Dyhernfurth (Schlesien)

  Die kleine an der Oder Stadt Dyhernfurth in Niederschlesien gehörte ab 1741 zum preußischen Staatsgebiet. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Dyhernfurth polnisch und heißt seitdem Brzeg Dolny.   

  Abb. aus: dokumentyslaska.pl

Nach der Vertreibung der Juden aus Wien (1670) hatte der Dyhernfurther Grundherr, Landeshauptmann Graf von Jaroschin, jüdischen Flüchtlingen ein Niederlassungsprivileg erteilt. Er hoffte, dass deren Ansiedlung der neugegründeten Stadt förderlich sei. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Dyhernfurth begann im Jahre 1688; sie stand im engsten Zusammenhang mit der Etablierung einer hebräischen Buchdruckerei durch den gelehrten Bibliographen Sabbatai Ben Josef oder Sabbatai Bass (1641–1714), auch als „Vater der jüdischen Bibliograhie“ bzw. "Vater des jüdischen Buchdrucks in Schlesien" bezeichnet. Seine Familie und die seiner aus Prag bzw. Krakau stammenden Druckergesellen und Gehilfen bildeten die Wurzeln der Judengemeinde in Dyhernfurth. 1712 wurde Bass zusammen mit seinen Söhnen inhaftiert; er war unter Verdacht geraten, in dem Druckwerk „Zions Tore“ Verleumdungen gegenüber Christen zu verbreiten. Nach kurzzeitiger Schließung der Druckerei wurde diese 1725 wieder in Betrieb genommen. Unter Nathan Kohen (genannt Nathan Barel) wurde der Druckereibetrieb fortgeführt.

Ähnliches Foto Druckerzeugnis aus Dyrhernfurth (um 1785)

In Dyhernfurth erschien 1772 die erste jüdische Zeitung im Deutschen Reich („Dyhernfurter Privilegierte Zeitung“); es waren deutsch gefertigte Texte in hebräischer Schrift. 1834 wurde in der Druckerei das letzte Werk herausgegeben; der Verlag wurde sechs Jahre später endgültig geschlossen. 

In der Folgezeit vergrößerte sich allmählich die Zahl der in Dyhernfurth wohnenden Juden; allerdings brauchten sie dafür die Genehmigung der Kgl. Kammer und der dortigen Grundherrschaft. Mit ihrem Niederlassungsrecht war nicht die Genehmigung zum lokalen Handel verbunden; allenfalls durften sie die Jahrmärkte Schlesiens zu Handelszwecken aufsuchen.

Nachdem zunächst ein Raum im Druckereigebäude als Betsaal benutzt wurde, entstand zu Beginn des 18.Jahrhunderts eine unscheinbare Synagoge; diese wurde dann wegen Baufälligkeit 1785 durch ein anderes Haus in der "Judengasse" ersetzt. Mitte des 19.Jahrhunderts ließ die damals schon schrumpfende Gemeinde in der Flurstraße ein neues Synagogengebäude errichten, das rein äußerlich eher an eine Dorfkirche bzw. Kapelle erinnerte und als Besonderheit vermutlich eine Glocke besaß. Der feierliche Weiheakt wurde im Januar 1848 vom Brzeger Rabbiner Kroner und dem Breslauer orthodoxen Hauptrabbiner Gedalje Tiktin vollzogen.

                                    Synagoge von Dyhernfurth (Federzeichnung)

Das Synagogengebäude - 1885 einem Schadensfeuer zum Opfer gefallen, danach wieder aufgebaut -

wurde aber nur wenige Jahrzehnte als solches genutzt und nach Auflösung der Gemeinde gegen Ende des Ersten Weltkrieges ganz aufgegeben.

Den um 1690 angelegten jüdischen Friedhof zu Dyhernfurth nutzte auch die um 1700 neuentstandene jüdischen Gemeinde zu Breslau, die bis in die 1760er Jahre über keine eigene Begräbnisstätte verfügen durfte; auch Verstorbene aus Wohlau wurden zunächst auf dem Dyhernfurther Friedhof beerdigt.

Im 19.Jahrhundert gehörte Dyhernfurth als Filialgemeinde zum Synagogenbezirk Wohlau (poln. Wolów); zur Dyhernfurther Gemeinde gehörten auch die Juden aus Auras, Leubus und Tannberg.

Juden in Dyhernfurth:

        --- um 1695 ......................   13 jüdische Familien,

    --- 1725 .........................   47 Juden,

    --- 1812 .........................  263   “  (in 73 Familien),

    --- 1833 .........................  191   “  ,

    --- 1849 .........................  122   “  ,

    --- 1858 .........................   82   “  ,

    --- 1871 .........................   49   “  ,

    --- 1880 .........................   36   “  ,

    --- 1907 .........................    8   “  ,

    --- 1913 .........................    5   “  .

Angaben aus: Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, S. 67

Die hiesigen Juden verstanden sich als Teil der deutschen Bevölkerung und widersetzten sich bewusst polnischen Einflüssen.

Wegen der stark rückläufigen Zahl ihrer Angehörigen löste sich die Dyhernfurther Gemeinde während des Ersten Weltkrieges offiziell auf; das gemeindliche Eigentum ging an die Breslauer Synagogengemeinde über. Das Synagogengebäude wurde an die Kommune verkauft und diente ab Ende der 1920er Jahre als Feuerwehrgerätehaus.

Die letzte Beerdigung auf dem Dyhernfurther Friedhof fand im Jahre 1936 statt; zwei Jahre später wurde dieser von den Nationalsozialisten verwüstet.

Eines der ersten Nebenlager des KZ Groß-Rosen entstand 1941 in Dyhernfurth; Häftlinge mussten hier in einem Chemiebetrieb Geschosse mit Kampfgasen abfüllen. In einem zweiten Lager („Lager Elfenhain“) waren 1944 mindestens 2.000 Männer untergebracht, die unter schwierigsten Bedingungen ebenfalls kriegswichtige Produktionen verrichten mussten. Ende Januar 1945 wurde das Lager evakuiert; etwa 450 Überlebende erreichten das KZ Mittelbau-Dora.

Weitere Informationen:

Grünwald, Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Dyhernfurth, in: Liebermann's Jahrbuch zum Volkskalender, Brieg 1882

Markus Brann, Geschichte und annalen der Dyhernfurther Druckerei, in: Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 40/1896, 10, S. 474 – 480 und 40/1896, 11, S. 515 - 526

Ludwig Manasse, Das Schicksal einer alten schlesischen Judengemeinde, Sonderdruck aus ‘Oberschlesien’, Heft 4/1918

Alfred Grotte, Der alte Judenfriedhof in Dyhemfurth, in: Schlesische Monatshefte 3/1926, S. 277 - 280

Alfred Grotte, Alte schlesische Judenfriedhöfe (Breslau und Dyhernfurth), in: Monographien zur Denkmalpflege und Heimatschutz 1, Berlin 1927

Israel Rabin, Aus Dyhernfurths jüdischer Vergangenheit, in: ‘Breslauer jüdisches Gemeindeblatt’, Nr. 2/1929

Bernhard Brilling, Wann ist der erste hebräische Buchdruck in Dyhernfurth erschienen? In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland 1937, Heft 2 und 3

Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, Verlag Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz, 1972, S. 57 ff.

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 174 und Teil 2, Abb. 129

Arno Herzig, Konfession und Heilsgewissheit - Schlesien und die Grafschaft Glatz in der Frühen Neuzeit, in: Religion in der Geschichte: Kirche, Kultur und Gesellschaft, Band 9, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2002, S. 140 – 162

Jan Doktór/Magdalena Bendowska, Der jüdische Buchdruck in Schlesien bis 1742, in: Jüdisches Leben zwischen Ost und West. Neue Beiträge zur jüdischen Geschichte in Schlesien, Wallstein-Verlag Göttingen 2014, S. 315 ff.

Brzeg Dolny, in: sztetl.org.pl