Grünstadt (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für grünstadt karte postleitzahl Grünstadt ist eine Kleinstadt mit derzeit rund 13.000 Einwohnern im Landkreis Bad Dürkheim und Verwaltungssitz der Verbandsgemeinde Grünstadt-Land (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Im 19.Jahrhundert existierte in Grünstadt eine der zahlenmäßig größten jüdischen Kleinstadtgemeinden auf Pfälzer Gebiet.

   Blick auf Grünstadt um 1800 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die Anfänge einer jüdischen Gemeinde in der kleinen Stadt Grünstadt - Residenz der Grafen von Leiningen - reichen bis in die Zeit um 1700 zurück. In den folgenden 150 Jahren wuchs die Gemeinde kontinuierlich und erreichte - nach einem enormen Wachstum zu Beginn des 19.Jahrhunderts - um 1840/1850 mit knapp 500 Mitgliedern ihren Zenit.

          gemeindliches Stellenangebot für einen Kantor/Schächter (1884)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20117/Gruenstadt%20Israelit%2006111884.jpg

Die Grünstadter Synagoge am Luitpoldplatz, ein fast quadratischer Bau mit einer Frauenempore, stammte vermutlich aus den 1780/1790er Jahren. Da ein in den 1890er Jahren geplanter Synagogenneubau wegen begrenzter finanzieller Möglichkeiten nicht realisiert werden konnte, beschränkte sich die Gemeinde auf eine umfassende Innenrenovierung.

                   Darüber berichtete die Zeitschrift „Der Israelit“ in ihrer Ausgabe vom 8. März 1900:

Grünstadt, 1. März (1900). Der verflossene Sabbat Paraschat Schekalim war für die hiesige Gemeinde in Wirklichkeit ein ‚guter Schabbos;’ denn an ihm wurde der letzte Schmuck eingeweiht, womit die Renovirung unseres Gotteshauses zum würdigen Abschluss gebracht wurde. Schon vor Jahren trug man sich mit dem Gedanken, dem Dienste Gottes auch hier eine neue Stätte zu widmen. Nur die Rücksicht auf die unerschwinglichen Opfer, die hieraus für unsere nicht besonders wohlhabende Gemeinde erwachsen wären, ließen diese löbliche Absicht nicht zustande kommen. Unsere Gemeinde mußte sich damit begnügen, eine innere Verschönerung unseres alten Gotteshauses im vorigen Sommer ausführen zu lassen, die übrigens mit verhältnißmäßig geringen Kosten doch zweckentsprechend und anmutend für jeden Besucher ausgefallen ist. Zu Ehren der Anwesenheit unseres Herrn Bezirksrabbiners Dr. Salvendi-Dürkheim wurden nun am letzten Sabbat die aus dem Goldstickereigeschäfte J. Bloch in Straßburg hervorgegangenen Synagogengewänder, Paroches und Schulchandecke, zum ersten Male dem Beschauer entfaltet. ... Meine Freunde erhöhte sich noch, als ich vor dem hochheiligen Toraschrein den strahlenden Vorhang erblickte, der zum ersten Male Ihr Gotteshaus schmückt und durch die Pracht seiner Ausführung einen herrlichen Zierrat dieser geweihten Stätte bildet. So schon, Herz und Auge erfreuend aber auch dieser kostbare Vorhang ist, das hinter ihm Verborgene, die gottgeoffenbarte Urkunde der Thora nämlich, überrage ihn an innerem Werthe so ungemein hoch, wie der Himmel hoch über der Erde. Unsere Kinder mit ihrem Wissen reich zu schmücken, bildet eine unserer ersten und heiligsten jüdischen Pflichten. Und was die so schön renovierte Andachtsstätte anbetrifft – den schönsten Schmuck des Gotteshauses bildet der regelmäßige und zahlreiche Besuch desselben seitens der Gemeindemitglieder. Diesen Schmuck verleihen Sie auch Ihrem Gotteshause, für dessen würdige Erneuerung Sie bedeutende materielle Opfer gebracht, wenn diese keine vergeblich gebrachten sein sollen! Möge es Ihnen Allen vergönnt sein, noch Jahrzehnte lang von dieser heiligen Stätte aus Ihre Gebete nach Oben senden zu können und an den gottgeheiligten Festtagen des Jahres des Anblickes dieses herrlichen Vorhanges sich erfreuen zu dürfen. ...

Bis Ende der 1860er Jahre gab es in Grünstadt eine jüdische Konfessionsschule; danach besuchten die jüdischen Schulkinder (bis 1910) die christlich-jüdische Simultanschule.

 Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8.6.1875

In der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts ist der jüdische Friedhofs erstmals urkundlich belegt; das Friedhofsgelände wurde „der Judenschaft von gnädigster Herrschaft überlassen ... zu ihrer Begräbniß, so der gemeine sandtkaut geweßen”. Es lag östlich der Stadt, in der Nähe der Obersülzer Straße und wurde 1881 erweitert. Auf dem Begräbnisareal (Verbandsfriedhof) fanden auch Verstorbene aus umliegenden Orten ihre letzte Ruhe, so aus Altleilingen, Asselheim, Bissersheim, Kirchheim, Lautersheim, Neuleinigen, Obrigheim, Sausenheim und Wattenheim.

Seit 1904 gehörten die wenigen Juden der inzwischen aufgelösten Gemeinde Obrigheims der Grünstädter Kultusgemeinde an, die zum Bezirksrabbinat Frankenthal zählte.

Juden in Grünstadt:

         --- 1749 .......................... 121 Juden,

    --- 1800 .......................... 165   “  ,

    --- 1808 .......................... 302   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1825 .......................... 421   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1834 .......................... 458   “  ,

    --- 1848 .......................... 473   “   (in 85 Familien),

    --- 1880 .......................... 327   “   (8,5% d. Bevölk.),

    --- 1900 .......................... 182   “  ,

    --- 1910 .......................... 165   “   (3,5% d. Bevölk.),

    --- 1925 .......................... 144   “  ,

    --- 1933 .......................... 123   “  ,

    --- 1935 (Dez.) ...................  71   “  ,

    --- 1936 (Aug.) ...................  56   “  ,

    --- 1937 ..........................  33   “  ,

    --- 1938 (Nov.) ...................  19   “  ,

    --- 1939 (Jan.) ...................  15   “  ,

             (Juni) ...................   5   “  ,

    --- 1940 (Sept.) ..................   2   “  .

Angaben aus: Walter Lampert, Grünstadt 1918 - 1948 - Bewegte Jahre, S. 282

Anfang der 1930er Jahre lebten noch etwa 130 Juden in Grünstadt.

Schon Wochen nach der NS-Machtübernahme wurden in Grünstadt jüdische Einwohner festgenommen, so ein Möbelfabrikant und zwei Rechtsanwälte; weitere „Inschutzhaftnahmen“ einzelner Juden folgten. Aus der „Grünstadter Zeitung”:

Grünstadt, 30. März - Die Ortsgruppe der NSDAP. in Grünstadt hat einen Aktionsausschuß gebildet, der den Boykott der jüdischen Geschäfte durchzuführen hat. Bereits gestern standen vor den einzelnen jüdischen Geschäften SA- und SS-Männer mit Plakaten, die folgende Aufschrift trugen: “Solange im Auslande Juden gegen Deutschland hetzen, betritt kein Deutscher ein jüdisches Geschäft.” Die Grünstadter Nationalsozialisten erwarten, daß die Bevölkerung allgemein dieser Parole Folge leisten wird.

                Zwei Tage später erschien die folgende Zeitungsmeldung:

Grünstadt, 1.April. - Um den Boykott gegen jüdische Geschäfte wegen der im Auslande verbreiteten Greuelnachrichten wirksam zu unterstützen, veranstaltete die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gestern abend einen Propagandamarsch durch die hiesige Stadt. Unter Vorantritt des Spielmannszuges bewegte sich ein großer Zug von SA- und SS-Leuten durch die Straßen, die durch Rufe zum Boykott aufforderten. Der Kreisleiter der Wirtschaft, Herr Betriebswirt Richard Schoenmakers, gab auf dem Luitpoldplatz vor einer großen Zuhörermenge in einer Rede Erklärungen ab, die die Boykottbewegung des deutschen Volkes rechtfertigten.

Im Dezember 1933 führte der Grünstadter Handelsschutzverband eine eigene antijüdische Aktion durch: Um das Weihnachtsgeschäft jüdischer Geschäfte zu schädigen, wurde über den Geschäftsstraßen Transparente mit der Aufschrift aufgehängt: „Christen kaufen Weihnachtsgeschenke nur bei Christen”. 1935 wurden Scheiben des jüdischen Warenhauses Lippmann eingeworfen; etwa 20 Hausfassaden mit der Aufschrift: „Achtung Jude” beschmiert. Wenige Monate später zertrümmerten unbekannte Täter erneut Schaufenster dreier jüdischer Geschäfte. Auch die Kommunalverwaltung ließ an den Ortseingängen Schilder mit der Aufschrift „Juden hier nicht erwünscht” aufstellen. Während der Ausschreitungen des Novemberpogroms von 1938 wurde die Inneneinrichtung der Grünstadter Synagoge völlig zerstört; das Gebäude wurde nur deshalb nicht angezündet, weil die umliegenden Häuser nicht gefährdet werden sollten. Die aus der Synagoge herausgeschleppten Kultgeräte wurden dann unter dem Beifall einer Menschenmenge auf dem Luitpoldplatz verbrannt. Auch Schaufenster des jüdischen Warenhauses Lippmann wurden zerstört; vor allem Jugendliche taten sich bei den Demolierungen hervor.

                                                                        Vor der Grünstädter Synagoge (Nov. 1938)

Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits die allermeisten Juden Grünstadt verlassen. Mindestens 29 Grünstädter jüdischen Glaubens wurden deportiert und in den Ghettos/Lagern im besetzten Osteuropa ermordet.

Im Jahre 1950 fand vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Frankenthal ein Verfahren gegen die Täter statt, die 1938 gewaltsam die Synagoge zerstört hatten. Das Verfahren wurde eingestellt.

Am ehemaligen Synagogengebäude, das seit 1986 unter Denkmalschutz steht, wurde aus Anlass des 50.Jahrestages des Novemberpogroms eine Gedenktafel angebracht (Abb. J. Specht, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0); deren Inschrift lautet:

Ehemalige Synagoge

erbaut um 1790   beschädigt in der “Reichskristallnacht”

Im Gedenken an Verfolgung und Tod unserer jüdischen Mitbürger und als Mahnung an die Lebenden

1938                   9. November               1988

Stadt Grünstadt

   

Synagogengebäude (hist. Aufn. um 1950  - Aufn. J. Specht, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Die vor dem Gebäude befindliche Freifläche trägt seit 2014 offiziell die Bezeichnung "Synagogenplatz".

2012 wurden die ersten beiden sog. „Stolpersteine“ ins Gehwegpflaster Grünstadts verlegt; weitere sollen folgen.

Der jüdische Friedhof – dessen ältester Grabstein datiert aus dem Jahre 1743 – steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2049/Gruenstadt%20Friedhof%20055.jpg

Eingangstor und Teilansicht des jüdischen Friedhofs in Grünstadt (Aufn. J. Hahn, 2004)

 

Im Grünstädter Ortsteil Sausenheim existierte um 1850 mit 14 Familien eine relativ große jüdische Gemeinde, deren Bildung ins 18.Jahrhundert zurückgeht; doch bereits schon im ausgehenden 17.Jahrhundert haben sich in Sausenheim Juden aufgehalten. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine 1819 eingerichtete Synagoge (abgebrannt 1834 und danach wieder aufgebaut) und eine Schule im Eckelsgässchen. Verstorbene wurden auf dem Friedhof in Grünstadt beigesetzt. Innerhalb nur weniger Jahrzehnte löste sich die Sausenheimer Kultusgemeinde auf; die wenigen jüdischen Familien schlossen sich Ende der 1870er Jahre der Grünstädter Gemeinde an. Im Jahre 1900 sollen bereits keine Juden mehr in Sausenheim wohnhaft gewesen sein. Das Synagogengebäude war bereits in den 1870er Jahren verkauft worden.

 

Im nahen Ebertsheim gab es eine jüdische Kleinstgemeinde, deren Ursprünge vermutlich im ausgehenden 17.Jahrhundert lagen. Im Laufe des 19.Jahrhunderts setzte sich die Gemeinde maximal aus knapp zehn Familien zusammen. Die jüdische Gemeinschaft versammelte sich in einer Betstube im Balzengäßchen, heute Pfarrgasse; diese wurde auch von jüdischen Familien aus Lautersheim und Quirnheim aufgesucht. Zu welchem Zeitpunkt sich die jüdische Gemeinde in Ebertsheim auflöste, ist nicht genau bekannt – vermutlich nach 1850/1860.

Weitere Informationen:

Walter Lampert, Grünstadt 1918 – 1948. Bewegte Jahre (Abschnitt: Grünstadt im Dritten Reich), Grünstadt 1985

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 153

Hermann Arnold, Juden in der Pfalz - Vom Leben pfälzischer Juden, Pfälzische Verlagsanstalt, Landau 1986

Karl Fücks/Michael Jäger, Synagogen der Pfälzer Juden. Vom Untergang ihrer Gotteshäuser und Gemeinden, Hrg. Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Neustadt/Weinstraße 1988, S. 89 f.

Auch an dieser unserer Schule ...” - Dokumentation zur Ausstellung aus Anlaß der 50.Wiederkehr der “Reichskristallnacht”, Hrg. Staatliches Leininger Gymnasium, Grünstadt 1988

Alfred Hans Kuby (Hrg.), Juden in der Provinz. Beiträge zur Geschichte der Juden in der Pfalz zwischen Emanzipation und Vernichtung, Verlag Pfälzische Post, 2.Aufl. Neustadt a.d.W. 1989, S. 208

Walter Lampert, Geschichte der Stadt Grünstadt, Grünstadt 1992

Bernhard Kukatzki, Der jüdische Friedhof in Grünstadt, o.O. 1994

Maria Schwarze-Kaufmann, Spurensuche - Jüdisches Leben im Leiningerland, in: SACHOR - Beiträge zur jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, Heft 12, 2/1996, S. 55 - 58

B. Kukatzki/M.Jacoby/E.Sulzer-Kleinemeier, Jüdischer Friedhof Grünstadt. Eine Foto-Dokumentation, Hrg. Stadt Grünstadt, Grünstadt 2004

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 171/172 u.a.

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 78 f.

Kyra Schilling/Odilie Steiner/Elisabeth Weber (Bearb.), Jüdisches Leben in Grünstadt, hrg. vom Ökumenischen Friedenskreis, Grünstadt 2007

Grünstadt, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)