Hehlen/Weser (Niedersachsen)

Datei:Hehlen in HOL.svg Hehlen ist eine kleine Kommune mit derzeit ca. 2.000 Einwohnern im Landkreis Holzminden und gehört zur Samtgemeinde Bodenwerder-Polle (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im abseits gelegenen, zum Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel gehörenden Dorfe Hehlen lebten vermutlich bereits seit Ende des 17.Jahrhunderts wenige jüdische Bewohner. Schutzgelder mussten dem Grafen von der Schulenburg, dem Gerichtsherrn von Hehlen, gezahlt werden.

Als es wegen der gräflichen Schutzbriefe um 1740 zu Streitigkeiten zwischen dem Gerichts- und dem braunschweigischen Landesherrn kam, mussten die jüdischen Familien kurzzeitig das Dorf verlassen; erst die Ausstellung zeitlich beschränkter Schutzbriefe durch den Braunschweiger Herzog garantierte dann eine Rückkehr der Ausgewiesenen. Ihren bescheidenen Lebensunterhalt bestritten die hiesigen Juden anfänglich als Hausierer; erst ab der Mitte des 19.Jahrhunderts zeichnete sich ein wirtschaftlicher Aufstieg ab und Juden besaßen auch zunehmend Immobilien.

Seit dem Ende des 18.Jahrhunderts ist die Existenz einer "Judenschule" belegt; der angemietete Betraum war in einem schmalen Fachwerk-Hintergebäude des Hauses Alte Schulstraße 8 untergebracht.

                In diesem Fachwerkhaus befand sich der Betraum (Aufn. B. Gelderblom)

Die kleine Gemeinde unterhielt um 1870/1880 einen Lehrer und Kantor, der gleichzeitig auch das Amt des Schächters ausübte.

Ihre Verstorbenen begruben die Hehlener Juden auf einem der Weser zugeneigten Hang ("An der Gemeindeweide"); dieses Areal - ein Geschenk des Grafen von Schulenburg - wurde vermutlich seit ca. 1740 genutzt; der älteste vorhandene Grabstein datiert aus dem Jahre 1828.

Juden in Hehlen:

         --- 1726 ........................   4 jüdische Familien,*     * Gerichtsbezirk Hehlen

    --- 1774 ........................   3     “       “    ,*

    --- 1806 ........................   6     “      “    ,*

    --- 1829 ........................  53 Juden,

    --- 1861 ........................   7 jüdische Familien,

    --- 1873 ........................  41 Juden,

    --- um 1915 .....................   2 jüdische Familien,

    --- 1925 ........................  33 Juden,

    --- 1933 ........................  29   “  ,

    --- 1940 (April) ................   keine.

Angaben aus: Bernhard Gelderblom, Jüdisches Leben im mittleren Weserraum zwischen Hehlen und Polle

Um 1900 war die Zahl der Gemeindemitglieder durch Abwanderung stark zurückgegangen; nur die beiden Familien der Gebrüder Bach - sie waren Inhaber von Manufaktur- und Modewarenhäusern - waren in Hehlen verblieben. Trotz NS-Boykottpropaganda konnten sich beide Unternehmen bis 1938/1939 halten. Während der „Kristallnacht“ wurde die jüdische Familie Alex Bach nachts in ihrem Haus von einem SA-Trupp überfallen, aus diesem herausgeschleppt und im Spritzenhaus eingesperrt. Anschließend wurde das Ladengeschäft geplündert; hieran sollen zahlreiche Einheimische beteiligt gewesen sein. Dem Ehepaar Alex und Berta Bach gelang Mitte März 1939 noch die Ausreise nach La Paz in Bolivien. Die Bachs konnten auch eine wertvolle Thorarolle aus der Hehlener Synagoge retten; in den 1980er Jahren soll diese Thora dann von ihren Nachkommender Synagoge der Militärakademie West Point übergeben worden sein, wo sie nun wieder ihrem eigentlichen Zwecke dient.

Zwei Männer wurden nach dem Pogrom - via Wolfenbüttel bzw. Braunschweig - ins KZ Buchenwald verschleppt.

Der jüdische Friedhof Hehlens wurde zunächst verschont; erst später wurde der Begräbnisplatz von SA-Angehörigen dem Erdboden gleichgemacht.

Auf Veranlassung der Gebrüder Bach erhob drei Jahre nach Kriegsende die Staatsanwaltschaft Anklage gegen zehn Hehlener Einwohner, die an der Plünderungsaktion des November 1938 beteiligt waren. Doch erst 1959 sprach das Celler Oberlandesgericht einige Beteiligte schuldig.

Einziges Relikt der einstigen jüdischen Gemeinde Hehlens ist der kleine versteckt liegende Friedhof oberhalb der Weser, der nach 1945 wieder einigermaßen instand gesetzt worden war; auf dem Gelände befinden sich heute noch ca. 20 Grabsteine, die aus der Zeit zwischen 1828 und 1907 stammen.

  Hehlen

Jüdischer Friedhof in Hehlen (beide Aufn. Bernhard Gelderblom)

Weitere Informationen:

Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Leer 1979

Dietrich Kuessner, Die Pogromnacht im Land Braunschweig, in: ‘Kristallnacht’ und Antisemitismus im Braunschweiger Land. Arbeiten zur Geschichte der Braunschweigischen ev.-luth. Landeskirche im 19. u. 20 Jahrhundert, Büddenstedt-Offleben 1988, S. 7 ff.

Dieter Lent, Die Geschichte von Hehlen an der Weser im Überblick, o.O. 1989

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 501

Bernhard Gelderblom, Jüdisches Leben im mittleren Weserraum zwischen Hehlen und Polle. Von den Anfängen im 14.Jahrhundert bis zu seiner Vernichtung in der nationalsozialistischen Zeit - Ein Gedenkbuch, Hrg. Heimat- u. Geschichtsverein für Landkreis u. Stadt Holzminden, Holzminden 2003, S. 105 ff.

Bernhard Gelderblom (Bearb.), Hehlen, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 1, S. 816 – 820

Bernhard Gelderblom, Die jüdische Gemeinde Hehlen, in: Zur Geschichte der Juden in Hameln und in der Umgebung, Hameln 2007 (Web-Präsentation)

Bernhard Gelderblom, Der jüdische Friedhof in Hehlen, hrg. vom Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V. (2011), online abrufbar unter: geschichte-hameln.de