuvor sichergestellte Schächtmesser und Gebetbücher.

Am 1. April 1933 wurde auch hier der Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt; ebenso erfolgten Hausdurchsuchungen und Festnahmen. Gleichzeitig verstärkte sich der Druck auf „Volksgenossen“, die weiterhin jüdische Geschäfte aufsuchten. Bereits Ende 1933 hatte ein Drittel der eingeschüchterten und wirtschaftlich ins Abseits gedrängten Dornumer Juden den Ort verlassen. Im „Ostfriesischen Kurier“ vom 22.Sept. 1933 hieß es:

                                        Auszug der Kinder Israels                         Otz. Dornum, 21.September

Der Jude Daniel Cohen von hier hat sein Manufakturwarengeschäft an den Kaufmann Müller (Nessmersiel) verkauft. ... Wie verlautet, beabsichtigt Cohen mit seiner Familie nach Palästina auszuwandern, um sich dort als Siedler niederzulassen. - Handelt nicht mit den Juden ! Der Viehhandel in der hiesigen Gegend wird noch immer von den Juden beherrscht. Außer den hier hiesigen jüdischen Viehhändlern kommen täglich auswärtige Juden nach hier, um ihren Geschäften nachzugehen. ...

                 Sonderbeilage der Ostfriesischen Tageszeitung vom 20.7.1935

Obwohl zwei Tage vor dem Novemberpogrom das Synagogengebäude in „arische“ Hände (einen Tischlermeister) übergegangen war, drangen SA-Angehörige gewaltsam in das Gebäude ein, holten Inventar heraus, um es auf dem Marktplatz öffentlich zu verbrennen.

Anm.: Das Synagogengebäude wurde nach dem 9. November als Möbellager, Brennstofflager und als Geschäft genutzt.
Anschließend überfielen SA-Trupps die wenigen von Juden bewohnten Häuser, nahmen alle Personen fest und verbrachten sie per LKW nach Norden; Frauen und Kinder wurden am nächsten Tag wieder auf freien Fuß gesetzt, die Männer ins KZ Sachsenhausen eingeliefert.

[vgl. Norden (Niedersachsen)]

Ab dem Frühjahr 1940 lebten in Dornum keine Bewohner jüdischen Glaubens mehr; die letzten hatten den Ort am 8.März d. J. verlassen. Ca. 20 gebürtige Juden Dornums wurden Opfer der NS-Verfolgung; sie kamen in den Vernichtungslagern Osteuropas um bzw. gelten als „verschollen“.

In den Jahren 1990/1991 wurde das ehemalige Synagogengebäude mit Mitteln der Stadt Dornum restauriert; in den Räumen der Gedenkstätte „Synagoge Dornum” befindet sich seitdem eine ständige Ausstellung mit zahlreichen Exponaten aus dem jüdischen Leben. Das Haus ist das einzig in Ostfriesland noch erhaltene Synagogengebäude; es wird vom 1989 gegründeten Verein „Synagoge Dornum” getragen.

 

Synagoge in Dornum (Aufn. K. Händel)  - Ausstellung zur jüd. Geschichte Dornums (Aufn. M. Süßen, 2006, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Als Mahnmal ist in die Pflasterung auf dem Dornumer Marktplatz ein aus roten Ziegeln geformter Davidstern eingelassen, dort, wo die Inneneinrichtung der Synagoge mitsamt den Kultgegenständen verbrannt worden war.

Auf dem Dornumer Friedhof befinden sich heute nur noch ca. 35 Grabsteine, die sowohl hebräische als auch deutsche Beschriftungen aufweisen. Während des Krieges war das Friedhofsgelände von den NS-Behörden an einen Anrainer veräußert worden, der alle Grabsteine entfernen ließ. Nach 1945 wurde ein kleiner Teil der inzwischen zweckentfremdeten Grabsteine zurückgebracht; allerdings konnten sie nicht mehr ihren einstigen Standorten zugeordnet werden.

Jüdischer Friedhof Dornum (Aufn. M. Süßen, 2006, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Ewald Mennen, Dornumer Synagoge blieb erhalten, in: ‘Unser Ostfriesland’ - Beilage der Ostfriesenzeitung Leer Nr. 20/1963

Wilhelm Rose, Der Leidensweg ostfriesischer Juden, in: Ostfreesland-Kalender 1981, Norden 1980

Horst Reichwein, Das Schicksal der Familie Weinthal 1939 - 1942, in: Ostfreesland-Kalender 1988, Norden 1987

Arbeitskreis Ostfriesische Landschaft, Das Ende der Juden in Ostfriesland, Aurich 1988

Horst Reichwein, Die Juden in Dornum in nationalsozialistischer Zeit, in: Frisia Judaica. Beiträge zur Geschichte der Juden in Ostfriesland, Band 67, Aurich 1988

Paul Otten, Dornum in Vergangenheit und Gegenwart. Ein Heimatbuch für die alte Herrlichkeit Dornum und ihre Umgebung, 2. Aufl., weitergeführt von Hermann Rector, Verlag Soltau-Kurier, Norden 1989

H.Reyer/M.Tielke (Hrg.), Frisia Judaica - Beiträge zur Geschichte der Juden in Ostfriesland, Aurich 1991

Horst Reichwein, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Dornum, Dornum 1994

Horst Reichwein, Die Juden in der ostfriesischen Herrlichkeit Dornum (1662 - 1940). Die Geschichte der Synagogengemeinde Dornum von der Schutzgeldforderung des ostfriesischen Fürsten 1662 bis zur Vertreibung durch die Nationalsozialisten 1940, Dornum 1997

Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Bd. 1, S. 478 – 486

Georg Murra-Regner/Andrea Döhrer, Der jüdische Friedhof zu Dornum. Eine Dokumentation, Hrg. Synagoge Dornum e.V., 2009

Georg Murra-Regner/Andrea Döhrer, Die Weinthals – das Schicksal einer jüdisch-ostfriesischen Familie, Hrg. Synagoge Dornum e.V., 2010 (gleichnamige Ausstellung in der Synagoge Dornum 2010/2011)

Georg Murra-Regner, Die wiederhergestellten Gemeindebücher der ehemaligen jüdischen Gemeinde Dornum: Geburten, Trauungen, Sterbefälle von 1738 – 1938, Dornum 2011

Georg Murra-Regner/Andrea Döhrer, “Ostfriesland war auch unsere Heimat“. 200 Jahre jüdisches Leben hinterm Deich, Hrg. Gedenkstätte „Synagoge Dornum e.V., Dornum 2012

Internetpräsentation: Synagoge Dornum, abrufbar unter: synagoge-dornum.de (sehr informative Seiten)

Dornum, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortsgeschichte)

Reise ins jüdische Ostfriesland (Broschüre), Hrg. Ostfriesische Landschaft – Kulturagentur, Aurich 2013

Georg Murra-Regner, „Die Dornumer Synagoge brannte nicht“ - Dokumentation, Dornum 2015

Margitta Murra-Regner (Red.), Chronik der Gedenkstätte „Synagoge Dornum“ - von den Anfängen bis März 2017, Hrg. Gedenkstätte Dornum e.V., 2017

Georg Murra-Regner (Red.), DORNUM – Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/dornum/