Edesheim a.d. Weinstraße (Rheinland-Pfalz)

Edesheim ist heute mit seinen ca. 2.300 Einwohnern ein Teil der Verbandsgemeinde Edenkoben - zwischen Neustadt a.d.Weinstraße (im N) und Landau (im S) gelegen.

Edesheim, ein altes Winzerdorf, gehörte von 1483 bis ca. 1795/1800 zum Fürstbistum Speyer, das in seinem Herrschaftsbereich keine Juden duldete. Trotzdem sollen sich gegen Mitte des 17.Jahrhundert in Edesheim zeitweilig Juden aufgehalten haben; aus den 1770er Jahren ist der Anwesenheit von drei bis vier jüdischen Familien belegt. Unter französischen Herrschaft bildete sich eine kleine jüdische Gemeinde, die aber auch in ihren ‚besten Zeiten’ kaum mehr als 70 Angehörige umfasste. In einem um 1830 angekauften Wohnhause in der heutigen Luitpoldstraße richtete die kleine Gemeinschaft einen Betraum und eine Schule nebst Lehrerwohnung ein; zuvor war eine Betstube im Obergeschoss eines Mühlengebäudes in der heutigen Staatsstraße zu gottesdienstlichen Zusammenkünften genutzt worden.

Um die Jahrhundermitte drohte dem jüdischen Gemeindeleben in Edesheim das Ende, weil der damalige Landauer Bezirksrabbiner Dr. Grünebaum seine Gemeinden durch Reformen neu strukturieren wollte. So sollten alle Gemeinden mit weniger als 15 Familien aufgelöst bzw. mit benachbarten Gemeinden zusammengelegt werden. Zu diesen Bestrebungen hieß es in einem Artikel der Zeitschrift "Jeschurun" (Ausg. Mai 1855): "Die Gemeinde Edesheim zählt 14 Familien, besitzt eine Synagoge mit 4 Gesetzrollen, in welcher bis jetzt der Gottesdienst am Sabbath wie an den Wochentagen ohne Unterbrechung stattgefunden. Sie hatte auch bisher einen Lehrer, der zugleich das Vorsänger- und Schächter-Amt versah und dessen Einkommen sich auf 300 Gulden belief. Seit einigen Monaten ist die Synagoge geschlossen, der Lehrer, Vorsänger und Schächter fortgewiesen, und so die Gemeinde aller Anstalten beraubt, deren sie für die Erfüllung ihrer religiösen Pflichten bedarf. Und durch wen? Durch denselben Mann, dessen Fürsorge die Gemeinde mit ihren religiösen Anstalten überwiesen ist! Der Rabbiner zu Landau, zu dessen Sprengel die Gemeinde gehört, huldigt der neuen Richtung, die Gemeinde ist noch streng religiös, daher entstand eine Mißstimmung, ... Die Synagoge ward auf seinen Befehl geschlossen, die Gemeinde zur Synagoge Edenkoben gewiesen, und soll die Kosten des dortigen Kultus mittragen, wo die neuere Richtung bereits durch Orgel und Gebetabänderung Boden gefunden; der Lehrer, Vorsänger und Schächter aber bei Strafe der Ausweisung und der Kabala-Entziehung nach Kirrweiler versetzt. ...“

Die Edesheimer Gemeinde konnte sich gegen diese Bestrebungen erfolgreich wehren und führte ihr gemeindliches Leben fort. Erst Jahrzehnte später gab die Gemeinde wegen Rückgangs ihrer Angehörigen ihr Eigenleben auf.

Da der Schulbetrieb auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden konnte, besuchten die Kinder ab ca. 1890/1900 zunächst die jüdische Elementarschule im benachbarten Edenkoben, danach die katholische Volksschule am Heimatort; nur Religions- und Hebräischunterricht wurde in Edenkoben erteilt.

Verstorbene Edesheimer Juden fanden ihre letzte Ruhe auf dem heute noch bestehenden jüdischen Friedhof im benachbarten Essingen.

Juden in Edesheim:

         --- um 1775 .......................  4 jüdische Familien,

    --- 1785 ..........................  3     “       “    ,

    --- 1801 .......................... 17 Juden,

    --- 1808 .......................... 30   “  ,

    --- 1823/25 ....................... 41   “  ,

    --- 1836 .......................... 43   “  ,

    --- 1848 .......................... 67   “   (in 16 Familien),

    --- 1875 .......................... 67   “  ,

    --- 1900 .......................... 33   “  ,*   * andere Angabe: 53 Pers.

    --- 1932 ..........................  7   “  ,

    --- 1939 ..........................  5   "  .

Angaben aus: Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels, S. 143

Ludwigsstraße in Edesheim, hist. Aufn. um 1940 (aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die Juden in Edesheim waren Metzger/Viehhändler sowie im Weinhandel und Hausierhandel tätig. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Zahl der Gemeindeangehörigen derart verringt, dass sich die gemeindlichen Strukturen auflösten und die wenigen noch verbliebenen Juden die Synagoge in Edenkoben aufsuchen mussten; die Edesheimer Synagoge wurde geschlossen und das Gebäude Anfang der 1930er Jahre verkauft.

Während der NS-Zeit soll es in Edesheim zu keinen nennenswerten antijüdischen ‚Aktionen’ gekommen sein; im Dorf lebten kaum noch jüdische Bewohner. Das profanierte Synagogengebäude überstand die „Kristallnacht“ ohne Schäden.

Etwa 15 gebürtige bzw. länger am Ort wohnhaft gewesene Juden Edesheims wurden Opfer der Shoa.

Das einstige Synagogengebäude hat die Zeiten überdauert und diente inzwischen verschiedensten Zwecken, u.a. auch als Nachtlokal.

[vgl. Edenkoben (Rheinland-Pfalz)]

Weitere Informationen:

Peter Braun, Aus der Geschichte des Dorfes Edesheim, in: Edesheim - Festbuch anläßlich der 1200-Jahrfeier der Gemeinde Edesheim, Edenkoben 1956

Hermann Arnold, Juden in der Pfalz - Vom Leben pfälzischer Juden, Pfälzische Verlagsanstalt, Landau 1986

Joseph Freiermuth, Die Judenschule in Edesheim, in: Heimat-Jahrbuch Landkreis Südliche Weinstraße 8/1986, S. 131 ff.

K. Fücks/M. Jäger, Synagogen der Pfälzer Juden. Vom Untergang ihrer Gotteshäuser und Gemeinden, o.O. 1988, S. 71/72

Alfred Hans Kuby (Hrg.), Pfälzisches Judentum gestern und heute. Beiträge zur Regionalgeschichte des 19./20.Jahrhunderts, Verlag Pfälzische Post, Neustadt a.d.Weinstraße 1992

Bernhard Kukatzki, Der alte jüdische Friedhof in Essingen, in: SACHOR - Beiträge zur jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, Heft 7 (2/1994)

Edesheim, in: alemannia-judaica.de

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 143

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 64