Ettenheim (Baden-Württemberg)

Datei:Ettenheim in OG.svg Ettenheim ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 12.000 Einwohnern im Süden des Ortenaukreises (Reg.bezirk Freiburg) – knapp 30 Kilometer nördlich von Freiburg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bereits kurz nach der Stadtgründung Ettenheims um 1300 müssen sich jüdische Familien hier angesiedelt haben. Ein Jahrzehnt vor den Pestpogromen sollen die Juden Ettenheims bereits Verfolgungen ausgesetzt gewesen sein; Initiator der Morde war ein fanatischer Bauernführer, „König Armleder“ genannt; er trieb mit seinen Horden auch in zahlreichen elsässischen Gemeinden sein Unwesen. In der Nähe der mittelalterlichen Richtstätte, dem sog. „Judenloch“, sollen vermutlich 1349 Ettenheimer Juden verbrannt worden sein. 

Erst gegen Ende des 17.Jahrhundert lassen sich Juden in Ettenheim wieder urkundlich nachweisen; einige wohlhabende jüdische Familien waren vom Straßburger Fürstbischof - dem Stadtherrn Ettenheims - in den 1680er Jahren aufgenommen worden und gründeten bald eine jüdische Gemeinde. Über eine Synagoge verfügten die Ettenheimer Juden damals noch nicht, weil die Straßburger Fürstbischöfe dagegen votiert hatten; eine Mikwe war allerdings schon vorhanden.

In einer Anordnung von 1658 hieß es u.a.:

„ ... Zum dritten, sollen die Juden in unserm Stifft gesessen, an kheinem Ort, weder in Städten noch auff dem Landt, khein öffentliche Synagog oder Schuel halten, wohl mögen sie aber in Ihren Häusern ihre Kinder in ihrem gesatz underwisen lassen und ohne Beschwerdt der Christn ihre Ordnung in ihren Häussern halten. ...”

                  Anm.: Auch eine spätere ‚Judenordnung’ hielt an diesem Verbot fest.

Nach kurzzeitiger Vertreibung 1716/1717 wurden Juden wieder in der Stadt zugelassen; dabei schloss die Stadt mit ihnen einen Vertrag, der Rechte und Pflichten festschrieb; trotzdem blieb das Verhältnis teilweise feindselig; so sollen 1792 die Ettenheimer Kaufleute dem kirchlichen Landesherrn 12.000 Gulden geboten haben, wenn er die Juden aus Ettenheim ausweise.

Ihre erste (alte) kleine Synagoge (angebaut an eine Scheune) besaßen die Juden in Ettenheim ab ca. 1815; dieser Betsaal befand sich in einem Hintergebäude in der Friedrichstraße.

... Die Israeliten, welche in hiesiger Stadt wohnen, schicken ihre Kinder noch fortan in die Schule zu Altdorf, woselbst auch deren Frauen das Frauenbad benützen. Ihre Gesamtzahl ist zu gering und es mangeln sämtlichen die gehörigen Mittel, um eine eigene Schule für ihre Kinder, so wie auch ein Frauenbad erbauen zu können. - Ihre Synagoge, klein und in einem Winkel abgelegen, fand ich jetzt verbessert und so weit tunlich zum Gebrauche hergerichtet. ...

(aus einem Protokoll von 1859)

Aus der Synagogenordnung von 1835:

Während dem Gottesdienst darf nicht geschwäzt werden.  Wann in der Thora gelesen wird soll niemand laut mitlesen.  Soll jeder auf seinem Platz stehen bleiben, und nicht in der Synagoge herumlaufen, während dem Gottesdienst, es soll sich daher Jeder mit seinem Gebethbuch versehen oder mit seinem Nebenstehenden bethen. Bey bald beendigtem Gottesdienstes darf keine Versammlung an der Thüre der Synagoge stattfinden, sondern es muß ein Jeder auf seinem Platz stehen bleiben bis er die Synagoge verlassen will.

Wird beschlossen, daß von dem Monath Sivon an, dass Segan von den Verheuratheten muß herumgehalten werden, und zwar jeden Monath von einem Anderen, es muß aber ein jeder Selbsten sein Segan nahmen wan solches nicht versteigert wird, oder wenigstens am Samstag und Feuertag, und darf es keinem Ledigen übergeben, kan aber willkührlich vor der Thora laden, so wie jeder andere der das Segan steigert jedoch Levi und Israel wie gewöhnlich, aber am Neujahrsfest, Versöhnungstag und der schlussfeste von Ostern, Pfingsten und Laubhüttenfest darf kein Lediger zum Segensspruch vor der Thora geladen werden, bevor dieses Recht den Verheuratheten zu theil wurde.

Wer diesen Synagogenverordnungen zu wider handelt hat sich die Strafe selbstens zugezogen, indem man streng darauf seyn wird.

Ettenheim, den 2ten Juny 1835                                                              Der Synagogenrath

Die alte Betraum wurde wegen Baufälligkeit aufgegeben und die Gemeinde entschloss sich zum Bau einer neuen Synagoge in der Alleestraße, die 1881 eingeweiht wurde.

In der „Breisgauer Zeitung” vom 5.März 1881 war darüber zu lesen:

Ettenheim, 3.März . Die in den jüngsten Tagen hier stattgehabte Synagogeneinweihung hat durch die zahlreiche Betheiligung aller Confessionen und Stände an derselben von neuem den Beweis geliefert, daß in hiesiger Stadt Friede und Eintracht unter den Menschen heimisch ist. Selbstverständlich hat daher auch die von echter Toleranz durchdrungene Ansprache des Großherzoglichen Amtsvorstandes gelegentlich der Übernahme des Synagogenschlüssels in den Herzen der Zuhörer den freudigsten Widerhall gefunden, während die nachfolgende Predigt des israelitischen Geistlichen nach Form und Inhalt (Schilderung der Tugenden des auserwählten Gottesvolks und Hinweisung auf die Antisemitenliga) nicht ansprach.

Im Uebrigen hat das Fest den schönsten Verlauf genommen und freuen wir uns, daß die langjährigen Bemühungen der hiesigen Israeliten für den Bau einer Synagoge nunmehr mit Erfolg gekrönt worden sind.

Anlässlich der Einweihung der Synagoge hatten die Frauen der Gemeinde einen neuen Thora-Vorhang gestiftet.

Ettenheimer Synagoge (hist. Aufn. um 1920, Archiv, Hist. Verein für Mittelbaden)

Bis gegen Mitte des 19.Jahrhunderts besaß die Gemeinde einen eigenen Religionslehrer; danach wurde der Unterricht von Lehrern in Altdorf bzw. aus Schmieheim erteilt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20346/Ettenheim%20Amtsblatt%20Seekreis%2017071850.jpg aus: "Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 17.Juli 1850

Eine jüdische Elementarschule gab es in Ettenheim nicht; die Kinder besuchten bis in die 1870er Jahre die jüdische Schule in Altdorf, danach die allgemeine Schule am Ort.

Ihre Verstorbenen begruben die Ettenheimer Juden auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Schmieheim.

1827 war die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Schmieheim zugeteilt worden; dessen Sitz wurde dann Anfang der 1890er Jahre nach Offenburg verlegt.

Juden in Ettenheim:

        --- um 1705 .........................   5 jüdische Familien,

    --- 1710 ............................   7     “       “    ,

    --- um 1750 .........................   5     “       “    ,

    --- 1783 ............................  66 Juden,

    --- 1809 ............................  11 jüdische Familien,

    --- 1825 ............................  72 Juden,

    --- 1839 ............................  47   “  ,

    --- 1857 ............................  69   “  ,

    --- 1871 ............................  63   “  ,

    --- 1890 ............................  92   “  ,

    --- 1900 ............................  89   “  ,

    --- 1910 ............................  72   “  ,

    --- 1925 ............................  44   “  ,

    --- 1933 ............................  31   “  ,

    --- 1940 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: Volkszählungen in Baden, in: Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim - Altdorf – Kippenheim - Schmieheim - Rust - Orschweier, Ettenheim 1988, S. 441

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts verdienten die Ettenheimer Juden ihren Lebensunterhalt vor allem im Kurzwaren- und Wollhandel; noch Jahrzehnte zuvor waren sie im Geldhandel engagiert gewesen. Wegen des Wegzugs jüdischer Familien konnten ab Mitte der 1920er Jahre kaum noch Gottesdienste abgehalten werden; deshalb suchte man die Synagoge in Altdorf auf. Zu Beginn der NS-Zeit war die Zahl der in Ettenheim lebenden jüdischen Familien stark zurückgegangen.

Auf Anweisung des Lahrer NSDAP-Kreisleiters Richard Burk wurde der Ettenheimer Bürgermeister Eduard Seitz angewiesen, als Reaktion auf den Mord am deutschen Botschaftsangehörigen in Paris in der Kleinstadt eine antijüdische Demonstration anzusetzen. Der Bürgermeister wies Ettenheimer Behörden und Betriebe an, ihre Mitarbeiter auf den Rathausplatz zu schicken; die Schüler erhielten schulfrei, damit sie an der Kundgebung teilnehmen konnten. Im Anschluss daran begannen gewaltsame Ausschreitungen gegen die wenigen jüdischen Geschäfte; ein altes jüdisches Weinlokal wurde von Jugendlichen gestürmt und das Inventar zertrümmert. Die Synagoge in der Alleestraße wurde aufgebrochen, die Fenster zerschlagen und das Innere verwüstet. Vor dem Synagogengebäude wurden von dem Mob Kultgegenstände, Gebetsrollen, Bücher, Bänke u.a. verbrannt. Viele Einwohner Ettenheims missbilligten die gewalttätigen Ausschreitungen, waren aber zu ängstlich, um sich dem Terror entgegenzustellen. Das Synagogengebäude wurde im Dezember 1938 verkauft und zu einem Wohnhaus umgebaut.

Im Nachbarort Kippenheim wurden die jüdischen Männer aus Ettenheim und anderen kleinen Gemeinden zusammengetrieben und blieben teilweise in Haft. Über Lahr verfrachtete man einen Teil der Juden ins KZ Dachau.

Im sog. „Ettenheimer Synagogenprozess“ wurden 1948 die Rädelsführer der Ausschreitungen in der „Kristallnacht“ vor dem Offenburger Schwurgericht angeklagt; angeklagt waren der ehem. Lahrer NSDAP-Kreisleiter Richard Burk, der Ettenheimer Bürgermeister Eduard Seitz und andere ehem. lokale Nazi-Größen Ettenheims. Das Gericht sah in dem Ettenheimer Bürgermeister den Hauptschuldigen und verurteilte ihn wegen schweren Landfriedensbruch zu einer zweijährigen Haftstrafe.

Im Bürgersaal des Ettenheimer Rathauses erinnert seit 1969 eine Gedenktafel an die ehemalige hiesige jüdische Gemeinde:

Seit dem Mittelalter lebten in Ettenheim Juden und Christen einträchtig zusammen.

Im Jahre 1933 waren noch 31 Israeliten ansässig.

Unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden sie gedemütigt und vertrieben und verschleppt.

Ihre Synagoge in der Alleestraße ist zerstört worden. Die Ritualien wurden entweiht, verbrannt oder geraubt.

Wir wollen das Leid, das unseren jüdischen Mitbürgern widerfahren ist, nie vergessen.

In Ehrfurcht gedenken wir der Toten, den Lebenden bleiben wir in Achtung und Duldsamkeit zugetan.

Von einer Projektgruppe der Heimschule St. Landolin Ettenheim wurden 2007/2008 zwei Gedenksteine erstellt, die an die Deportation nach Gurs vom Okt. 1940 erinnern. Während einer am zentralen Mahnmal in Neckarzimmern seinen Platz gefunden hat, befindet sich der zweite nahe des Rathauses in Ettenheim.

        Der Memorialstein (Aufn. aus: mahnmal-neckarzimmern.de) zeigt einen Teil der Rosette, die früher den Giebel der Synagoge zierte.

Sechs sog. „Stolpersteine“ erinnern in Ettenheim an verfolgte und ermordete ehemalige jüdische Bewohner.

Aufn. Stefan Merkle, 2012

                                     Vorhang für den Thoraschrein aus Ettenheim (Postkarte) 

Der abgebildete Thoraschreinvorhang wurde anlässlich der Einweihung der Synagoge (1881) von Frauen der Gemeinde gestiftet. Nach der Schändung der Ettenheimer Synagoge (1938) wurde der Vorhang auf den Speicher des Rathauses verbracht.

Im Ortsteil Altdorf existierte seit dem 17.Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, die um 1840 fast 300 Angehörige umfasste.

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts war fast jeder vierte Einwohner Altdorfs mosaischen Glaubens; die jüdische Gemeinde Altdorf war damit die zweitgrößte im Landkreis Lahr. [vgl. Altdorf (Baden-Württemberg)]

Im unmittelbar nördlich Ettenheims gelegenen Dorfe Orschweier, heute Ortsteil von Mahlberg, gab es eine winzige jüdische Gemeinde; der erste Jude wurde 1676 namentlich erwähnt. In der Folgezeit sind nur spärliche Hinweise auf jüdisches Leben im Dorf vorhanden. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts zählte die Gemeinde nahezu 50 Personen; die Familien lebten vor allem vom Handel mit Landprodukten. Vermutlich fanden gottesdienstliche Zusammenkünfte in einem Betsaal eines Privathauses statt; an hohen Feiertagen suchte man die Synagoge in Altdorf auf. Begräbnisstätte für die Juden Orschweiers war der Verbandsfriedhof in Schmieheim.  Abwanderung (nach 1860) ließ die ohnehin schon kleine Gemeinde schrumpfen, sodass 1886 offiziell deren Auflösung bekannt gegeben wurde. Aus dem Verordnungsblatt des Großh. Oberrats der Israeliten Badens vom 9.11.1888:

1895 lebten bereits keine Juden mehr im Dorf.

Weitere Informationen:

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 79 - 81

Hubert Kewitz, Die Juden in Ettenheim, in: St. Bartholomäus Ettenheim. Beiträge zur 200.Wiederkehr der Weihe der Ettenheimer Stadtpfarrkirche, Ettenheim 1982, S. 142 ff.

Historischer Verein für Mittelbaden e.V. (Hrg.), Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim - Altdorf - Kippenheim - Schmieheim - Rust - Orschweier, Ettenheim 1988

Dieter Weis, Synagogen im ehemaligen Amtsbezirk Ettenheim: Ettenheim, Altdorf, Kippenheim, Schmieheim und Rust, in: Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden 1938 - 1988, Ettenheim 1988, S. 68 - 157

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 398 f.

Ettenheim, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Bild- u. Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Orschweier, in: alemannia-judaica.de

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 116 – 121 und S. 305

Robert Krais/Bernhard Pilz, Jüdisches Leben in Ettenheim – Steine erzählen, hrg. vom Deutsch-Israelischer Arbeitskreis Südlicher Oberrhein e.V., Verlag Medien und Dialog, Haigerloch 2010

Christiane Twiehaus, Synagogen im Großherzogtum Baden (1806-1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien, in: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg, Heidelberg 2012, S. 92 - 97

Erika Sieberts (Red.), Gedenken – Stolpersteine erinnern auch jetzt in Ettenheim an NS-Opfer, in: „Badische Zeitung“ vom 12.7.2010

Drei weitere Stolpersteine dürfen in Ettenheim verlegt werden, in: „Badische Zeitung“ vom 28.3.2012

Klaus Fischer (Red.), Letzte Gedenksteine an Ettenheimer Juden werden verlegt, in: „Badische Zeitung“ vom 12.9.2012

Sandra Decoux-Kone (Red.), Schon 42 Unterstützer dabei, in: "Lahrer Zeitung" vom 23.5.2018

Berthold Obergföll (Red.), Täter nennen, Erinnerung wachhalten, in: „Badische Zeitung“ vom 12.11.2018