Hagenau (Elsass)

Das im Unterelsass gelegene Hagenau trägt heute den frz. Ortsnamen Haguenau; die etwa 35.000 Einwohner zählende Stadt liegt ca. 25 Kilometer nördlich von Straßburg.

Die jüdische Gemeinde Hagenaus zählt zu den ältesten im Elsass. Sie wurde im 13.Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt und besteht seitdem (fast) ohne Unterbrechungen. Nur in den Pestjahren und zu Beginn des 16.Jahrhunderts wurden Hagenauer Juden verfolgt bzw. kurzzeitig vertrieben. Der Versuch des Stadtrates, alle Juden per Dekret aus Hagenau zu entfernen, scheiterte 1528. Geldverleih war offenbar die einzige wirtschaftliche Tätigkeit der Hagenauer Juden; zu ihren Schuldnern zählten der Adel, die Stadt und Klöster in der Region.

             Druckansicht der hebräischen Grammatik von Moses Kimchi von Hagenau 1519

Moses Kimchi – mehr unter dem Akronym Remak bekannt – war ein jüdischer Grammatiker und Exeget des 12.Jahrhunderts. Seine hebräische Grammatik erschien um 1520 in der lateinischen Übersetzung von Sebastian Münster.

In der Stadt existierte bereits seit dem Spätmittelalter eine Synagoge; der im Jahre 1354 errichtete Bau stand auf dem Grundstück einer früheren christlichen Kapelle, wo auch der zweite Synagogenbau stand. Dieser wurden in einem Brand 1676 zerstört und wieder aufgebaut; danach war das Gebäude bis 1820 gottesdienstlicher Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde; im gleichen Jahre weihten die Hagenauer Juden einen Synagogenneubau ein, der bis in die Gegenwart als Gotteshaus dient. 

   

Skizze der Synagoge (Elie Scheid, um 1870) und Aquarell (tableau de Sprauel, aus: judaism.sdv.fr)

Ende der 1860er Jahre entbrannte innerhalb der Gemeinde ein Streit, weil das Harmonium durch eine Orgel ersetzt werden sollte, was konservativeGemeindemitglieder aber ablehnten. Mehrere Jahre später vermeldete die Zeitschrift „Der Israelit“: „Wir vernehmen mit großem Vergnügen, daß der Friede innerhalb der jüdischen Gemeinde zu Haguenau wieder hergestellt ist.“

Ob der jüdische Friedhofs „Am Judenberg“ bereits im Spätmittelalter belegt wurde, ist nicht eindeutig nachzuweisen; die ältesten Grabsteine stammen aus der Mitte des 17.Jahrhunderts. Der Hagenauer Friedhof diente bis ins 19.Jahrhundert hinein mehreren jüdischen Gemeinden des nahen Umlandes als zentrale Begräbnisstätte.

Hagenau war bereits seit dem 16.Jahrhundert Sitz eines Rabbinats. Im Verlaufe des 18. Jahrhundert erlangte es gewisse Bedeutung; zu den anerkannten Rabbinern ihrer Zeit zählten Elie Schwab (von 1721 bis 1749) und Lazare (Lipmann) Bloch (von 1854 bis 1897).

                             aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 12.10.1876

Juden in Hagenau:

        --- 1689 ..................  19 jüdische Familien,

    --- 1784 ...................  64     “       “   (ca. 325 Pers.),

    --- 1807 ................... 630 Juden,

    --- 1846 ................... 732   “  ,

    --- 1861 ................... 687   “  ,

    --- 1870 ................... 676   “  ,

    --- 1910 ................... 611   “  ,

    --- 1936 ................... 113   “  ,

             ................... 564   “  ,*   * im Distrikt Haguenau

    --- 1953 ................... 295   “  ,

    --- 1968 ............... ca. 300   "  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 39

Während der NS-Okkupation wurden die Juden Haguenaus und des Umlandes nach Südfrankreich vertrieben; fast 150 Angehörige der Kultusgemeinde wurden Opfer der Deportationen.

Das im Krieg teilzerstörte Synagogengebäude wurde in den 1950er Jahren wiederhergestellt und 1959 eingeweiht.

             Einbringen der Thora-Rollen (Aufn. März 1959)

Bis auf den heutigen Tag dient das Gebäude seinem religiösen Zweck. In den 1980er Jahren wurde das Synagogengebäude unter Denkmalschutz gestellt.

  

Synagoge Haguenau (Aufn. Olivier Lévy, 2007, aus: wikipedia.org, CC BY 2.5) und Innenansicht (Aufn. aus: judaisme.sdv.fr)

Der jüdische Friedhof in Haguenau ist gegenwärtig noch in Nutzung.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20124/Hagenau%20Friedhof%20221.jpghttp://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20124/Hagenau%20Friedhof%20241.jpg

Blick auf das Friedhofsgelände, links: älterer Teil - rechts: neuer Teil (beide Aufn. J. Hahn, 2007)

Auf dem Gelände befindet sich auch ein Mahnmal, das an die jüdischen Holocaust-Opfer aus Haguenau und des nahen Umlandes erinnert.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20124/Hagenau%20Friedhof%20246.jpg Mahnmal (Aufn. J. Hahn, 2007)

Im nahgelegenen Dörfchen Batzendorf existierte bis gegen Ende des 19.Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, die vermutlich im beginnenden 18.Jahrhundert entstanden ist. Um 1785 setzte sie sich aus zwölf Familien zusammen. Bis um 1850 behielt sie in etwa ihre Größe; wenige Jahrzehnte später löste sie sich ganz auf. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts lebten keine Personen mosaischen Glaubens mehr im Dorf. Die Synagoge soll bereits um 1880 aufgegeben worden sein.

In Schweighausen (Schweighouse-sur-moder) bildete sich im Laufe des 18.Jahrhundert eine jüdische Gemeinde heraus, die gegen Mitte des 19.Jahrhunderts mit fast 150 Angehörigen ihren personellen Höchststand erreichte. Die zum Rabbinat Hagenau gehörende Gemeinde besaß eine 1832 errichtete Synagoge. Ende der 1930er Jahre lebten im Ort kaum noch 20 Personen jüdischen Glaubens; sie wurden zumeist nach Südfrankreich deportiert. Das Synagogengebäude wurden abgebrochen.

2011 brachte man im Ort eine Gedenktafel an, die an die jüdische Ortsgeschichte erinnern soll:

Hier lebte eine jüdische Gemeinde, die ihre Identität trotz der Wirren der Geschichte bewahrt und wesentlich zum Fortschritt und zur Geschichte der Region beigetragen hat.

http://judaisme.sdv.fr/synagog/basrhin/r-z/schweig/souvenez.gifzweisprachige Informationstafel

Weitere Informationen:

Élie Scheid, Histoire des Juifs de Haguenau, sous la domination allemande, in: Revue des Études Juives 2/1881 und 3/1881

Élie Scheid, Histoire des Juifs de Haguenau, Paris 1885

Joseph Bloch, Le Cimetière juif de Haguenau, in: Revue des Études Juives 111/1956-1957, S. 143 – 186

Joseph Bloch, Histoire de la Communauté de Haguenau. Bulletin de nos Communautés (Straßbourg), Sept. 1956

Joseph Bloch, Historique de la Communautè Juive de Haguenau, des origines à nos Jours, o.O. 1968

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 313 – 316, Band III/1, Tübingen 1987, S. 486 – 490 und Band III/3, Tübingen 2003, S. 1859 - 1862

Max Warschawski, Le rabbinat et les Rabbins de Haguenau, in: Cinq cents ans d’histoire juive à Haguenau, Haguenau 1992, S. 63 - 82

Jean Daltroff, Les Juifs de Haguenau à l’époque de la terreur, in: Cinq cents ans d’histoire juive à Haguenau, Haguenau 1992, S. 139 – 156

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992, S. 82/83

Gerd Mentgen, Studien zur Geschichte der Juden im mittelalterlichen Elsaß, in: Forschungen zur Geschichte der Juden, Abteilung A: Abhandlungen, Band 2, S. 270 - 282, Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1995

Yaakov Bentolila, Un message crypte dans l'inscription synagogale de Haguenau, in: Revue des Etudes Juives, 3−4 (1996), S. 461−468

Jean Daltroff, La communauté juive de Haguenau et la Révolution francaise, in : La Révolution francaise et l’Alsace, Band 8, Cernay 1996, S. 11 – 122

Haguenau, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Batzendorf, in: alemannia-judaica.de

Schweighouse-sur-moder, in: alemannia-judaica.de