Eltville/Rhein (Hessen)

Datei:Eltville am Rhein in RÜD.svg Mit derzeit knapp 18.000 Einwohnern ist Eltville heute die größte Stadt im Rheingau – nur wenige Kilometer von Wiesbaden rheinabwärts gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Elfeldt (Merian).jpg

Ansicht von Elfeldt/Eltville – Stich M. Merian, um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Schon vor der Stadterhebung (1331) sollen in Eltville wenige jüdische Bewohner gelebt haben. Nach dem Pestpogrom sind Juden 1354, 1356 und 1384 in Eltville zugezogen; sie waren dem Mainzer Erzbischof schutzgeldpflichtig. Verstorbene wurden auf dem Mainzer Friedhof begraben. Sichere Belege über eine dauerhafte Ansässigkeit von Juden in Eltville finden sich erst wieder zu Beginn des 17.Jahrhunderts; dabei handelte es sich aber stets nur um wenige Familien. Zusammen mit den Juden der Nachbarorte Erbach, Hattenheim, Kiedrich, Neudorf, Oestrich und Rauenthal bildeten sie eine Kultusgemeinde. Ein Betraum bestand seit ca. 1780 im Hause der jüdischen Familie Enoch Abraham. Zu Beginn der 1830er Jahren wurde in der Holzgasse, der späteren Schwalbacher Straße, ein Haus erworben und darin eine Synagoge eingerichtet, die fast 80 Personen Platz bot. Weil jüdische Familien aus Nachbarorten eigene Beträume unterhielten, wurde die Eltviller Synagoge nur selten genutzt.

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1970 - J. Hahn, 2008)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20212/Eltville%20Synagoge%20141.jpg

Die wenigen jüdischen Kinder erhielten religiöse Unterweisung zumeist von einem „Wanderlehrer“ aus Schierstein.

  Stellenangebot  aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 12.Febr.1920

Verstorbenen Gemeindemitglieder fanden zumeist ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof in der Gemarkung Oestrich; um 1895 wurde eine kleine Begräbnisstätte an der Schwalbacher Straße in Eltville angelegt. 

Die Kultusgemeinde Eltville unterstand dem Rabbinat Wiesbaden.

Juden in Eltville:

        --- 1627 ...........................  2 jüdische Familien,

    --- 1691 ...........................  4     “       “    ,

    --- 1718 ...........................  4     “       “    ,

    --- 1824 ........................... 13     “       “    ,*

    --- 1841 ........................... 18     “       “    ,*

    --- 1865 ........................... 17     “       “    ,*

    --- 1885 ........................... 51 Juden,

    --- 1900 ........................... 49   “  ,

    --- 1924 ........................... 48   “  ,

    --- 1933 ........................... 37   “  ,

    --- 1939 ...........................  6   “  ,

    --- 1942 ...........................  keine.             * gesamte Kultusgemeinde

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 157

Ansicht von Eltville, 1862 Ansicht von Eltville um 1860 (Abb. aus: lagis-hessen.de)

Die ökonomische Situation der Eltviller Juden - sie waren meist Händler und Handwerker - kann um 1900 als insgesamt gut bezeichnet werden.

Anlässlich des 100jährigen Bestehens der Synagoge erschien im „Rheingauer Bürgerfreund“ am 7.September 1938 die folgende Kurzmitteilung:

Israelische Gemeinde feiert 100 jähriges Bestehen der Synagoge   ... Sie wurde 1831 erworben und zweckentsprechend umgebaut ... Es wurde seit Jahrzehnten an einen Neubau gedacht, aber in Anbetracht der schlechten Verhältnisse davon abgesehen. Die Synagoge wurde jetzt renoviert. Die Eröffnungs- und Begrüßungsrede hielt Lehrer Katzenstein aus Wiesbaden-Schierstein – die Festrede der Bezirksrabbiner Dr. Lazarus aus Wiesbaden. Es wurde eine Tafel für die für das Vaterland Gefallenen enthüllt. ...

Schon vor der NS-Machtübernahme wanderten zunehmend Juden in und um Eltville ab; bereits zu diesem Zeitpunkt zeichneten sich Auflösungstendenzen in der Gemeinde ab.Zwar wurde in den 1930er Jahren noch die Synagogen renoviert, doch das Ende der Gemeinde war nicht mehr aufzuhalten: Einige Familien emigrierten, andere zogen nach Wiesbaden bzw. Frankfurt/Main.

Während des Pogroms im November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge demoliert; das Gebäude wurde an einen Privatmann verkauft und später zu einem Ladengeschäft umgebaut. Wenige, zumeist ältere jüdische Bewohner wurden direkt von Eltville „in den Osten“ deportiert. Nachweislich sind 20 gebürtige bzw. längere Zeit in Eltville lebende Bürger mosaischen Glaubens Opfer des Holocaust geworden.

Auf dem jüdischen Begräbnisgelände beim kommunalen Friedhof (Schwalbacher Straße) findet man heute ca. 30 Grabsteine.

Aufn. Marion Halft, 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20171/Eltville%20Synagoge%20170.jpg Diese Inschriftentafel ist am Gebäude der ehemaligen Synagoge angebracht. Eine Gedenktafel bzw. einen Gedenkstein für die während der NS-Zeit verfolgten und ermordeten jüdischen Bewohner gibt es in Eltville nicht.

Nach einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung wurden auch in Eltville sog. „Stolpersteine“ verlegt: im Herbst 2018 fanden an fünf Standorten in der Eltviller Altstadt bzw. im Stadtteil Erbach insgesamt 18 Steine ihren Platz im Gehwegpflaster. Weitere Verlegungen sind geplant.

 

In Oestrich-Winkel bildete sich im ausgehenden 18.Jahrhundert eine kleine israelitische Gemeinde, die zeitweilig mehr Angehörige als die von Eltville besaß; um 1900 waren es knapp 40 Personen. Frucht-, Wein- und Viehhandel bildeten die Lebensgrundlage der hier lebenden jüdischen Familien. Ein Betraum mit Schulzimmer - eingerichtet um 1845 - und ein Friedhofsareal zählten zu den gemeindlichen Einrichtungen; diese Begräbnisstätte – nördlich von Oestrich inmitten der Weinberge gelegen – bestand bereits seit den 1670er Jahren – sie ist damit die älteste ihrer Art im Rheingau – und wurde von zahlreichen Gemeinden der Umgebung genutzt. Auf dem fast 5.000 m² großen Begräbnisgelände stehen heute noch ca. 145 Grabsteine, die teils hebräische, teils deutsche Inschriften tragen.

 

Jüdischer Friedhofs in Oestrich (Aufn. M. Halft, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit Ende der 1920er Jahre besaßen die Oestricher Juden eine Synagoge in einer angemieteten Scheune in der Hallgartener Straße; doch wurde diese wegen Wegzuges einiger Familien bald aufgegeben und durch einen Betraum in einem Privathaus ersetzt. 

Anfang der 1930er Jahre lebten noch ca. 25 jüdische Personen am Ort. Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Betraum in der Kranenstraße von SA-Angehörigen geschändet; auch Geschäfts- und Wohnräume wurden demoliert. Acht gebürtige bzw. längere Zeit in Oestrich lebende Juden wurden Opfer der „Endlösung“. 

In Oestrich-Winkel erinnern seit 2013/2014 zahlreiche sog. „Stolpersteine“ an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus; gegenwärtig findet man 37 verlegte Steine (Stand 2016).

vgl. Oestrich-Winkel (Hessen)

 

In Kiedrich wurden 2010 drei sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an die Familie des jüdischen Kaufmanns, Gutsbesitzers und Schriftstellers Gerson Stern (geb. 1874 in Holzminden) erinnern. Unter dem Druck des NS-Regimes verließ Gerson Stern mit seiner Familie 1937 Kiedrich und emigrierte zwei Jahre später nach Palästina. Sein Roman „Weg ohne Ende“ ist ein bedeutender Beitrag zur lange übersehenen deutsch-jüdischen Literatur zwischen 1933 und 1939.

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 207/208 und Band III/1, Tübingen 1987, S. 298 - 300

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 157 f.

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 48

Eltville mit Hattenheim und Kiedrich, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Oestrich-Winkel, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Walter Hell, Die Juden Oestrich-Winkels in herzoglich-nassauischer Zeit (1806-1866), Ausscheller No. 36/Febr. 2006 

Thea Altaras, Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen – Was geschah seit 1945?, Königstein im Taunus, 2007, S. 368

Walter Hell, Die Juden von Winkel und ihr Schicksal im Dritten Reich - Aufsatz (online abrufbar)

Helga Simon, Eltville – Eine Stadt am Rhein und ihre Geschichte(n), Selbstverlag 2011

Jürgen Eisenbach/Walter Hell (Bearb.), Jüdisches Leben in Oestrich-Winkel, Ausstellung 2013

Barbara Dietel (Red.), Erste „Stolpersteine“ wurden in Oesterich-Winkel und -Mittelheim verlegt, in: „Wiesbadener Kurier“ vom 29.8.2013

Friedrich Voit, Gerson Stern. Zum Leben und Werk des jüdisch-deutschen Schriftstellers (1874-1956), Verlag de Gruyter, Berlin/Boston 2013

Barbara Dietel (Red.), Letzter Stolperstein in Oestrich-Winkel erinnert an Alice Brehm, in: „Wiesbadener Kurier“ vom 15.3.2016

Barbara Dietel (Red.), Jüdischer Friedhof in Oestrich soll mehr ins Bewusstsein gerückt werden, in: „Wiesbadener Kurier“ vom 25.11.2016

Andrea Schüller (Red.), Wer erinnert sich an jüdische Nachbarn? - Kommune Eltville a.Rh., Pressemeldung Eltville am Rhein vom 25.8.2017 (betr. mögliche Verlegung von Stolpersteinen)

N.N. (Red.), Eltville sucht Paten für Stolpersteine, in: "Wiesbadener Kurier" vom 13.12.2017

Andrea Schüller (Red.), In Eltville werden Stolpersteine verlegt: Spender gesucht, in: Pressemeldung Eltville am Rhein vom 14.8.2018

Andrea Schüller (Red.), In Eltville und Erbach werden Stolpersteine verlegt: 24.Oktober, in: Pressemeldung Eltville am Rhein vom 17.10.2018