Fellheim/Iller (Schwaben/Bayern)

Datei:Fellheim in MN.svg Fellheim ist heute ein Ortsteil der Verwaltungsgemeinschaft Boos im schwäbischen Landkreis Unterallgäu - etwa 15 Kilometer nördlich von Memmingen gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Fellheim galt als eines der "Judendörfer"; im 19.Jahrhundert machte der jüdische Anteil an der Dorfbevölkerung zeitweise ca. 70% aus.

Seit der Mitte des 17.Jahrhunderts ließen sich jüdische Familien im durch den Dreißigjährigen Krieg zerstörten Dorfe Fellheim (nahe Memmingens) nieder; das herrschende reichsritterschaftliche Adelsgeschlecht der Freiherren von Reichlin-Meldegg förderte deren Ansässigkeit, da sie den Wiederaufbau Fellheims anstrebten. Die Ansiedlung von zunächst fünf jüdischen Familien erfolgte im südlichen Bereich der Ortschaft, nahe des Schlosses. Von Beginn an lebten die Familien in äußerst beengten Verhältnissen; so sollen sich in den 1780er Jahren knapp 40 Familien nur drei (!) größere Gebäude geteilt haben. Da die Zahl der Familien im Laufe der Zeit immer mehr zunahm, wurde Fellheim im Volksmund auch „Judenhausen“ genannt; zeitweilig setzte sich die Ortsbevölkerung aus ca. 70% (!) jüdischen Bewohnern zusammen. Die ortsansässigen Bauern, die der Judenpolitik ihres Schlossherrn ablehnend gegenüberstanden, fanden in der Folgezeit dabei Unterstützung seitens der Ortsgeistlichkeit. Das Zusammenleben zwischen christlicher und jüdischer Dorfbevölkerung gestaltete sich deshalb schwierig; auf Grund der Tatsache, dass die jüdischen Familien außerhalb des Dorfkerns wohnten, entwickelten sich kaum soziale Kontakte untereinander; im Gegenteil waren Animositäten, die sich in Streitfällen dokumentierten, nicht selten. Bis 1806 bildeten Juden und Christen in Fellheim zwei voneinander unabhängige politische Gemeinden. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Juden Fellheims im Handel weit über die Region hinaus; dabei konnten sie zumeist auf die Unterstützung ihres Schutzherrn bauen, der ihnen das Zugeständnis machte, „Handel und Wandel auch vollkommen, es mag Namen haben wie es immer will“ zu treiben; dabei stand immer das Interesse des Freiherrn Reichlin von Meldegg im Vordergrund, möglichst zahlungskräftige Schutzjuden zu haben. Im Handel der Fellheimer Juden spielte der nahe Handelsplatz Memmingen eine wichtige Rolle; Vieh (Pferde u. Rinder), Landesprodukte und Salz waren die hier zumeist gehandelten Waren. Handelsbeschränkungen und zeitweilige Zugangsverbote brachten ihnen aber Erschwernisse.

Seit Anfang des 18.Jahrhunderts stand ein Rabbiner der Gemeinde vor. Zur Ausübung ihrer Gottesdienste stand den Fellheimer Juden zunächst nur ein primitiver Betsaal in einem der wenigen "Judenhäuser" zur Verfügung. Das rasche Anwachsen der jüdischen Bevölkerung machte den Bau einer Synagoge notwendig; den Baugrund stellte dabei die Ortsherrschaft unentgeltlich zur Verfügung. 1738 (oder 1776) ließ die jüdische Gemeinde einen mächtigen Synagogenbau an der Memminger Straße errichten.

   

       Synagoge in Fellheim (Ausschnitt aus einer hist. Postkarte, Sammlung J. Hahn)           Synagoge in den 1920er Jahren (hist. Aufn.)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten eine Mikwe und seit 1836 auch eine Elementarschule, die bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg bestand.

Bedeutendster Fellheimer Rabbiner war Dr. Marx Hayum Seligsberg (geb. 1799 in Baiersdorf). Seit 1830 hatte er die Rabbinerstelle in Fellheim inne und amtierte hier fast ein halbes Jahrhundert. Um 1870 betreute er neben Fellheim auch die Gemeinden Illereichen-Altenstadt, Osterberg, Memmingen und Kempten. Welche Anerkennung Rabbiner Seligsberg besaß, kann einem Artikel in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 25.Aug. 1869 entnommen werden, der anlässlich seines 70.Geburtstages erschien:

Fellheim, 4. Juli. Gestern feierte die hiesige israel. Gemeinde ein ebenso schönes als seltenes Fest. Es galt nämlich, dem hiesigen Rabbiner Hrn. M. H. Seligsberg, dessen Name durch seine hebräischen Schriften weit über die Gauen unseres Vaterlandes hinaus rühmlichst bekannt ist, zu seinem 70. Geburtstage den Tribut der Verehrung und Hochachtung vorzubringen. - Schon am Vorabend des Festes wurde dem Gefeierten vom hiesigen Gesangverein eine Serenade gebracht, wobei die nichtisrael. Mitglieder sich in der zuvorkommendsten Weise betheiligten, … Am Festtag selbst, nach dem Frühgottesdienst, in welchem der Jubelgreis in ergreifender Rede die Weihe dieses Tages hervorhob, wurden ihm in seiner Wohnung die Glückwünsche der Gemeindeglieder dargebracht und demselben neben vielen anderen Beweisen der Liebe und Freundschaft als Zeichen der Hochachtung ein schöner silberner Pokal verehrt. Der Abend vereinigte die Freunde und Verehrer des ehrwürdigen Greises zum heiteren Mahl, wobei in bald ernster, bald heiterer Rede der Einzelne seinen Gefühlen Ausdruck gab, bis man spät in gehobener Stimmung sich trennte, Alle von dem Wunsche beseelt, daß es dem hochverehrten Greise gegönnt sein möge, den Abend seines vielbewegten Lebens in froher Ruhe zu genießen und noch eine lange Reihe von Jahren den Samen des Edlen und Guten auszustreuen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20143/Fellheim%20AZJ%2003021874.jpg   

Stellenanzeigen aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 3.Febr. 1874 und vom 17.Juni 1884

Um 1785/1790 wurde ein Friedhof angelegt. Gegen Zahlung eines Begräbnisgeldes an die Ortsherrschaft fanden verstorbene Juden Fellheims hier bis zu Beginn des 19.Jahrhunderts ihre letzte Ruhe. Das Friedhofsgelände grenzte unmittelbar an das Synagogengrundstück.

Die Fellheimer Juden schlossen sich nach Auflösung ihrer Gemeinde (um 1910) der Kultusgemeinde Memmingens an, die dem Bezirksrabbinat Augsburg zugehörig war.

Juden in Fellheim:

        --- um 1660/65 .....................   5 jüdische Familien,

    --- 1699 ...........................   6     “       “    ,

    --- 1722 ...........................  18     “       “    ,

    --- 1747 ...........................  24     “       “    ,

    --- 1782 ...........................  38     “       “    ,

    --- 1812 ...........................  76     “       “   (ca. 400 Pers.),

    --- 1836 ...........................  92     “       “   (ca. 65% d. Bevölk.),

    --- 1840 ........................... 539 Juden,

    --- 1852 ........................... 377   “  ,

    --- 1861 ...........................  55 jüdische Familien,

    --- 1872 ...........................  30     “       “    ,

    --- 1880 ...........................  63 Juden (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1909 ...........................  31   “   (in 8 Familien),

    --- 1925 ...........................  20   “  ,

    --- 1933 ...........................  27   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1939 (Jan.) ....................  20   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ....................  keine.

Angaben aus: Wilhelm Rapp, Geschichte des Dorfes Fellheim an der Iller/Landkreis Memmingen, S. 127 f.

und                 Gernot Römer, Juden in Fellheim (Maschinenmanuskript von 2003/2004)

Zu Beginn der 19.Jahrhunderts bestritt ein Großteil der Fellheimer Juden seinen bescheidenen Lebenserwerb vom Hausierhandel. Mit der Abwanderung in größere Städte, vor allem nach Memmingen bzw. der Auswanderung nach Nordamerika, reduzierte sich die Zahl der Fellheimer Juden beträchtlich. 1910 musste die jüdische Schule geschlossen werden.In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zählten Fellheimer Juden als Hausierer, als Vieh- oder Pferdehändler oder Handwerker hier noch zum ländlichen Alltag. Im Jahre der NS-Machtübernahme lebten nur noch knapp 30 Juden in Fellheim. Das Innere des Synagogengebäudes wurde im November 1938 völlig zerstört, alle wertvollen Ritualgegenstände wurden vernichtet. Ca. 40 Täter sollen aus dem benachbarten Boos herangekarrt worden sein; zudem wurden sie von Memminger SS-Angehörigen unterstützt. Das Synagogengebäude diente später als Lagerraum. Mitte des Jahres 1942 wies Memmingen seine noch nicht deportierten jüdischen Bewohner nach Fellheim aus; von hier wurden sie dann Monate später verschleppt. Von den zu Beginn der NS-Zeit noch in Fellheim lebenden jüdischen Bewohner kamen mindestens 14 Personen gewaltsam ums Leben.

Drei Jahre nach Kriegsende fand gegen acht am Novemberpogrom in Fellheim Beteiligte vor dem Landgericht Memmingen ein Prozess statt; sechs Angeklagte wurden zu kurzen Freiheitsstrafen verurteilt.

In den Jahren 1946/1947 liefen seitens der Kultusgemeinde Memmingen Bestrebungen, die Synagoge in Fellheim in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen; allerdings zerschlugen sich diese Pläne. Anfang der 1950er Jahre erwarben Privatleute das Gebäude, das nun zu einem dreigeschossigen Wohn- und Geschäftshaus umgebaut wurde. Im November 1988 ließ die Kommunalverwaltung am Rathaus, dem einstigen jüdischen Schulhaus, eine Gedenktafel aus Marmor anbringen, die an die in Fellheim ansässig gewesenen jüdischen Familien erinnert.

  Gedenktafel am Rathaus Fellheim.jpg

Rathaus Fellheim - einstiges jüdisches Schulhaus (Aufn. Gemeinde Fellheim und M., 2016, in: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Die Ortsgemeinde Fellheim hat im Jahre 2007 das ehemalige Synagogengebäude gekauft, um einen Rückbau voranzutreiben und das Gebäude als Erinnerungs- und Begegnungsstätte sowie als Ort für kulturelle Veranstaltungen zu nutzen. 2010 gründete sich der gemeinnützige „Förderkreis Synagoge Fellheim e.V.“, der dieses Anliegen in die Tat umsetzen möchte, um damit das einzig erhaltene Synagogengebäude im gesamten Allgäu zu erhalten. Mit der Zusage erheblicher Finanzmittel aus dem bayrischen Dorfentwicklungsprogramm wurde 2013 mit dem Rückbau bzw. der Sanierung begonnen; Fertigstellung und Eröffnung des Gebäudes war im Herbst 2015. Charlotte Knobloch, Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hielt bei der Einweihung die Festrede, in der sie betonte, dass der Rückbau der ehemaligen Synagoge „ein Projekt friedlichen Miteinanders ist, um in Freiheit und gegenseitigem Respekt auf Augenhöhe leben zu können“.

 

Saniertes ehem. Synagogengebäude (Aufn. aus: ehemaligesynagogefellheim.de, 2016)

Der nach Kriegsende verkleinerte jüdische Friedhof ist mit einer Mauer umgeben und weist heute ca. 200 Grabsteine auf.

 Jüdischer Friedhof Fellheim - Memminger Straße (2012)

Jüdisches Friedhofsgelände (Aufn. M., 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 - Grabstein-Ensemble (Aufn. aus: lexikon.freenet.de)

 Von den Fellheimer Juden erlangte der 1840 geborene Ludwig Rosenthal Berühmtheit; sein Aufstieg begann 1863 mit der Eröffnung einer Buch- und Antiquariatshandlung in Fellheim, die er wenige Jahre später nach München verlegte. Auf seinen Geschäftsreisen quer durch Europa erwarb er zahlreiche antiquarische Kostbarkeiten, auch ganze Sammlungen, die er dann weiter veräußerte; zu den Käufern zählten allerhöchste Kreise. 1928 verstarb Ludwig Rosenthal in München. - Im Jahre 2003 zeigten Stadtarchiv und Stadtmuseum München eine Ausstellung, die betitelt war „Die Rosenthals. Der Aufstieg einer jüdischen Antiquarsfamilie zu Weltruhm”. Jüngst wurde in Fellheim eine Straße nach Ludwig Rosenthal benannt. [vgl. Memmingen (Bayern)]

Weitere Informationen:

Wilhelm Rapp, Geschichte des Dorfes Fellheim an der Iller/Landkreis Memmingen, Hrg. Gemeinde Fellheim, Fellheim 1960, S. 127 - 142

Lebenserinnerungen des jüdischen Hausierhändlers Isaac Thannhauser von 1778 bis 1802, in: Monika Richarz (Hrg.), Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1780 – 1871, Stuttgart 1976, S. 100 - 114

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 465/466

Gernot Römer, Schwäbische Juden. Leben und Leistungen aus zwei Jahrhunderten in Selbstzeugnissen, Berichten und Bildern, Presse-Druck u. Verlags-GmbH Augsburg, 1990, S. 9 - 17 und S. 210 f.

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 255/256

Ein fast normales Leben - Erinnerungen an die jüdischen Gemeinden Schwabens. Ausstellungskatalog der Stiftung Jüdisches Kulturmuseum Augsburg- Schwaben, Augsburg 1995

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Fellheim/Schwaben, in: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 11.Jg., No. 74/1997, S. 24

Susanne Herrmann, Die reichsritterschaftlichen Judendörfer Illereichen-Altenstadt und Fellheim a.d. Iller. Entstehung und Entwicklung bis zum Ende des Alten Reiches, Fellheim 1998 

Ausstellungskatalog “Die Rosenthals. Der Aufstieg einer jüdischen Antiquarsfamilie zu Weltruhm”, Böhlau-Verlag, Wien/Köln/Weimar 2002

Gernot Römer, Juden in Fellheim, Maschinenmanuskript, 2003/2004

Cornelia Berger-Dittscheid,, Fellheim, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 431 - 439

Christian Herrmann/Arbeitskreis Geschichte, Brauchtum und Chronik (Hrg.), Fellheim an der Iller. Eine bebilderte Führung durch den ehemaligen jüdischen Ortskern, Fellheim 2007/2008

Michael Schneeberger, „Sie in ihren jüdischen Ceremonien gnädig zu belassen“. Die Geschichte der Juden von Fellheim im Allgäu, in: Jüdische Landgemeinden in Bayern (27) - Jüdisches Leben in Bayern, Mitteilungsblatt des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 25. Jg. Nr. 114, Dezember 2010, S. 26 – 31

Fellheim (Kreis Unterallgäu), in: alemannia.judaica.de (mit zahlreichen aktuellen Hinweisen zur Restaurierung des ehem. Synagogengebäudes)

Förderkreis Synagoge Fellheim (Hrg.), Die ehemalige Synagoge Fellheim. Gestern - Heute - Morgen!  Eine Ausstellung in der und um die ehemalige Synagoge Fellheim, 2010

Synagoge in Fellheim wird eingeweiht, in: „Allgäuer Zeitung“ vom 25.10.2015

Förderkreis Synagoge Fellheim (Hrg.), Die Geschichte der Synagoge Fellheim, online abrufbar unter: ehemaligesynagogefellheim.de

Online-Redaktion, Fellheim: 31.000 Euro für Erhalt des Jüdischen Friedhofs in Fellheim, in: locally.de vom 19.11.2016