Crumstadt (Hessen)

Datei:Municipalities in GG.svg Crumstadt mit derzeit etwa 4.000 Einwohnern ist der südlichste Stadtteil von Riedstadt im Kreis Groß-Gerau (Karte des Landkreises Groß-Gerau, Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erste urkundliche Hinweise jüdischen Lebens in Crumstadt datieren aus der Mitte des 17.Jahrhunderts; doch haben sich vermutlich bereits vor dieser Zeit Juden in Crumstadt aufgehalten. Um 1800 konstituierte sich hier eine eigenständige jüdische Gemeinde; am 27.8.1826 gab diese sich eine Synagogenordnung, in der es u.a. hieß:

1. Die Gemeindemitglieder haben niemals, auch ihre Nachkommen nicht, das Recht, die Schule für unheilige Zwecke zu veräußern.

2. Der ehrenwerte Herr Jssachar erhält dafür, daß er außer der Scheune noch 276 Gulden ... geopfert hat, das Recht, sich einen Stand in der Schule zu wählen, der ihm am besten gefällt. Sollte er eine Frau nehmen und Kinder haben, so hat seine Frau dasselbe Recht in der Frauenschule, und nach seinem Ableben eins seiner Kinder Anspruch auf seinen Stand. Die anderen Gemeindemitglieder erhalten ihren Stand in der Synagoge nach ihrem Alter geordnet, ebenso die Frauen in der Frauenschule.  ...

4. Wenn ein Fremder heiratet und sich hier ansässig machen will, so muß er von jedem Hundert der Mitgift ... 2 Gulden an die Gemeinde zahlen. Will er die Berechtigung in der Synagoge haben wie die anderen Gemeindemitglieder, so muß er extra zur Unterstützung des Synagogenbaus 150 Gulden zahlen.

5. Wenn ein Gemeindemitglied seinen Sohn oder seine Tochter verheiratet, die hierzu wohnen kommen, einerlei, wo die Hochzeit stattfindet, so muß der Vater für je 100 Gulden, die das Ehepaar miteinander einbringt, 1 Gulden und zur Unterstützung des Synagogenbaues extra 11 Gulden zahlen. ...

7. Wenn ein Jung von hier Bräutigam wird, muß er ein Gulden ins Heiligtum zahlen ... Auch wenn eine Beschneidung hier ist, muß der Vater des Kindes in das Heiligtum 1/2 Gulden zahlen, und der Gevatter wenn er vermögend ist 1 Gulden zahlen. ...

8. ... Wegen Streit und Unzucht muß der Anfänger oder Streitverursacher ins Heiligtum 18 Kreuzer zahlen, geschieht solches aber zur Zeit der Thora-Vorlesung oder dem Achtzehn-Gebet, so kann seine Strafe erhöht werden. ...

Ihre Angehörigen versammelten sich zunächst in einem Betraum. 1828 wurde der Gemeinde ein Scheunengebäude in der Hospital-/Bismarckstraße geschenkt, die dieses mit eigenen Mitteln zur Synagoge umbaute; im gleichen Jahre wurde diese eingeweiht. Der Synagogenraum verfügte über ca. 70 Männer- und 30 Frauenplätze.

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Synagogengebäude in Crumstadt (hist. Aufn., um 1935, aus: A. Schleindl, Verschwundene Nachbarn ...)

Religiös-rituelle Aufgaben der Gemeinde verrichtete ein angestellter Lehrer.

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 Stellenangebote der Gemeinde aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 20.3.1890, vom 5.10.1893 und vom 3.1. 1901

Ihre Verstorbenen begrub die Crumstadter Judenschaft auf dem Verbandsfriedhof in Alsbach; z.T. fanden Begräbnisse auch in Groß-Gerau statt. 

Die Gemeinde war dem orthodoxen Rabbinat Darmstadt II unterstellt.

Juden in Crumstadt:

        --- 1725 ............................   3 jüdische Familien,

    --- 1770 ............................   4     „       „    ,

--- 1830 ............................  46 Juden,

    --- 1875 ............................  62   “  ,

    --- 1880 ............................  84   “  (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1895 ............................  80   “  ,

    --- 1905 ............................  65   “  ,

    --- 1928 ........................ ca.  15 jüdische Familien,

    --- 1933 ............................  47 Juden,

    --- 1939 ............................   8   “  ,

    --- 1941 (Jan.) .....................   5   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .....................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Jüdische Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 110/111

und                Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen ..., S. 220

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts erreichte die Zahl der Crumstadter Juden ihren Höhepunkt; danach war eine stete Abnahme zu verzeichnen; das lag auch daran, dass die „Antisemiten-Partei“ von Otto-Böckel in Crumstadt starken Zuspruch hatte. Gegen Ende der Weimarer Republik lebten etwa 12 - 15 jüdische Familien in Crumstadt; sie verdienten ihren Lebensunterhalt fast ausschließlich im Handel mit Landesprodukten und Vieh; ihre wirtschaftliche Lage war insgesamt gut.

Trotz Einspruch des hiesigen Bürgermeisters drangen SA- und NSKK-Angehörige im November 1938 in die Crumstädter Synagoge ein und vernichteten die Inneneinrichtung samt der Ritualien. Anschließend stürmten sie von Juden bewohnte Häuser und plünderten diese.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits alle jüdischen Geschäfte aufgelöst bzw. „arisiert“. Nur wenige Juden waren in Crumstadt geblieben; denn bereits 1935/1936 hatte eine verstärkte Abwanderung eingesetzt.

Nach der Verwüstung der Synagoge wurden die drei verbliebenen jüdischen Familien seitens der NS-Ortsbehörden aufgefordert, das Gebäude abreißen. Dem kam der damalige Bürgermeister zuvor, indem er eine Firma damit beauftragte (siehe Aufn.: beim Abriss des Gebäudes).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20112/Crumstadt%20Synagoge%20012.jpg Aufn. Ende 1938/Anfang 1939 (aus: A.Schleindl, Verschwundene Nachbarn ...)

Die letzten fünf jüdischen Bewohner wurden Mitte März 1942 ins besetzte Osteuropa deportiert. Mindestens 15 Juden aus Crumstadt, darunter sechs Jugendliche, fielen der NS-Herrschaft zum Opfer.

1988 wurde in Crumstadt eine Gedenkstele mit der Inschrift „Crumstädter Bürger starben, weil sie Juden waren“ aufgestellt; auch werden die Opfer namentlich genannt.

Im Febr. 2015 wurden in Crumstadt die ersten vier sog. „Stolpersteine“ verlegt, weitere 16 Steine folgten noch im gleichen Jahre. In den Folgejahren wurde die Aktion fortgesetzt, so auch 2017, als sechs Steine für Angehörige der Familie Mayerfeld in das Gehwegpflaster in der Kirchstraße eingefügt wurden.

    verlegte Steine (Aufn. 2014, aus: stadt-riedstadt.de)

 

Auch in anderen Ortsteilen von Riedstadt: Erfelden, Leeheim und in Goddelau-Wolfskehlen gab es kleine jüdische Gemeinden.

vgl. Erfelden (Hessen)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Jüdische Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 110/111

Heyl, Die Juden in Crumstadt 1933, in: Crumstadt im Ried, Hrg. Gemeinde Riedstadt 1979, S. 298 ff.   (Anmerkung: Heyl war lange Zeit Bürgermeister von Crumstadt)

Helmut Walter, Judenhäuser in Crumstadt, Hrg. Gemeinde Riedstadt 1979, S. 295

Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, Hrg. vom Kreisausschuß des Kreises Groß-Gerau 1990, S. 220 f. und S. 347 f. 

Crumstadt, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Nazi-Mob zerstört Crumstädter Gebetshaus, in: „Echo“ vom 9.11.2013

Stadt Riedstadt (Hrg.), Vierte Stolpersteinverlegung in Riedstadt – 16 Gedenksteine an sechs Häusern in Crumstadt, online abrufbar unter: riedstadt.de/rathaus/archiv/ vom 21.10.2015

Angelica Taubel (Red.), Neue Stolpersteine werden in Crumstadt verlegt, in: „Echo“ vom 6.7.2016

N.N. (Red.), Gunter Demnig verlegt wieder Stolpersteine in Riedstadt, in: „Lampertheimer Zeitung“ vom 31.1.2017

Sebastian Philipp (Red.), Riedstadt. Jeder Stolperstein ein Schicksal, in: „Echo“ vom 13.5.2017

Anke Mosch (Red.), Stolpersteine in Leeheim und Crumstadt verlegt, in: „Bürstädter Zeitung“ vom 13.11.2017