Groß Strehlitz (Schlesien)

Ca. 40 Kilometer südöstlich von Oppeln liegt die Stadt Groß Strehlitz (poln. Strzelce Opolskie, derzeit ca. 18.000 Einw.), in der vom Anfang des 19.Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg eine jüdische Gemeinde beheimatet war. Ihren Zenit erreichte diese in den 1880er Jahren, als die jüdischen Bewohner in der Stadt mehr als 10% der gesamten Einwohnerschaft stellten (Ausschnitt aus hist. Landkarte von 1905, aus: wikipedia.org, gemeinfrei u. Kartenskizze 'Landkreis Groß Strehlitz/Oberschlesien, J. 2011, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Seit den 1840er Jahren verfügte die Gemeinde über einen Friedhof und wenige Jahre später auch über ein Synagogengebäude am Neuen Ring (später Hindenburgplatz), das kurz nach 1900 noch eine bauliche Erweiterung erfuhr. Die bestehende jüdische Schule wurde in den 1880er Jahren aufgelöst; die Kinder besuchten fortan die Stadtschulen.

Synagoge links im Bild (hist. Postkarte, Quelle unbekannt)

Teilansicht der Synagoge (Bildausschnitt)  aus: sztetl.org.pl (arch. Piotra Smykali)

Juden in Groß Strehlitz:

--- 1791 .........................  13 jüdische Familien,

--- 1828 ......................... 112 Juden,

--- 1845 ......................... 140   “  (ca. 7% d. Bevölk.),

--- 1869 ......................... 450   “  ,

--- 1880 ..................... ca. 500   “  (ca. 11% d. Bevölk.),

--- 1932 ......................... 145   "  ,

--- 1933 ......................... 114   “  ,

--- 1939 .........................  70   “  ,

--- 1942 .........................  10   “  .

Angaben aus: Strzelce Opolskie, in: sztetl.org.pl

http://images-02.delcampe-static.net/img_large/auction/000/195/038/581_001.jpg Neuer Ring in Groß Strehlitz (hist. Postkarte, aus: delcampe.net)

 

Jüdische Einwohner sollen bis in die Zeit der Weimarer Republik aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben von Groß Strehlitz beteiligt gewesen sein. Zahlreiche jüdische Organisationen bestimmten das innergemeindliche Leben.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, lebten in Groß Strehlitz noch ca. 120 Juden. Im November 1938 wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert sowie die Inneneinrichtung der Synagoge herausgerissen und demoliert; das Gebäude selbst blieb trotz versuchter Inbrandsetzung unzerstört.

Von den ca. 70 lebenden jüdischen Einwohnern wurden die meisten ins „Generalgouvernement“, einige nach Theresienstadt deportiert. Im November 1942 lebten nur noch zehn Personen mosaischen Glaubens in der Stadt.

 

Infolge verschiedenartiger Nutzungen (Lagerhaus, Sporthalle u.a.) wurde nach 1945 das ehemalige Synagogengebäude in seinem äußeren Erscheinungsbild völlig verändert.

                                          

Ehem. Synagogengebäude beim Umbau zu einem Lagerhaus - heutiger Zustand (Aufn. J. Lahitte, 2007, aus: wikipedia.org, CC BY 2.0)

Vom jüdischen Friedhof gibt es heute keinerlei Spuren mehr; an dessen Stelle befindet sich eine Grünfläche.

Ehem. jüdisches Friedhofsgelände (Aufn. shabbat-goy.com) http://www.shabbat-goy.com/wp-content/gallery/strzelce-opolskie-kirkut/the-jewish-cemetery-of-strzelce-opolskie-3.jpg

 

 

 

 Leschnitz (poln. Leśnica, derzeit ca. 2.700 Einw.) – am Fuße des St. Annaberges südlich von Groß Strehlitz gelegen - besaß wie die allermeisten Kleinstädte Oberschlesiens nur eine geringe Anzahl jüdischer Bewohner. Da sie deshalb keine eigene Gemeinde bilden konnten, hatten sie sich der jüdischen Gemeinde in Groß Strehlitz angeschlossen.

Bis heute ist am Ortsrand von Leschnitz das kleinflächige jüdische Friedhofsgelände erhalten; allerdings ist das Areal - mit Gräbern aus den Jahren 1841 bis 1933 - verwahrlost, die meisten Grabsteine sind umgeworfen.

Jüdischer Friedhof in Leśnica (Aufn. Tomasz Wasilewski, aus: kirkuty.xip.pl)

Zu den bekanntesten Söhnen der Kleinstadt gehörte Falk Valentin Grünfeld (geb. 1837, gest. 1897 in San Remo), der aus ärmlichen Verhältnissen stammte und eine Ausbildung zum Textilkaufmann machte. 1862 begründete er in Landeshut die „Landeshuter Leinen u. Gebildweberei F. V. Grünfeld“, mit der er erfolgreich expandierte, indem er durch Vergabe von Heimarbeit in den Dörfern der Umgebung seine Produktion steigerte.

http://www.ak-landeshut.de/wp-content/uploads/2016/02/Werbung-03.jpgAls erste große Postversand-Firma wurde diese in Deutschland weithin bekannt. 25 Jahre später eröffnete er eine Filiale in Berlin, die seine Söhne ausbauten und aus der in den 1920er Jahren eines der bedeutendsten Kaufhäuser ("Leinenhaus Grünfeld" am Kurfürstendamm) hervorgehen sollte. 1938 wurden die Erben enteignet und zur Flucht aus Deutschland gezwungen. Falk Valentin Grünfeld starb 1897 in San Remo/Italien

 

 

 

In Tost (poln. Toszek, derzeit ca. 3.500 Einw.) - einer Landgemeinde ca. 20 Kilometer südöstlich von Groß Strehlitz - gab es eine kleine jüdische Gemeinde, deren Synagoge aus dem 19.Jahrhundert sich am Rande der Altstadt befand. Während des Novemberpogroms wurde drei Geschäfte jüdischer Eigentümer verwüstet; die Synagoge in Brand gesetzt. In den 1960er Jahren wurde die Brandruine niedergelegt und auf dem freigewordenen Gelände ein Wohngebäude errichtet. Seit 2012 erinnert hier eine Gedenktafel an die ehemalige Synagoge; die deutsche Übersetzung der Inschrift lautet: “An diesem Ort befand sich in den Jahren 1836 – 1938 eine Synagoge ✡ Zerstört durch die nationalsozialistischen Deutschen während der Kristallnacht am 9./10. Nov. 1938. - Zum Gedenken der Toster Juden - Tost am 9. Nov. 2012".

Auf dem kleinen, von Vegetation eingenommenen jüdischen Friedhof haben sich noch acht Grabsteine erhalten.

 Aufn. Tomasz Górny, 2012, aus;: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

 

Weitere Informationen:

Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens. Entstehung und Geschichte, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1972

Fr.-Carl Schultze-Rhonhof, Geschichte der Juden in Schlesien im 19. u. 20.Jahrhundert, in: "Schlesische Kulturpflege - Schriftenreihe der Stiftung Schlesien", Band 5, Hannover 1995

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1, S. 462/463

Jerzy Woronczak, Żydzi w Leśnicy, in: Albert Lipnicki (Hrg.), Osiem wieków ziemi leśnickiej, Wroclaw 2002, S. 383 - 414

Johannes Czakai, Oberschlesisches Landjudentum. Zum jüdischen Leben in Oberschlesien am Beispiel von Leschnitz im 18. und frühen 19. Jahrhundert, in: "Schlesische Geschichtsblätter. Zeitschrift für Regionalgeschichte Schlesiens", Heft 3/2010, S. 73 - 90

Strzelce Opolskie, in: sztetl.org.pl

Leśnica, in: kirkuty.xip.pl

Beata u. Pawel Pomykalscy (Bearb.),  Auf den Spuren der Juden Oberschlesiens, hrg. vom “Haus der Erinnerung an die Juden Oberschlesiens”, Gliwice/Gleiwitz 2019