Eschwege (Hessen)

Datei:Eschwege ESW.svg Eschwege ist heute eine Kreisstadt mit ca. 20.000 Einwohnern im Werra-Meißner-Kreis im Nordosten Hessens (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Eschwege war bis 1250 kaiserliche Pfalz und durch rege Handel- und Gewerbetätigkeit gekennzeichnet; aus diesem Grunde ist es anzunehmen, dass sich dort schon sehr früh Juden niederließen. Die jüdische Gemeinde in Eschwege soll zu einer der ältesten in Deutschland zählen. Nach mehreren Phasen der Verfolgung waren Juden seit Ende des 14.Jahrhunderts hier wieder ansässig. Mitte des 15.Jahrhunderts wurde eine „Judengasse“ erwähnt, die vom Kohlmarkt zum Steinweg führte; doch dieser Straßenname verschwand im Dreißigjährigen Kriege, in dem Eschwege fast vollständig zerstört wurde. Später wurde die heutige Kniegasse als „Judengasse“ bezeichnet, die eine Art Ghetto darstellte.

Stadtansicht von Eschwege - Stich von M. Merian um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Im 17.Jahrhundert versuchte die Obrigkeit durch „Judenpredigten“, die ansässigen Juden zum Christentum zu bekehren. Um das Jahr 1835 lebten mehr als 200 jüdische Bewohner in der Altstadt Eschweges. Eine der ersten Synagogen in Eschwege wurde mit Genehmigung des Landgrafen von Hessen-Rotenburg Ende des 17.Jahrhunderts „Am Fischstade“, heute „Vor dem Berge“, errichtet. Mitte Dezember 1838 wurde eine neue repräsentative Synagoge auf dem Cyriacusberg, dem heutigen Schulberg, durch Rabbiner Philipp Goldmann eingeweiht; das Gebäude verfügte über 135 Männer- und 75 Frauenplätze.

Von der Einweihung berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ (am 12.1.1839) folgendermaßen:

Eschwege, 21.Dez. (Privatmitth.) Lange fühlte die hiesige israelitische Gemeinde den Mangel eines entsprechenden Gotteshauses. Der Zahn der Zeit hatte eines Theils an der alten Synagoge sehr genagt, andern Theils war sie der Gemeinde zu beschränkt worden. Nach langem Zögern endlich ergriffen die Gemeindevorsteher, die Herren J.V. Plaut und J. E. Plaut den Plan zur Erbauung eines neuen Gotteshauses mit wahrhaftem Eifer, und ihren Bemühungen verdankt man die glückliche Realisirung des Planes - ein neues Gotteshaus, zur Ehre der Religion, zur Verschönerung der Stadt. ... ein schönes Fest, das ohne Störung und zur Befriedigung aller Theilnehmer gefeiert ward. Hervorheben dürfen wir wol auch eine für dieses Fest vom katholischen Seelsorger hiesigen Orts, Herrn Ritz, gedichtete Ode, ...

                Synagoge (hist. Aufn., aus P. Arnsberg) 

                In der Ausgabe vom 13.12.1858 berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums” über die Eschweger jüdische Gemeinde:

... Unsere Gemeinde, fast ohne Ausnahme orthodox, dabei zeitgemäß fortschreitend, zählt jetzt ungefähr 80 stimmberechtigte Mitglieder. ... Eine vor 20 Jahren neu erbaute Synagoge ... kann die frommen Besucher kaum noch fassen. ... Unsere Synagoge wird regelmäßig besucht; an den Wochentagen ist das ganze Jahr hindurch täglich zwei Mal Minjan; an Sabbath- und Festtagen fehlt Niemand aus der Gemeinde, ... So erfreulich diese Mittheilungen über die religiösen Verhältnisse unsrer Gemeinde jedem frommen Israeliten sein müssen, ebenso beruhigend sind auch deren industrielle und commercielle Zustände. Die meisten hiesigen Gemeindemitglieder sind wohlhabend, theilweise reich; nur äußerst wenige nehmen Unterstützung an, wirklich Arme haben wir nicht. Die Geschäfte sind größtenteils blühend, alle Läden am Sabbat geschlossen. Neben großen Fabrikanten, welche entfernthin reisen lassen und welche viele Arbeiter beschäftigen, sind die Handwerker jüdischen Glaubens rührig und fleißig; manche hiesige Handlung genießt eines weit verbreiteten Rufes. ...

Die Mehrheit der Juden von Eschwege war um 1900 liberal eingestellt; nur eine kleine Gruppe lebte weiterhin nach streng-orthodoxem Ritus. Seit dieser Zeit gab es auch eine eigene jüdische Volksschule, die um 1870 von etwa 80 Kindern besucht wurde. Im Laufe der Zeit waren die Schülerzahlen stark rückläufig. Diese Schule bestand bis Herbst 1939; zu dieser Zeit besuchten noch knapp 40 Kinder die israelitische Schule.

Zu den ältesten Judenfriedhöfen Hessens zählte die Bestattungsstätte in Jestädt, in der Nähe Eschweges; der älteste vorhandene Grabstein trägt die Jahreszahl ‚5405’ (= 1645); doch möglicherweise wurde der Friedhof bereits im ausgehenden Mittelalter von Eschweger Juden belegt. Die Begräbnisstätte in Jestädt war Bezirks- und Sammelfriedhof der jüdischen Gemeinden aus Abterode, Bischhausen, Reichensachsen, Netra, Sondra und Eschwege. Die jüdischen Familien mussten für die Nutzungsrechte einen jährlichen Erbzins entrichten. Als dann in genannten Gemeinden eigene Friedhöfe angelegt hatten, verlor der Jestädter Begräbnisplatz seine Bedeutung als Bezirksfriedhof.

Friedhof in Jestädt (Aufn. C., 2016, aus: commons.wikimedia.org, CCO) Jüdischer Friedhof Jestädt 9.jpg

Ab 1859/1860 besaß dann die jüdische Gemeinde Eschwege einen neuen Friedhof in unmittelbarer Stadtnähe (Elsa-Brandström-Straße).

Die Gemeinde Eschwege gehörte zum Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel, besaß jedoch ein eigenes Kreisrabbinat. Unter den Rabbinern der Stadt sind besonders zu nennen: Simon Isaak Kalkar (1754-1812, "Departementrabbiner" in Eschwege) und Philipp Goldmann (1831-1894); letzterer konnte auf eine Amtszeit von mehr als 60 (!) Jahren zurückblicken. Aus Anlass seines 60jährigen Dienstjubiläums erschien am 10.Dez. 1891 ein Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit":

"Eschwege, 1. Dezember. Heute hatte unser Herr Kreisrabbiner Goldmann das seltene Glück auf eine sechzigjährige Wirkungszeit in unserer Gemeinde zurückblicken zu dürfen. Angesichts des sehr hohen Alters des Herrn Rabbiners nahm man davon Abstand, das Fest durch eklatante Feierlichkeiten zu begehen und so zog man es vor, das Dienstjubiläum des gottbegnadeten Mannes in einer entsprechenden Weise zu feiern. Schon nach Beendigung des Frühgottesdienstes hielt Herr Lehrer Werthan in der Synagoge an den Jubilar eine Ansprache ... Redner hob hervor, in welch aufopfernder und thätiger Weise unser Jubilar während 40 Jahre als Lehrer und Vorsteher unserer jüdischen Knaben- und Mädchenschule seines Amtes gewaltet, mit welch bewundernswerther Thätigkeit und Energie derselben 60 Jahre lang als auf streng jüdischen Grundsätzen stehendes Oberhaupt unserer Gemeinde fungirt hat, da, wo es Noth that, mit der ihm angemessen erscheinenden Taktik vorgehend und andererseits mit Milde und liebevoller Diensthingebung sich zeigend. Des Ferneren führte Redner aus, dass es eine seltene Tatsache sei, mit welcher geistigen Frische ein hoch bejahrter Mann, wie unser Herr Rabbiner, heute im 84. Lebensjahre noch ausgestattet ist, wie er, obwohl gebeugt von der Last der Jahre, bislang es sich nicht hat entgehen lassen, an Feiertagen den Gottesdienst durch von jüdisch-poetisch getragenen Ideen verherrlichte Predigten zu verschönern, ferner mit welcher staunenswerten Pünktlichkeit unser 84jähriger Jubilar alle Morgen und alle Abend jeglichem Wetter trotzend, zum Gottesdienst heute noch erscheint. … Von allen Seiten, sogar verschiedentlich vom Ausland sind Depeschen eingetroffen, die dem Jubilar herzliche, wohl gemeinte Wünsche brachten, auch unser freisinniger Reichstagsabgeordneter Herr Willich hat es nicht unterlassen, unserem Herrn Rabbiner seine Glückwünsche von Berlin aus zu entbieten. ... Unser Wunsch und Gebet ist, dass … ihm ein schöner, angenehmer Lebensabend zuteil werde. Das walte Gott! Amen. S."

Der letzte Amtsträger war von 1923 bis 1938 Dr. Heinrich Bassfreund. 

Juden in Eschwege:

        --- um 1580 ........................  30 Juden,

--- 1633 ...........................  13 jüdische Familien,

    --- 1645 ...........................   8     “       “    ,

    --- um 1690 ........................  27     “       “    ,

    --- 1744 ...........................  25     “       “    ,

    --- 1812 ...........................  33     “       “   (ca. 180 Pers.),

    --- um 1835 ........................ 236 Juden,

    --- 1855 ........................... 369   “  ,

    --- 1871 ........................... 509   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1885 ........................... 549   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1895 ........................... 487   “  ,

    --- 1905 ........................... 517   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1925 ........................... 433   “  ,

    --- 1933 ........................... 398   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1937 ........................... 329   “  ,

    --- 1939 (Mai) ..................... 185   ,

    --- 1940 (Sept.) ................... 140   “  .

Angaben aus: Anna Maria Zimmer, Juden in Eschwege, S. 82

Die Juden Eschweges lebten zunächst vor allem vom Viehhandel, später verdienten sie ihren Lebensunterhalt insbesondere im Textilgewerbe; es gab hier Webereien, Gerbereien und Lederwarenhandel mit jüdischen Eigentümern, daneben auch eine Zigarrenfabrik.

Anzeigen jüdischer Gewerbetreibender:

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... und Lehrstellenangebote aus den Jahren 1901 – 1903 – 1911 - 1912

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20297/Eschwege%20Israelit%2007111901.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20303/Eschwege%20Israelit%2002071903.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20145/Eschwege%20FrfIsrFambl%2007041911.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20297/Eschwege%20FrfIsrFambl%2002081912.jpg

Im Laufe des 19.Jahrhunderts kamen Eschweger Juden zu wirtschaftlichem Wohlstand; damit einher ging ihre Assimilation ins gesellschaftliche Leben der Kleinstadt. Doch gleichzeitig wurden antisemitische Tendenzen spürbar, die sich vor allem im wirtschaftlichen Neid gründeten.

Unmittelbar nach der NS-Machtübernahme begannen auch in Eschwege erste Übergriffe auf jüdische Bürger; so wurden bereits im März 1933 sechs Juden „in Schutzhaft“ genommen. Nachdem schon im März 1933 die SA und der „Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes“ antisemitische Flugblätter in Eschwege in Umlauf gebracht hatte, leitete eine großangelegte Propagandakampagne den Boykott jüdischer Unternehmen ein. Das „Eschweger Tageblatt“ vom 1.4.1933 berichtete darüber: "... Kreisleiter Adam hielt anschließend vor einer großen Menge eine Ansprache, in der er mit von Vaterlandsliebe durchglühten Worten der gerechten Empörung über den jüdischen Lügen- und Verleumdungsfeldzug im Auslande gegen das deutsche Volk Ausdruck gab. Immer wieder forderte er zu einer einmütigen Durchführung des von der Reichsleitung der NSDAP angeordneten Abwehrkampfes auf. Nur wenn kein deutscher Volksgenosse mehr bei Juden einkaufen würde, könnte auf der ganzen Linie ein voller Erfolg in kürzester Frist erzielt werden ..." Während des ganzen Tages blieben die jüdischen Geschäfte in Eschwege geschlossen. Seit 1933 gab es in Eschwege regelmäßig Einzelaktionen, die sich ab 1935 verschärften; das Einwerfen von Fensterscheiben bei jüdischen Kaufleuten gehörte fast zum Alltag. Allerdings fanden die antijüdischen Boykott-Maßnahmen bei der ländlichen Bevölkerung wenig Beachtung, wie der folgende Bericht des Landrats von Eschwege vom 20.12.1934 zeigt:

„ ... Zu den Gewohnheiten, von denen der Bauer nur schwer abzubringen ist, gehört der Handel mit Juden. Als dies kürzlich bei einem für ein gemeindliches Ehrenamt Vorgesehenen festgestellt und der Gemeindeleiter zu einem anderen Vorschlage aufgefordert wurde, berichtete er, er könne keinen geeigneten Ersatz vorschlagen, da in seiner Gemeinde alle ihr Vieh an jüdische Händler verkauft hätten. Ähnliches, wenn auch nicht so kraß, kommt in anderen Gemeinden vor. ...”

                Drei Jahre später berichtete der Landrat in einem Schreiben vom 1.12.1937:

 ... Bei der Machtergreifung betrug die Zahl der Juden im Kreise Eschwege etwa 771. - Es ist als erfreuliche Tatsache zu buchen, daß diese Zahl auf 541 zurückgegangen ist. ... Den jüdischen Viehhändlern ist übrigens in jüngster Zeit vom Viehwirtschaftsverband die Berechtigung zum Viehhandel fast restlos entzogen worden. - Es steht zweifellos fest, daß die jahrelange Belehrungs- und Schulungsarbeit der Partei recht gute Früchte getragen hat, indem nicht nur sämtliche Parteimitglieder, sondern auch der größte Teil der übrigen Volksgenossen den Handel und den Verkehr mit Juden überhaupt aufgegeben haben. Immerhin werden aber noch fortgesetzt Fälle bekannt, daß arische Volksgenossen mit Juden Handel treiben. Daß der Umsatz und der Geschäftsbetrieb in den jüdischen Geschäften dauernd nachläßt und daß viele dadurch gezwungen werden auszuwandern, weil ihnen die Existenz unterbunden worden war, kann nicht bestritten werden. ...

Eschwege, den 1.12.1937

Der Landrat                                                                                   gez. Dr. Schultz            

(aus: Anna Maria Zimmer, Juden in Eschwege, S. 132)

Nach 1933 hatte sich der jüdische Bevölkerungsanteil drastisch verringert; ein Teil emigrierte, größtenteils nach Übersee: in die USA und südamerikanische Staaten; der andere Teil verzog in deutsche Großstädte wie Berlin und Frankfurt/Main.

Während der Pogromnacht wurden von SA-Angehörigen die Fenster des Synagogengebäudes eingeschlagen und die Innenräume total verwüstet; das Gebäude selbst blieb aber erhalten.

                  Zerstörter Synagogeninnenraum (Aufn. Nov. 1938, Stadtarchiv)

                  Aus dem „Eschweger Tageblatt“ vom 9.11.1938:

... Die Empörung über das gemeine jüdische Attentat in Paris hat sich auch im Kreis Eschwege in spontanen Demonstrationen Luft gemacht. Die Kundgebungen richteten sich in der Hauptsache gegen die Mittelpunkte des jüdischen Gemeindelebens. In der hiesigen Synagoge wurden Scheiben eingeworfen und innere Einrichtungen zerstört. Dasselbe Schicksal erfuhr das Hotel Löwenstein, und auch gegen einige Privatwohnungen richtete sich der Volkszorn. Ebenso gingen die Schaufenster eines jüdisches Geschäftes am Stad in Trümmer. Die Synagoge ist heute morgen mit Rücksicht auf ihren Zustand polizeilich geschlossen worden. ...

Alle Männer der jüdischen Gemeinde wurden „in Schutzhaft“ genommen; unter Schmähungen von Eschweger Bürgern geleitete man die Männer zum Hochzeitshaus, wo sie misshandelt wurden. Nachdem sie einige Tage in der jüdischen Schule eingesperrt waren, verfrachtete man sie ins KZ Buchenwald. In den folgenden Wochen wurden alle jüdischen Betriebe Eschweges „arisiert“; so konnte das „Eschweger Tageblatt” zu Jahresende vermelden, dass „die Entjudung der Stadt als durchgeführt angesehen werden kann. Seit 1940 wurden die in der Stadt verbliebenen Juden in „Judenhäusern“ zusammengelegt und zu Zwangsarbeiten herangezogen. Die Deportationen von Eschweger Juden begannen im Dezember 1941; 62 Personen wurden über Kassel „in den Osten verschickt“; eine zweite Deportation nach Theresienstadt erfolgte Ende Mai 1942. Die restlichen 37 Juden aus Eschwege mussten Anfang September 1942 den Weg nach Theresienstadt antreten. Um ihrer Deportation zu entgehen, verübten vier Eschweger Juden Selbstmord. Ab Anfang September 1942 lebten in Eschwege keine jüdischen Bürger mehr. Nachweislich sind 109 Juden aus Eschwege Opfer der „Endlösung“ geworden, lediglich zwei überlebten die Deportation.

Nach Ende des Krieges kamen einige hundert überlebende osteuropäische Juden, die aus nahen Konzentrationslagern befreit worden waren, in den Gebäuden des ehemaligen Flughafens Eschwege unter. Von 1946 bis 1949 wurden mehrere tausend DPs hier untergebracht und zunächst von der UNRRA versorgt. Das DP-Camp verfügte über mehrere jüdische Schulen und Beträume; ein großer Theaterraum stand für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung. Im Lager wurde auch die eigene Zeitung „Undzer Hofenung“ herausgegeben.

Bewohner des DP-Lagers Eschwege (Aufn. Kerber, in: zchor.org/eschwege/eschwege.htm)

Das Schloss Wolfsbrunnen diente bis Sommer 1947 jüdischen Waisenkindern als Unterkunft.

David Ben Gurion-Denkmal am ehemaligen DP-Lager Eschwege (Aufn. aus: wikipedia.org, 2011)

1946 wurde die neue jüdische Gemeinde in der Stadt Eschwege gegründet; sie umfasste das gesamte Kreisgebiet Eschweges. Das alte Synagogen-Gebäude wurde kurzfristig wieder als jüdisches Gotteshaus genutzt. Doch nachdem alle jüdischen DPs das Lager verlassen hatten - zumeist waren sie nach Israel ausgewandert, löste sich die Nachkriegsgemeinde wieder auf. Das Synagogengebäude wurde an die Neuapostolische Gemeinde verkauft, die es 1954 grundlegend renovieren ließ und seitdem hier ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte abhält.

                  Ehem. Synagoge (Aufn. Neuapostolische Kirche, 2006)

Eine von der Stadt Eschwege angebrachte Hinweistafel erinnert an die hier einst bestehende Synagoge.

Ehemalige Synagoge.

Klassizistischer Bau der Jahre 1837-38. Am 9. November 1938 geschändet und verwüstet.

Heute Neuapostolische Kirche. Im Mittelalter befand sich hier der Burgsitz der Familie von Keudell.

                  Im Treppenhaus des Rathauses ist eine Gedenktafel mit folgendem Text zu lesen:

Zum Gedenken. Seit dem 13. Jahrhundert lebten in dieser Stadt Menschen jüdischen Glaubens. Während der nationalsozialistischen Herrschaft in den Jahren von 1933 bis 1945 wurden die Mitglieder der ehemaligen jüdischen Gemeinde gedemütigt, entrechtet, vertrieben, verschleppt und ermordet. Ihr Schicksal darf nicht vergessen werden.

Es mahnt uns, auch der anderen Opfer der Hitlerdiktatur zu gedenken.

Die Kreisstadt Eschwege 1997

Im Frühjahr 2009 wurden die ersten sog. „Stolpersteine“ in Eschwege verlegt; in den Jahren danach kamen weitere hinzu, sodass es inzwischen ca. 150 sind (Stand: 2018).

"Stolpersteine" für Fam. Katzenstein und Rawitscher (aus: stolpersteineafs.blogspot.com

         Bild: (26952 Bytes) ein "Stolperstein" vor dem Kreiskirchenamt Eschwege

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Eschwege%20Synagoge%20175.jpg Im Gedenken an die vor 70 Jahren aus Eschwege und dem Werra-Meißner-Kreis deportierten Juden enthüllte man am Bahnhof Eschwege im Sept. 2012 eine Bronzeskulptur mit Gedenktafel (Aufn. aus: alemannia-judaica.de).

Anm.: Gegenüber der ehem. Synagoge wurde 2008 das "Denkmal gegen Gewalt“ aufgestellt. Unter der Skulptur findet man den Text: "Erinnern - Widerstehen - für Menschenwürde. Denkmal gegen Gewalt von Christa K. Bayer 2008, Bronze. Die Skulptur erinnert an alle Menschen, die in der Vergangenheit unter Demütigungen, Verachtung, Misshandlungen und Folter litten, und an alle, die in der Gegenwart alltäglicher Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt sind. Die Skulptur lässt die 1657 als Hexe verbrannte Eschwegerin Catharina Rudeloff als ein Beispiel für Widerstand und Würde erkennen. ... Das Denkmal soll Mut machen, gegen Gewalt einzutreten, Zivilcourage zu zeigen und sich aktiv für Selbstbestimmung, Freiheit und Menschenwürde einzusetzen."

Auf dem seit Ende der 1850er Jahre bestehenden jüdischen Friedhof in Eschwege wurden seitdem insgesamt ca. 500 Beerdigungen vorgenommen; nach 1945 waren es nur wenige (verstorbene Bewohner des DP-Camps).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Eschwege%20Friedhof%20185.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Eschwege%20Friedhof%20186.jpg

Grabstätten aus der Zeit der Anlage des Begräbnisgeländes und ein auffälliger Grabstein (Aufn. J. Hahn, 2009)

 

In Jestädt gab es zeitweilig eine winzige israelitische Gemeinde innerhalb des Zeitraumes vom 17. bis zu ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zuletzt als Filialgemeinde von Eschwege. Der letzte jüdische Einwohner Jestädts wurde 1861 auf dem bereits zu dieser Zeit geschlossenen hiesigen jüdischen Friedhof beerdigt. Dieses Begräbnisgelände ist wahrscheinlich eines der ältesten in Hessen; es soll bereits von der seit Ende des Mittelalters bestehenden jüdischen Gemeinde von Eschwege benutzt worden sein. Der Friedhof diente als zentrale Begräbnisstätte auch umliegenden jüdischer Gemeinden, so für Abterode, Reichensachsen, Sontra u.a. Die ältesten Grabsteine stammen aus dem 17.Jahrhundert; insgesamt findet man auf dem Gelände etwa 150 Grabmale.

jüdischer Friedhof in Jestädt (Aufn. C., 2016, aus: wikipedia.org, CCO)

              (Aufn. J. Hahn, 2009)

 

Im südwestlich von Eschwege gelegenen Dorf Bischhausen (heute Ortsteil von Waldkappel) gab es bis in die Jahre des Ersten Weltkrieges eine sehr kleine jüdische Gemeinde, deren Wurzeln um die Mitte des 17.Jahrhunderts lagen. Im 19.Jahrhundert soll die Zahl der Gemeindeangehörigen am höchsten gewesen sein; doch liegen keine gesicherten Angaben vor. Neben einem Betraum, einer Mikwe und einer Religionsschule gab es unweit der Ortschaft seit ca. 1855/1860 auch ein eigenes Begräbnisareal, das in der Flur „Im Rittershagen“ lag; zuvor waren Verstorbene auf dem Friedhof in Reichensachsen bzw. in Jestädt begraben worden. In den Jahren nach 1900 sollen noch sechs jüdische Familien in Bischhausen gelebt haben, kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges nur noch zwei. Seit 1925 gab es im Ort dann keine Bewohner mosaischen Glaubens mehr.

Der bis ca. 1905 genutzte Friedhof wurde in der NS-Zeit verwüstet; nach 1945 wurden die umgeworfenen Steine wieder aufgerichtet; in zwei parallel verlaufenden Reihen zählt man derzeit noch 17 Grabsteine. 

Weitere Informationen:

Joseph Cohn, Das Eschweger Memorbuch, Hamburg 1930

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 167 ff.

Erich Hildebrand, Die Juden in Eschwege, in: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Bd. 9, Gießen 1979

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 332

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ? Verlag K.R. Langewiesche Nachfolger Hans Köster Verlagsbuchhandlung, Königstein (Taunus) 1988, S. 73/74

Anna Maria Zimmer, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Eschwege, in: Geschichte der Stadt Eschwege, Eschwege 1993, S. 341 - 357

Anna Maria Zimmer, Juden in Eschwege - Entwicklung und Zerstörung einer jüdischen Gemeinde - von den Anfängen bis zur Gegenwart, Selbstverlag Dr. Zimmer, Eschwege 1993

Hilde Rohlén-Wohlgemuth (Red.), Die Familie Alexander Levy in Eschwege, in: Eschweger Geschichtsblätter 5/1994, S. 51 - 54

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II (Regierungsbezirke Gießen und Kassel), Hrg. Studienkreis Deutscher Widerstand, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 225 f.

K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen im Werra-Meißner-Kreis, Verlag Jenior & Pressler, Kassel 1996, S. 77/78 (Bischhausen), S. 77/78 (Bischhausen), S. 81 f. (Eschwege) und S. 119 f. (Jestädt)

Eschwege, in: alemannia-judaica.de (mit sehr vielen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Bischhausen, in: alemannia-judaica.de

Der jüdische Friedhof in Jestädt, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Aufnahmen)

Hans-Joachim Bodenbach (Red.), Alfred Lomnitz 1892 - 1953. Graphiker, Kunstmaler und Designer aus Eschwege, in: Eschweger Geschichtsblätter 14/2003, S. 45 - 68

Karl Kollmann, Jüdisches Eschwege – Einladung zu einem Rundgang, Haigerloch 2007

Impressionen aus dem DP-Camp Eschwege, online abrufbar unter: zchor.org/eschwege/eschwege.htm (zahlreiche Aufnahmen, zumeist mit englischen Untertiteln)

Eschweger Geschichtsblätter – Heft/Jahrgang 23/2012, hrg. vom Geschichtsverein Eschwege e.V. (mit mehreren Beiträgen zur jüdischen Geschichte)

Karl Kollmann/York-Egbert König, Namen und Schicksale der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Eschwege. Ein Gedenkbuch, hrg. von der Nicolas-Benzin-Stiftung, Eschwege 2012

N.N. (Red.), Projekt Stolpersteine - Verbeugung vor den Opfern, in: hna.de vom 14.5.2013

Jochen Schweitzer (Red.), Einige Gedanken zum 70. Jahrestag der Deportation der letzten Juden aus Eschwege, in: Eschweger Geschichtsblätter 24/2013, S. 17 - 24 

York-Egbert König/Dietfrid Krause-Vilmar/Ute Simon, Ludwig Pappenheim. Redakteur - Sozialdemokrat – Menschenfreund, in: Jüdische Miniaturen Bd. 140, Verlag Hentrich & Hentrich 2014

Eschwege – Jüdisches DP-Lager, online abrufbar unter: after-the-shoah.org

Martin Arnold (Red.), Vergebliche Bekehrungsversuche. Judenpredigten in Eschwege 1647 bis 1652, in: Eschweger Geschichtsblätter 26/2015, S. 104 - 117 

N.N. (Red.), Der jüdische Friedhof Jestädt ist einer der ältesten in Hessen, in: „Werra-Rundschau“ vom 15.12.2015

Florian Renneberg (Red.), Sieben neue Stolpersteine in Eschwege verlegt, in: localo24.de vom 17.3.2017

Stolpersteine in Eschwege, online abrufbar unter: stolpersteineafs.blogspot.com/

Bernd Fechner/York-Egbert König, Paul Westheim. Kunstkritiker – Publizist – Sammler, in: Jüdische Miniaturen Bd. 172, Verlag Hentrich & Hentrich 2017

Rainer Nickel (Red.), Levy und Meyberg. Zwei jüdische Eschweger Handwerker- und Kaufmannsfamilien im 19. und 20. Jahrhundert, in: Eschweger Geschichtsblätter 29/2018, S. 27 - 55 

Elisabeth Bennighoff (Red.), Neue Stolpersteine in Eschwege verlegt, in: lokalo24.de vom 29.3.2018

Kreisstadt Eschwege (Hrg.), Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes, online abrufbar unter: eschwege.de (2018)