Guxhagen (Hessen)

Datei:Guxhagen in HR.svg Guxhagen ist eine Kommune mit derzeit ca. 5.300 Einwohnern im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis - ca. 15 Kilometer südlich von Kassel gelegen (Karte NNW, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Um 1680 werden in der sog. „Judenspezifikation“ - einer Zählung der Juden in Stadt und Amt Melsungen - zwei jüdische Familien in Guxhagen erstmals urkundlich erwähnt. Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts erhielten weitere drei oder vier jüdische Familien gegen Zahlung eines "Schutztributes" ein Wohnrecht in Guxhagen; gleichzeitig durften sie mit allen Waren handeln, die nicht durch die örtlichen Zünfte kontrolliert wurden; aus Handwerkerberufen blieben sie deshalb zunächst ausgeschlossen.

Vermutlich im Jahre 1823 wurde mit dem Bau der Synagoge in der Ortsmitte an der Untergasse begonnen; es war ein schlichter Fachwerkbau. Die Synagoge bot 75 Männern und knapp 50 Frauen Platz. Zuvor hatte ein Privathaus in der Sellestraße als Betraum gedient; hier soll sich auch eine Mikwe befunden haben.

    Computer-Modell der Synagoge (Atelier für Architektur, Melsungen) 

Im Synagogengebäude befand sich auch die israelitische Elementarschule, die erst im Frühjahr 1934 aufgelöst wurde.

Ein jüdischer Friedhof wurde in Guxhagen zu Anfang des 19.Jahrhunderts an der Albshäuser Straße angelegt; er wurde bis ins Jahr 1937 genutzt.

Juden in Guxhagen:

         --- um 1680 .......................   2 jüdische Familien,

    --- 1744 ..........................   3     “       “    ,

    --- 1823 ..........................  10     “       “    ,

    --- 1835 ..........................  90 Juden,

    --- 1861 .......................... 103   “  (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1885 .......................... 132   “  ,

    --- 1895 .......................... 158   “  ,

    --- 1905 .......................... 170   “  (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1925 .......................... 159   “  (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1933 .......................... 158   “  ,

    --- 1938 ..........................  98   “  ,

    --- 1941 (Juni) ...................  39   “  ,

    --- 1941 (Dez.) ...................   6   “  ,

    --- 1942 (April) ..................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 305

und                 Kirsten Maas, Die ehemalige jüdische Gemeinde Guxhagens

Die Anzahl der jüdischen Einwohner schwankte seit dem 19.Jahrhundert zwischen 100 und 160 Personen; dies entsprach einem Anteil von ca. 10% der Gesamtbevölkerung. Handel und Handwerk waren nun die wirtschaftliche Grundlagen der Juden in Guxhagen. Ihre Wohnsitze befanden sich vor allem in der Untergasse, Sellestraße, Bahnhofstraße und der Mittelgasse.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bestand die jüdische Gemeinde aus ca. 30 Familien, deren religiöses Leben sich weiterhin nach dem orthodoxen Ritus ausrichtete; in der Kultusgemeinde herrschte ein reges kulturelles Leben; davon zeugen vier jüdische Organisationen vor Ort, die sich der Wohlfahrt verschrieben hatten. Die Guxhagener Gemeinde wurde in Schriften des orthodoxen Rabbiners Dr. Jacobson aus Hamburg gelobt; er schrieb:

„ ... Eine kleine, jüdische Gemeinde, in einem nicht viel größeren Dorf, doch eine beispielhafte Gemeinde. Unter der Leitung des Parnass Katzenberg führte diese ein geregeltes religiöses Leben, im Kleinen wie im Großen. Wenn ich nicht irre, so ging nicht eine der etwa 40 bis 50 jüdischen Frauen der Gemeinde ohne vorgeschriebene Kopfbedeckung auf den Markt. Die Mitglieder, Bauern und Hausierer, leben ein volles, jüdisches Leben. ... Die Umgebung des Parnass und das ganze Leben dort, alles glich einer Geschichte aus der Feder des Rabbiners Dr. Ehrmann: ‚Die versunkene Welt’.”

                        (Der Text wurde in den 1920er Jahren verfasst.)

Trotz ihrer religiös-orthodoxen Ausrichtung waren die Juden Guxhagens Mitglieder in lokalen Vereinen.

Nachdem der letzte Lehrer der Gemeinde, Jacob Kanthal, im Jahre 1934 in Pension gegangen war, suchten die ca. 30 jüdischen Schüler nun die hiesige kommunale Schule auf.

Bis 1939 hatten die allermeisten jüdischen Familien Guxhagen aber verlassen; viele verzogen in deutsche Großstädte (nach Kassel, Frankurt/M. und Berlin), nur wenige gingen in die Emigration.

In der Pogromnacht des November 1938 verwüsteten SA- und SS-Männern die Inneneinrichtung der Synagoge und den Schulraum; Wohnungen wurden demoliert und ihre Bewohner misshandelt. Zwölf jüdische Männer aus Guxhagen wurden - gemeinsam mit anderen aus Nachbarorten - für mehrere Tage in der Landesarbeitsanstalt Breitenau inhaftiert, von dort nach Kassel verbracht; in einem großen „Judentransport“ gelangten sie von Kassel ins KZ Buchenwald. Das Synagogengebäude wurde Ende 1938 von der Kommune erworben und dort Wohnungen und Räume der „NS-Volkswohlfahrt“ eingerichtet. Im Dezember 1941 wurden 31 in Guxhagen lebende jüdische Bewohner ins Ghetto Riga deportiert; die übrigen mussten im April 1942 den Weg nach Theresienstadt antreten. Nachweislich sind 86 Guxhagener Juden während der NS-Zeit in Ghettos und Vernichtungslagern ums Leben gekommen.

Nur zwei Guxhagener Juden, die den Holocaust überlebten, kehrten 1947 in ihren Heimatort zurück und lebten dort bis zu ihrem Tode in den 1970er Jahren.

Der jüdische Friedhof – etwa 200 m hinter dem Ortsausgang Guxhagens in Richtung Alsbhausen - weist heute noch eine Reihe von Grabsteinen auf.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20170/Guxhagen%20Friedhof%20150.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20170/Guxhagen%20Friedhof%20169.jpg

Eingangstor zum jüdischen Friedhof     -    drei ältere Grabsteine (Aufn. J. Hahn,2008)

                  Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Müller-Neumann, 2006)

Im Gebäude der ehemaligen Synagoge/Schule wurde 1985 eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht:

Synagoge und Schule der Jüdischen Gemeinde Guxhagen bis 1938.

In mahnendem Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger,

die während der Naziherrschaft gedemütigt, entrechtet, verschleppt und ermordet wurden.

                                                               Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung                      

(jüdische Weisheit)

Die Fläche vor der ehemaligen Synagoge wurde zum Angedenken an eine ermordete Ärztin in "Lilli-Jahn-Platz" umbenannt; seit 2011 erinnert eine Gedenktafel an diese Frau, die mit ihrer Familie bis 1933 in Immenhausen lebte und die 1943 im Arbeitserziehungslager Breitenau inhaftiert war.

In Guxhagen befindet sich die Gedenkstätte Breitenau, die an das ehemalige Konzentrations- bzw. Arbeitserziehungslager erinnert.

Weitere Informationen:

Curt Wolf/D. Goldschmidt (Bearb.), Gräberverzeichnis des jüdischen Friedhofs in Guxhagen, 1938

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 304 f.

Kirsten Maas, Die ehemalige jüdische Gemeinde Guxhagens, in: Beitrag für Pinkas Hakehillot Germania. Band Hessen, Yad Vashem, Jerusalem 1985

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ? Verlag K.R. Langewiesche Nachfolger Hans Köster Verlagsbuchhandlung, Königstein (Taunus) 1988, S. 52/53

Frank-Matthias Mann, Über das Verschwinden der Jüdischen Gemeinde Guxhagen - Ein Ausstellungsbeitrag der Gedenkstätte Breitenau, in: Verein zur Förderung der Gedenkstätte und des Archivs Breitenau e.V., Rundbrief No. 10, Kassel 1991

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II - Regierungsbezirke Gießen u. Kassel, Hrg. Studienkreis Deutscher Widerstand, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 173 ff.

Frank-Matthias Mann/Gunnar Richter, Die ehemalige jüdische Gemeinde Guxhagens, in: Jahrbuch des Schwalm-Eder-Kreises, Homberg 1998, S. 58 ff.

M.Brocke/Chr. Müller, Haus des Lebens - Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 162

Frank Mann und Gunnar Richter, Zur Geschichte des jüdischen Guxhagen, in: Gemeinde Guxhagen (Hrg.), 650 Jahre Guxhagen – 125 Jahre Gesangverein, Guxhagen 2002, S. 131 – 134

Frank Mann, Die Judendeportation aus dem Regierungsbezirk Kassel nach Riga am 09.12.1941, in: Rundbrief des Fördervereins der Gedenkstätte Breitenau No. 21, Kassel 2002, S. 65 - 69

Gunnar Richter (Red.), Die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen bei Kassel. Ein Leseheft, 3. erg. Auflage, Kassel 2002

Förderverein „Ehemalige Synagoge“ e.V. (Hrg.), Geschichte der jüdischen Gemeinde Guxhagen, online abrufbar unter: synagoge.guxhagen.net

Gunnar Richter, Zur Deportation der Guxhagener Juden in das Ghetto Riga vor 65 Jahren. Ansprache anlässlich der Gedenkfeier am 9.Nov. 2006 (online abrufbar)

rho (Red.), Reichskristallnacht – Gedenktafel in Guxhagen enthüllt, in: SEK-News vom 11.11.2011

Helge von Horn, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Guxhagen, Dissertation (in Vorbereitung)