Eppingen (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Eppingen baden-württemberg postleitzahl Karte Eppingen – eine Kleinstadt mit derzeit ca. 22.000 Einwohnern – im Herzen des Kraichgaus – liegt etwa 20 Kilometer westlich von Heilbronn bzw. ca. 40 Kilometer nordöstlich von Karlsruhe (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

In der Stadt Eppingen existierte bereits im Mittelalter eine kleine jüdische Gemeinde, die während der Pestpogrome von 1348/1349 weitgehend vernichtet wurde. Danach wechselten sich die Erlaubnis zur Ansiedlung und Vertreibung immer wieder ab; entscheidend war jeweils die Haltung des regierenden pfälzischen Kurfürsten. Während des 16.Jahrhunderts lebten vermutlich wieder zwei jüdische Familien in Eppingen, die für gewisse Zeit unter dem Schutz des pfälzischen Kurfürsten standen.

Ansicht von Eppingen, Stich M. Merian um 1645 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst zu Beginn des 18.Jahrhunderts ließen die Regenten zu, dass sich weitere jüdische Familien in Eppingen ansiedeln konnten; seitdem stieg die Anzahl der Juden rasch an. Gottesdienste hielt die Eppinger Judenschaft zunächst in einem Hause in der Fleischgasse, danach in einem anderen Privathause ab. Über der aus dem 16. Jahrhundert stammende Mikwe („Jordanbad“) in der Kettengasse - mit Grundwasser der nahe gelegenen Elsenz gespeist - wurde 1731 ein Gebäude errichtet, das dann ab 1772 als Synagoge diente. Am Haus der Alten Synagoge ist ein Hochzeitsstein angebracht. Im Nachbargebäude befand sich eine Mazzenbäckerei.

  Ehem. Altes Synagogengebäude (Aufn. P. Schmelzle, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Für die nach 1800 rasch wachsende jüdische Gemeinde wurde 1873 die große, im neoromanischen Stile errichtete Synagoge an der Kaiserstraße vom Bezirksrabbiner Dr. Hillel Sondheimer feierlich eingeweiht; sie war von zwei minarettartigen Türmen flankiert.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2080/Eppingen%20Synagoge%20180.jpg 

Neue Synagoge von Eppingen (Postkartenausschnitt und hist. Aufn., um 1900, aus: wikipedia.org, CCO)

Zum damaligen Zeitpunkt war die Zahl der Gemeindemitglieder bereits rückläufig. Ein Höhepunkt in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Eppingens war der Besuch der Landesfürstin im Frühjahr 1891; darüber berichtete die Zeitschrift „Der Israelit“ vom 9.4.1891 wie folgt:

Eppingen, 5. April. Unsere allgeliebte Landesfürstin, Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin von Baden, durch das Blut der Verwandtschaft mit unserem hohen kaiserlichen Hause nahestehend verbunden, hat anläßlich des Aufenthalts bei einer hier stattgefundenen Ausstellung weiblicher Schulhandarbeiten, verschiedene öffentliche Gebäude, darunter auch die Synagoge besucht und sich nach den Gemeinde- und Synagogenverhältnissen genauestens erkundigt. Durch diesen hohen Besuch der Synagoge unserer kleinen israelitischen Gemeinde fühlt sich unsere Gemeinde mit Recht sehr geehrt. Das edle Herz unserer erlauchten Landesmutter an der Seite eines allgeliebten Landesvaters umfasst alle Kinder des Landes in gleicher Weise ohne Unterschied des Standes und Glaubens.

Religiöse Aufgaben der Gemeinde besorgte ein angestellter Lehrer. Im 19. Jahrhundert prägten vor allem zwei Lehrer das Gemeindeleben, nämlich zum einen Ezechiel Schlesinger (er war in Eppingen 45 Jahre lang tätig) und zum anderen Elias Eichstetter, der von 1873 bis 1903 hier seinen Wirkungskreis hatte.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20303/Eppingen%20Israelit%2011051903.jpg Stellenangebot für einen Religionslehrer für Eppingen (1903)

1825 oder Mitte der 1830er Jahre wurde in Eppingen auch eine jüdische Elementarschule eingerichtet. Als mit der Abwanderung auch die Zahl der jüdischen Kinder stark abnahm, wurde die Schule im Jahre 1868 geschlossen. Danach gab es in Eppingen nur noch eine Religionsschule.

Ihre verstorbenen Angehörigen bestatteten die Eppinger Juden zunächst auf dem Friedhof in Worms, danach in Oberöwisheim bzw. Heinsheim. Ab ca. 1820 nutzte dann die israelitische Gemeinde eine eigene Begräbnisstätte auf einer Anhöhe außerhalb des Ortes, dem Großen Hellberg. Der Eppinger Friedhof diente auch anderen jüdischen Gemeinden des nahen Umlandes als Verbandsfriedhof.

Die wenigen jüdischen Bewohner des Nachbarortes Mühlbach gehörten ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts als Filialgemeinde zu Eppingen.

Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Bretten.

Juden in Eppingen:

        --- 1705 ..........................    4 jüdische Familien,

    --- 1722 ..........................    9     “       “    ,

    --- 1736 ..........................   10     “       “    (54 Pers.),

    --- 1771 ..........................   13     “       “    ,

    --- 1797 ..........................   16     “       “    ,

    --- 1825 ..........................  187 Juden (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- um 1845 ................... ca.  220   “  ,

    --- 1864 ..........................  181   “  ,

    --- 1875 ..........................  147   “   (4,5% d. Bevölk.),

    --- 1889 ..........................  151   “  ,

    --- 1900 ..........................  124   “  ,

--- 1910 ..........................   91   “   (2,7% d. Bevölk.),

--- 1925 ..........................   71   “  ,

    --- 1933 ..........................   60   “  ,

    --- 1938 ..........................   34   “  ,

    --- 1941 ..........................    2   “  .

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, ..., S. 79

Die Juden Eppingens waren unter der christlichen Bevölkerungsmehrheit nicht immer wohl gelitten, wie gewalttätige Ausschreitungen 1830/1831 belegen. Ein nichtiger Anlass führte dazu, dass sich „einige Haufen Pursche“ zusammenrotteten und gegen jüdische Behausungen und ihre Bewohner gewaltsam vorgingen; erst städtische Machtorgane konnten die Exzesse gegen die jüdischen Einwohner beenden. Nach Erlass des badischen Emanzipationsedikts wanderten ab den 1860er Jahren Eppinger Juden in größere Städte wie Mannheim, Karlsruhe, Heidelberg und Heilbronn ab. Der in der Region um Eppingen betriebene Vieh- und Pferdehandel lag 1900/1930 ausschließlich in den Händen jüdischer Unternehmer; zwei jüdische Familien waren im Tabakhandel engagiert.

Angebote für Lehrstellen in Betrieben jüdischer Eigentümer (1900/1903)

Nach der NS-Machtübernahme verließen bis 1938 die allermeisten Juden Eppingen; die eine Hälfte ging in die Emigration, die andere übersiedelte zumeist nach Karlsruhe.  

                                              Anzeige vom Juni 1937

In den Novembertagen des Jahres 1938 wurde die Synagoge an der Kaiserstraße (heutige Ludwig-Zorn-Straße) schwer beschädigt und in Brand gesteckt; dabei war das Gebäude bereits Wochen zuvor an die Sparkasse verkauft worden. Zwei Jahre danach erfolgte der Abbruch der Synagogenruine. Auch der große jüdische Friedhof wurde total verwüstet und fast völlig zerstört. Bis 1940 wanderten die meisten jüdischen Bewohner aus Eppingen ab. Im Rahmen der sog. „Bürckel-Aktion“ vom Oktober 1940 wurden die letzten vier noch in Eppingen verbliebenen Juden ins Internierungslager nach Gurs deportiert. Die Kriegsjahre überlebten in Eppingen zwei Jüdinnen, die „in Mischehe“ mit „arischen“ Partnern lebten. Mindestens 20 Juden Eppingens sollen Opfer der NS-Verfolgung geworden sein.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2014/Eppingen%20Synagoge%20n05.jpg Gedenktafel (Aufn. J. Hahn, 1987)

Am ehemaligen Standort der neuen Eppinger Synagoge erinnert eine mit dem Relief des einstigen Synagogengebäudes versehene Gedenktafel an die Angehörigen der früheren jüdischen Gemeinde:

Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Eppingen stand hier von 1873

bis sie in der Nacht vom 9./10.November 1938 zerstört und entweiht wurde.

In Trauer verneigen wir uns heute vor den Opfern

jener dunklen und unseligen Zeit des deutschen Volkes.

Möge ähnlicher Schrecken allen künftigen Geschlechtern erspart bleiben.

Auf einer zweiten Tafel sind die Opfer namentlich aufgeführt.

      Eine Schülergruppe des Eppinger Gymnasiums beteiligte sich auch am ökumenischen Gedenkstein-Projekt, das in Neckarzimmern mit zahlreichen Memorialsteinen aufwartet (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

1980 erwarb die Stadt Eppingen das Anwesen, auf dem sich einst die alte Synagoge befunden hatte und das danach zu Wohnzwecken genutzt worden war. Bereits die früheren Besitzer hatten die Mikwe - sie war gegen Ende des 19.Jahrhunderts zugeschüttet worden - im Keller freigelegt. Ab 1985 diente das Gebäude in der Kettengasse als kleine Gedenkstätte; auch der Mikwen-Raum ist öffentlich zugänglich.

            Hochzeitsstein an der (alten) Synagoge (Aufn. J. Hahn, 2003)

Die ehemalige Matzenbäckerei bei der Synagoge in der Küfergasse soll künftig in einen jüdischen Lernort umgewandelt werden.

Die aus Eppingen stammende Pädagogin Selma Rosenfeld (geb. 1892) ist die Namensgeberin der hiesigen Realschule. Mitte der 1920er Jahre war sie in die USA emigriert. 1984 verstarb sie in Los Angeles.

Mehr als 700 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof - er ist einer der größten in Baden - erinnern daran, dass Eppingen Zentrum jüdischen Lebens im Kraichgau war.

 

Alte Grabmäler u. Kriegerdenkmal für jüdische Gefallene des Ersten Weltkrieges (Aufn. P. Schmelzle, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

http://www.sinsheim-lokal.de/wp-content/uploads/2017/06/Kalender-Titelblatt.jpg In dem für das Jahr 2018 geschaffenen Kalender „Kraichgau – Spuren jüdischen Lebens“ sind neben Eppingen auch andere Orte der Region zu sehen, wie z.B. Flehingen, Heinsheim, Meckesheim, Neidenstein, Mingolsheim, Sinsheim, Wiesloch u.a.  Bereits zehn Jahre zuvor war durch die Kooperation von vier Schulen ein Kalender unter dem Titel „Spuren jüdischer Kultur im Kraichgau“ aufgelegt worden, dessen Verkaufserlös der Sanierung der ehemaligen Synagoge Steinsfurt zugute kam.

 

Auch im Ortsteil Richen gab es nach 1700 eine jüdische Gemeinde, die um 1830 mit ca. 125 Angehörigen ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte. Zu Beginn der NS-Zeit hielten sich nur noch sehr wenige Juden am Ort auf; 1935 wurde die jüdische Gemeinde aufgelöst, ein Jahr später das seit 1790 genutzte Synagogengebäude verkauft; dessen Abriss erfolgte in den 1960er Jahren. [vgl. Richen (Baden-Württemberg)]

 

Im Ortsteil Mühlbach bestand eine kleine autonome jüdische Gemeinde bis etwa 1855, danach als Filialgemeinde der Gemeinde Eppingen. Ihre Entstehung ging auf das 18. Jahrhundert zurück: Im Jahre 1714 sind erstmals zwei jüdische Familien genannt. In den 1830er Jahren erreichte die Kleinstgemeinde mit ca. 35 Angehörigen ihren Höchststand.

Noch kurz vor der offiziellen Auflösung der Gemeinde hatten sechs Familien ein einstöckiges Wohnhaus im unteren Dorf erworben und richteten im aufgestockten Bereich einen Betraum ein. Nach Wegzug der meisten Juden Mühlbachs wurde 1885 die Gemeinde aufgelöst, alsbald das Gebäude mit dem Betsaal verkauft und einige Ritualien an andere Orte verbracht.

Mitte der 1920er Jahre lebten noch 14 jüdische Einwohner im Ort; 1935 verstarb die letzte jüdische Einwohnerin mosaischen Glaubens.

Weitere Informationen:

Clara Geissmar, Erinnerungen, Mannheim 1913 (Privatdruck). Auszüge in: Monika Richarz, Bürger auf Widerruf - Lebenszeugnisse deutscher Juden 1780 - 1945, Verlag C.H. Beck, München 1989, S. 201 - 210

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 77 - 79

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981,Teil 1, S. 335 und Teil 2, Abb. 260

U.Wagschal/Th.Pastor/St.Wiethaus, Das Auslöschen der jüdischen Gemeinde in Eppingen/Baden, Eppingen 1985

W. Angerbauer/H.G.Frank, Jüdische Gemeinden in Stadt und Landkreis Heilbronn, in: Schriftenreihe des Landeskreises Heilbronn, Band 1, Heilbronn 1986, S. 59 – 67 und S. 164 f.

Edmund Kiehnle, Die Judenschaft in Eppingen und ihr Kultbauten, in: "Rund um den Ottilienberg" Band 3, Hrg. Heimatfreunde Eppingen, Eppingen 1985, S. 146 - 170

Reinhart Hauke (Red.), Jüdische Kindheit in Eppingen in der Mitte des 19.Jahrhunderts, in: "Rund um den Ottilienberg", Heft 3, Hrg. Heimatfreunde Eppingen, Eppingen 1985, S. 242 - 267

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 90 und S. 104

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 224 f.

Ralf Bischoff/Reinhard Hauke (Hrg.), Der jüdische Friedhof Eppingen - eine Dokumentation, in: "Rund um den Ottilienberg", Band 5, Hrg. Heimatfreunde Eppingen, Eppingen 1989

Willi Bauer, Die ehemalige jüdische Gemeinde von Sinsheim . Ihre Geschichte und ihr Schicksal, in: Sinsheimer Hefte No. 10, Selbstverlag, Sinsheim 1995, S. 201

R. Hauke/R. Bischoff (Hrg.), Der jüdische Friedhof in Eppingen - Eine Dokumentation, in: "Rund um den Ottilienberg" Band 5, Hrg. Heimatfreunde Eppingen, Eppingen 1996

Franz-Josef Ziwes (Hrg.), Badische Synagogen aus der Zeit von Großherzog Friedrich I. in zeitgenössischen Photographien, G.Braun Buchverlag, Karlsruhe 1997, S. 60/61

Michael Heitz, Jüdisches Leben im Kraichgau am Beispiel der ehemals kurpfälzischen Stadt Eppingen im 19. und 20.Jahrhundert. Mit Unterrichtsbeispielen, Diplomarbeit an der PH Heidelberg, 2001

Eppingen, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen, meist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Mühlbach, in: alemannia-judaica.de

Werner L. Frank, Legacy - The Saga of a German-Jewish Family Across Time and Circumstance, Bergenfield/New York, Avotaynu Foundation, 2003

Heimatfreunde Eppingen (Hrg.), Jüdisches Leben im Kraichgau - Die Geschichte der Eppinger Juden und ihrer Familien ..., Besondere Reihe der Heimatfreunde Eppingen, Band 5, Eppingen 2006 (verfasst von Schüler/innen einer AG des Harmanni-Gymnasiums Eppingen)

Michael Heitz, Die Gedenkstätte Alte Synagoge/Jordanbad Eppingen, in: Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 2007, S. 100 - 104

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 109 – 111

Lisa Damaris Heitz/Michael Heitz, Selma Rosenfeld (1892−1984). Vom Kraichgau nach Kalifornien, in: "Rund um den Ottilienberg" - Beiträge zur Geschichte der Stadt Eppingen und Umgebung, Band 9, Hrg. Heimatfreunde Eppingen, Eppingen 2010

Christiane Twiehaus, Synagogen im Großherzogtum Baden (1806 - 1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien, in: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg, Heidelberg 2012, S. 33 - 35