Hattingen (Nordrhein-Westfalen)

Bildergebnis für hattingen karte Hattingen ist mit derzeit ca. 56.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Ennepe-Ruhr-Kreises – ca. 15 Kilometer südlich von Bochum am Südrand des Ruhrgebiets gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erst seit 1691 durften sich Juden in Hattingen niederlassen - trotz eines herzoglichen Dekrets, das seit 1498 dem Ort die "Judenfreiheit" garantierte. Bereits 1498 lässt sich für Hattingen eine jüdische Familie nachweisen, die allerdings nach Streitigkeiten alsbald den Ort wieder verlassen musste. In den Folgejahrhunderten sind nur wenige Hinweise auf die Anwesenheit von Juden vorhanden; dabei handelte es sich wohl vornehmlich um solche, die nur kurzzeitig die hiesigen Jahrmärkte aufgesucht hatten.

Aber erst unter der napoleonischen Herrschaft - zu Beginn des 19.Jahrhunderts - begannen sich Juden dauerhaft in Hattingen anzusiedeln; sie lebten damals vom Kleinhandel und Schlachtgewerbe.

Seit 1824 existierte ein Betraum in der Großen Weilstraße, der bis Anfang der 1870er Jahre genutzt wurde; durch eine Schenkung des langjährigen Vorsitzenden der Gemeinde, Liefmann Gumperz, konnte die jüdische Gemeinde schließlich an der Bahnhofstraße ein eigenes Gebäude erwerben, das im September 1872 als Synagoge eingeweiht wurde.

Die „Märkischen Blätter” berichteten am 18.Sept. 1872 in einem längeren Artikel über die Einweihung:

... Von dem festlichen Reigen, der allenthalben im lieben deutschen Vaterlande die Gemüther im Rückblick auf die überwundene schwere Zeit die Einförmigkeit des Alltagslebens für Stunden vergessen und angesichts der herrlichen nationalen Errungenschaften die Herzen in freudiger Begeisterung höher schlagen läßt, ist schon oft in diesen Blättern die Rede gewesen, doch wir glauben, auch einmal von einem Feste berichten zu müssen, das, wenn auch lokaler Natur, doch verdient, seiner Bedeutung und Seltenheit wegen weiteren Kreisen vorgeführt und so durch die Annalen unseres Städtchens der Vergessenheit entrissen zu werden. Als einen Tag freudiger Erwartung, der die Erfüllung langgehegter Hoffnungen und Wünsche - ein würdiges Gotteshaus - bringen sollte, begrüßte die hiesige israelitische Gemeinde den verflossenen Freitag; während die Häuser durch Kränze und Guirlanden das Festkleid anlegten, bekundeten Hattingens Bürger in edler Toleranz ihre Sympathie durch reichlichen Flaggenschmuck. Nachmittags 1/2 5 Uhr versammelten sich die Gemeindemitglieder, Alt und Jung, zu einer kurzen Abschiedsfeier in der alten Synagoge, bei welcher Gelegenheit Herr Prediger Blumenfeld aus Essen in einer kurzen Ansprache seiner hier verlebten Jugendjahre gedachte und darum seiner Freude Ausdruck verlieh, daß es ihm noch vergönnt sei, die schon damals lebhaft hervorgetretenen Hoffnungen und Wünsche verwirklicht und den opferfreudigen Sinn der Gemeinde gekrönt zu sehen. Nach Beendigung dieser Feier begab sich die Gemeinde, mit den Gesetzesrollen versehen, in wohlgeordnetem Zuge ... zur neuerbauten Synagoge, deren Inneres, im rein maurischen Style ausgeführt, durch geschmackvolle Decoration einen würdigen Eindruck gewährte.

              Seitenansicht der Synagoge - aus einer Bauskizze (Stadtarchiv Hattingen)

Der Synagogenraum bot ca. 100 Männern Platz; auf der Frauenempore standen 56 Sitzplätze zur Verfügung.

Der Synagogenbezirk Hattingen war im Jahre 1856 entstanden; zu ihm gehörten anfänglich die jüdischen Bewohner von Dahlhausen, Gelsenkirchen, Linden und Wattenscheid; später kamen Blankenstein und Sprockhövel hinzu.

Spätestens gegen Ende der 1820er Jahre unterhielt die israelitische Gemeinschaft eine Religionsschule. Für den Elementarunterricht schickten die Familien ihre Kinder „zur Erlernung des Deutschen so wie zum Schreiben, Rechnen, Mathematik, Orthographie und Geographie“ in die hiesige öffentliche christliche Schule. Eine seit 1872 in einem eigenen Schulhaus untergebrachte Privatschule (unmittelbar hinter der Synagoge gelegen) wurde 1894 zu einer jüdischen Elementarschule ausgebaut; diese wurde 1916 wegen Schülermangels geschlossen. Der damalige Lehrer Meier Andorn wurde an eine evang. Schule versetzt, erteilte den jüdischen Kindern aber weiterhin Religionsunterricht.

Anfang der 1890er Jahren wurde an der Blankensteiner Straße ein jüdischer Friedhof neu angelegt, der eine kleine, seit 1819 bestehende Begräbnisstätte an der Bismarckstraße ersetzte.

Juden in Hattingen:

        --- 1812 .........................  11 Juden,

    --- 1816 .........................  22   "  ,

    --- 1824 .........................  56   “  (in 10 Familien),

    --- 1846 .........................  84   “  ,

    --- 1855 .........................  70   “  ,

    --- 1871 ......................... 110   "  ,     

--- 1880 ......................... 147   “  (ca. 2% d. Bevölk.),

--- 1890 ......................... 139   "  ,

    --- 1900 ......................... 140   “  ,

    --- 1910 ......................... 195   “  ,*   * gesamte Kultusgemeinde

    --- 1924 ......................... 104   “  ,

    --- 1932 .........................  73   “  ,

    --- 1938 (Dez.) ..................  35   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .................. keine.

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Arnsberg, S. 206

und                 Thomas Weiss, ‘Diese Tränen werde ich nie vergessen’ - Geschichte der Synagogengemeinde Hattingen, S. 22

hist. Postkarte (Abb. Chr. Hartmann, aus: hattingen-historisch.de)

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg waren auch in Hattingen antisemitische Tendenzen spürbar, die mancherorts auf offene Ohren trafen; besonders attackiert wurde dabei der jüdische Lehrer und Parteigänger der DDP, Meier Andorn.

Bereits Ende der 1920er Jahre hatte die NSDAP-Ortsgruppe Hattingen zu einem Boykott hiesiger jüdischer Geschäfte aufgerufen, der aber von der Hattinger Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt wurde; gegen die NSDAP-Ortsgruppe wurde Anzeige erstattet, und die Nationalsozialisten mussten vom beabsichtigten Boykott Abstand nehmen. Doch mit der NS-Machtübernahme setzten in Hattingen die antijüdischen Maßnahmen ein; bereits Anfang März 1933 wurden Schaufenster jüdischer Geschäfte mit NS-Parolen beschmiert und potentielle Kunden am Betreten der Läden behindert. Auch beim reichsweiten Boykott am 1.April wiederholten sich die Attacken: jüdische Geschäfte mussten vorübergehend schließen.

Geschäftsboykotte und Hetzkampagnen konnten aber zunächst nicht die Hattinger Juden aus der Stadt vertreiben; so blieb die Zahl der Gemeindeangehörigen bis 1937/1938 nahezu unverändert.

     Kaufhaus der Gebr. Kaufmann, Große Weilstraße (Aufn. privat, Ursula Winter)

Während der Pogromnacht wurde die Hattinger Synagoge an der Bahnhofstraße (damalige Victor Lutze-Straße) von einheimischen SA-Angehörigen in Brand gesetzt und schwer beschädigt; die gesamte Inneneinrichtung und der Dachstuhl wurden völlig zerstört.

                               Zerstörte Synagoge Nov. 1938 (Stadtarchiv Hattingen)

Aber auch jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet und geplündert; Hausvorstände wurden zur Einschüchterung in „Schutzhaft” genommen, ins Dortmunder Gerichtsgefängnis gebracht und anschließend in das KZ Sachsenhausen verschleppt.

Unmittelbar nach dem Pogrom wurden zahlreiche jüdische Betriebe/Geschäfte „arisiert“.

Ende 1938 verkaufte die israelitische Kultusgemeinde das Friedhofsgrundstück an die benachbarte „Deutsche Bank”. Diese verpflichtete sich, „den Abtransport der Grabsteine zu dem neuen israelitischen Friedhof … auf eigene Kosten vorzunehmen und auf dem neuen neuen Friedhof an der Blankensteiner Straße wieder aufzustellen“. Dieser Verpflichtung kam die Deutsche Bank allerdings nur eingeschränkt nach; die etwa 20 Grabsteine wurden zwar zum Friedhof Blankensteiner Straße gebracht, dort jedoch lediglich auf einen Haufen geworfen. Die „Hattinger Zeitung" berichtete Anfang März 1939:

Hattingen ist judenfrei. Mit der Synagoge, deren letzte Reste augenblicklich beiseite geräumt werden, verschwindet das letzte jüdische Zeichen aus dem Weichbild unserer Stadt. Sämtliche jüdischen Geschäfte Hattingens sind in arischen Besitz übergegangen, und wir dürfen uns freuen, daß Hattingen völlig frei von diesen Fremdkörpern geworden ist. Heute ist endlich der Zustand da, um den zu erreichen sich schon die Landesherren vor mehr als 450 Jahren bemühten. ... Nun ist er (Anm. der Tempel) verschwunden, und man hat Platz gewonnen. ... Wenn man dort vorbeigeht, freut man sich jedesmal, daß das graue fremdländische Gebäude verschwunden ist.

Auch die im März 1939 in der „Heimat am Mittag“ verkündete Nachricht „Hattingen ist judenfrei“ war falsch.

Die wenigen jüdischen Bewohner Hattingens wurden ab 1941 ghettoartig in der alten Hattinger Gewehrfabrik untergebracht; von hier aus wurden sie ab April 1942 deportiert. Am 5.1.1944 wurde die letzte Hattinger Jüdin ins KZ Auschwitz verschleppt.

Von den Hattinger Juden haben nur fünf den Holocaust überlebt.

Der in Hattingen aufgewachsene Rabbiner Dr. Hans Andorn wurde mit seiner Familie über Westerbork nach Bergen-Belsen verschleppt, wo er im Februar 1945 ums Leben kam.

Auf dem jüdischen Friedhof an der Straße „Am Vinckenbrink“ findet man heute ca. 60 Grabsteine.

Hattingen - Jüdischer Friedhof 03 ies.jpg Hattingen - Jüdischer Friedhof 04 ies.jpg 

Jüdischer Friedhof „Am Vinckenbrink“ (Aufn. Frank Vincentz, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die ältere, ca. 1905 aufgegebene jüdische Begräbnisstätte ist heute eine Grünfläche.

Am ehemaligen Standort der Synagoge in der Bahnhofstraße erinnert heute eine Bronzeskulptur der Künstlerin Ulla H`Loch-Witey.

Hattingen (V-1297-2017).jpg  

 Gegen das Vergessen“ - Denkmal am „Platz der ehemaligen Synagoge“ (Aufn. V. 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0  und  Aufn. de.indymedia.org)

 Die Stadt Hattingen beteiligt sich auch am sog. „Stolperstein“-Projekt und verlegte 2005 bzw. 2014 insgesamt 19 Steine, die Opfern der NS-Gewaltherrschaft gewidmet sind.

Stolperstein für Inge Markus Stolperstein für Alfred Markus Stolperstein für Günther Markus Stolperstein für Klara Markus Stolperstein für Dr. Leo Markes Stolperstein für Hilde Markes

sechs "Stolpersteine" verlegt in der Bahnhofstraße (Aufn. Gmbo, 2015, aus: wikipedia.org, CCO)

Die Zahl der Gemeindeangehörigen wuchs in den 1990er Jahren durch die Zuwanderung aus Gebieten der ehemaligen UdSSR derart an, dass sich 1999 die „Jüdische Kultusgemeinde Bochum - Herne- Recklinghausen“ teilte; es entstand die „Gemeinde Bochum - Herne – Hattingen“, die 2005 mehr als 1.000 Angehörige zählte.

Weitere Informationen:

Heinrich Eversberg, Das Heimathaus in Hattingen (Familien Schmidt, Cahn, Abraham), in: Hattinger heimatkundliche Schriften 10/1962, S. 37 - 59

Gerhard Nowak, Wenn du dieses Zeichen siehst, Jude – Judenalltag in Hattingen 1933 – 1939, Schülerarbeit zum Preis des Bundespräsidenten, Hattingen 1981

M.Scherkenbach/Chr. Szigan, Juden in Wuppertal und Hattingen. Untersuchungen zur Geschichte der Juden im Bergisch-Märkischen Raum, Examensarbeit für das Lehramt an der Sekundarstufe I, Wuppertal 1983

Stadtarchiv Hattingen (Hrg.), 500 Jahre jüdisches Leben in Hattingen, Begleitheft zur Ausstellung, Hattingen 1988

Christoph Szigan, Juden in Hattingen, in: Alltag in Hattingen 1933 - 1945. Eine Kleinstadt im Nationalsozialismus, Hrg. Volkshochschule Hattingen, Essen 1985, S. 208 f.

Christoph Szigan, ‘Bis einst der Tempel dieser Welt auf dein Geheiß in Staub zerfällt ...’ Anmerkungen zur Geschichte der Errichtung eines jüdischen Gotteshauses in Hattingen, in: ‘Zeitenspiegel. Ein Lesebuch zur Geschichte Hattingens, Hrg. Volkshochschule Hattingen, Hattingen 1996, S. 87 ff.

Karl-Hermann Völker, Herausragende Persönlichkeiten der Familie Andorn, in: Frankenberger Heimatkalender, 17.Jahrgang, Korbach/Bad Wildungen 1999, S. 123 f.

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 229 - 231

Thomas Weiss, ‘Stolpersteine’ für Hattingen 2005, hrg. vom Stadtarchiv Hattingen 2005 (2.Aufl., 2006)

Thomas Weiss, ‘Diese Tränen werde ich nie vergessen’ - Geschichte der Synagogengemeinde Hattingen. Sonderausgabe anläßlich der Grundsteinlegung für die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Bochum - Herne - Hattingen am 14.November 2005, Hattingen 2005 (als PDF-Datei online abrufbar unter: hattingen.de)

Thomas Weiss, Die Hattinger Synagoge, hrg. vom Stadtarchiv 2006

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 205 – 216

Eva Nimmert, Hattinger Opfer der Shoa, o.J.

Svenja Hanusch (Red.), Deportiert und ermordet, in: „Westdeutsche Allgemeine Zeitung – WAZ“ vom 9.11.2012

Thomas Weiss, Stolpersteine für Hattingen, in: Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Hattingen 20/2014

Liste der in Hattingen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Hattingen

Thomas Weiß (Red.), Hattingen und Hattingen-Blankenstein, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 411 - 428

Sabine Weidemann (Red.), Wie sich Hattinger Bürger gegen das Vergessen engagieren, in: “Westdeutsche Allgemeine Zeitung - WAZ” vom 2.7.2017