Hagenbach (Oberfranken/Bayern)

Hagenbach ist heute Ortsteil des Marktes Pretzfeld im Landkreis Forchheim - ca. 30 Kilometer südöstlich von Bamberg gelegen.

In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts zählte das Dorf Hagenbach zu den Landgemeinden im oberfränkischen Raume mit dem höchsten Anteil jüdischer Bewohner.

In Hagenbach lebten gegen Mitte des 17.Jahrhunderts einige wenige jüdische Familien, die vermutlich erst während des Dreißigjährigen Krieges hier zugewandert waren. Die Herren von Stiebar förderten die Ansiedlung weiterer Familien, um aus deren Schutzgeldzahlungen dann finanziellen Nutzen zu ziehen; so sollen um 1730 knapp 30 (!) jüdische Familien hier ansässig gewesen sein.

Die Judengemeinde Hagenbach muss demnach um 1730 bereits groß und bedeutend gewesen sein; denn Hagenbach wurde von dem Bamberger Landesrabbinat zum Sitz eines der fünf Bezirksrabbinate bestimmt; diese Funktion besaß Hagenbach während des 18. und 19.Jahrhunderts. Damit unterstanden Hagenbach 13 umliegende Gemeinden, so die Ortschaften Dormitz, Egloffstein, Ermreuth, Heiligenstadt, Kunreuth, Mittelehrenbach, Oberaufseß, Pretzfeld, Tüchersfeld, Wannbach, Weilersbach und Wiesenthau. Um 1885 waren es dann nur noch sechs Judengemeinden; 1894 wurde das Rabbinat offiziell aufgelöst.

Der südwestlich des Dorfes gelegene jüdische Friedhofs wurde 1737 eingeweiht; auf dem Gelände fanden auch Verstorbene aus Wannbach, Egloffstein, Wiesenthau und Mittelehrenbach ihre letzte Ruhe. Die letzte Beerdigung fand hier 1934 statt.

Die Existenz eines Betraumes innerhalb des Schlossareals ist für das Jahr 1653 durch das Vorhandensein eines „Judenschulmeisters“ nachgewiesen; auch eine Mikwe hat wohl in einem Kellergewölbe des Schlosses existiert. In den 1720er Jahren erbaute die jüdische Gemeinde ihre kleine, eingeschossige Synagoge, die in den 1860er erweitert und renoviert wurde.

 

Synagoge in Hagenbach und Innenansicht (hist. Aufn., aus: Th. Harburger)

Stellenangebote der Kultusgemeinde von 1882 und 1884 

Das Synagogengebäude und das rückwärtig angebaute Schulhaus gingen 1924 in die Hände dreier jüdischer Familien über; allerdings mussten sie sich verpflichten, die Synagoge unentgeltlich für Gottesdienste zur Verfügung zu stellen und die Kultgeräte - nach Wegzug der letzten Juden - an eine andere Kultusgemeinde zu übergeben. Der aus dem Verkauf stammende Erlös sollte der Instandhaltung des Friedhofs dienen. - Besuchten die Hagenbacher jüdischen Kinder zu Beginn des 19.Jahrhunderts zunächst die christliche Schule in Pretzfeld, so wechselten sie 1827 in die neu gegründete jüdische Elementarschule in Pretzfeld; wenige Jahre später wurde der Unterricht in der eigenen Schule in Hagenbach, einem zweistöckigen Anbau an das Synagogengebäude, aufgenommen; sie wurde 1920 aufgelöst.

Juden in Hagenbach:

         --- 1678 .................... 14 jüdische Familien,

    --- 1730 ...................  28     “             “       ,

    --- 1769 ...................  37     “       “    ,

    --- 1811 ................... 205 Juden (ca. 55% d. Dorfbev.),

    --- 1824 ................... 179   “  ,

    --- 1840 ................... 163   “   (ca. 49% d. Dorfbev.),

    --- 1854 ...................  70   “   (ca. 25% d. Dorfbev.),

    --- 1864 ...................  59   “  ,

    --- 1880 ...................  47   “   (ca. 17% d. Dorfbev.),

    --- 1890 ...................  33   “  ,

    --- 1910 ...................  11   “  ,

    --- 1925 ...................   7   “  ,

    --- 1938 ...................   4   “  ,

    --- 1939 ...................   keine.

Angaben aus: Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942), S. 178

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts bestand der größte Teil der Dorfbevölkerung aus jüdischen Bewohnern; das Zusammenleben mit den christlichen Dörflern verlief nicht immer spannungsfrei, aber auch innerhalb der Judenschaft kam es immer wieder zu Konflikten. Sehr viele Hagenbacher Juden arbeiteten im Vieh- und Hausierhandel; daneben wurde auch mit Hopfen gehandelt.

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts setzte die Abwanderung in größere Städte und die Auswanderung nach Übersee ein, die zu einem Ausbluten der Gemeinde führte; 1910 lebten nur noch elf Juden im Dorf. Konsequenz dieser Entwicklung war der im Jahre 1911 erfolgte Zusammenschluss der beiden jüdischen Gemeinden Wannbach und Hagenbach zur Israelitischen Kultusgemeinde Hagenbach-Wannbach.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2084/Hagenbach%20BY%20AZJ%2009101908.jpg aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 9.10.1908

Die vereinigte Kultusgemeinde Hagenbach-Wannbach löste sich schließlich 1934 wegen Mitgliedermangels auf.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20271/Hagenbach%20BayrIsrGZ%2001061934.jpgaus: "Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" vom 1.6.1934

Die wenigen in Hagenbach noch lebenden jüdischen Bewohner gehörten von da an der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg an.

Wochen vor der „Reichskristallnacht“ wurden das Synagogen- und Schulgebäude verkauft. Während des Novemberpogroms wurde das  Inventar der Synagoge vor dem Dorfe verbrannt; auf eine Brandlegung des baufälligen Gebäudes wurde aber wegen der Gefährdung für umliegende Häuser verzichtet. Noch im gleichen Jahre wurde die Synagoge mit allen Nebengebäuden abgerissen und an ihrer Stelle ein Garten angelegt. Die letzten beiden jüdischen Ehepaare - sie lebten vom Textilhandel - wurden am 10.November 1938 nach Forchheim abtransportiert, nachdem ihre beiden Häuser von SA-Angehörigen geplündert und das Mobiliar zerschlagen worden war; danach lebten keine Juden mehr im Dorfe.

An die jüdische Geschichte Hagenbachs erinnert heute noch der am südwestlichen Ortsausgang liegende, fast 4.000 m² große Begräbnisplatz; fast 400 Grabsteine sind noch vorhanden.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9f/Pretzfeld_J%C3%BCdischer_Friedhof_Hagenbach_011.JPG

Friedhof in Hagenbach und  Grabstein mit reicher Symbolik (beide Aufn. Jan Eric Loebe, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Die kleinen Häuser am Ortsausgang nach Pretzfeld und gegenüber der Schlossmauer an der Straße nach Poppendorf gehen nahezu alle auf die Ansiedlung von Juden im 17. und 18. Jahrhundert zurück. 

Weitere Informationen:

Magnus Weinberg, Das Memorbuch von Hagenbach, in: Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft 18/1927, S. 203 – 216

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 156/157

Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942). Ein historisch-topographisches Handbuch, Bayrische Verlagsanstalt Bamberg, Bamberg 1988, S. 172 ff.

Christoph Daxelmüller, Jüdische Kultur in Franken, Echter Verlag Würzburg, 1988

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 220/221

Eva Groiss-Lau, Jüdisches Kulturgut auf dem Land. Synagogen, Realien und Tauchbäder in Oberfranken, Hrg. Klaus Guth, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 1995, S. 36 f.

Josef Seitz, Hagenbach - zeitweise Bezirksrabbinat , in: Jüdisches Leben in der Fränkischen Schweiz, Schriftenreihe des Fränkische-Schweiz Vereins, Band 11, Palm & Enke, Erlangen 1997, S. 393 - 451

G.Ph. Wolf/W.Tausendpfund, Obrigkeit und jüdische Untertanen in der Fränk. Schweiz, in: Jüdisches Leben in der Fränkischen Schweiz, Schriftenreihe des Fränkische-Schweiz Vereins, Band 11, Palm & Enke, Erlangen 1997, S. 115 f.

Georg Knörlein, Jüdisches Leben im Forchheimer Land, Verlag Medien + Dialog Klaus Schubert, Haigerloch 1998, S. 13/14

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, Band 2: Adelsdorf - Leutershausen, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaiitach, Fürth 1998, S. 243 – 246

Hagenbach (Gemeinde Pretzfeld), in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Michael Schneeberger, Die Geschichte der Juden in Hagenbach, in: Jüdisches Leben in Bayern 19.Jg., No. 96/2004, S. 14 – 19

Barbara Eberhardt/Angela Hager, Hagenbach, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 3, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 152 - 157