Gürzenich (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Düren in DN.svg Gürzenich ist heute ein Ortsteil der Kreisstadt Düren - etwa 35 Kilometer östlich von Aachen gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Existenz eines Juden in Gürzenich ist 1653 erstmals urkundlich nachweisbar. Seit Mitte des 18.Jahrhunderts besaßen mehrere jüdische Familien in Gürzenich einen dauerhaften Wohnsitz; ihre Anzahl lag während des 19.Jahrhunderts nahezu konstant bei 40 - 60 Personen.

Als Synagogengemeinde gehörte Gürzenich zum Synagogenverband Düren.

[vgl. Düren (Nordrhein-Westfalen)]

Anfänglich besaßen die hiesigen Juden einen Betraum in einem Privathause (von Salomon Gottschalk) am Ende des Marktes. Als dieses Gebäude dann baufällig geworden war und abgerissen werden musste, nutzte die kleine Gemeinschaft jahrelang einen angemieteten Saal in einer Gaststätte, ehe es gelang, ein Grundstück für den Neubau einer Synagoge zu erwerben. Die neue Synagoge an der Schillingsstraße - ein recht repräsentativer, massiver Bau - wurde im September 1906 eingeweiht. Über der Eingangstür stand in Hebräisch: „Kommet und bücket euch vor dem Herrn“. Aus einem Bericht über die Einweihung aus der Lokalzeitung vom 8.9.1906:

„ ... Gestern wurde die neuerbaute Synagoge der israelitischen Gemeinde unter zahlreicher Beteiligung der Glaubensgenossen aus nah und fern ihrer Bestimmung übergeben. Im festlichen Zuge unter Musikbeteiligung wurde aus dem bisher nach Abbruch der alten Synagoge benutzten Betsaale in die neue Synagoge eingezogen. Die Festrede hielt Herr Dublon aus Aachen. Heute und morgen finden im Restaurant Hilden seitens der hiesigen Israelitischen Gemeinde Festlichkeiten statt. “

Auch die christlichen Bürger sollen durch Spenden den Neubau mitfinanziert haben; diese Tatsache belegt wohl, dass die jüdische Minderheit in die dörfliche Gesellschaft eingebunden war.

Ein Begräbnisgelände besaß die Gemeinde bereits im 18.Jahrhundert; seit Mitte des 19.Jahrhunderts ist dann offiziell ein jüdischer Friedhof ausgewiesen. Zur Kultusgemeinde zählten auch die jüdischen Bewohner von Derichsweiler, Gey und Rölsdorf.

Juden in Gürzenich:

    --- 1857 .......................... 49 Juden,

    --- 1872 .......................... 62   “  ,

    --- 1895 .......................... 58   “  ,

    --- 1905 .......................... 44   “  ,

    --- 1911 .......................... 56   “  , 

    --- 1933 .......................... 50   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Reg.bez. Köln, S. 93

Während des Novemberpogroms wurde die Synagoge gewaltsam aufgebrochen; da eine Brandlegung des Gebäudes wegen den angrenzenden Gehöften nicht möglich war, begann man, die Synagoge sogleich abzureißen; einen Monat später war das Gebäude völlig abgetragen; dessen Steine wurden als Straßenpflaster verwendet.

Synagogengebäude vor und nach der Zerstörung (hist. Aufn., Quelle unbekannt, in: wikipedia.org, Bild PD-alt) 

Einigen Gürzenicher jüdischen Familien gelang noch rechtzeitig ihre Emigration; diejenigen, die sich in die Niederlande geflüchtet hatten, wurden nur wenige Jahre später via Westerbork „in den Osten“ deportiert und fanden zumeist den Tod in den NS-Vernichtungslagern.

Die granitene Stele des Künstlers Ulrich Rückriem am Standort der ehemaligen Gürzenicher Synagoge - es ist eine von neun weiteren im Jahre 1988 im gesamten Stadtgebiet aufgestellten monumentalen Stelen - erinnert an die untergegangene jüdische Landgemeinde Gürzenich und an das Schicksal ihrer Angehörigen.

Der an der Schillingsstraße/Trierbachweg liegende jüdische Friedhof in Gürzenich, der von 1842 bis 1936 belegt wurde, weist heute 35 Grabsteine auf, die in zwei Reihen stehen.

Jüdischer Friedhof Gürzenich 02.JPG 

Jüdischer Friedhof Gürzenich (Aufn. P., 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im Frühjahr 1971 wurde auf dem jüdischen Friedhof in Gürzenich ein von den Gemeinden Birgel, Lendersdorf und Gürzenich gestifteter Gedenkstein für die jüdischen Opfer der NS-Herrschaft aufgestellt.

Weitere Informationen:

Klaus H.S. Schulte, Dokumentation zur Geschichte der Juden am linken Niederrhein seit dem 17.Jahrhundert, in: Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein ..., Band 12, Verlag L.Schwann, Düsseldorf 1972, S. 95/96

Ferdy Hake, Gürzenich und seine Geschichte, hrg. vom Heimatbund Gürzenich, 2.Aufl., Düren 1987, S. 286 - 297

Regina Müller, Um Heimat und Leben gebracht: Zur Geschichte der Juden im alten Landkreis Düren 1830 – 1945, Düren 1990

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 93 - 95

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 212/213

Guido von Büren/Willi Dovern/Ludger Dove/Monika Grübel/Bernd Hahne, Synagogen im Kreis Düren: Zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 75 Jahren, hrg. Arbeitsgemeinschaft der Geschichtsvereine im Kreis Düren, 2013

Stadt Düren (Hrg.), Die Rückriem-Stelen. Steine des Anstoßes: Erinnerung und Mahnung (Broschüre), Düren 2013 (auch online abrufbar unter: dueren.de/fileadmin/_migrated/content_uploads/Rueckriem_Stelen.pdf)

Stadt Düren (Hrg.), Neues Buch zur jüdischen Geschichte der Gemeinde Gürzenich, in: Focus-online, regional Nordrhein-Westfalen vom 22.11.2017