Fritzlar (Hessen)

Datei:Fritzlar in HR.svg Fritzlar ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 15.000 Einwohnern im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis - knapp 30 Kilometer südlich von Kassel gelegen (Karte NNW, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Fritzlar gehörte vom 11. Jahrhundert bis 1803/1804 zum Erzbistum Mainz und fiel danach an Kurhessen. Bereits um 1200 hatten die ersten jüdischen Familien in Fritzlar gelebt; der Mainzer Erzbischof besaß das Judenregal und erhob von den jüdischen Bewohnern Steuern. Eine „Judengasse“ wurde in Fritzlar erstmals 1344 erwähnt; hier soll sich auch eine Mikwe befunden haben. Im Zuge der Pestpogrome Mitte des 14.Jahrhunderts wurde die jüdische Gemeinde vernichtet. Bereits drei Jahrzehnte später gab es wieder jüdische Ansiedlung. Als es 1467 zu einem Konflikt zwischen der Stadt und den jüdischen Familien kam, verließen diese die Stadt. In den folgenden Jahrhunderten waren es kaum mehr als drei bis vier Familien, die in Fritzlar geduldet wurden.

Fritzlar – Stich von M.Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Eine neuzeitliche jüdische Gemeinde bildete sich erst wieder im 19.Jahrhundert. Mitte des Jahrhunderts spaltete sich die jüdische Gemeinde. Radikale Reformer - es waren die reicheren jüdischen Familien der Stadt - wollten Kabbala und Talmud nicht mehr anerkennen und traten aus der jüdischen Gemeinde aus; sie weigerten sich, weiterhin Beiträge zu zahlen, was einen Konflikt mit dem Landesrabbinat in Kassel auslöste. Nachdem zunächst Gottesdienste in einem Privathause abgehalten wurden, entstand in den 1820er Jahren eine Synagoge mit Religionsschule an der Unteren Nikolausstraße. Wegen des schlechten baulichen Zustandes des Gebäudes wurde 1896/1897 in der Holzgasse ein Synagogenneubau errichtet. Ende Juni 1897 weihte der Kasseler Bezirksrabbiner Dr. Isaak Prager die neue Synagoge feierlich ein.            

Über die Feierlichkeiten berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums” in ihrer Ausgabe vom 9.Juli 1897 wie folgt:

Fritzlar, 2.Juli. Am 30. v.M. fand hier die Einweihung der neu erbauten Synagoge statt. Schon früh hatte sich eine sehr große Anzahl Fremder eingefunden, um an der Feier theilzunehmen. Nachdem Herr Landesrabbiner Dr. Prager aus Kassel einige Abschiedsworte in der alten Synagoge gesprochen, fand um 1 Uhr der Festzug statt. Unter dem Vorantritt des Musik- und Synagogenchores bewegte sich der Zug mit den Thorarollen durch die mit Flaggen, Guirlanden und Tannenbäumen geschmückten Straßen nach der neuen Synagoge. Die ganze Stadt hatte Guirlanden und Flaggenschmuck angelegt, ein Beweis, welche Eintracht zwischen den verschiedenen Konfessionen hier herrscht. In der neuen Synagoge angelangt, hielt Herr Landesrabbiner Dr. Prager eine meisterhafte Weiherede, ... Auf sämmtliche Theilnehmer machte die Rede einen tiefen Eindruck. Nachmittags fand ein Mahl statt, an welchem außer einer Anzahl von Gemeinde-Mitgliedern der Bürgermeister, der Stadtrath u.v.A. theilnahmen. ... Den Schluß des Festes bildete in Festball, welcher die Theilnehmer bis zum frühen Morgen vereinigte.

                          Fritzlarer Synagoge (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Hinter der Synagoge, zur Nikolaistraße hin, stand ab 1868 die jüdische Elementarschule (Neubau 1886); sie war bis Anfang der 1930er Jahre in Betrieb.

                   

  aus: "Der Israelit" vom 17.6. 1868                Gustav Kron (geb. 1878), der letzte Lehrer/Vorbeter (Aufn. aus: P. Arnsberg)

Der jüdische Friedhof lag am Schladenweg, Richtung Obermöllrich; dessen Anlage stammt vermutlich aus dem 18.Jahrhundert.

Zur jüdischen Gemeinde Fritzlar gehörten auch die wenigen Glaubensgenossen aus dem heutigen Ortsteil Cappel und aus Wabern, bis um 1870 auch die Juden aus Obermöllrich.

Juden in Fritzlar:

        --- 1648 ..........................   6 jüdische Familien,

--- um 1675 .......................   3     “       “    ,

--- 1745 .......................... eine    “       “ (n),

    --- um 1780 ................... ca.  30 Juden,

    --- 1804 ..........................  11 jüdische Familien*, * andere Angabe: 4 Familien

    --- 1816 ..........................  96 Juden,

    --- 1827 .......................... 110   “  ,

    --- 1842 .......................... 203   “  ,

    --- 1861 .......................... 108   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1885 .......................... 163   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1905 .......................... 145   “  ,

    --- 1933 (Jan.) ............... ca. 140   “  ,

    --- 1937 ..........................  51   “  ,

    --- 1939 ..........................  30   “  ,

    --- 1940 (Dez.) ...................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 214 f.

und                 Anke Schwarz, Jüdische Gemeinden zwischen bürgerlicher Emanzipation u. Obrigkeitsstaat, S. 115 f.

Bis zum Beginn der NS-Diktatur soll die christlichen Bevölkerungsmehrheit mit der jüdischen Minderheit im allgemeinen problemlos zusammengelebt haben. Zu diesem Zeitpunkt waren in Fritzlar 40 jüdische Familien ansässig.

Ob jüdische Geschäfte in Fritzlar Anfang April 1933 boykottiert wurden, lässt sich aus dem vorliegenden Quellenmaterial nicht eindeutig belegen; die Wahrscheinlichkeit dafür scheint aber sehr hoch zu sein. Erste Wegzüge Fritzlarer Juden waren aber schon in diesem Jahre zu verzeichnen; bis Jahresende 1935 hatte bereits ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Fritzlar verlassen; ein weiteres Drittel folgte 1936/1937. Hauptemigrationsziel waren die USA; der andere Teil verzog meist in deutsche Großstädte.

Vor dem Novemberpogrom war es in Fritzlar bereits zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen; u.a. wurde der jüdische Friedhof geschändet. Die schweren Übergriffe während des 8./9.November 1938 wurden aktiv von der NSDAP-Ortsgruppe und ihrer Untergliederungen sowie von auswärtigen SS-Angehörigen aus Arolsen getragen. Gruppenweise zogen marodierende Trupps durch die Straßen der Innenstadt und demolierten und plünderten jüdische Geschäfte und Wohnungen. Die jüdische Schule und die Synagoge wurden aufgebrochen, die Inneneinrichtungen weitestgehend zerstört; eine Brandlegung scheiterte aber. Auch Mitglieder der hiesigen HJ nahmen an den Zerstörungen teil. Etwa 10 - 15 männliche Juden wurden ins Konzentrationslager abtransportiert. Der letzte in Fritzlar lebende jüdische Bewohner verließ im Laufe des Jahres 1940 die Stadt. Mindestens 43 in Fritzlar geborene bzw. länger hier lebende jüdische Bewohner wurden Opfer der NS-Herrschaft.

In den Nachkriegsjahren existierte in Fritzlar ein DP-Camp, in dem zeitweilig fast 1.000 Personen untergebracht waren; die letzten Lagerbewohner wurden im Januar 1949 nach Stuttgart verlegt und das Fritzlaer Lager geschlossen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Fritzlar%20Friedhof%20472.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Fritzlar%20Friedhof%20491.jpg

Teilansichten des jüdischen Friedhofs in Fritzlar (Aufn. J. Hahn, 2010)

Auf dem jüdischen Friedhof am Schladenweg, der nach den Zerstörungen während der NS-Zeit nach 1945 wieder hergerichtet worden war, befindet sich auf einem als Obelisk geformten Gedenkstein die folgende Inschrift:

Zum Andenken an die umgekommenen 6 Millionen Juden durch Nazimörder

Eine Gedenktafel erinnert an die Zerstörung der Synagoge während des Novemberpogroms; das Gebäude war 1941 abgerissen worden.

An dieser Straße stand im Mittelalter eine Stiftkurie

und an gleicher Stelle von 1896 bis 1939 die durch nationalsozialistischen Ungeist

geschändete und dann beseitigte Synagoge der Jüdischen Gemeinde.

Infotafel mit Abbildung der ehem. Synagoge

2005 bzw. 2007 wurden in Fritzlar zum Angedenken an die ehemaligen jüdischen Bürger die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen sind es mehr als 80 (Stand 2014).

 

Im heute zu Fritzlar gehörenden Stadtteil Ungedanken gab es auch eine jüdische Gemeinde, die gegen Mitte des 19.Jahrhunderts immerhin aus 25 Familien bestand. Die Anfänge einer Gemeinde bildeten sich hier zu Beginn des 17.Jahrhunderts, als jüdische Flüchtlinge aus Ostpolen hier Aufnahme gefunden haben sollen. Ein Synagogenneubau wurde 1864 eingeweiht; zuvor hatten die Gemeindemitglieder private Räumlichkeiten für ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte genutzt. Seit ca. 1750 existierte in Ungedanken auch eine jüdische Elementarschule, die bis um 1900 bestanden hat. Ein eigenes Bestattungsgelände stammte bereits aus den Anfängen der Gemeinde.

Zur jüdischen Gemeinde Ungedanken gehörten auch die in Mandern (Waldeck) und Rothhelmshausen lebenden jüdischen Personen.

Juden in Ungedanken:

--- 1861 ......................... 74 Juden (ca. 20% d. Bevölk.),

--- 1885 ......................... 50   “   (ca. 14% d. Bevölk.),

--- 1895 ......................... 27   “  ,

--- 1905 ......................... 28   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

--- 1924 ......................... 12   “  ,

--- 1933 ......................... 10   “  ,

--- 1937 ......................... eine jüdische Familie.

Angaben aus: Ungedanken, in: alemannia-judaicade.de

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wanderten die allermeisten jüdischen Bewohner aus Ungedanken ab, zumeist ins nahe Kassel. Die Restgemeinde löste sich schließlich Anfang der 1930er Jahre auf; das Synagogengebäude wurde 1937 verkauft und zu Wohnzwecken umgebaut. Der inmitten des Dorfes liegende Friedhof erinnert heute mit seinen ca. 65 Grabsteinen an die jüdische Geschichte Ungedankens.

vgl. Ungedanken (Hessen)

 

In Wabern – wenige Kilometer südöstlich von Fritzlar entfernt gelegen – wurden 2018 neun sog. „Stolpersteine“ in der Bahnhofstraße verlegt, die Mitgliedern der beiden jüdischen Familien Frenkel und Löwenstein gewidmet sind.

Bildergebnis für wabern stolpersteine vier Steine für Fam. Frenkel (Aufn. aus: wabern.de)

 

In der nördlich von Fritzlar gelegenen kleinen Ortschaft Züschen waren seit dem beginnenden 17.Jahrhundert jüdische Familien ansässig, die unter dem Schutz der Familie von Meisenburg standen. Ihren numerischen Höchststand erreichten die jüdischen Dorfbewohner um 1760 mit ca. 50 Seelen. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine Synagoge, eine Religionsschule und ein Frauenbad. Der in einem eingeschossigen Fachwerkbau untergebrachte Betraum (um 1790 eingerichtet) besaß getrennte Eingänge für Männer und Frauen. Ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts stand Verstorbenen am westlichen Ortsrand ein eigener Friedhof zur Verfügung; zuvor hatten Begräbnisse auf dem jüdischen Friedhof in Obervorschütz stattgefunden. Um 1925 lebten noch zwölf Juden in Züschen; 1939 wurden noch fünf gezählt.

 

In Bergheim – heute größter Ortsteil von Edertal nordwestlich von Fritzlar – gab es seit dem 18.Jahrhundert eine kleine jüdische Landgemeinde, zu der auch Familien aus dem Umland (Affoldern, Kleinern, Mehlen und Wellen) zählten. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte ein in einem Fachwerkhaus untergebrachter Synagogenraum (mit Religionsschule), der im oberen Stockwerk sich befand; im Erdgeschoss betrieb zuletzt die jüdische Familie Joseph ein kleines Ladengeschäft. Weiterhin verfügte die Gemeinde über ein Anfang des 19.Jahrhunderts angelegtes Begräbnisareal in der Gemarkung „Am Weinberg“. In einem der Privathäuser gab es vermutlich eine Mikwe. Bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg fanden in Bergheim noch Gottesdienste statt; danach konnte kein Minjan mehr gestellt werden. Mitte der 1920er Jahre wurde dann das Synagogengebäude veräußert und fortan nur noch zu Wohnzwecken genutzt.

1932 lebte nur noch eine einzige jüdische Familie in Bergheim. Während der NS-Zeit kamen nachweislich 14 Angehörige der ehemaligen jüdischen Gemeinde Bergheim gewaltsam ums Leben.

Der jüdische Friedhof mit 19 Grabsteinen ist bis in die Gegenwart erhalten.

             Blick über das Friedhofsgelände (Aufn. J. Hahn, 2010) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Bergheim%20Friedhof%20473.jpg

vgl. Bergheim (Hessen)

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 266/267 und Band III/1, Tübingen 1987, S. 417/418

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, FrankfurtM. 1971, Bd. 1, S. 66/(67 (Bergheim), S. 214 - 217 (Fritzlar) und Bd. 2, S. 315/316 (Ungedanken) und S. 448/449 (Züschen)

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 61

Dagmar u. Clemens Lohmann, Das Schicksal der jüdischen Gemeinde in Fritzlar 1933 - 1945. Die Pogromnacht 1938, in: Beiträge zur Stadtgeschichte, Heft 5, Hrg. Geschichtsverein Fritzlar, Fritzlar 1988

Magistrat der Stadt Fritzlar (Hrg.), Fritzlar. Rundgang durch Kunst und Geschichte, Fritzlar, 13.Aufl., Fritzlar 1992

A.Königseder/J.Wetzel, Lebensmut im Wartesaal - Die jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1994, S. 253

Thea Altaras, Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Teil II, 1994. S. 63 – 65

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II: Regierungsbezirke Gießen und Kassel, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 170/171 (Fritzlar) und S. 213/214 (Bergheim)

Paulgerhard Lohmann/Jechiel Ogdan, Jüdische Kultur in Fritzlar, in: Beiträge zur Stadtgeschichte 13/1999

M.Brocke/Chr. Müller, Haus des Lebens - Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 161/162

Anke Schwarz, Jüdische Gemeinden zwischen bürgerlicher Emanzipation und Obrigkeitsstaat. Studien über Anspruch und Wirklichkeit jüdischen Lebens in kurhessischen Kleinstädten im 19.Jahrhundert, Hrg. Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, Wiesbaden 2002, S. 115 - 120 und S. 203 - 229

Paulgerhard Lohmann, Die Geschichte der Juden von Fritzlar von 1096 bis 2000, books on demand, Norderstedt 2003

Paulgerhard Lohmann, Jüdische Mitbürger in Fritzlar 1933 - 1949, books on demand, Norderstedt 2006

Paulgerhard Lohmann, Der antijüdische NS-Rassenwahn und die Fritzlarer Juden 1933 - 1949, 2. Auflage, books on demand, Norderstedt 2008

Paulgerhard Lohmann, Die Juden und ihre Synagogen, in: Fritzlarer Geschichtsverein (Hrg.), Beiträge zur Stadtgeschichte, 2010

Fritzlar (Hessen) mit Cappel, Lohne und Obermöllrich, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen, zumeist personenbezogenen Dokumenten zur Gemeindehistorie)

Nina Nickoll (Red.), Zwei neue Stolpersteine verlegt – Kooperation von Geschichtsverein und Kulturverein. Unauffällige Mahnmale, in: „Hessische Allgemeine – Lokalausgabe Fritzlar/Homberg“ vom 18.9.2013

Meinicke (Red.), Neue Stolpersteine in Wabern und Waltersbrück: Immer mehr Orte der Erinnerung, in: „Hessische Niedersächsische Allgemeine – HNA“ vom 10.2.2018