Euerbach (Unterfranken/Bayern)

Datei:Euerbach in SW.svg Euerbach ist eine Kommune mit derzeit ca. 3.000 Einwohnern im Landkreis Schweinfurt; gemeinsam mit Obbach und Sömmerdorf bildet Euerbach heute eine Verwaltungsgemeinde (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Wurzeln einer jüdischen Gemeinde in Euerbach reichen bis in die Mitte des 16.Jahrhunderts zurück; um 1555 ließen sich Juden nach ihrer Vertreibung aus Schweinfurt in Dörfern der Umgebung nieder, so auch in Euerbach. Ihre Aufnahme mussten sie gegen Zahlung eines jährlichen Schutzgeldes an die Grundherrschaft erkaufen.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten neben einer Synagoge auch eine Schule, eine Mikwe und ein Beerdigungsgelände. Dieser Friedhof – zwischen Euerbach und Obbach gelegen - wurde erstmals 1672 erwähnt, als der damalige Grundherr Adam Ulrich von Steinau der hiesigen Judenschaft einen Acker für die Anlegung eines Begräbnisplatzes zugestand. In einem Vertrag war u.a. festgelegt worden: Ich Adam Ulrich von Steinau ... dass ich einer gesambten Judenschaft allhier in Euerbach wie auch deren gesambten zu Niederwerrn, Oppach u. Westheim an der Sahl ... verkauft und erblich zu kauffen gegeben habe ... Geschehen Euerbach, den 31. Juli des 1672. Jahres." Die Gebühr bei einem Begräbnis für einen Erwachsenen betrug damals zwölf 'Batzen', für ein Kind sechs 'Batzen'.  Das Begräbnisgelände wurde im Laufe der Zeit mehrfach erweitert.

Stellenangebot für einen Friedhofsverwalter von 1901 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20256/Euerbach%20Israelit%2025041901.jpg

    zwei Grabmale von 1735 u. 1757 (aus: Sammlung Harburger)

Die in Euerbach vorhandene Synagoge ist vermutlich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts an Privatleute verkauft worden; schon Jahre zuvor suchten die Euerbacher Juden Gottesdienste im Nachbarort Geldersheim auf, da kein Minjan mehr zustande kam.

Die Euerbacher Judengemeinde gehörte zunächst zum Ritterschaftlichen Oberrabbinatsbezirk Würzburg, später bis in die 1840er Jahre zum Rabbinatsbezirk Niederwerrn.

Juden in Euerbach:

    --- um 1800 ..................... 55 Juden,

    --- 1816 ........................ 68   “  (ca. 15% d. Dorfbev.),

    --- 1832 ........................ 70   “  (in 14 Familien),

    --- 1835 ........................ 93   “  ,

    --- 1867 ........................ 28   “  (ca. 6% d. Dorfbev.),

    --- 1880 ........................ 29   “  ,

    --- 1890 ........................ 26   “  ,

    --- 1900 ........................  8   “  ,

    --- 1910 ........................  5   “  ,

    --- 1933 ........................ 13   “  ,

    --- 1939 ........................  4   “  .

Angaben aus: Auskünfte der Kommunalverwaltung

Wenige Jahre nach der Jahrhundertwende löste sich die Kultusgemeinde auf; in Euerbach lebten dann nur noch einzelne jüdische Familien, die nun der Nachbargemeinde Obbach angeschlossen waren. Die beiden im Besitz der jüdischen Gemeinde befindlichen Gebäude, Synagoge und Schulhaus, gingen alsbald in Privathand über und wurden Jahre später abgerissen. Im November 1938 zerstörten Angehörige der HJ teilweise das Friedhofsgelände. Im Sommer 1939 wurde der Leichenwagen der Chewra Kaddischa von Obbach und Niederwerrn von „Unbekannten“ vor dem Euerbacher Friedhof verbrannt, vermutlich deshalb, weil die Beerdigungsbruderschaft einen „arischen“ Kutscher (!) beschäftigte.

In einem Monatsbericht des Reg.präsidenten Mainfranken vom 11.8.1939 hieß es: „ ... In der Nacht vom 11. auf 12.7.38 ... wurde der in der Gemeinde Euerbach (Landkreis Schweinfurt) stehende Leichenwagen der jüdischen Kultusgemeinden Obbach und Niederwerrn von bis jetzt unbekannten Tätern verbrannt. ... Der Grund dürfte der sein, daß bis in die jüngste Zeit noch ein arischer Dorfbewohner die jüdischen Leichen nach dem Judenfriedhof gefahren hat. ...”  Im Jahre 1939 lebten noch vier Jüdinnen in Euerbach; sie wurden 1942 nach Izbica/bei Lublin bzw. nach Theresienstadt deportiert. Nachweislich wurden sechs jüdische Bewohner Euerbachs Opfer der Shoa.

Auf dem in Richtung Obbach liegenden Friedhofsgelände sind heute noch mehr als 1.200 Grabsteine vorhanden, die teilweise beschädigt sind.

Teilansicht des jüdischen Friedhofs (Aufn. T., 2012, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

[vgl. Obbach (Bayern)]

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 290

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 55

Bernd Schlereth, Das Judentum in Deutschland: am Beispiel Euerbach, Facharbeit in Geschichte am Walther-Rathenau-Gymnasium Schweinfurt, Schweinfurt 1997

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof Euerbach, in: Der Landesverband der Israel. Kultusgemeinden in Bayern, 11.Jg., No. 14/Okt. 1997, S. 22/23

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, Band 2: Adelsdorf - Leutershausen, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaiitach, Fürth 1998, S. 180/181

Euerbach, in: alemannia-judaica.de

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13,Würzburg 2008, S. 246

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Unterfranken, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 52 − 55

Silvia Eidel (Red.), Ein Koffer erinnert an die Deportation, in: "Main-Post" vom 1.7.2018