Dettensee (Baden-Württemberg)

Datei:Karte Horb am Neckar.png Dettensee ist heute ein Stadtteil von Horb im Landkreis Freudenstadt (Karte Lencer, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Nach neuesten Erkenntnissen sollen jüdische Bewohner sich bereits um 1580 in Dettensee aufgehalten haben. Urkundlich nachgewiesen (Schutzbriefe aus 1690 bzw. 1694) sind ansässige jüdische Familien in dem unter der Klosterherrschaft stehenden Dorfe ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts; wenige Jahrzehnte später begründeten sie hier eine Gemeinde. Die Juden lebten in Dettensee unter erbärmlichen Bedingungen in drei von der Klosterherrschaft angemieteten Häusern - im Volksmund „Großer Judenbau“ oder „Judenkaserne“ genannt; hier befanden sich auch ein Betsaal und ein Schulraum. Die unter zahlreichen Reglements lebenden jüdischen Familien fristeten ihr Leben zumeist vom Hausierhandel und lebten von Almosen; erst mit Lockerung der Handelsbeschränkungen in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts besserten sich die allgemeinen Lebensbedingungen. Ihre Blütezeit erreichte die jüdische Gemeinde um 1830/1850.

Im Jahre 1820 war ein Synagogengebäude errichtet worden, das z.T. aus dem Abbruchmaterial des alten Schlosses stammte; Spenden auswärtiger Juden hatten den Bau erst ermöglicht. Zeitgleich wurde ein eigenes Rabbinat gegründet, das allerdings nach 16 Jahren wieder aufgegeben wurde (1836). Vermutlich befand sich ganz in der Nähe der Synagoge eine Mikwe.

 

Synagogengebäude und -innenraum (hist. Aufn., um 1925, Abb. in: alemannia-judaica.de)

Für die Unterweisung der jüdischen Kinder und die Belange der Kultusgemeinde war ein Lehrer zuständig, den die Gemeinde verpflichtet hatte. Langjährig in Dettensee tätig war der Lehrer Salomon Holländer (geb. 1797), der von 1826 bis zu seiner Pensionierung (1870) für die Gemeinde wirkte.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20158/Dettensee%20AZJ%2024051870.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20158/Dettensee%20Israelit%2019101876.jpg

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 24.Mai 1870 und 19.Okt. 1876

Seit Mitte der 1820er Jahre existierte am Ort auch eine jüdische Elementarschule; diese bestand bis kurz nach 1900.

Ihre Verstorbenen setzte die Kultusgemeinde zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Mühringen bei; seit 1830 besaß sie ein eigenes, von einer Mauer umgebenes Bestattungsgelände östlich des Dorfes. Eine Besonderheit war, dass hier die Geschlechter getrennt voneinander in Reihen beerdigt wurden. 

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images10/Dettensee%20Friedhof05.jpg Gräberreihen (Aufn. J. Hahn, um 1980/1985)

Im 18.Jahrhundert hatte sich die Gemeinde dem Rabbinatsverband Nordstetten angeschlossen; später dann war sie dem Rabbinat Haigerloch unterstellt.

Juden in Dettensee:

        --- um 1709 ..........................   4 jüdische Haushaltungen,

--- um 1725 ...................... ca.  25 jüdische Familien,

    --- um 1765 ..........................  23 jüdische Familien,

    --- 1809 ............................. 126 Juden,

    --- 1818 ............................. 138   “  ,

    --- 1830 ............................. 197   “  (ca. 50% d. Bevölk.),*    *andere Angabe: 173 Pers.

    --- 1871 ............................. 111   “  ,

    --- 1885 .............................  70   “  ,

    --- 1898 .............................  48   “  ,

    --- 1904 .............................   8   “  ,

    --- 1933 .............................   2   “  .

Angaben aus: www.dettensee.net/information/geschichte/juden.htlm

und                 Herbert Zander, Die jüdische Geschichte von Dettensee 1579 – 1939

In den 1830er Jahren erreichte die Zahl der jüdischen Einwohner fast 200 Personen; damit war jeder zweite Dorfbewohner mosaischen Glaubens. Die wirtschaftliche Situation der jüdischen Familien besserte sich zwar in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, doch trotzdem setzte bald ein rascher Niedergang der Gemeinde ein; viele Juden wanderten in größere Städte ab, z.T. auch nach Horb; manche emigrierten nach Übersee. Das Ende der jüdischen Gemeinde Dettensee war bald nach der Jahrhundertwende besiegelt. Das Gemeindevermögen wurde um 1930 an die Kommune Dettensee übertragen, die sich verpflichtete, als Gegenleistung die Pflege des jüdischen Friedhofs und den Abriss des Synagogengebäudes zu übernehmen.

Anm.: Das Synagogensilber aus dem 17./18. Jahrhundert befindet sich heute im „Judaica-Museum of Greater Phoenix/Arizona“. Eine der letzten Dettenseer Familien hatte es bei ihrer Emigration mit in die USA gebracht.

In einem Bericht aus dem Jahre 1926 erfährt man über den Zustand der unbenutzten Synagoge:

„ ... Noch sind Mauern und Dachstuhl fest, noch zeigt der Bau Spuren alter Schönheit. Über dem Portal ist noch ein guterhaltenes Wappen im Stein zu sehen. Die alten schönen Glasleuchter hängen noch im Raum; die kleine, aber in sehr gefälligen Formen gehaltene, mit schön geschnitzten und vergoldeten Löwen geschmückte heilige Lage hebt sich von dem satten Blau eines gemalten Fürstenmantels wirkungsvoll ab. Der zierliche Almemor steht noch an seinem Platz und ringsherum ein Teil der Ständer (Synagogenbänke haben die Dettenseer nie gehabt). Aber von der Decke bröckelt der Mörtel hernieder, Schwalben nisten im Raum und beschmutzen ihn, Bubenhände haben Fenster und Leuchter schwer beschädigt. Der heilige Raum ist ein Bild des Verfalls geworden, ein Sinnbild der verfallenden jüdischen Landgemeinden Deutschlands.”

Nach einem Plan von 1926 sollten die Steine der Synagoge Dettensee beim Bau einer neuen Synagoge in Horb verwendet werden; dieser wurde aber aus Kostengründen nicht verwirklicht, das Gebäude schließlich um 1930 vom neuen Eigentümer bis auf die Grundmauern abgerissen.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch zwei jüdische Einwohner am Ort. Die letzte jüdische Einwohnerin Dettensees wurde im August 1942 nach Theresienstadt deportiert; sie kam anschließend im Vernichtungslager Maly-Trostinec ums Leben.

Im Gedenkuch des Bundesarchivs sind insgesamt zwölf gebürtige Dettenseer jüdischen Glaubens genannt, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden sind.

An die einstige dörfliche Kultusgemeinde erinnert heute noch der Friedhof; von den ursprünglich 218 Grabsteinen sind heute noch 157 erhalten, zum Teil aber nur als Bruchstücke. Ein Pfeiler des Synagogengebäudes blieb als Gedenkstein dort erhalten.

   

Eingangstor zum Friedhof (Aufn. J. Hahn, 2003)  -  einzelne Grabsteine (aus: ehemalige-synagoge-rexingen.de/dettensee)

[vgl.  Horb - Mühringen - Mühlen - Nordstetten – Rexingen (Baden-Württemberg)]

Der berühmteste Jude aus Dettensee ist der 1831 geborene Maler Salomon Hirschfelder; in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, verließ er - wie viele andere seiner Glaubensgenossen - das heimatliche Dorf. Er soll auch als Musiker tätig gewesen sein. In München lebte er seit den 1860er Jahren als freischaffender Künstler und entwickelte sich zu einem bekannten Genremaler. 1903 starb er und wurde auf dem israelitischen Friedhof (Thalkirchner Str.) beerdigt. In seiner Grabrede brachte der Rabbiner Dr. Maier das Leben Salomon Hirschfelders mit den Worten auf den Punkt: „Seinen ganzen Lebensinhalt bildete die Kunst, eine Kunst, die unter Tränen lächelt, und sie bildete das Gegengewicht zu seinen Leiden und Entbehrungen; in ihr fand er Trost, Frieden und reichen Segen.“

                 Bauernmädchen beim Lesen eines Briefes - Gemälde von Salomon Hirschfelder

... und "Liebe macht blind" (Ölgemälde von 1880)  http://www.dettensee.net/bilder/geschichte/juden/hirschfelder/hirschfelder-liebemachtblind-gross.jpg (Abb. aus: dettensee.net)

Weitere Informationen:

Gustav Spier, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Dettensee, in: Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs, Jg. 3, No. 7 - 9 (1926)

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966, S. 66 - 68

Utz Jeggle, Judendörfer in Württemberg, Dissertation (Universität Tübingen), Nagold 1969

H.P. Müller, Die Juden in der Grafschaft Hohenberg, in: Der Sülchgau 25/1981, S. 36 - 43

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 180/181

Situtunga Michal Antmann (Bearb.), Der jüdische Friedhof Horb-Dettensee, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalsamtes Baden-Württemberg, 1996

Johannes Becker, Schattenrisse - eine Annäherung an die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Horb a.N., Martin-Gerbert-Gymnasium, Horb/Nagold 2000

Dettensee, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Bernd Ballmann, Salomon Hirschfelder (1831 - 1903), ein Genremaler aus Dettensee, in: Schwäbische Heimat, Jg. 54 Heft 2/2003, S. 139 - 150

Herbert Zander, Salomon Hirschfelder, Leben und Werk eines Multitalents aus Hohenzollern, in: Hohenzollerische Heimat, Jg. 53 No. 4/2003, S. 59 - 64 und No. 1/2004, S. 1 - 5

www.dettensee.net/information/geschichte/juden.htlm

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 207 - 209

Herbert Zander, Die jüdische Geschichte von Dettensee 1579 – 1939, in: Zeitschrift für hohenzollerische Geschichte, Band 45/2009, S. 61 – 134

Gedenkstätte ehemalige Synagoge Rexingen, online unter: ehemalige-synagoge-rexingen.de (Anm.: Unterseite bezieht sich auf die Darstellung der jüdischen Geschichte Dettensee)