Harmuthsachsen (Hessen)

Datei:Waldkappel ESW.svg Harmuthsachsen ist heute ein Ortsteil von Waldkappel im nordhessischen Werra-Meissner-Kreis - ca. 20 Kilometer westlich von Eschwege gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bereits im 14.Jahrhundert sollen ‚Schutzjuden’ in Harmuthsachsen gelebt haben; damit wäre das Dorf eine der ältesten jüdischen Niederlassungen in Nordhessen. Allerdings stammen schriftliche Quellen erst aus der Zeit um 1600.

Eine Synagoge wird in Hartmuthsachsen erstmals 1814 erwähnt; der Nachfolgebau wurde 1833 durch den Rabbiner Goldmann aus Eschwege eingeweiht; es war eine ausgebaute Scheune auf einem Hofgelände in der Bilsteinstraße; ein rückwärtiger Anbau diente als Mikwe. Über den Innenraum dieser Dorfsynagoge liegt die folgende Beschreibung vor: „ ... Man ging hinein und rechts war der Eingang zur Männersynagoge. Hinter dieser Tür war die Treppe zur Frauensynagoge. Der untere Teil sah ungefähr so aus: Rechts und links waren Bänke für die Männer. ... In der Mitte des Raumes war ein Extraplatz mit einem Pult für die Bibelvorlesung. Der Platz war eine Stufe hoch und mit schön polierten Stangen umgeben ... Dann war weiter nach Osten das Pult des Vorbeters, an dem immer zwei große Kerzen brannten. ... Am oberen Ende war der Schrank, in dem die Bibelrollen standen. ...(aus: K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen im Werra-Meißner-Kreis, S. 61)

Unmittelbar an die Synagoge angrenzend gab es seit Ende der 1860er Jahre eine kleine jüdische Elementarschule, die mit Unterbrechungen bis ca. 1925 bestand; danach besuchten die wenigen jüdischen Kinder die Dorfschule bzw. Schulen in Bebra.

                       aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 28.Aug.1924

Neben dem alten jüdischen Friedhof auf einem schmalen Bergsporn des Rauschenberges gab es in Harmuthsachsen ein zu Beginn des 20.Jahrhunderts neuangelegtes Bestattungsgelände „Im alten Dorf“. Zur jüdischen Gemeinde Harmuthsachsen gehörten auch die Juden aus Waldkappel.

Juden in Harmuthsachsen:

    --- 1665 ............................   4 jüdische Familien,

    --- um 1745 .........................   9     “       “    ,

    --- 1823 ............................  18     “       “   (88 Pers.),

    --- 1835 ............................ 118 Juden,

    --- 1861 ............................ 130   “  (ca. 25% d. Dorfbev.),

    --- 1871 ............................ 121   “  ,

     --- 1885 ............................  95   “  (ca. 23% d. Bevölk.),

     --- 1895 ...........................  78   “  ,

     --- 1905 ...........................  67   “  ,

    --- um 1915 ..................... ca.  12 jüdische Familien,

    --- 1933 ............................  30 Juden,

    --- 1939 (Dez.) .....................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 336

und                 K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen im ... , S. 87

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts hatte die Zahl der jüdischen Bewohner ihren Höchststand erreicht und machte ca. 25% bis 30 % an der gesamten Dorfbevölkerung aus. Die Hartmuthsächser Juden waren überwiegend Händler und Kaufleute, die zum einen kleine Ladengeschäfte am Ort besaßen und zum anderen als umherziehende Händler ihre Waren den dörflichen Bevölkerungen verkauften. Im Laufe des 19.Jahrhunderts übten jüdische Bewohner zunehmend einen Handwerkerberuf aus; um 1835 waren im Dorf insgesamt 15 jüdische Handwerker ansässig. Um 1900 verließen vor allem jüngere Juden das Dorf und gingen in die Emigration, besonders nach Südafrika.

Das Synagogengebäude wurde Ende der 1920er Jahre verkauft und diente seit 1936 als Stallung bzw. Scheune. Die Kultgeräte aus der Synagoge Harmuthsachsens wurden nach Kassel ausgelagert; dort wurden sie während des Novemberpogroms vernichtet.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch sehr wenige Juden in Harmuthsachsen; im Jahre 1936 löste sich die Gemeinde auf.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20387/HarmuthsachsenKK%20MZ%20Moritz%20Lorge.jpg J-Kennkarte für Dr. Moritz Lorge*, ausgestellt 1939 in Mainz

*Moritz Lorge (geb. 1874 in Harmuthsachsen), der sein Studium am Lehrerseminar in Kassel machte, übte danach jeweils kürzere Lehrertätigkeiten in Wolfenbüttel, Petershagen und Hamm/Westf. aus. Sein weiteres Studium in Berlin und Tübingen schloss er 1907 mit der Promotion ab. Von 1908 bis 1933 lehrte er in den Fächern Religion, Deutsch und Geschichte an der Höheren Töchterschule in Mainz. Kurzzeitig amtierte er als Bezirksrabbiner in Sobernheim, ehe er 1939 in die USA emigrierte. Dr. Moritz Lorge starb 1948 in New York.

Im Laufe des Jahres 1939 verzog das einzige noch im Ort verbliebene jüdische Ehepaar nach Kassel; von dort erfolgte ihre Deportation.

Auf dem alten Friedhofsgelände (in einem Buchenwald am Fuße des Rauschenberges) findet man heute noch ca. 70 Grabsteine.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20421/Harmuthsachsen%20Friedhof%20DSC05294.jpg alter jüdischer Friedhof (Aufn. Alfred Gurtmann, 2018) 

Der um 1905 angelegte (neue) jüdische Friedhof – das ca. 300 m² große Gelände wurde bis 1935 belegt - weist heute 23 Grabstätten auf.

neuer jüdischer Friedhof (Aufn. J. Hahn, 2009) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Harmuthsachsen%20Friedhof%20181.jpg

Seit Mitte der 1990er Jahre versuchte die Denkmalsbehörde das zuletzt als Scheune genutzte stark verfallene Synagogengebäude zu restaurieren; so soll die historische Raumhülle wiederhergestellt werden.

 

Verfallenes ehem. Synagogengebäude (Aufn. Th. Altaras, vor 1985)  -  Seitenfront nach der Restaurierung (Aufn. denkmalpflege-hessen.de)

Nach Abschluss der über Jahre hinweg umfangreichen Sanierung mit Finanzmitteln des Landes Hessen soll das ehemalige Synagogengebäude Zeugnis der jüdischen Kultur für den nordhessischen Raum ablegen und mit Hilfe der gesammelten Ausstattungsstücke die jüdische Kultur einer Landgemeinde dokumentieren. Für seinen Einsatz zur Rettung des Gebäudes erhielt 2004 der Bürgermeister Peter Hillebrandt den Hessischen Denkmalschutzpreis. Um die weitere Nutzung des Gebäudes soll sich ein neugebildeter "Förderkreis ehemalige Synagoge Harmuthsachsen" kümmern. Doch haben unsichere Eigentumsverhältnisse die beabsichtigte Nutzung verhindert, so dass Gebäude wieder einem Verfall preisgegeben ist.

In zwei Verlegeaktionen wurden in Harmuthsachsen bislang insgesamt 16 sog. "Stolpersteine" verlegt, die an Angehörige jüdischer Familien erinnern (Stand 2017).

http://bunt-statt-braun-wmk.org/wp-content/uploads/2017/09/2017-09-01-14.01.18.jpg drei Steine für Angehörige der Fam. Kron (Aufn. aus: bunt-statt-braun-wmk.org)

 

Im Waldkappeler Ortsteil Bischhausen existierte auch eine kleine jüdische Gemeinde mit einem seit 1863 (oder bereits 1857) bestehenden Friedhof; zuvor waren Verstorbene in Reichensachsen oder Jestädt begraben worden.

vgl. dazu Eschwege (Hessen)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 336/337

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ? Königstein (Taunus) 1988, S. 74

K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen im Werra-Meißner-Kreis, Verlag Jenior & Pressler, Kassel 1996, S. 60 und S. 87

Harmuthsachsen, in: alemannia-judaica.de

Bischhausen, in: alemannia-judaica.de

M.Brumlik/R.Heuberger/C.Kugelmann (Hrg.), Reisen durch das jüdische Deutschland, DuMont Literatur- u. Kunstverlag, Köln 2006, S. 187

Harmuthsachsen, in Internetportal: Vor dem Holocaust – Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen, online abrufbar unter: vor-dem-holocaust.de

Grün-Alternative Liste Waldkappel (Hrg.), Die ersten sechs Stolpersteine in Harmuthsachsen, in: gal-waldkappel.de/gal-anfragen/stolpersteine/ vom 20.1.2012

Esther Junghans (Red.), Mit zehn Stolpersteinen wird in Harmuthsachsen an die Mitglieder dreier jüdischer Familien erinnert, in: „Werra-Rundschau“ vom 4.9.2017

Florian Künemund (Red.), Seit 14 Jahren ist der Zugnag verwehrt: Ehemalige Synagoge in Harmuthsachsen verfällt, in: „Werra-Rundschau“ vom 3.5.2019