Großen-Buseck (Hessen)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d0/Landkreis_Gie%C3%9Fen_Buseck.png Großen-Buseck ist mit derzeit mehr als 5.000 der größte Ortsteil der Gemeinde Buseck im hessischen Landkreis Gießen – ca. 15 Kilometer nordöstlich der Kreisstadt gelegen (Karte Andreas Trepte, 2006, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.5).

Großen-Buseck war eines der neun Dörfer im Busecker Tal, die seit 1706 als kaiserliches Lehen den Patrimonialherren von Buseck unterstanden. Hier fanden gegen entsprechende Schutzgeldzahlungen zahlreiche jüdische Familien Aufnahme; deshalb nannte man später das Busecker Tal auch das „hessische Palästina“. In den 1760er Jahren sollen hier mehr als 60 jüdische Familien ansässig gewesen sein.

In Großen Buseck selbst lebten seit dem 18.Jahrhundert eine Anzahl jüdischer Familien; ob hier allerdings bereits um 1400 Juden sich aufhielten, kann nicht eindeutig nachgewiesen werden. Aus der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts liegt die erste namentliche Erwähnung eines Juden zu Großen-Buseck vor.

Die erste nachweisbare Großen-Busecker Synagoge (um 1740 erstmals genannt) stand im Hof des Anwesens Kaiserstraße 13, der sog. Judengasse. Als das Haus zunehmend in einen baufälligen Zustand geriet, erwarb die Gemeinde Anfang der 1840er Jahre ein Fachwerkgebäude, in das man Synagoge und Schule unterbrachte; 1846 konnte die Synagoge eingeweiht werden.

Um 1840 existierte am Ort auch eine israelitische Elementarschule, die aber bereits Mitte/Ende der 1860er Jahre wieder aufgelöst wurde; Religionsunterricht wurde bis 1910 aber weiterhin erteilt.

    

aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6.Aug. 1891 und vom 10.April 1902

Der jüdische Friedhof in Großen-Buseck, der bereits vor 1750 mit Genehmigung der Ortsherrschaft angelegt worden war und dessen Grabstätten jeweils käuflich erworben werden mussten, stand auch verstorbenen Juden aus den Nachbarorten Alten-Buseck, Beuern, Burkhardsfelden, Reiskirchen und Rödgen zur Verfügung. Das Anfang der 1830er Jahre von der Kommune Großen-Buseck erworbene Areal war zunächst an die jüdische Gemeinde verpachtet, ehe diese es 1920 käuflich erwarb. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde hier ein Ehrenmal für die jüdischen Gefallenen aufgestellt.

 

 Jüdischer Friedhof Großen-Buseck (Aufn. J. Hahn, 2008)

Juden in Großen-Buseck:

    --- 1828 .......................... 120 Juden,

--- 1830 .......................... 102   “  ,

    --- 1871 ..........................  83   “  ,

    --- 1895 ..........................  74   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1905 ..........................  66   “  ,

    --- 1910 ..........................  49   “  ,

    --- 1924 ..........................  48   “  (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1932/33 .......................  34   “  (in 10 Familien),

    --- 1938 (Aug.) ...................  13   “  ,

    --- 1939 (Jan.) ...................   4   “  ,

         (Dez.) ...................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 282

Mit Viehhandel, Manufakturwarenhandel und einer Mazzenbäckerei verdienten die Juden ihren meist kargen Lebensunterhalt; um ihre ökonomische Lage zu verbesserten, wanderte ein Teil der jüdischen Bewohner nach 1830 ab. Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch zehn jüdische Familien am Ort.

Die Synagoge, die nach 1933 auch von Juden aus Beuern und Alten-Buseck mitbesucht wurde, blieb in der „Kristallnacht“ zwar äußerlich unangetastet, doch wurden Inneneinrichtung und Kultgegenstände vollkommen zerstört; sie waren auf einem aufgeschichteten Reisighaufen geworfen und angezündet worden. Das Synagogengebäude wurde 1939 an die Kommune veräußert. Die letzten polizeilichen Abmeldungen jüdischer Bewohner aus Großen-Buseck erfolgten gegen Ende des Jahres 1939.

Im ehemaligen Synagogengebäude wurden nach 1945 Flüchtlinge untergebracht; in einen Teil des Hauses war die Spar- und Leihkasse (später Volksbank) eingezogen.

Seit 1983 erinnert am Anger No.10 eine Gedenktafel an die einstige Synagoge der kleinen Gemeinde; sie trägt folgende Worte:

In diesem Gebäude befand sich die Synagoge der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Großen-Buseck von 1885 bis zu ihrer Zerstörung am 9.Nov.1938

Zum Andenken an die Synagoge und die Opfer der Gewaltherrschaft

9.November 1983                    Gemeinde Buseck

                        Ehem. Synagogengebäude "Anger 10" (Aufn. J. Hahn, 2008)

Nachdem das ehemalige Synagogengebäude bis in die jüngste Vergangenheit Wohnzwecken diente, z.Zt. ungenutzt und dem Verfall preisgegeben ist, soll es künftig als „Gedenkort“ gestaltet werden. Ein noch zu gründender Verein will das denkmalgeschützte Gebäude sanieren und 2021 der Öffentlichkeit übergeben.

2014 wurden in Großen-Buseck, Beuern und Alten-Buseck elf sog. "Stolpersteine" verlegt; vier Jahre später erfolgte die Verlegung weiterer 19 Steine.

Weitere eigenständige jüdische Gemeinden im Busecker Tal besaßen die Ortschaften Alten-Buseck, Beuern und Reiskirchen.

 

Bereits zu Beginn des 17.Jahrhunderts sollen einzelne Juden im Dorfe Alten-Buseck gelebt habe. Gemeindliche Strukturen bildeten sich hier wohl im Laufe des 18.Jahrhunderts heraus, als die Ortsherrschaft mehrere jüdische Familien – gegen Schutzgeldzahlungen – im Dorf aufnahm. Um 1830 zählte die jüdische Gemeinschaft mehr als 60 Angehörige (etwa 5% der Dorfbevölkerung), die in äußerster Armut lebten; etliche Familien wanderten in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts aus.

Bis in Alten-Buseck ein eigenes Begräbnisgelände zur Verfügung stand, beerdigte man Gemeindeangehörige auf dem Friedhof in Großen-Buseck.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20113/Altenbuseck%20Israelit%2007081890.jpg Kleinanzeige in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 7.Aug. 1890

Nachdem gegen Ende des 19.Jahrhunderts kein Minjan mehr zustande kam, suchten die wenigen jüdischen Familien die Synagoge in Großen-Buseck auf. Im Jahre 1942 wurden die letzten sieben jüdischen Bewohner Alten-Busecks deportiert.

2014 wurden im Ort die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt. 

 

In Reiskirchen existierte bis 1942 eine winzige jüdische Gemeinde, die maximal aus zehn Familien bestand. Um 1700 siedelte sich erstmals hier eine Familie an. Eine Gemeinde wurde aber anscheinend erst um 1850 gebildet; ihr gehörten später auch die Juden aus Ettingshausen an. Seit den 1880er Jahren gab es am Ort eine Synagoge; die Begräbnisstätte lag in Großen-Buseck.

Juden in Reiskirchen:

    --- 1828 ......................... 24 Juden,

    --- 1861 ......................... 33   “  (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1871 ......................... 39   “  ,

    --- 1880 ......................... 25   “  ,

    --- 1900 ......................... 22   “  ,

    --- 1910 ......................... 40   “  ,

    --- 1924 ......................... 48   “  ,

    --- 1930/33 ...................... 36   "  (in zehn Familien),

    --- 1939 (Jan.) .................. 11 Juden.

Angaben aus: Reiskirchen, aus: alemannia-judaica.de

Anfang der 1930er Jahre lebten in Reiskirchen noch acht jüdische Familien. Während des Pogroms von 1938 wurde die Synagoge von SA-Angehörigen niedergebrannt; Wohnungen jüdischer Familien wurden demoliert. Die letzten acht noch im Ort verbliebenen Juden wurden 1941/1942 deportiert.

[vgl. Beuern (Hessen)]

Weitere Informationen:

Rosy Bodenheimer, Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zur Emanzipation, Dissertation, Ludwigs-Universität Gießen, Gießen 1931

Ludwig Jung, Heimatbuch der Gemeinde Großen-Buseck, Großen-Buseck 1951

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 34/35 (Beuern), S. 282 – 284 (Großen Buseck) und Bd. 2, S. 219/220 (Reiskirchen)

Die Juden im Busecker Tal, Hrg. Heimatverein Beuern, Bei uns in Beuern, Beuern 1985

Günter Hans, Juden im Busecker Tal, in: Buseck - Seine Dörfer und Burgen, Hrg. Gemeinde Buseck 1986, S. 44 – 68

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Königstein i.Ts. 1988, S. 81

Thea Altaras, Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Teil II, Königstein i.Ts. 1994, S. 69

Großen Buseck, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Alten Buseck, in: alemannia-judaica.de

Reiskirchen, in: alemannia-judaica.de

Katharine Alexander, Judenfamilien von Reiskirchen, in: Heimatbrief, hrg. von der Heimatgeschichtlichen Vereinigung Reiskirchen e.V., Nr. 2 /2008, S. 3 – 6

Gustav Ernst Köhler, Die Judengemeinde von Reiskirchen, in: Schriftenreihe der Heimatgeschichtlichen Vereinigung Reiskirchen e.V. No. 22

N.N. (Red.), 250 Jahre jüdisches Leben im Busecker Tal dokumentiert, in: „Gießener Allgemeine“ vom 25.9.2013

Ehemalige Synagoge soll Gedenkort werden, in: „Gießener Anzeiger“ vom 11.11.2013

Hanno Müller/Friedrich Damrath/Andreas Schmidt, Juden im Busecker Tal. Alten-Buseck, Beuern, Großen-Buseck, Burghardsfelden, Reiskirchen und Rödgen, Teil I: Familien und Teil II: Grabsteine und ihre Inschriften, hrg. vom heimatkundlichen Arbeitskreis e.V., 2013

Elf Stolpersteine in Buseck wider das Vergessen, in: „Gießener Allgemeine“ vom 15.2.2014

Patrick Dehnhardt (Red.), Ehemalige Synagoge soll Erinnerungs- und Gedenkort werden, in: „Gießener Allgemeine“ vom 26.2.2015

N.N. (Red.), Synagoge: Drinnen Baustelle, draußen Folk-Musik, in: „Gießener Allgemeine“ vom 18.7.2017

lsm (Red.), Freude über Sanierung der ehemaligen Busecker Synagoge, in: "Gießener Anzeiger" vom 25.4.2018

Eva Pfeiffer (Red.), Sanierung der ehemaligen Synagoge in Großen-Buseck soll bald beginnen, in: „Gießener Anzeiger“ vom 25.7.2018

Eva Pfeiffer (Red.), Buseck erinnert mit „Stolpersteinen“ an Opfer des Nationalsozialismus, in: „Gießener Anzeiger“ vom 21.10.2018