Falkenburg (Hinterpommern)

 Die ‚Tuchmacherstadt’ Falkenburg war eine Kleinstadt im ehem. Kreis Dramburg; das heutige polnische Zlocieniec (Woiwodschaft Westpommern) hat eine Bevölkerung von derzeit ca. 13.000 Einwohnern.

Die erste Ansiedlung einer jüdischen Familie gestattete der Rat der Stadt Falkenburg um 1720; der jüdische Händler musste sich dafür bereit erklären, hiesigen Tuchmachern bei der Beschaffung ihrer Rohstoffe finanziell zu helfen. Nennenswerte Ansässigkeit von Juden setzte in der Kleinstadt erst um 1810/1812 ein. Im Laufe des 19.Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Bewohner Falkenburgs soweit zu, sodass eine Gemeinde gebildet werden konnte. Um 1890 erreichte die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder ihren Höchststand; danach war ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.

Im Jahre 1841 wurde ein neues Synagogengebäude hinter der Bürgerschule im „Hundeloch“ eingeweiht; das Haus war ein kleiner unscheinbarer mit rotem Backstein ausgefächerter Fachwerkbau (Abb. siehe in: sztetl.org.pl).

Anfänglich wurden Verstorbene auf dem ca. zehn Kilometer östlich Falkenburgs gelegenen jüdischen Friedhof in Heinrichsdorf (poln. Siemczyna) begraben. Später stand ein Beerdigungsgelände an der Birkholzer Straße – am westlichen Stadtrand – zur Verfügung.

Juden in Falkenburg:

        --- um 1805 ......................   2 jüdische Familien,

    --- 1816 .........................  47 Juden,

    --- 1831 .........................  74   “  ,

    --- 1843 .........................  86   “  ,

    --- 1849 ......................... 118   “  ,

    --- 1861 ......................... 100   “  ,

    --- 1871 .........................  99   “  ,

    --- 1880 ......................... 121   “  ,

    --- um 1890 .................. ca. 140   “  ,

    --- 1909 .........................  69   “  ,

    --- 1925 .........................  51   “  ,

    --- 1932 .........................   ?   “  ,

    --- 1939 (Mai) ...................  16   “  ,

    --- 1942 .........................  ein  “ ().

Angaben aus: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 45

Zu antisemitisch motivierten Tumulten kam es in den Augusttagen 1881 auch in Falkenburg - wie in zahlreichen anderen Orten Hinterpommerns.

                 Blick auf den Marktplatz in Falkenburg (hist. Postkarte)

Gegen Ende der 1920er Jahren lebten nur noch einige wenige jüdische Familien in der Kleinstadt.

Wie überall in Deutschland wurden auch in Falkenburg die jüdischen Bewohner und ihr Gotteshaus während des Novemberpogroms 1938 Ziel von Anschlägen; das Synagogengebäude brannte völlig nieder. Wer nicht mehr rechtzeitig emigrieren konnte, der wurde 1941/1942 deportiert; nur ein einziger „in Mischehe“ lebender jüdischer Einwohner hielt sich Ende 1942 noch in Falkenburg auf.

Sichtbare Überreste jüdischer Gemeindehistorie findet man heute in Zlocieniec nicht mehr.

 Aus Falkenburg stammte der 1895 geborene Rudolf Katz. Er wuchs in Kiel auf und war dann in Hamburg als Rechtsanwalt tätig. Der sozialdemokratische Kommunalpolitiker verließ 1933 Deutschland und lebte ab 1935 in den USA. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil war er eine Zeitlang Justizminister in Schleswig-Holstein; als Mitglied des Parlamentarischen Rates sowie Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts war Rudolf Katz maßgeblich am Aufbau der Bundesrepublik beteiligt. Er starb 1961 in Baden-Baden.

Auch in Dramburg (poln. Drawsko Pomorskie) war eine jüdische Gemeinde ansässig, die zahlenmäßig noch etwas größer als die Falkenburger war; die ersten Familien wurden hier in den 1730er Jahren. Zu den Einrichtungen der Gemeinde zählten ein Friedhof (am Wiesenweg zum Burgwerder gelegen) und eine 1839 neuerbaute Synagoge in der Kleinen Kirchstraße, die einen seit ca. 1760 bestehenden Betraum ersetzte.

Juden in Dramburg:

     --- um 1770 ....................   6 jüdische Familien,

--- 1816 .......................  49 Juden,

    --- 1843 ....................... 121   “  ,

    --- 1852 ....................... 169   “  ,

    --- 1861 ....................... 186   “  ,

    --- 1871 ....................... 176   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1890 ....................... 165   "

    --- 1895 ....................... 138   “  ,

    --- 1909 ....................... 105   “  ,

    --- 1930/33 ................ ca.  25   “  ,

--- 1939 .......................   7   “  .

Angaben aus: Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, S. 251

und                 The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), S. 329

http://schulz.bytework.de/genealogy/Pommern/drbg_markt_1_900.jpg Marktplatz in Dramburg (hist. Postkarte, um 1935)

Während der NS-Zeit hielten sich nur noch sehr wenige Juden in Dramburg auf. 1935 wurde das Synagogengebäude verkauft und anschließend abgerissen. In den Novembertagen 1938 wurden Ausschreitungen gegen jüdisches Eigentum verzeichnet. Kurz nach Kriegsbeginn waren fast alle jüdischen Bewohner emigriert.

Der lange vernachlässigte jüdische Friedhof, dessen Grabsteine zumeist beim Wegebau Verwendung fanden, ist in den 1990er Jahren wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gekommen; auf dem ehemaligen Friedhofsgelände wurden einige Grabsteine wieder aufgestellt – stellvertretend für alle anderen, die "verloren" gegangen sind.

                            Drawsko Pomorskie - cmentarz żydowski einzelne Grabsteine (Aufn. aus: kirkuty.xip.pl)

Weitere Informationen:

Paul van Niessen, Die Geschichte der Stadt Dramburg – Festschrift zur Jubelfeier ihres sechshundertjährigen Bestehens, 1897 (1994 unveränderter Nachdruck der Originalausgabe)

M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 45

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 329 und S. 377

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, Teilband 2, Teil III, New York 2006, S. 382 – 395 (Dramburg) und S. 396 – 402 (Falkenburg)

Zlocieniec und Drawsko Pomorskie, in: sztetl.org.pl

Jacques Lahitte (Red,), Drawsko Pomorskie, in: kirkuty.xip.pl