Calvörde (Sachsen-Anhalt)

Calvörde ist eine Kommune mit derzeit knapp 4.000 Einwohnern im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt – ca. 35 Kilometer nordwestlich der Landeshauptstadt Magdeburg.

Eine jüdische Gemeinschaft bildete sich im Marktflecken Calvörde vermutlich gegen Mitte des 18.Jahrhunderts, als jüdische Familien aus verschiedenen Orten Deutschlands hierher zogen. Ihr Betraum befand sich auf dem Gelände eines Grundstücks in der Neustadtstraße; dieser wurde wahrscheinlich im letzten Jahrzehnt des 18.Jahrhunderts eingerichtet.

Eine jüdische Begräbnisstätte - etwa einen Kilometer südlich des Ortes gelegen - wurde in den 1780er Jahren angelegt; der älteste noch vorhandene Grabstein datiert aus dem Jahre 1787. Alle Grabmale sind mit traditionellen jüdischen Motiven geschmückte Stelen, die ausschließlich hebräische Inschriften tragen. Nur sieben Grabsteine sind erhalten geblieben.

Drei Grabsteine (Aufn. N., 2010, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Juden in Calvörde:

    --- um 1770 ...............  4 jüdische Familien,

    --- 1798 .................. 11   “         “    ,

    --- 1808 .................. 40 Juden (in 8 Familien),

    --- 1835 .................. 15   “   (in 3     “   ,

    --- 1851 ..................  5 jüdische Familien,

    --- 1874 .................. eine   “       “  ().

    --- 1900 .................. keine.

                       Angaben aus: Susanne Weihmann, Jüdisches Leben im Helmstedter Land. Eine Spurensuche in Calvörde, ...

Der wirtschaftliche Niedergang der Gemeinde war mit der Verlegung der Hauptstraßenverbindung von Hamburg nach Leipzig verbunden, die durch Calvörde führte; die jüdischen Familien verließen nun den Flecken, um anderswo ihren Geschäften nachzugehen. Vermutlich musste gegen Mitte des 19.Jahrhunderts der Betraum aufgegeben werden, da der zur Feier des Gottesdienstes benötigte Minjan nicht mehr aufgebracht werden konnte. Mit dem Wegzug der letzten jüdischen Familie nach Hannover um 1900 endete das jüdische Leben in Calvörde.

Neustadtstraße mit Schwarzen Adler, Synagoge und Amtsgericht (hist. Postkarte, um 1905)

Allerdings soll bis in die NS-Zeit eine jüdische Familie in Calvörde ein Textilgeschäft betrieben haben.

Die Calvörder Synagoge wurde während der NS-Zeit als Lagerraum eines Handwerksbetriebs genutzt und ist bis heute als eines der ältesten jüdischen Gotteshäuser Sachsen-Anhalts erhalten; doch weisen nur wenige bauliche Spuren auf seine frühere Nutzung hin.

                                                      Ehem. Synagogengebäude in Calvörde (Aufn. aus: meinestadt.de)

Initiiert von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Calvörde wurden 2009 vor dem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Bloch – sie war die einzige jüdische Familie in der Kleinstadt gewesen - zum ehrenden Gedenken sog. „Stolpersteine“ verlegt.

Sechs „Stolpersteine“ für die Fam. Bloch, Am Markt (aus: nl.tracesofwar.com)

Weitere Informationen:

Reinhard Rücker, Geschichte der Juden in Calvörde, Maschinenmanuskript, Calvörde 1984

Reinhard Rücker, Zur Geschichte der Juden in Calvörde, in: Jahresschrift der Museen des Ohrekreises, Band 7/2000, S. 55 - 67

Ulrich Knufinke, Das Bauwerk der Synagoge in Calvörde, in: Jahresschrift der Museen des Ohrekreises, Band 7/2000, S. 68 - 72

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 280/281

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag, Wernigerode 1997, S. 51 - 53

Susanne Weihmann, Jüdisches Leben im Helmstedter Land. Eine Spurensuche in Calvörde, Helmstedt und Schöningen, in: Beiträge zur Geschichte des Landkreis Helmstedt und der ehem. Universität Helmstedt, Hrg. Landkreis Helmstedt, Heft 17, Helmstedt 2006, S. 20 - 22 und S. 65 - 68

Jürgen Schrader, Der Flecken Calvörde – Eine 1200-jährige Geschichte, Calvörde 2011