Gablonz/Neiße (Böhmen)

 Gablonz (tschech. Jablonec nad Nisou) - erstmals 1356 schriftlich erwähnt - ist eine Mittelstadt in Nordböhmen nahe Reichenberg, die im 19.Jahrhundert vor allem durch die industrielle Glasherstellung ihre Blüte erreichte. Derzeit weist die Stadt eine Bevölkerungszahl von ca. 46.000 Menschen auf (auf der Abb. befindet sich Gablonz am linken unteren Kartenrand).

Die dauerhafte Ansiedlung von Juden in Gablonz, das jahrhundertelang nur ein armseliges böhmisches Dorf war, erfolgte seit der Mitte des 19.Jahrhunderts; 1847 war es erstmals einer jüdischen Familie erlaubt worden, in Gablonz zu leben. Der wesentliche Grund für die Niederlassung weiterer Juden war die Tatsache, dass Gablonz wegen der boomenden Glasindustrie v.a. im Nachbarort Morchenstern wirtschaftlich prosperierte und sich die unmittelbare Region industrialisierte. Die Hoffnung auf einen schwunghaften Handel war also gegeben. In Gablonz ansässige Juden erschlossen in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts für die hiesigen, industriell gefertigten Glaswaren neue Märkte und machten „Glas aus Gablonz“ in der ganzen Welt bekannt. In einer Würdigung ihrer Verdienste hieß es (1894): „ ... Man kann ihnen (Anm.: den Juden) das Zeugnis nicht versagen, daß sie durch ihre geschäftliche Umsicht und Rührigkeit der Gablonzer Industrie neue Absatzgebiete in den fernsten Weltteilen erschlossen, überhaupt zu deren Förderung viel beigetragen haben. Im allgemeinen muß der Opfersinn, mit welchem die Israeliten gemeinnützige und nationale Zwecke jederzeit in rühmenswerter Weise unterstützen und fördern ... besonders hervorgehoben werden.

1872 gründete sich der „Israelitische Cultusverein“. Zehn Jahre später legte die Judenschaft auf einem angekauften Gelände in der Hochstraße ihren eigenen Friedhof an; zuvor waren die Verstorbenen in Reichenberg beerdigt worden.

Ihre ersten Gottesdienste hielt die kleine jüdische Gemeinschaft zunächst jahrelang in einer Privatwohnung ab, danach in Räumen verschiedener Gaststätten. Da diese zahlenmäßig größer wurde, wurde die Notwendigkeit einer eigenen Synagoge immer dringender; 1892 war der Bau vollendet. Die Gablonzer Synagoge - nach Plänen des Wiener Architekten Wilhelm Stiassny im maurischen Stile erbaut - verfügte über fast 300 Plätze; davon waren ca. 160 für die Männer reserviert, etwa 130 befanden sich auf der Frauenempore.      

   

     Stadtansicht um 1910 - Synagoge Bildmitte (aus: david.at)       -      Blick auf die Synagoge im Winter (Aufn. Staatliches Bezirksarchiv Jablonec nad Nisou)

                                           Synagoge in Gablonz (hist. Aufn. um 1915) 

Die Kultusgemeinde Gablonz gründete sich offiziell erst 1893.

Hohes Engagement innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zeigte damals Daniel Mendl - einer der ersten Zuwanderer in die Stadt (um 1855) - , der bis zu seinem Tode (1911) mehr als drei Jahrzehnte das Amt des Kultusvorstehers ausübte.

Juden in Gablonz:

        --- 1847 ............................. eine jüdische Familie,

    --- 1869 ............................  214 Juden,

    --- 1877 ........................ ca.   50 jüdische Familien,

    --- 1890 ............................  467 Juden,

    --- 1895 ............................  517   “  ,

    --- 1900 ............................  596   “  ,

    --- 1910 ............................  826   “  ,

    --- 1921 ............................  801   “  ,

    --- 1930 ........................ ca.  800   “  (ca. 2% d. Bevölk.).

Angaben aus: Siegmund Urabin, Geschichte der Juden in Gablonz

und                 Rudolf M.Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums ..., S. 25

Ihrem Berufe nach waren sehr viele Gablonzer Juden Export-Kaufleute; daneben gab es Händler von Industrie-Rohmaterialien, aber auch Freiberufler. Ein Teil der hier lebenden Juden war Ausländer, die sich auch nur zeitweilig im Ort aufhielten, um als Einkäufer ihrer französischen und US-amerikanischen Stammunternehmen tätig zu sein.

Um 1900 drangen auch die zionistischen Ideen nach Gablonz; eine kleine Gruppe aus der Gemeinde gründete wenig später den „Zionistischen Volksverein Theodor Herzl“.

Am Alten Markt (hist. Postkarte, um 1910)

Ab Oktober 1938 wurde die jüdische und tschechische Bevölkerung aus der Stadt vertrieben; größtenteils hatten die Bewohner bereits vor dem deutschen Einmarsch die Stadt verlassen. Wie fast überall wurde auch die Synagoge in Gablonz während der Novembertage 1938 in Brand gesetzt und zerstört. Vor der Zerstörung gelang es dem Rabbiner, eine der wertvollen Toras in Sicherheit zu bringen; diese wurde später in der Synagoge von Beth Tikwa (Israel) benutzt. Fast alle in der Stadt verbliebenen jüdischen Bewohner von Gablonz wurden Opfer der „Endlösung“.

Am einstigen Standort erinnert seit 1990 ein Denkmal mit der Inschrift:

Hier stand eine Synagoge, die 300 jüdischen Familien diente,

und war eine große Hilfe für die Entwicklung der Gablonzer Industrie vor dem Zweiten Weltkrieg.

Im Oktober 1938 besetzten die Nazis die Stadt, entweihten und zerstörten die Synagoge.

Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung wurde in nazistischen Lagern ermordet.

Gott segne ihr Andenken.

           (übersetzt aus dem Tschechischen)

In Gablonz existierte ab Januar bis Mai 1945 ein Außenlager des KZ Groß-Rosen, in dem Frauen-Häftlinge in einer Flugzeugfabrik - Mitteldeutsche Motorenwerke GmbH - Zwangsarbeit leisten mussten.Bereits seit November 1944 befand sich hier auch ein Männerlager.

Nach dem Kriege bildete sich wieder eine neue jüdische Gemeinde, die allerdings nur kurzzeitig bestand, da deren Angehörige zumeist bald emigrierten. Vom einstigen jüdischen Friedhof, der während der Kriegsjahre teilzerstört und Ende der 1960er Jahre eingeebnet wurde, gibt es heute keine sichtbaren Spuren mehr.

 

 virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Gablonz (Maciej Roman Lazewski, 2014)

Weitere Informationen:

Adolf Benda, Geschichte der Stadt Gablonz, Gablonz 1877

Siegmund Urabin (Bearb.), Geschichte der Juden in Gablonz, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart I., Brünn/Prag 1934, S. 145 - 148

Rudolf M.Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20.Jahrhundert, in: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 66, Verlag R. Oldenbourg, München 1997

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 556

Marketa Lhotova, Kapitoly ze stavebniho vyvoje Jablonce nad Nisou: Synagoga a zidovsky hrbitov (Kapitel der Bebauung von Jablonec nad Nisou: Die Synagoge und der jüdische Friedhof), Hrg. Informační centrum Městského úřadu v Jablonci nad Nisou, 2004

Maciej Roman Lazewski, Die Synagoge von Gablonz (heute: Jablonec nad Nisou/Tschechische Republik), in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", No. 100/2014