Calbe (Sachsen-Anhalt)

Calbe (Saale) ist eine Kleinstadt mit derzeit etwas mehr als 10.000 Einwohnern im Salzlandkreis – ca. 35 Kilometer südlich der Landeshauptstadt Magdeburg.

Seit dem 14.Jahrhundert sind Juden in Calbe nachweisbar; so sollen hier vier jüdische Familien 1371 das Bürgerrecht erhalten haben - für diese Zeit recht ungewöhnlich. Ihre Wohnsitze wie die Schule und „joden synagog" befanden sich in der Tuchmacherstraße und in der Gasse „Am Wassertor". Mit Geld- und Pfandleihgeschäften bestritten sie ihren Lebensunterhalt. In einer Verordnung des Magdeburger Erzbischofs Albrecht wurde den Juden 1392 in Calbe erlaubt, zusammen mit den Knochenhauern Vieh zu schlachten - mit Ausnahme der Fastenzeit. Allerdings wurden sie nur kurz in der Stadt geduldet; denn um 1495 ließ der Erzbischof Ernst die jüdischen Familien aus dem gesamten Erzstift Magdeburg vertrieben, so auch aus Calbe; ihr Vermögen wurde eingezogen und anschließend an christliche Bewohner veräußert. Im Laufe der beiden folgenden Jahrhunderte sollen sich nur sehr wenige Juden zeitweilig in Calbe aufgehalten haben; Ende des 18.Jahrhunderts lebten vermutlich keine jüdischen Bewohner in der Stadt; erst nach 1810/1820 zogen wieder einige jüdische Familien nach Calbe.

Ein Betraum wird erstmals 1824 urkundlich erwähnt; vermutlich bestand dieser bereits Jahrzehnte zuvor.

Der neuzeitliche Friedhof wurde Anfang der 1860er Jahre auf einem von einem Landwirt erworbenen Gelände angelegt und 1862 in Anwesenheit des Rabbiners Dr. Güdemann aus Magdeburg eingeweiht; dieses befand sich auf einem Grundstück „Hinter den Gärten“; es umgab eine Steinmauer. Zuvor waren Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof in Mühlingen begraben worden.

Juden in Calbe:

--- 1371 .................  4 jüdische Familien,
--- um 1720 ...............  2     "       "    ,
--- um 1790 ...............  2     "       "    ,
--- 1840 .................. 11     "       "    ,
--- 1857 .................. 35 Juden,
--- 1864 .................. 75   "  ,
--- 1880 .................. 48   "  ,
--- 1912 .................. 12   "  ,
--- 1925 .................. 18   "  ,
--- um 1930 ............... 22   "  ,
--- 1939 .................. 12   "  ,
--- 1942 .................. keine.

Angaben aus: Angaben des Stadtarchivs  und  M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe ..., S. 279

Zu Ende des 19.Jahrhunderts soll in Calbe das Verhältnis zwischen der jüdischen Minderheit und der christlichen Mehrheit recht harmonisch gewesen sein; zumeist als konservativ-national gesinnte Bürger genossen die Juden Calbes in der Stadtbevölkerung Ansehen. Doch mit der NS-Herrschaft setzten auch hier öffentliche Diffamierung und Anfeindung ein; so verließ in den Folgejahren - z.T. unter massivem Druck - ein Großteil der jüdischen Familien die Kleinstadt.
Während der „Kristallnacht" rückten SA-Trupps aus Schönebeck in Calbe ein und verrichteten hier ihr Zerstörungswerk; besonders hatte man es auf die beiden größeren jüdischen Geschäfte der Familien Steiner und Heinemann abgesehen, die mit Beilen und Äxten demoliert wurden. Die letzten fünf in Calbe lebenden Juden wurden 1941/1942 von hier aus deportiert.

Der jüdische Friedhof wurde während der NS-Zeit schwer verwüstet, die Grabsteine umgeworfen und z.T. zerschlagen. Nach 1945 wurde der jüdische Friedhof - soweit es überhaupt möglich war - wiederhergestellt; die noch vorhandenen acht Grabsteine richtete man wieder auf.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20106/calbe07.JPG Eingangstor zum jüdischen Friedhof (Aufn. Hans-Peter Laqueur, 2007)

An der St. Stephaniekirche in Calbe stellt eine der Chimären-Spottfiguren einen Juden dar, der einem Schwein das Hinterteil küsst („Judensau"-Motiv). 

In der Kleinstadt Barby/Elbe - wenige Kilometer nordöstlich von Calbe gelegen - sind jüdische Familien bereits im 13.Jahrhundert urkundlich nachgewiesen. Zu Beginn des 17.Jahrhunderts waren sie von der gräflichen Herrschaft vertrieben worden; erst um 1745 wurde erneut jüdische Ansiedlung in Barby erlaubt. Um 1810/1815 setzte sich die jüdische Gemeinschaft aus 17 Familien zusammen; eine Gemeinde konstituierte sich aber erst 1874, zu einer Zeit, als in Barby bereits die Zahl der jüdischen Einwohner zurückging. Die Gemeinde gehörte zum Kreissynagogenverband Calbe.

Um 1800 errichtete man ein bescheidenes Bethaus (in der Tempelgasse/heute Poststr.), das ein durch einen Stadtbrand vernichtetes Gebäude ersetzte. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte auch ein kleiner Friedhof in der Bahnhofstraße, der in der NS-Zeit eingeebnet wurde. (Anm.: Ein Vorgängerfriedhof soll sich an der Gethsemanestraße befunden haben).

Anfang der 1930er Jahre lebten nur noch 14 Juden im Städtchen. Das kleine Synagogengebäude war bereits um 1900 abgerissen worden. Vom ehemaligen jüdischen Friedhof am Magdeburger Tor (Bahnhofstraße) sind nahezu keine baulichen Relikte mehr vorhanden; das Gelände ist nur durch einen Drahtzaun gesichert.

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 201 – 204

Hanns Schwachenwalde, Beiträge zur Geschichte der Juden in Calbe/Saale, Calbe 1988

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 279/280

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag, Wernigerode 1997, S. 3 1- 33 und S. 48 - 51

Dieter Steinmetz, Geschichte der Stadt Calbe, Calbe 2005

Juden im mittelalterlichen Calbe, in: Das Calbenser Blatt, Band 17/2006, Heft 7, S. 10

Auskünfte vom 1.Vorsitzenden des Heimatvereins Calbe/Saale e.V. (Uwe Klamm)

Thomas Linßner, Mutiger Tischlermeister verhalf der Barbyer Jüdin Bertha Freudenberg zu würdiger Ruhestätte, in: volksstimme.de vom 24.10.2013