Dolgesheim (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für dolgesheim postleitzahl karte Dolgesheim mir derzeit kaum 1.000 Einwohnern ist eine kleine Kommune im Landkreis Mainz-Bingen; sie gehört seit 2014 der Verbandsgemeinde Rhein-Selz an (vorher zu Guntersblum gehörig).

Im Dorfe Dolgesheim - heute Ortsteil der Verbandsgemeinde Guntersblum - bestand eine kleine jüdische Gemeinde vom Ende des 18.Jahrhunderts bis um 1930/1935; mit ca. 55 Angehörigen erreichte die jüdische Gemeinde in Dolgesheim um 1860 ihren zahlenmäßigen Höchststand.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten ein in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts angelegter eigener Friedhof (am Weg Richtung Hillesheim) und ein winziges, im Jahre 1852 erbautes Synagogengebäude in der Schollergasse. Die (später) zusammen mit den Juden aus Hillesheim gebildete Kultusgemeinde stellte einen Religionslehrer ein, der auch für die rituellen gemeindlichen Aufgaben zuständig war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20303/Hillesheim%20Israelit%2003111902.jpg   

Anzeigen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Nov. 1902 und vom 25. Jan. 1904

Juden in Dolgesheim:

--- 1804 ..................... 19 Juden,

--- 1824 ..................... 38   “  ,

--- 1861 ..................... 54   “  (ca. 7% d. Bevölk.),

--- 1871 ..................... 62   “  ,

--- 1880 ..................... 33   “  ,

--- 1900 ..................... 31   “  ,

--- 1925 ..................... 16   “  ,

--- 1930 .....................  3 jüdische Familien (11 Pers.),

--- 1939 (Okt.) .............. keine.

Angaben aus: Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. …, S. 140

Im Sommer 1930 kam es im Dorf zu heftigen antisemitischen Ausschreitungen, die sich besonders gegen eine hier ansässige Familie richtete. In der Berichterstattung hieß es unter der Überschrift „Das Drama von Dolgesheim“ u.a.: „In dem rheinhessischen Bauerndorf Dolgesheim, einem friedlichen Orte bei Worms, in dem bisher stets ungetrübte Harmonie unter den Einwohnern aller Bekenntnisse herrschte, ist seit der Gründung einer nationalsozialistischen Gruppe im Frühjahr dieses Jahres eine Verhetzung und Erregung unter der Bevölkerung entstanden, die in den letzten Wochen zu wilden Ausschreibungen führte.Am stärksten konzentrierte sich das Vorgehen der 'Hitler-Gruppe' gegen den seit sechsunddreißig Jahren in Dolgesheim ansässigen angesehenen jüdischen Einwohner Nathan Frank, einen ruhigen älteren Mann. Er erregte ihren Hass, weil er wegen seiner Hilfsbereitschaft und seines tadellosen Handels und Wandels sich bei der übrigen Bevölkerung großer Beliebtheit erfreut und in verschiedenen Vereinen Ehrenstellen bekleidet. Seit Monaten konnte er nicht über die Straße gehen, ohne mit Zurufen, wie 'Juda verrecke' und 'Nieder mit den Landesverrätern' oder 'Nieder mit der Judentyrannei', behelligt zu werden. In den letzten Wochen steigerten sich die Angriffe zu Drohungen, wie 'Du musst doch noch verrecken', körperlichen Anrempelungen gegen seinen Sohn und seine Tochter sowie Steinwürfen gegen sein Haus. Der Terror wurde so stark, daß die Familie Frank stets für Gesundheit und Leben fürchten musste und sich gezwungen sah, eine Wohnung in Worms zu mieten. Bis zum Tage des Umzugs aber mussten Nacht für Nacht ein Dutzend und noch mehr Freunde zum Schutz im Hause mit wachen. In der Nacht vom 9. zum 10. August rotteten sich die Nationalsozialisten wieder einmal zusammen, schlugen die Fensterläden ein, gaben einen Schuß ab und belagerten das Haus, bis am nächsten Tag ein größeres Polizeiaufgebot von auswärts eintraf. Unter dessen Schutze musste die Familie dann in aller Eile ihre Möbel verladen und fliehen. … Die zuständige Behörde hat nach diesen Vorgängen die Ortsgruppe Dolgesheim der NSDAP aufgelöst, ...“

                        aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Aug. 1930

Monate danach mussten sich 29 beteiligte Einwohner vor dem Bezirksschöffengericht in Mainz wegen Landfriedensbruchs verantworten.

Das Synagogengebäude wurde Anfang der 1930er Jahre aufgegeben und verkauft.

Nur noch ca. zehn Bewohner mosaischen Glaubens lebten zu Beginn der 1930er Jahre in Dolgesheim; acht gelang es bis 1938 auszuwandern; bis Kriegsbeginn hatten dann die wenigen noch verbliebenen das Dorf in Richtung Mainz verlassen.

Sowohl das ehemalige kleine Synagogengebäude - es war um 1930/1932 aufgegeben worden und wird heute als Lagerhaus verwendet - als auch der jüdische Friedhof sind bis heute erhalten geblieben.

                                                                     http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2056/Dolgesheim%20Synagoge%20200.jpg Ehem. Dolgesheimer Synagogengebäude (Aufn. J. Hahn, 2005)

Jüdischer Friedhof Dolgesheim (Aufn. U.Gönner, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Eingangspforte zum jüdischen Friedhof Dolgesheim und Doppelgrabstein (Aufn. J. Hahn, 2005)

[vgl. Hillesheim (Rheinland-Pfalz)]

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 141/142

Wolfgang Kemp, Julius Frank, jüdischer Reichsbannermann aus Worms - eines der ersten Opfer des NS-Terrors, in: H.-G. Meyer/H. Berkessel (Hrg.) Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Band 1: "Eine nationalsozialistische Revolution ist eine gründliche Angelegenheit", Mainz 2000

Dieter Michaelis/Jutta Hager-Latz (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Guntersblum, o.O. 2002

Winfried Seibert, Dolgesheimer Mord. Der Tod des Juden Julius Frank im Frühjahr 1933, 2. Aufl., 2002

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 140/141

Dolgesheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Die jüdische Synagoge in Dolgesheim, online abrufbar unter: dolgesheim.info/dolgesheim/synagoge.htm