Friedland (Westpreußen)

 Märkisch-Friedland (im NW-Teil des ehem. Kreises Deutsch Krone) ist das heutige Miroslawiec in der polnischen Woiwodschaft Westpommern.

Die Kleinstadt Märkisch-Friedland (Netze-Distrikt) beherbergte um 1800 die größte jüdische Gemeinde Westpreußens. Märkisch-Friedland wurde zur „Muttergemeinde“ der Berliner Judenschaft.

Das 1314 zur Stadt erhobene Friedland - im äußersten Westen der Provinz Westpreußen - lag inmitten einer von einer kargen Landwirtschaft geprägten Region. Abseits von Handelsstraßen lebten die Kleinstadtbewohner in meist ärmlichen Verhältnissen.

Um der Region einen wirtschaftlichen Auftrieb zu geben, warb der Stadtherr, die Familie von Blanckenburg, gegen Ende des 16.Jahrhunderts die ersten jüdischen Kaufleute aus Brandenburg zur Niederlassung an; diese sollten durch ihren Handel mit auswärtigen und einheimischen Bewohnern zur Aufbesserung der finanziellen Lage beitragen. Den Schutz „seiner“ Juden verankerte der Stadtherr in einem besonderen Privileg; allerdings verlangte er eine gesonderte Abgabe von den ansässigen Juden, das Judenschutzgeld. Von der christlichen Bevölkerung feindselig betrachtet durften sich die Juden nur kurzzeitig im Ort aufhalten; so waren sie gezwungen, außerhalb der Stadt ihre Behausungen zu errichten: Die Neustadt und die „Vorstädte“ vor den Stadttoren sind diesen jüdischen Neusiedlern geschuldet. Im Laufe des 18.Jahrhunderts konnten sie dann auch im innenstädtischen Raum Häuser erwerben.

Eine zweite Zuwanderungswelle setzte um 1715/1720 ein; die jüdischen Bewohner verhalfen Märkisch-Friedland zu einem prosperierenden Wirtschaftsleben, das Mitte des 18.Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreichte.

Ein verheerender Stadtbrand zerstörte 1754 die Gemeindesynagoge; etwa 15 Jahre später wurde ein Neubau errichtet.

 In den Jahren 1791 bis 1815 führte der Rabbiner Akiba Eiger (sein eigentlicher Name war Jacob Moses Guens, geboren in Eisenstadt) die Gemeinde; gleichzeitig war er Leiter der hiesigen Jeschiwa. Nach 1815 war sein Wirkungsbereich die Posener Gemeinde.

Im Jahre 1840 wurde ein neuer Synagogenbau errichtet; obwohl die Zahl der jüdischen Bewohner zu diesem Zeitpunkt schon stark rückläufig war, hatte sich die Gemeinde dennoch zu einem Neubau entschlossen. Die Finanzierung trugen auch die meist nach Berlin abgewanderten ehemaligen Gemeindeangehörigen.

       Synagoge in Märkisch-Friedland, hist. Aufn., aus: wikipedia.org, gemeinfrei

An der um 1820 vierklassig ausgelegten jüdischen Elementarschule, die auch von Kindern aus der region aufgesucht wurde, unterrichteten anfänglich drei jüdische und ein christlicher Lehrer.

Aus dem 17.Jahrhundert stammt der hiesige jüdische Friedhof, einer der ältesten in Pommern. Der älteste aufgefundene Grabstein stammt aus dem Jahre 1752.

Juden in Friedland:

        --- um 1775 ..................... ca.   500 Juden (ca. 35% d. Bevölk.),

    --- 1783 ............................   572   “  ,

    --- 1799 ............................ 1.053   “    (ca. 55% d. Bevölk.),

    --- 1816 ............................ 1.144   “  ,

    --- 1837 ............................   730   “  ,

    --- 1840 ............................   600   "  ,

    --- 1848 ........................ ca.   500   “    (ca. 22% d. Bevölk.),

    --- 1871 ............................   390   “  ,

    --- 1880 ............................   303   “  ,

    --- 1900 ............................   161   “    (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1913 ........................ ca.    90   "  ,

    --- 1933 ........................ ca.    70   “  ,

    --- 1937 ........................ ca.    50   “  .

Angaben aus: Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, S. 28 (alle Angaben beziehen sich auf den Synagogenbezirk)

und                 The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 782

Seit 1785 war der jüdische Bevölkerungsanteil nochmals stark angestiegen; um 1800 lag der jüdische Bevölkerungsanteil über 55% (!). Die meisten Juden lebten in bescheidenen Verhältnissen. Die Friedländer Judenschaft war überwiegend kaufmännisch, ein Teil im Pferdehandel tätig; aber auch der Handel mit Wolle spielte eine nicht unbedeutende Rolle. Ab den 1830er Jahren setzte dann eine rapide Abwanderung jüdischer Familien aus Friedland ein; größtenteils suchten sie in Berlin und auch in Städten Mitteldeutschlands eine neue wirtschaftliche Zukunft. Für Märkisch-Friedland bedeutete der Wegzug vieler Juden den wirtschaftlichen Niedergang. Die enge Verbundenheit der abgewanderten Familien mit ihren alten Heimatgemeinde bewies sich in finanziellen Leistungen, die in Not geratene Glaubensgenossen zu teil wurden.

Die jüdische Schule Friedlands wurde um 1880 geschlossen; die Kinder besuchten nun die städtische Schule.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Friedland nunmehr noch ca. 70 Juden (in ca. 15 Familien). Während des Novemberpogroms wurden die wenigen noch bestehenden Geschäfte jüdischer Besitzer demoliert, das Synagogengebäude zerstört. Der Abtransport der noch in Friedland verbliebenen Juden in ein Lager nahe Schneidemühl im März 1940 besiegelte das Ende der jüdischen Gemeinde.

In den 1980er Jahren wurde der jüdische Friedhof mit seinen ca. 200 Grabsteinen, die z.T. tief in den Boden eingesunken sind, unter Denkmalschutz gestellt. Inzwischen sind die allermeisten Steine „verschwunden“, das Areal von der Vegetation überwuchert.

                                         Halbversunkene Grabsteine (Aufn. shabbat-goy.com, 2006)

 

In Kallies (poln. Kalisz Pomorski) - wenige Kilometer westlich von Märkisch Friedland gelegen - gab es im 19.Jahrhundert eine jüdische Kultusgemeinde, die um 1840/1850 ca. 160 Angehörige besaß. Die Anfänge jüdischer Ansässigkeit reichen bis in die zweite Hälfte des 18.Jahrhunderts zurück, als drei Familien hier dauerhaft lebten. Um 1900 hatte sich infolge von Abwanderung in Großstädte die Zahl der Gemeindeangehörigen auf ca. 40 Personen dezimiert; 1933 waren es noch 26 Personen. Während der Reichspogromnacht wurde das Synagogengebäude demoliert. Über das Schicksal der neun jüdischen Bewohner, die kurz vor Kriegsbeginn noch in Kallies wohnten, ist nichts bekannt. - Mitte der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof, letztes sichtbares Relikt der einstigen Gemeinde, von den Kommunalbehörden abgeräumt.

vgl. Kallies (Westpreußen)

 

Im Dorfe Tütz (poln. Tuczno) bestand seit der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde, die um 1810/1820 immerhin fast 250 Angehörige zählte und damit mehr als ein Viertel der Dorfbevölkerung stellte. Doch bereits zwei Jahrzehnte später lebten hier nur noch ca. 80 Juden; im Jahre 1900 waren es nur noch ca. 50. Die wenigen jüdischen Bewohner wurden nach 1940 in Ghettos Ostpolens deportiert. Der völlig in Vergessenheit geratene jüdische Friedhof, der sich auf einer Anhöhe hinter der ehemaligen Mühle befindet und aus dem ausgehenden 17.Jahrhundert stammt, besitzt heute noch sehr wenige Grabsteinrelikte aus dem 18./19.Jahrhundert.

Cmentarz żydowski w Tucznie  Relikte des ehem. jüd. Friedhofs von Tütz (Aufn. Jacques Lahitte, aus: kirkuty.xip.pl)

Weitere Informationen:

Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, in: Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas, hrg. vom Johann Gottfried Herder-Institut No. 81, Marburg 1967

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 169 und Teil 2, Abb. 118

Peter Letkemann, Juden in Westpreußen und Danzig, in: Zur Geschichte der deutschen Juden. Ostdeutschland - Böhmen - Bukowina, Kulturpolitische Korrespondenz 61/1993, S. 34 - 42

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Band 22, Berlin 1994, S. 348/349

Dorothea Elisabeth Deeters, Juden in (Märkisch) Friedland - Aspekte ihres Gemeindelebens in Polen und Preußen, in: M.Brocke/M.Heitmann/H.Lordick (Hrg.), Zur Geschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreußen, Georg Olms Verlag, Hildesheim/u.a. 2000, S. 125 - 164

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 781/782

Wolfgang Weißleder, Der Gute Ort - Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, hrg. vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V., Potsdam 2002, S. 107

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Teilband 2, New York 2009, S. 315 - 347

Miroslawiec, in: sztetl.org.pl

K. Bielawski (Red.), Der jüdische Friedhof in Tuczno, in: kirkuty.xip.pl