Freudental (Baden-Württemberg)

Datei:Freudental im Landkreis Ludwigsburg.png Freudental ist eine kleine Kommune mit derzeit ca. 2.500 Einwohnern im Landkreis Ludwigsburg – zwischen Ludwigsburg (im S) und Heilbronn (im N) gelegen (Karte F.Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Freudental war ab der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts Mittelpunkt des kulturell-religiösen Lebens der Juden im württembergischen Unterland.

Zu Beginn des 18.Jahrhunderts erhielten sechs jüdische Familien aus Flehingen von der Witwe des Freiherrn Zobel von Gibelstadt die Erlaubnis, sich in Freudental im „Judenschlössle“, einem Wirtschaftsgebäude des Schlosses, niederzulassen. Anreiz für die sechs Familien aus dem ca. 20 Kilometer entfernten Flehingen nach Freudental überzusiedeln, war die Zusicherung, dass man ihnen ein vererbbares Wohnrecht in Aussicht stellte; als Gegenleistung zahlten sie Schutzgeld. Bereits Mitte des Jahrhunderts sollen fast 30 jüdische Familien im Ort gewohnt haben; weitere waren von der Reichsgräfin Wilhelmine von Grävenitz aufgenommen worden. Die Juden siedelten sich hauptsächlich in der Judengasse, der heutigen Strombergstraße, an. – Auf Initiative des jüdischen Hoffaktors David Ullmann, dem von Herzog Karl Eugen die Niederlassung in Freudental erlaubt war, kamen dann weitere Familien in den Ort; als „Dank“ mussten sie ihm willkürlich festgesetzte Abgaben entrichten.

                         Das ehem. „Judenschlössle“ (Aufn. P. Schmelzle, 2012)

Freudental entwickelte sich in der Folgezeit bald zu einem Zentrum jüdisch-religiösen Lebens im württembergischen Unterland; bis 1887 war es Sitz eines Rabbinats. In Freudental wirkten der weithin bekannte Rabbiner Alexander Nathan Elsäßer und der „Wunderrabbi“ Schnaittacher.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20129/Freudental%20AZJ%2018051857.jpgAusschreibung der Rabbinatsstelle Freudenthal aus dem Jahre 1857

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts umfasste der jüdische Bevölkerungsanteil - es waren 1862 knapp 380 Personen - fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Im dörflichen Leben nahmen die jüdischen Händler eine wichtige Stellung ein, die aber durch Konkurrenzneid und religiöse Intoleranz behindert wurden. Mit der Abwanderung in den folgenden Jahrzehnten ging die Zahl der Juden im Ort stark zurück.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20129/Freudental%20Israelit%2017071867.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20274/Ludwigsburg%20Israelit%2008121869.jpg

 gewerbliche Anzeigen von 1867 und 1869 mit Empfehlung seitens der Rabbinats Freudenthal

Ihre erste Synagoge erbauten die Freudentaler Juden um die Mitte des 18.Jahrhunderts; bereits zwei Jahrzehnte später wurde dieses Gebäude durch einen im Stile des Klassizismus gestalteten Neubau im Garten hinter der alten Synagoge ersetzt.

  Synagoge Freudental (hist. Aufn. um 1930, Archiv) 

Seit ca. 1815 existierte in Freudental auch eine jüdische Religionsschule, die zunächst in Privaträumen, ab 1862 in einem eigenen Schulhaus in der Strombergstraße untergebracht war. Während sich im Erdgeschoss der Unterrichtsraum befand, diente das Obergeschoss als Rabbinats- bzw. später als Lehrerwohnung. Seit den 1840er Jahren wurde diese Schule in Freudental als staatliche jüdische Konfessionsschule geführt.

Die verstorbenen Freudentaler Juden wurden ab ca. 1725 auf dem ersten Friedhof im Gewann „Alleenfeld” beerdigt; erworben für zwei Gulden musste danach ein jährlicher Grundzins von vier Gulden an die Ortsherrschaft entrichtet werden. Wegen Anlegung der kgl. Fasanerie musste der Friedhof dann aufgelassen werden. Die 1811 am Fuße des Seeberges angelegte zweite Begräbnisstätte auf der Gemarkung Bönnigheim wurde auf Grund des raschen Wachstums der jüdischen Gemeinde mehrfach erweitert.

Zur Israelitischen Gemeinde Freudental gehörten auch zeitweilig die Juden aus Zaberfeld.

Juden in Freudental:

    --- um 1710 .........................    6 jüdische Familien,

    --- 1731 ............................   24   “         “    ,

    --- um 1750 ..................... ca.   30   “         “    ,

    --- 1785 ........................ ca.   50   “         “    ,

    --- 1807 ............................  204 Juden,

    --- 1824 ............................  278   “  ,

    --- 1843 ............................  345   “  ,

    --- 1854 ............................  368   “  ,

    --- 1862 ............................  377   “  (knapp 50% d. Bevölk.),

    --- 1871 ............................  230   “  ,

    --- 1886 ............................  214   “  ,

    --- 1900 ............................  144   “  (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1910 ............................   72   “  ,

    --- um 1930/33 .................. ca.   50   “  ,

    --- 1941 (Okt.) .....................   11   "  ,

    --- 1941 (Mai) ......................   keine.

Angaben aus: Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale ..., S. 80/81                                          

Bei Beginn der NS-Herrschaft lebten nur noch etwa 50 Juden in Freudental; ein Großteil verdiente seinen Lebenserwerb im Viehhandel. Bis 1938 diente die Synagoge - inzwischen mehrfach restauriert und 1926 unter Denkmalschutz gestellt - der kleinen jüdischen Gemeinschaft zu gottesdienstlichen Zusammenkünften. Als die Gemeinde aus eigener Kraft keinen Minjan mehr stellen konnte, sollen angeblich männliche Christen – mit Kippa und Gebetsmantel versehen – den Gottesdienst ermöglicht haben!

In der Pogromnacht von 1938 wurde das Gebäude von auswärtigen SA- und SS-Angehörigen demoliert; die Kultgegenstände mussten von den aus ihren Häusern herausgetriebenen Juden - unter dem Gejohle des Pöbels - auf ein Fuhrwerk verladen werden; auf dem Sportplatz wurden die Gegenstände öffentlich verbrannt. 1943 erwarb die Kommune das Synagogengebäude und nutzte es als Lager- und zeitweilig als Turnhalle. Während etwa 30 jüdische Bewohner Freudentals noch rechtzeitig emigrieren konnten, wurden die verbliebenen 1941/1942 deportiert – fünf nach Riga und sechs nach Theresienstadt. Am 8.April 1942 vermeldete man Freudental als „judenfrei“. Nachweislich wurden 33 Juden Freudentals Opfer der NS-Verfolgungen.

Nach dem Kriege wurde das Freudentaler Synagogengebäude an die jüdische Gemeinde Stuttgart zurückgegeben, die es alsbald an die Kommune Freudental verkaufte. Ein Abbruch des baufälligen Gebäudes, in dem ab 1955 ein Handwerksbetrieb untergebracht war, konnte verhindert werden. 1980 gründete sich der „Förder- und Trägerverein ehemalige Synagoge Freudental e.V.”, der die Erhaltung und sinnvolle Nutzung des ehemaligen Synagogengebäudes sich zum Ziel gesetzt hatte. Mit finanzieller Unterstützung des Landkreises Ludwigsburg entstand im Jahre 1985 ein „Pädagogisch-Kulturelles Centrum“. Zur hier etablierten Dauerausstellung auf der Frauenempore gehören auch die Funde der Genisa, die 1981 bei Restaurierungsarbeiten im Dachstuhl des Synagogengebäudes aufgefunden worden waren. Die Freudentaler Genisa bietet einen reichhaltigen und bedeutsamen Quellenbestand, der bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückreicht

Torawimpel 1 von 3 [Ehemalige Synagoge Freudental] Torawimpel 2 von 3 [Ehemalige Synagoge Freudental]

Beschneidungswimpel – aus dem Genisafund (Aufn. Nina Hofmann, aus: museum-digital.de)

    

    links: restauriertes Synagogengebäude (Aufn. J. Hahn, 2005)  -  rechts: der Hochzeitsstein (Aufn. J. Hahn, 2003)

Eine Tafel am ehemaligen Synagogengebäude informiert mit den Worten:

Dieses historische Gebäude war von 1770 bis 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Freudental. Es steht seit 1927 unter Denkmalschutz.

1723 kamen die ersten jüdischen Familien hierher. Hier lebte eine bedeutende jüdische Gemeinde.

Unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden 1941 die letzten jüdischen Mitbürger deportiert.

Ihnen zur ehrenden Erinnerung und bleibenden Mahnung.

Bronzetafeln auf zwei Sandsteinblöcken vor dem Rathaus - aufgestellt im November 2001 - nennen die Namen von 88 Freudentaler Juden, die von den Nationalsozialisten verfolgt, außer Landes getrieben, ermordet wurden.* (* Wie man inzwischen weiß, sind die angegebenen Daten nicht korrekt.)

Am Straßenschild „Strombergstraße” gibt es die folgende Information:

Diese Straße war bis 1933 die Judengasse.

Seit 1723 wohnten hier jüdische Bürger,

219 Jahre lang waren sie ein bedeutender Teil der Bevölkerung unserer Gemeinde.

Unweit der ehemaligen Synagoge erinnert ein Weg an den ehemaligen jüdischen Bewohner Irwin Stein, der die NS-Zeit überlebte und nach Palästina emigrierte.

Auf dem jüdischen Friedhof in Freudental sind noch mehr als 400 Grabsteine vorhanden. Das Areal erinnert heute noch daran, dass Freudental mehr als 100 Jahre lang kultureller und religiöser Mittelpunkt aller im württembergischen Unterland liegenden israelitischen Gemeinden war.

jüdischer Friedhof (Aufn. Zacharias L., 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) 

 

Ende November 1944 wurden sog. „Mischehepartner“ und „Mischlinge“ in einem Durchgangslager in Bietigheim gesammelt. Vermutlich wurde von hier ein Teil von ihnen in ein Lager bei Wolfenbüttel abtransportiert; deren weiteres Schicksal ist unbekannt. Ca. drei Monate vor Kriegsende erfolgte am 11. Februar 1945 die letzte Deportation Stuttgarter Juden über ein Sammellager in Bietigheim nach Theresienstadt.

Weitere Informationen:

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag Stuttgart 1966, S. 78 - 82

Utz Jeggle, Judendörfer in Württemberg, Dissertation (Universität Tübingen), Nagold 1969

Theobald Nebel, Die Geschichte der Freudentaler Juden. Das Bildnis einer jüdischen Landgemeinde, Ludwigsburg/Freudental 1985 (2. Aufl. 1989) (Anm. bereits in den „Ludwigsburger Geschichtsblättern“ 34/1982 als Aufsatz erschienen)

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 136

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 72 - 74

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 321 f.

Theobald Nebel, Die Geschichte der Freudentaler Juden, Hrg. Förder- und Trägerverein Ehemalige Synagoge Freudental, 2.Aufl. Ludwigsburg 1989

Heinrich Kling, Freudental, ein schwäbisches Dorf, o.O. 1991

Charlotte Drews-Bernstein, Die Synagoge in Freudental. Bericht über ein jüdisches Schutzdorf in Schwaben, Radiofeature WDR III vom 12.3.1992

L. Bez/H.Goren/ u.a., Der jüdische Friedhof in Freudental, Hrg. vom Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge Freudental e.V., Verlag Kohlhammer, Stuttgart 1996

Gedenkstätten in Baden-Württemberg, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 1998, S. 15

Joachim Hahn, Die Freudentaler Rabbiner, Hrg. vom Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge Freudental e.V., 2004

Steffen Pross, Das Pädagogisch-Kulturelle Centrum (PKC) in Freudental: Eine ehemalige Synagoge als Lernort und Begegnungsstätte, in: Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 2007, S. 116 - 121

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 133 - 136

Pädagogisch-Kulturelles Centrum (PKC), Ehemalige Synagoge Freudental, 74392 Freudental, Strombergstraße

Stefan Pross, Freudental ’38 – Eine Ermittlung, 2009

Steffen Pross, „Später erhielt ich noch zwei Karten aus Theresienstadt – Freudentaler Adressbuch 1935“, Bd. 1, Hrg. Ludwig Bez, PKC Freudental, 2011

Steffen Pross, Eines Tages ist die Frau Stein plötzlich nicht mehr da gewesen. Freudentaler Adressbuch 1935, Bd 2, Hrg. Ludwig Bez, PKC Freudental 2013

Steffen Pross, Novemberpogrome 1938. Vor 75 Jahren eskalierte in Deutschland die Judenverfolgung. Am Beispiel Freudental. Vom Synagogensturm zum Massenmord, in: „Ludwigsburger Kreiszeitung“ vom 9.11.2013

Freudental, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Ludwig Laibacher (Red.), Ein Friedhof für zwei Gulden, in: „Stuttgarter Nachrichten“ vom 31.8.2016

Patricia Elsner (Red.), Gedenkstätte erinnert an blinden Judenhass, in: „Stuttgarter Nachrichten“ vom 1.8.2017

Steffen Pross (Red.), Die Schätze aus der Rumpelkammer, in: „Ludwigsburger Kreiszeitung“ vom 29.6.2018