Ettlingen (Baden-Württemberg)

Datei:Ettlingen im Landkreis Karlsruhe.png Ettlingen ist eine Stadt mit derzeit knapp 40.000 Einwohnern südlich von Karlsruhe; sie ist nach Bruchsal die zweitgrößte Stadt des Landkreises Karlsruhe (Karte F.Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ettlingen-Stich.png

Ettlingen - Stich um 1850 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Juden sind im badischen Ettlingen seit Beginn des 14.Jahrhunderts urkundlich nachgewiesen. Wie die meisten Juden Mitteleuropas wurden auch sie während der Pestpogrome verfolgt und vertrieben. Erst im 16.Jahrhundert haben wieder wenige jüdische Familien in der „Judengasse“, der heutigen Färbergasse von Ettlingen, zeitweilig gewohnt. Anfang des 17.Jahrhunderts wurden sie erneut vertrieben, weil sie das ihnen auferlegte Schutzgeld nicht aufbringen konnten. Erst Jahrzehnte nach Ende des Dreißigjährigen Krieges konnten Juden wieder in Ettlingen ansässig werden; die Landesherrschaft verlieh ihnen Handelsmonopole.

Nach der Zerstörung Ettlingens 1689 und dem Wiederaufbau der Stadt wohnten um 1700 hier mindestens zwei Familien, 1714 waren es sieben. Ihre Anzahl blieb während des 18./19.Jahrhunderts nahezu konstant. Die Ettlinger Juden lebten im 18.Jahrhundert vorwiegend vom Geld- und Viehhandel. Ihr Wohngebiet lag wieder in der Färbergasse.

Erste Hinweise auf einen Betsaal in einem Privathaus liegen seit Mitte des 18.Jahrhunderts vor. Um 1880 genügte das alte Synagogengebäude (einem ehemaligen Gerberhaus) nicht mehr den Ansprüchen der in Ettlingen lebenden Juden, so dass man an die Planung eines Neubaus heranging. Zudem stand es der Stadtentwicklung im Wege (aus „Mittelbadischer Courier“ vom 16.7.1871: „Hoffentlich wird die Synagoge, welche ebenfalls den Verkehr stört und in bezug auf die architektonische Form der Gans ebenbürtig ist, bald nachfolgen und durch gemeinschaftliches Zusammengehen der Stadtbehörde und der Israelitischen Gemeinde der letzteren an anderer Stelle ein würdiger Tempel errichtet"). 1888 wurde nach dem Bau der neuen Synagoge das Gebäude der alten abgebrochen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2014/Ettlingen%20Synagoge%20a01.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2014/Ettlingen%20Synagoge%20n02.jpg altes Synagogengebäude kurz vor dem Abbruch (hist. Aufn. um 1885)

1889 weihte die jüdische Gemeinde ihre neue, repräsentative Synagoge in der Pforzheimer Straße ein; über die Einweihung berichtete der „Mittelbadische Kurier” am 9. Oktober 1889:

Ettlingen, 7. Okt.: Die Einweihung der neuen Synagoge hat vorgestern Nachmittag durch den Oberrabbiner Herrn Dr. Mayer von Bühl stattgefunden. Nachdem in der alten Synagoge ein kurzer Abschiedsgottesdienst abgehalten worden war, bewegte sich ein langer Zug, die Musik der Königlichen Unteroffizierschule voran, durch die Kronenstraße zum neuen Gotteshaus an der Pforzheimerstraße. Es hatten sich von auswärts sehr viele Glaubensgenossen eingefunden, um der hiesigen Israelitischen Gemeinde zu ihrem Freudenfeste ihre Teilnahme zu bezeugen. Aber auch eine Menge Bewohner christlichen Bekenntnisses nahmen am Zug und am Eröffnungsgottesdienst teil. ... Nach Öffnung der Pforte suchte im Innern Platz zu finden, wem es nur möglich war. “Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Volker”. Mit diesem Prophetenworte, das über der Eingangstür prangte, begann der Herr Oberrabbiner seine Festpredigt. Er wolle hiermit jedoch nicht gesagt haben, dass alle Menschen den israelitischen Kultus annehmen sollen; durchaus nicht: Es könne nach dem Talmud vielmehr jeder sozusagen nach seiner Façon selig werden. Seit der Zeit, in welcher der Talmud geschrieben worden, seien Jahrtausende verflossen; auf allen Gebieten haben die Menschen enorme Fortschritte gemacht. Nur in einem Punkte ließen sich noch viele Fortschritte wünschen: In der Nächstenliebe. Redner führte aus, wie der eine den andern wegen seines Glaubens noch bemängele, wie er meint, nur allein das Rechte zu besitzen und doch stehe die Nächstenliebe über allem erhaben da. Auch dieses Gotteshaus sei erbaut worden auf Grund der Nächstenliebe. Wohl ist in erster Linie dem rührigen Vorstand der hiesigen Israelitischen Gemeinde der Dank zu zollen für seine Aufopferung, allein wenn nicht von Seiten der politischen Gemeinde in so freundlicher Weise entgegengekommen worden wäre, so könne heute dieses Fest doch nicht gefeiert werden. Weiter sei die Opferfreudigkeit der hiesigen Einwohnerschaft und der Glaubensgenossen von Nah und Fern hervorzuheben. Allen, die sich am Bau oder in irgend einer andern Weise verdient gemacht haben um das Gelingen dieses Werkes, das so recht die Nächstenliebe zu Stande gebracht, sei der aufrichtige Dank ausgesprochen. ... Nach abwechselnden Gesängen und Gebeten schloss der Gottesdienst, worauf die schön geschmückten Räume der freien Besichtigung des Publikums geöffnet wurden. Abends fand sodann im Gasthaus zum Erbprinzen ein Konzert und gestern Abend ein Festball im Gasthaus zum Hirsch statt, welch beide Festlichkeiten den schönsten Verlauf nahmen. Die Synagoge bietet in ihrer Vorderansicht einen hübschen Anblick dar, doch sind ihre Seitenwände etwas kahl. ... Mit dem Abbruch der alten Synagoge wird ein Wahrzeichen Ettlingens verschwinden, was jedoch in keinerlei Weise zu bedauern ist, denn es wird nicht nur Licht und ein freier Blick für die Nachbarhäuser geschaffen, auch der Ausblick von der Brücke am Rathaus wird ein freundlicherer und der Verkehr auf der Albstraße bedeutend erleichtert werden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2018/Ettlingen%20Synagoge%20030.jpg

Blick auf die Synagoge (Aufn., aus: Zives, Badische Synagogen ...)  -  Synagogenfassade (hist. Aufn., aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Ettlinger Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war.

                       Anzeigen von 1889/1903

Einen eigenen Friedhof besaß die Gemeinde nicht; sie bestattete ihre Toten auf dem Verbandsfriedhof des Bezirksrabbinats Bühl in Kuppenheim.

Die Gemeinde gehörte seit 1827 zum Rabbinatsbezirk Karlsruhe, nach 1885 zu dem von Bühl. 

Juden in Ettlingen:

        --- 1605 ...........................  5 jüdische Familien,

    --- 1700 ...........................  5     “       “    ,

    --- um 1715 ........................  7     “       “    ,

    --- 1801 ........................... 19 Juden,

    --- 1825 ........................... 33   “  ,

    --- 1864 ........................... 50   “  ,

    --- 1895 ........................... 67   “  ,

    --- 1910 ........................... 75   “  ,

    --- 1925 ........................... 62   “  ,

    --- 1933 ........................... 48   “  ,

    --- 1939 ........................... 18   “  ,

    --- 1940 (Nov.) ....................  2   “  .

Angaben aus: Jürgen Stude, Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe, S. 349

Einer der wichtigsten Betriebe in Ettlingen, die „Vogel & Bernheimer Zellstoff- und Papierfabrik AG Ettlingen”, war in jüdischem Besitz und beschäftigte ca. 300 Arbeitskräfte; daneben gab es noch weitere kleinere Betriebe jüdischer Eigentümer. Das Verhältnis zwischen Christen und Juden in Ettlingen war - auch noch in den ersten Jahren der NS-Herrschaft - relativ gut; erst die kontinuierliche NS-Hetze vergiftete allmählich das Klima.

Die Zerstörung der Ettlinger Synagoge ging vor allem auf das Konto der „Westwall-Arbeiter“ vor Ort; organisiert wurden die Gewalttätigkeiten von der SA-Standarte Rastatt. SA-Leute und „Westwall-Arbeiter“ wurden per LKW herangeschafft, um dem „Volkszorn“ Ausdruck zu verleihen; die jüdischen Bewohner wurden aus ihren Wohnungen geholt und anschließend verhaftet; erst nach Tagen wurden die inhaftierten Juden wieder auf freien Fuß gesetzt. Mehrere männliche Juden wurden ins KZ Dachau verbracht, wo sie einige Wochen zubringen mussten. Die einsturzgefährdete Synagogenruine wurde im Sommer 1939 niedergelegt; die Kosten für den Abbruch musste die jüdische Gemeinde tragen. Am 22.Oktober 1940 wurden die neun noch in Ettlingen lebenden Juden nach Gurs verschleppt; damit endete jüdisches Leben in Ettlingen. Mindestens 20 Ettlinger Juden wurden Opfer des Holocaust.

Am Standort der früheren Ettlinger Synagoge an der Pforzheimer Straße 33 erinnert seit 1966 eine Gedenktafel an die Jüdische Gemeinde Ettlingen:

Hier stand die im Jahre 1888 erbaute Synagoge der Israelitischen Gemeinde Ettlingen.

Sie wurde am 10.November 1938 beim Synagogensturm zerstört.

                (Aufn. aus: alemannia-judaica.de)

                 Eine Hinweistafel am Standort der bis in die 1880er Jahre genutzten Synagoge trägt die Worte:

Ettlingen Synagoge

durch Umbau eines Gerberhauses 1849 an dieser Stelle errichtet und 1888 abgebrochen. Der Neubau der Synagoge in der Pforzheimer Straße wurde 1938 niedergebrannt.

Als Erinnerung und zum Gedenken an die ehemaligen jüdischen Bewohner Ettlingens wurde am 70.Jahrestag des Novemberpogroms ein „Denkmal wider das Vergessen“ der Künstlerin Irmela Maier enthüllt.

Eine mit Fliesen verkleidete Stele, die Jugendliche der Paulusgemeinde erstellt haben, ist Teil des zentralen Deportationsmahnmals in Neckarzimmern (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

2010/2011 wurden in den Straßen Ettlingens sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an zwölf Standorten an Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnern; allein sieben in der Marktstraße verlegte Steine erinnern an Angehörige der Familie Spielmann.

Stolpersteine in Ettlingen Ludwig Bodenheimer Pforzheimer Str 10 (fcm).jpg Stolpersteine in Ettlingen Helene Bodenheimer Pforzheimer Str 10 (fcm).jpg Stolpersteine in Ettlingen Emil Bodenheimer Pforzheimer Str 10 (fcm).jpg Stolpersteine in Ettlingen Moses Spielmann Marktstr 6 (fcm).jpg Stolpersteine in Ettlingen Helene Spielmann Marktstr 6 (fcm).jpg

"Stolpersteine" in der Pforzheimer Straße und Marktstraße (Frank C. Müller, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Im Albgau-Museum befindet sich eine bemalte Holztafel aus der zerstörten Synagoge. Im hiesigen Stadtarchiv werden ein Stück einer Thorarolle aus der zerstörten Synagoge und das „Bürgerliche Standesbuch der israelitischen Gemeinde Ettlingen” aufbewahrt.

Weitere Informationen:

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 81 – 83

Rüdiger Stenzel, Ettlingen vom 14.-17. Jahrhundert, in: Stadt Ettlingen (Hrg.), Geschichte der Stadt Ettlingen, Band IIb, Ettlingen 1985, S. 148 - 154 

Rüdiger Stenzel, Ettlingen von 1689 - 1815, in: Stadt Ettlingen (Hrg.), Geschichte der Stadt Ettlingen, Band III, Ettlingen o.J., S. 379 - 388

Wolfgang Lorch, Vor 50 Jahren. Die Zerstörung der Ettlinger Synagoge in der Reichskristallnacht, in: Ettlinger Hefte 22/1988, S. 26 - 37

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 288

Jürgen Stude, Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe, Hrg. Landratsamt Karlsruhe, Karlsruhe 1997, S. 22 und S. 349 - 353

Franz-Josef Ziwes (Hrg.), Badische Synagogen aus der Zeit von Großherzog Friedrich I. in zeitgenössischen Photographien, G.Braun Buchverlag, Karlsruhe 1997, S. 50/51

Ettlingen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 121 – 124

Wolfgang Lorch, Jüdisches Leben in Ettlingen. Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in der Zeit des Nationalsozialismus – mit Zeitzeugenberichten und einer historischen Einführung, Verlag Regionalkultur, Ubstadt 2010

Christiane Twiehaus, Synagogen im Großherzogtum Baden (1806-1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien, in: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg, Universitätsverlag Winter Heidelberg 2012, S. 217 - 222

Auflistung der in Ettlingen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ettlingen