Guttentag (Oberschlesien)

 Der mit Magdeburger Stadtrecht ausgestattete Ort (1384) – der Name „Guttentag“ tauchte erst im Laufe des 17.Jahrhunderts auf – kam während des Schlesischen Krieges 1742 unter preußische Herrschaft.

Im ca. 35 Kilometer östlich von Oppeln bzw. westlich von Czenstochau gelegenen Guttentag (poln. Dobrodzień) gab es vermutlich seit dem beginnenden 18.Jahrhundert eine sich bildende israelitische Gemeinde. Die Ansiedlung jüdischer Familie war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Kaiser Karl VI. im Jahre 1713 ein Toleranzpatent erlassen hatte, das eine Niederlassung von Juden in Schlesien erlaubte – vorausgesetzt, sie hatten die „Toleranzsteuer“ bezahlt. Die ersten in Guttentag ansässig gewordenen Familien lebten nahe des grundherrschaftlichen Schlosses.

Ende des 18.Jahrhunderts gehörten der jüdischen Gemeinde mehr als 120 Personen an. Kleinhandel, Handwerk und auch Landwirtschaft bestimmten das berufliche Dasein der hiesigen Familien. In den 1850/1860er Jahren erreichte die Zahl der Juden in Guttentag fast 300 Personen. Zu dieser Zeit besaß die Gemeinde ihre neue Synagoge am Ring/Groß Strehlitzer Straße (heutige Bahnhofstraße) – eingeweiht 1851 -, die ein bei einem großen Stadtbrand (1846) vernichtetes älteres Gotteshaus (es war um 1780 errichtet worden) ersetzte. Die vom Feuer geretteten Thorarollen bildeten dann den Grundstock der rituellen Gerätschaften im Synagogenneubau.

Anfang der 1860er Jahre gründete die hiesige Judenschaft eine eigene zweiklassige Schule. Etwa zeitgleich wurde ein jüdisches Waisenhaus eröffnet, eine Gründung von Johann Friedländer. Bereits drei Jahrzehnte zuvor hatte man am Ort ein jüdisches Krankenhaus – ganz in der Nähe der Synagoge – eingerichtet; dank der finanziellen Unterstützung eines Bankiers aus Breslau (Michael Schlesinger) konnte es geschaffen und betrieben werden.

Die Anlage des lokalen jüdischen Friedhofs datiert vermutlich gegen Mitte des 18.Jahrhunderts; er befand sich ca. einen Kilometer außerhalb an der Straße nach Lublinitz. In einem winzigen Haus wohnte der Friedhofswärter.

Juden in Guttentag:

--- 1787 ............................ 120 Juden,

--- 1813 ............................ 173   “  ,

--- 1817 ............................ 248   “  ,

--- 1845 ............................ 242   “  (ca. 11% d. Bevölk.),

--- 1861 ............................ 280   “  ,

--- 1896 ............................ 175   “  ,

--- 1905 ........................ ca.  80   “  ,

--- 1925 ........................ ca.  50   “  ,

--- 1933 ............................  38   “  ,

--- 1939 ............................  14   "  . 

Angaben aus: Dobrodzien, in: sztetl.org.pl

                             Guttentag – historische Ansicht um 1910/1920

Mit dem wirtschaftlichen Niedergang in den Jahrzehnten vor 1900 ging die Abwanderung vieler jüdischer Familien einher; innerhalb nur eines Jahrzehnts (1895/1905) halbierte sich die Zahl der Gemeindeangehörigen. 1925 lebten in der Stadt nicht einmal mehr 50 Juden, im Jahre der NS-Machtübernahme waren es nur noch 38 Personen.

Noch vor dem Novemberpogrom war das Synagogengebäude an die städtische Sparkasse veräußert worden (es wurde wenig später abgerissen); das Gebäude der jüdischen Schule hatte ein hiesiger Geschäftsmann (Schuhgeschäft) käuflich erworben. Während der „Reichskristallnacht“ ging das größte Geschäft am Ort - das Geschäft der jüdischen Familie Siedner (am Marktplatz) - in Flammen auf; auch Wohnungen wurden demoliert, einige jüdische Männer festgenommen und ins KZ Buchenwald verbracht.

 image.png Geschäft der Fam. Siedner (Aufn. erhalten von Gad Siedner)

Ende der 1930er Jahre wohnten noch 15 Juden in Guttentag; einige konnten noch emigrieren. Über ihr weiteres Schicksal ist nur wenig bekannt; vermutlich wurden die in der Stadt verbliebenen später in Arbeitslager bzw. in Ghettos im "Generalgouvernement" deportiert.

Während des Zweiten Weltkrieges war der jüdische Friedhof der Zerstörung ausgesetzt: Grabsteine wurden entfernt bzw. auch gestohlen.

Der über Jahrzehnte verfallene jüdische Friedhof wurde seit 2001 dank einer internationalen Initiative – Jugendliche aus Polen, Deutschland und Israel - wieder in einen ansehbaren Zustand versetzt, indem man die überwucherte Fläche von Vegetation befreite und die Grabsteine wieder aufrichtete. Etwa 200 Steine bzw. -fragmente haben die Zeiten überdauert; der älteste stammt aus dem Jahre 1773.

Cmentarz żydowski w Dobrodzieniu12.JPG

Ansicht der jüdischen Friedhofs in Dobrodzień (Aufn. K. Kurzacz, 2007, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Cmentarz żydowski w Dobrodzieniu15.JPG Cmentarz żydowski w Dobrodzieniu49.JPG  Cmentarz żydowski w Dobrodzieniu13.JPG 

 reich ornamentierte Grabsteine (Aufn. Pimke, 2007, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Zahlreiche Grabsteinrelikte wurden an der umgebenden Mauer in einer Art Lapidarium zusammengefügt.

  Vermauerte Grabsteinrelikte (Aufn. Pimke, 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

An der Stelle der einstigen Synagoge befindet sich heute eine kleine Gedenkstätte.

Weitere Informationen:

A. Weltzel, Geschichte der Stadt und Herrschaft Guttentag, Ratibor 1882

Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens. Entstehung und Geschichte, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1972

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1., S. 470/471

Adam Marczewski, Jüdischer Friedhof in Dobrodzien (Guttentag), 2008 (in polnischer Sprache)

Dobrodzien, in: sztetl.org.pl

Ryszard Bielawski (Bearb.), Dobrodzien, in: kirkuty.xip.pl

Monika Dobberstein, Die Familie Eisner - Familiengeschichte aus Guttentag (abrufbar unter: eisner-famliy.de  in deutscher u. englischer Sprache)