Hamborn (Nordrhein-Westfalen)

Bildergebnis für Hamborn plz karte Gliederung Hamborn ist heute ein Stadtbezirk der kreisfreien Stadt Duisburg; dieser umfasst die Stadtteile Alt-Hamborn, Marxloh, Neumühl, Obermarxloh und Röttgersbach und hat derzeit ca. 72.000 Einwohner (Karten aus: suche-postleitzahl.org und M.Baumer, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.0).

Erstmals siedelte sich ein Jude 1893 im dörflichen Hamborn an; doch mit der explosionsartigen Bevölkerungszunahme Hamborns im folgenden Jahrzehnt vergrößerte sich auch die Zahl der hier lebenden jüdischen Bürger. Um die Wende zum 20. Jahrhundert verstärkten sich die Bestrebungen unter den Hamborner Juden, eine eigenständige Synagogengemeinde zu bilden. Gegen den Widerstand der Holtener Juden konnten sie sich schließlich erfolgreich durchsetzen und gründeten 1911 eine eigene Synagogengemeinde, die fortan von der Gemeinde Holten unabhängig war.

[vgl. Holten-Sterkrade (Nordrhein-Westfalen)]

Der Hamborner Kultusgemeinde gehörten dann kurzzeitig auch alle Juden der Bürgermeisterei Sterkrade an; weiterhin gehörten die Ortschaften Marxloh und Bruckhausen dazu. Nachdem Gottesdienste zunächst in einem Raume eines Privathauses abgehalten wurden, verlegte man den Betsaal in das 1905 angepachtete Gebäude der Kreuzeskirche in Marxloh in der Kaiser-Friedrich-Straße. Neubaupläne zerschlugen sich zunächst wegen des Ersten Weltkrieges, sodass das bisher genutzte Gebäude - nach einer Renovierung - auch weiterhin der Gemeinde diente. - Für die osteuropäischen Zuwanderer bestand in einem Hamborner Hinterhaus in der Kaiser-Wilhelm-Straße ein kleiner Betsaal.

Seit 1911 besaß die Hamborner Judenschaft ein eigenes Bestattungsgelände, das Ende der 1920er Jahre wegen des steigendes Grundwasserpegels aufgegeben werden musste; danach stand ihnen ein Friedhofsgrundstück an der Mattlerstraße - angrenzend an den evangelischen Friedhof Holten - zur Verfügung, das danach auch verstorbene Holtener Juden aufnahm. Vor 1910 waren die verstorbenen Hamborner Juden in Holten beerdigt worden.

 

Teilansichten vom jüdischen Friedhof Mattlerstraße (Aufn. N. Hüttenmeister, Steinheim-Institut, 2005)

Juden in Hamborn*:    * mit Marxloh, Bruckhausen und Schmidthorst

    --- 1895 ...........................   5 Juden,

    --- 1899 ...........................  51   “  ,

    --- 1902 ........................... 123   “  ,

    --- 1905 ........................... 247   “  ,

    --- 1907 ........................... 331   “  ,

    --- 1910 ........................... 351   “  ,

    --- 1913 ........................... 567   “  ,

    --- 1920 ........................... 692   “  ,

    --- 1929 ........................... 838   “  ,

    --- 1937 (Juli) .................... 400   “  ,

             (Nov.) .................... 348   “  .    weitere Angaben siehe: Duisburg

Angaben aus: G. von Roden, Geschichte der Duisburger Juden, Duisburger Forschungen Band 34, Teil 1, S. 531 ff.

und                 Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Reg.bez. Düsseldorf, S. 86

Der Anteil der „ostjüdischen“ Bewohner Hamborns betrug Mitte der 1920er Jahre mehr als 50%; ab 1927 wanderten immer mehr Juden in Richtung Nordamerika ab.

Seit Mitte der 1920er Jahre gab es in Hamborn einen Hechaluz-Verein, dessen Mitglieder sich hier für ihre Auswanderung nach Palästina vorbereiteten; neben handwerklichen Ausbildungen wurden auch Sprachkurse gegeben. Ein Teil der Angehörigen der Hamborner Synagogengemeinde wohnte im Stadtteil Marxloh, wo sich auch ihre Synagoge befand.

Zu ersten gewalttätigen Ausschreitungen kam es bereits wenige Wochen nach der NS-Machtübernahme; betroffen waren vor allem hier lebende jüdische Zuwanderer aus Osteuropa. Mitte März 1933 fand in Hamborn einer der berüchtigten „Judenumzüge“ statt; darüber berichtete am 17.März die „National-Zeitung”:

Gestern vormittag marschierte eine Abteilung SS ... zu den öffentlichen Gebäuden ... und zog feierlich die Hakenkreuzfahne ein. Gleichzeitig wurden die noch vorhandenen schwarz-rot-goldenen Fahnen beschlagnahmt. Alsdann marschierte die Abteilung zum Hindenburgplatz, wo die Verbrennung der Symbole einer Zeit der Not und des Elendes vorgenommen wurden. ... Hinter der Kapelle trugen zwei Juden die rote Fahne der Wellblechfront mit dem Zeichen der Mistgabel und eine KPD-Fahne, ... Nach kurzem Ummarsch erfolgte auf dem Hindenburgplatz die feierliche Verbrennung der Fahnen als symbolisches Zeichen dafür, daß es nun endgültig mit der Herrschaft des Untermenschentums vorbei ist.

Anm.: Weitere Presseartikel stachelten die NSDAP-Fanatiker an, ihre auch körperlichen Attacken gegen jüdische Bürger vor allem osteuropäischer Herkunft fortzusetzen.

 Boykott des Textilhauses Erich Brandt April 1933 (Stadtarchiv)

1937 schlossen sich die drei Synagogengemeinden Duisburg, Ruhrort und Hamborn zur Kultusgemeinde Duisburg zusammen.

Von den Abschiebungen der „Ostjuden“ Ende Oktober 1938 waren auch zahlreiche in Hamborn lebende Familien betroffen. In den frühen Morgenstunden des 10.November kam es auch in Hamborn zu Angriffen auf jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen. Das Synagogengebäude in der Kaiser-Wilhelm-Straße wurde von SA-Angehörigen in Brand gesetzt, obwohl es wenige Tage zuvor in „arischen“ Besitz übergegangen war. Zahlreiche Schaulustige - auch Schulklassen - sahen dem Brande zu; die Feuerwehr griff nicht ein. In einem Polizeibericht vom 11.11.1938 hieß es: "... Im Verlauf der Demonstrationen gegen die Juden am 10.11.1938 wurden ... die Synagoge in Brand gesetzt und die Schaufenster und Einrichtungen der nachstehend aufgeführten jüdischen Geschäfte zertrümmert. ... Wohnungen sind nicht zerstört worden. Plünderungen, Mißhandlungen von Juden und Inbrandsetzung der Geschäfte sind nicht erfolgt. Festgenommen wurden vom Revier folgende männliche Juden: ... Die Festgenommenen wurden dem Polizeigefängnis zugeführt. Die Stapo wurde von der Festnahme benachrichtigt. Mitte 1939 wurde die Synagogenruine abgebrochen.

Bis Ende 1938 waren in Hamborn - mit Ausnahme einer Schuhmacherei - alle jüdischen Geschäfte bzw. Betriebe aufgelöst bzw. „arisiert“. 

vgl. dazu: Duisburg (Nordrhein-Westfalen)

Auf dem seit ca. 1925 genutzten jüdischen Friedhof Mattlerstraße/Mattlerbusch – in unmittelbarer Nähe des Kommunalfriedhofs - sind heute noch 67 Grabsteine vorhanden.

http://www.steinheim-institut.de/daten/picsdu6/xl/0000_du6_2_2005.png Jüdischer Friedhof Hamborn (Aufn. Steinheim-Institut)

Seit 1988 erinnert am ehemaligen Standort der Synagoge eine Gedenktafel mit der folgenden Inschrift an die Geschehnisse:

Vergessen hält die Erlösung auf, Erinnerung bringt sie näher.

Wir erinnern an die Hamborner Jüdische Gemeinde, die von 1905 - 1938 an dieser Stelle ihre Synagoge hatte.

Am 10.November 1938 wurden jüdische Wohnungen und Geschäfte zerstört und die Synagoge niedergebrannt.

Wir denken mit Scham an diesen Tag, als jüdische Bürger vor aller Augen gedemütigt und gequält wurden.

Dieses Geschehen mahnt uns zur Umkehr.

Evangelische und Katholische Kirche Duisburg-Nord

Stolperstein Duisburg 200 Marxloh Hagedornstraße 32 2 Stolpersteine L.jpg Die Geschichtswerkstatt der Ev. Kreuzeskirche Marxloh und der Heimatverein Hamborn e.V. haben 2014 zwei sog. „Stolpersteine“ für das jüdische Kaufmannsehepaar Bernhardine und Alfred Liebmann – sie betrieben ehemals ein Lederwarengeschäft - in der Hagedornstraße verlegen lassen. In den Gehwegen von Alt-Hamborn (Emscherstraße) bzw. von Marxloh findet man weitere "Stolpersteine".

Stolperstein Duisburg 200 Alt-Hamborn Emscherstraße 204 3 Stolpersteine.jpg Stolperstein Duisburg 200 Marxloh Kaiser-Wilhelm-Straße 301 3 Stolpersteine.jpg

alle Aufn. H.M. Schwarz, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC0

Weitere Informationen:

Günter von Roden, Geschichte der Duisburger Juden, Duisburger Forschungen Band 34/1986, Teil 1, S. 531 ff.

Zum Gedenken an die Jüdische Gemeinde Hamborn, Hrg. Evangelischer Kirchenkreis Duisburg-Nord, Duisburg 1988

Folker Nießalla, 1933 - 1945. Schicksale jüdischer Juristen in Duisburg, Duisburg 1993

Michael Zimmermann (Hrg.), Geschichte der Juden im Rheinland und in Westfalen, in: Schriften zur politischen Landeskunde Band 11, Hrg. Landeszentrale für pol. Bildung Nordrhein-Westfalen, Kohlhammer Verlag GmbH, Köln/Stuttgart/Berlin 1998

Harald Lordick, Polnische Zionisten im Ruhrgebiet. Ein Hechaluzverein in Hamborn um 1925, in: J.P.Barbian/M.Brocke/L.Heid (Hrg.), Juden im Ruhrgebiet. Vom Zeitalter der Aufklärung bis zur Gegenwart, Klartext-Verlag, Essen 1999, S. 523 ff.

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 141/142

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, J.P. Bachem Verlag, Köln 2000, S. 86 – 91

Hans Joachim Meyer, Das Rezept - auf jüdischen Spuren in Holten, Hamborn, Duisburg; das Schicksal der Familie Dr. Alfred Wolf und der Amalie Lauter - ein heimatkundlicher Beitrag über die medizinische Versorgung jüdischer Bürger zwischen 1933 – 1945, Hamborner Verlag, Duisburg-Hamborn 2009

Jenny Bünnig/Kurt Walter (Bearb.), „Stolpersteine in Duisburg“ - Band II. Erinnerung an Opfer der Nazidiktatur. Gedenksteine 2006 – 2009, PDF-Datei abrufbar unter: kirche-duisburg.de/Downloads/Stolpersteine _2

Jüdische Spuren. Geschichte der Synagogengemeinde in Hamborn mit Schwerpunkt Marxloh“ - Ausstellung 2013/2014

Auflistung der Stolpersteine in Alt-Hamborn u. Marxloh, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Duisburg