Emmerich/Rhein (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Emmerich am Rhein in KLE.svg Emmerich – am rechten Ufer des Rheins gelegen - ist heute eine Mittelstadt mit ca. 30.000 Einwohnern im Kreis Kleve (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Mitte des 14.Jahrhunderts sind erstmals einige jüdische Familien im niederrheinischen Emmerich urkundlich nachgewiesen.

Emmerich um 1650 (aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Während des Dreißigjährigen Krieges bildete sich in Emmerich eine jüdische Gemeinde; aus dieser Zeit stammte auch ein Friedhof, der zwischen Stadtmauer und -graben lag. Dieses Gelände diente den Emmericher und auch den Klever Juden 200 Jahre lang als Bestattungsstätte. Aus städtebaulichen Gründen musste dieser Platz dann aufgelassen werden. 1825 wurde der neue Friedhof an der Wassenbergstraße angelegt, der etwa 100 Jahre in Benutzung war; anschließend erhielt die jüdische Gemeinde auf dem kommunalen Friedhof am Hasenberg eine neue Parzelle zugewiesen.

Die Emmericher Juden lebten im 18. Jahrhundert vor allem vom Klein-, Vieh- und Pferdehandel. Bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts waren die Emmericher Juden zumeist verarmt; erst danach ging es ihnen zunehmend wirtschaftlich besser; gegen Ende des Jahrhunderts zählten die Juden in Emmerich zum bürgerlichen Mittelstand.

Eine eigenständige Synagogengemeinde bildete sich in Emmerich aber erst um das Jahr 1900; zuvor gehörten sie als Filialgemeinde zum größeren Synagogenbezirk Rees. Ihren ersten Betraum besaßen die Emmericher Juden bereits im 17.Jahrhundert in der Hottomannstraße; vermutlich war das Gebäude eine Stiftung der wohlhabenden Familie Elias Gompertz. Das Synagogengebäude wurde dann 1812 grundlegend renoviert.

 Seitenfront des Synagogengebäudes (aus: WAZ)

Wenige Jahre nach der Renovierung erfolgte der Anbau eines kleinen Schulhauses, in dem zunächst nur Religionsunterricht erteilt wurde. Als die jüdische Bevölkerungszahl in Emmerich aber anstieg, wurde die Religionsschule in eine öffentliche Elementarschule umgewandelt. Da die begrenzten Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten, entschloss sich die jüdische Gemeinde zum Neubau eines Schulhauses auf einem benachbarten Grundstück. Doch als schon bald die Schülerzahlen drastisch sanken, verlor die nun einklassig geführte Schule immer mehr an Bedeutung; 1934 wurde sie geschlossen.

Um 1910 setzte sich in Emmerich innerhalb der Gemeinde die liberal-religiöse Richtung durch - ein Verdienst des damaligen Kantors und Lehrers Siegmund Lilienfeld; das zeigte u.a. darin, dass in der Synagoge nun nicht ehr streng nach Geschlechtern getrennt und ein Harmonium gespielt wurde.

Juden in Emmerich:

        --- um 1660 ........................   5 jüdische Familien,

    --- um 1690 ........................   5     “       “    ,

    --- um 1730 ........................  12     “       “    ,

    --- 1765 ...........................  11     “       “    ,

    --- 1801 ...........................  35 Juden,

    --- 1816 ...........................  87   “  ,

    --- 1854 ........................... 102   “  ,

    --- 1861 ........................... 120   “  ,

    --- 1880 ........................... 158   “  ,

    --- 1893/94 ........................ 180   “  (in 30 Familien),

    --- 1905 ........................... 141   “  ,

    --- 1925 ...........................  97   “  ,

    --- 1932 ...........................  95   “  ,

    --- 1936 ....................... ca.  70   “  ,

    --- 1938 (Okt.) ....................  46   “  ,

    --- 1939 ...........................  37   “  ,

    --- 1942 (Mai) .....................   8   “  ,

             (Aug.) ....................   keine.

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Reg.bez. Düsseldorf S. 315

und                 M.Brocke/C.Pelzer/H.Schüürmann (Hrg.), Juden in Emmerich

Die Integration der jüdischen Minderheit in die kleinstädtische Gesellschaft Emmerichs war um die Jahrhundertwende weitestgehend gelungen; dies bewiesen u.a. Mitgliedschaften Emmericher Juden in verschiedenen lokalen Vereinen.

1933 gab es in Emmerich neben je drei Handwerkerbetrieben und Großhandelsgeschäften zwölf jüdische Einzelwarengeschäfte und ebenso viele Viehhandlungen mit Metzgereien. Dass in den Anfangsjahren der NS-Diktatur zunächst nur wenige Juden Emmerich verließen, mag auch an ihrer Einbindung in das hiesige gesellschaftliche Leben gelegen haben. Doch nach 1935/1936 wanderten Familien vermehrt ab, ihrer wirtschaftlichen Grundlagen beraubt und durch Schikanen der NS-Behörden und Hetzpropaganda verängstigt. Ende August 1938 gab es in Emmerich nur noch sechs jüdische Gewerbebetriebe.

Während der Pogromnacht blieb die Emmericher Synagoge von einer Brandlegung bzw. Zerstörung verschont, da diese sich bereits nicht mehr im Besitz der jüdischen Gemeinde befand. Der letzte Gottesdienst hatte Mitte August 1938 hier noch stattgefunden; unmittelbar danach war das Synagogengebäude verkauft worden. (Anm.: Bis zu seiner Zerstörung durch einen Bombenangriff im Herbst 1944 wurde das ehem. Synagogengebäude als Lagerraum genutzt; Anfang der 1950er Jahre wurden die Trümmer weggeräumt. Auf dem Gelände stehen heute Wohnhäuser.)

Auswärtige SA-Angehörige (vermutlich aus Wesel) sollen in den Novembertagen 1938 durch die Straßen Emmerichs gezogen sein und Fenster und Türen jüdischer Wohnungen zerschlagen und Mobiliar zerstört haben. Den Höhepunkt erreichten die antijüdischen Ausschreitungen, als in das Geschäft Leffmann eingedrungen, Inventar und Waren auf die Straßen geworfen und das Warenlager in Brand gesetzt wurde. Alle jüdischen Bewohner Emmerich wurden zur Polizeistation getrieben, einige Männer danach ins KZ Dachau verschleppt. Bis Ende 1938 waren alle jüdischen Geschäfte liquidiert bzw. „arisiert“. Bei Kriegsbeginn lebten in Emmerich nur noch sehr wenige jüdische Bürger, die in zwei „Judenhäusern“ in der Hottomannstraße und in der Agnetenstraße untergebracht waren; die freigewordenen Wohnungen wurden beschlagnahmt. - Die letzten in Emmerich verbliebenen jüdischen Bewohner wurden Ende Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, nachdem bereits im Dezember 1941 16 Menschen ins Ghetto Riga „umgesiedelt“ worden waren. Insgesamt fielen 42 Emmericher Juden dem Rassenwahn zum Opfer.

Bei einem Prozess vor dem Klever Schwurgericht (1950), der die Vorgänge der Novemberausschreitungen von 1938 aufarbeiten sollte, wurden sehr milde Urteile gesprochen: Nur zwei Täter – fast alle Tatbeteeeiligten stammten aus Emmerich – wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Freiheitsberaubung zu Haftstrafen verurteilt; alle anderen wurden freigesprochen.

Eine Gedenktafel erinnert heute an die einstige Synagoge Emmerichs in der Hottomannstraße, der heutigen Willibrordstraße; das Gebäude wurde 1944 durch einen Bombenangriff zerstört.

Der jüdische Friedhof an der Wassenbergstraße – belegt von 1826 bis 1928 – weist heute noch ca. 80 Grabsteine auf. Auf dem kommunalen Emmericher Friedhof findet man auch noch weitere Gräber jüdischer Verstorbener.

Jüdischer Friedhof Wassenbergstr. (Aufn. P., 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

1985 wurde auf dem Ehrenfriedhof an der Friedensstraße ein Gedenkstein errichtet, der folgende Inschrift trägt:

Zur Erinnerung an die Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung

unserer jüdischen Mitbürger

1933 - 1945

(Hebräische Inschrift)

Unser Vater, unser König, war haben gesündigt vor Dir.

Morgengebet am Versöhnungstag

Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.

In Emmerich wurden auf Initiative der Bürgeraktion PRO Kultur im Frühjahr 2011 die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen findet man im Gehwegpflaster vor den einstigen Wohnsitzen der jüdischen Familien ca. 100 dieser kleinen Namens-Quader (Stand: 2018).

"Stolpersteine" (Aufn. Stadt Emmerich)

Weitere Informationen:

Leo Gies, Die Juden in Emmerich, in: Kalender für das Klever Land 1979

Herbert Schüürmann, Friedhöfe der jüdischen Gemeinde Emmerich am Mühlenweg 1922 - 1943, Emmerich 1983

Hannelore Künzl, Die Synagoge zu Emmerich von 1812, in: Trumah 1/1987, S. 213 ff.

Herbert Schüürmann, Das Leben und Schicksal der jüdischen Familien in Emmerich, Emmerich 1987 (Maschinenmanuskript)

Cläre Pelzer, Jüdisches Leben in Emmerich, in: M.Brocke/C.Pelzer/H.Schüürmann (Hrg.), Juden in Emmerich, Emmericher Forschungen Band 12/1993, Verlag des Emmericher Geschichtsvereins, Emmerich 1993 (Anm.: Detaillierte Darstellung)

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 150 - 152

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, J.P.Bachem Verlag, Köln 2000, S. 314 - 321

M.Brocke/Chr. Müller, Haus des Lebens - Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 175/176

Norbert Kohnen (Red.), Erfolg der Aktion „Paten für Stolpersteine“, in: NRZ vom 13.10.2011

Denkmal – Stolpersteine gegen das Vergessen (Broschüre), 2012

Norbert Kohnen (Red.), Am Ende milde Urteile, in: WAZ vom 9.11.2013

Norbert Kohnen (Red.), Premiere: Stolpersteine leuchteten in Emmerich, in: WAZ vom 10.11.2016

Auflistung der in Emmerich verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Emmerich_am_Rhein