Heidenheim (Mittelfranken/Bayern)

Datei:Heidenheim in WUG.svg Heidenheim (auch Heidenheim am Hahnenkamm) ist ein Markt im mittelfränkischen Kreis Weißenburg-Gunzenhausen und Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Hahnenkamm (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Über die Anfänge jüdischen Lebens in Heidenheim sind keine urkundlichen Belege vorhanden; doch kann davon ausgegangen werden, dass im 16.Jahrhundert hier jüdische Familien gelebt haben, die von der 1560 durch den Markgrafen veranlassten Vertreibung ebenfalls betroffen waren. Der erste gesicherte Hinweis auf einen in Heidenheim ansässigen Schutzjuden stammt aus dem Jahre 1671.

Ihren ersten Betraum richteten die jüdischen Familien in den 1730er Jahren ein. Das Gebäude dieser ersten ‚Synagoge’ Heidenheims wurde 1851 vernichtet. An gleicher Stelle wurde 1853/1854 ein Neubau nach den Plänen des bekannten Architekten Friedrich Bürklein errichtet. Da der Bau der Synagoge die Finanzkraft der Gemeinde überfordert hatte, war eine Kollekte veranstaltet worden, zu der u.a. auch Freiherr von Rothschild aus Frankfurt einen Betrag überwiesen hatte. Die Einweihung dieses im neoromanischen Stile errichteten, mit orientalischen Elementen versetzten Bauwerks erfolgte im Oktober 1853; unter Anwesenheit der kirchlichen und kommunalen Vertreter des Ortes hielt der Ansbacher Rabbiner die Weiherede.

                   In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ war in der Ausgabe vom 28. Nov. 1853 zu lesen:

Die bereits schon früher in diesen Blättern angemeldete Einweihung der sehr schön erbauten Synagoge zu Heidenheim fand am 27. Oktober (Schabbat Bereschit) statt, und wurde dieselbe einfach aber würdig begangen. Den Glanzpunkt der Festlichkeit bildete die Festrede des Herrn Rabbinen Grünbaums aus Ansbach. Redner hat sich durch seinen trefflichen gediegenen Vortrag aufs Neue viele Herzen gewonnen, und äußerte derselbe auf die zahlreich versammelten Zuhörer, worunter auch viele christliche Notabilitäten, sichtlichen Eindruck. Möchten die Worte der Versöhnung und des Friedens, die derselbe predigte, auf fruchtbaren Boden gefallen sein, damit der leider auch in dieser Gemeinde herrschende Oppositionszwist, der schon so manche unerquickliche Szenen herbeigeführt hat, nach und nach verschwinde. – Dem nahen Oettingen steht demnächst die gleiche Feier bevor. Überhaupt nimmt die Errichtung neuer jüdischer Gotteshäuser in unserem Lande auf eine erfreuliche Weise zu. Möchte auch die sittliche und moralische Veredlung unsrer Glaubensgenossen hiermit gleichen Schritt halten !     H.B.

              Synagoge Heidenheim - Lithographie (aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die Synagoge besaß im Erdgeschoss den Betsaal mit ca. 60 Plätzen; über eine Treppe gelangte man auf die Frauengalerie, die 40 Plätze aufwies.

Etwa ein Vierteljahrhundert nach der Synagogeneinweihung begingen die Angehörigen der jüdischen Gemeinde – zusammen mit der christlichen Ortsbevölkerung – eine Festlichkeit, deren Anlass die Einweihung einer neuen Thorarolle war.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten zudem ein Schulhaus in der Moosgasse; im Keller war eine Mikwe untergebracht; die jüdische Schule blieb mit Unterbrechungen bis 1930 in Betrieb.

  

Stellenangebote der Gemeinde in: "Allgemeine Zeitung der Judentums" vom 1.Dez.1873 und „Der Israelit“ vom 29.Sept.1909

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Friedhof im weit entfernten Bechhofen beerdigt; das nur ca. zehn Kilometer von Heidenheim liegende Begräbnisgelände in Steinhart wurde wohl deshalb nicht genutzt, weil Steinhart zum Fürstentum Oettingen gehörte. Versuche der Heidenheimer Judenschaft, ein eigenes Beerdigungsgelände am Ort anzulegen, scheiterten mehrfach. Ab den 1870er Jahren schloss sich Heidenheim dem Friedhofsverband der Gunzenhäuser Gemeinde an. 

Anfang der 1930er Jahre unterstand die kleine Gemeinde dem Bezirksrabbinat Ansbach.

Juden in Heidenheim:

    --- um 1715 ......................  10 jüdische Familien,

    --- um 1785 ......................   8     “       “    ,

    --- 1809/10 ...................... 111 Juden,

    --- 1836 ......................... 129   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1867 ......................... 130   “   (8,5% d. Bevölk.),

    --- 1880 ......................... 104   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1900 .........................  79   “  ,

    --- 1910 .........................  53   “  ,

    --- 1925 .........................  41   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1933 .........................  31   “  ,

    --- 1935 (Dez.) ..................  18   “  ,

    --- 1938 (Jan.) ..................  13   “  ,

             (Dez.) ..................  keine.

Angaben aus: Gerhard Bayerköhler, Die jüdische Geschichte von Heidenheim

und                 Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 192

Mit der Gleichstellung der Juden setzte auch in Heidenheim die rasche Abwanderung jüdischer Familien in die Städte ein; so verlor die Heidenheimer Kultusgemeinde innerhalb von nur 20 Jahren mehr als die Hälfte ihrer Angehörigen. Ihren Lebensunterhalt verdienten die restlichen Heidenheimer Juden um 1900 als Händler, vor allem im Viehhandel; noch Mitte der 1920er Jahre gab es im Ort sieben Vieh- und Pferdehändler.

Mit der schon zu Beginn der NS-Zeit einsetzenden Diffamierung und wirtschaftlichen Ausgrenzung der jüdischen Familien setzte sich die Abwanderung der Juden aus Heidenheim fort; Ende 1938 hatten alle jüdischen Einwohner das Dorf verlassen.

Nur sehr wenige jüdische Bewohner hatten noch miterlebt, wie die Synagoge in der Pogromnacht im November angezündet wurde und das gesamte Inventar und die noch vorhandenen Ritualien verbrannten. Unter Führung eines SA-Trupps sollen sich auch Einheimische an den Ausschreitungen beteiligt haben. Jüdisches Privateigentum wurde ebenfalls nicht verschont. Zehn Tage nach der „Kristallnacht“ ging das Anwesen von Salomon Guggenheimer in Flammen auf.

 Synagoge nach dem Brand (Aufn. aus: Wolf-Benjamin-Heidenheim-Gesellschaft e.V )

Anm.: Das teilzerstörte Synagogengebäude wurde später provisorisch instandgesetzt und diente zeitweilig als Lagerhaus; 1988 erfolgte der Abriss, um einem Neubau Platz zu machen.

Die letzten sechs noch in Heidenheim verbliebenen jüdischen Bürger verließen vermutlich noch bis Ende 1938 ihren Heimatort. Fast 30 gebürtige bzw. länger in Heidenheim lebende Bewohner jüdischen Glaubens wurden Opfer der NS-Gewaltherrschaft.

                   Seit 1988 erinnert am einstigen Standort der Synagoge eine Mauer, die eine Tafel mit der folgenden Inschrift trägt:

Aufn. J. Hahn, 2006

Anm.: Im Heimat- und Hafnermuseum in Heidenheim findet man eine maßstabsgetreue Nachbildung des ehemaligen Synagogengebäudes.

Das noch erhaltenen jüdischen Schulhaus soll künftig als Ort der Information über Antisemitismus und Rassismus genutzt werden. 2014 wurde der zwischen ehemaliger Synagoge und jüdischem Schulhaus führende Weg (Moosgasse) in „Wolf-Heidenheim-Gasse“ umbenannt. Die Initiative dafür ging von der jüngst neugegründeten „Wolf-Benjamin-Heidenheim-Gesellschaft e.V.“ aus, die neben der Dokumentation des Lebens von Wolf B. Heidenheim und des jüdischen Lebens in der Region auch eine Gedenkstätte und ein Archiv der lokalen jüdischen Geschichte schaffen möchte.

    Zu den bekanntesten Söhnen Heidenheims gehört der 1757 geborene Wolf Benjamin Ben Samson; nach dem Besuch der Talmud-Schule in Fürth eröffnete er unter dem Namen „Wolf Heidenheim“ 1799 eine Druckerei in Rödelheim. Seine überragende Bedeutung liegt in seinen zahlreichen Veröffentlichungen im Bereich der Religionsphilosophie, mittelalterlichen Astronomie, Naturgeschichte und Grammatik. Berühmt geworden ist Wolf Heidenheim durch die Edition von Gebetbüchern, des Pentateuch und einer neunbändigen Ausgabe „Festtagsgebete für Israeliten“.

       Anzeige aus dem Jahre 1885

1832 starb Wolf Heidenheim; er wurde an seinem Wirkungsort Rödelheim begraben.

Weitere Informationen:

L. Horowitz, Zum 100. Todestag Wolf Heidenheims, in: Jüdische Wochenzeitung für Nassau, 6. Jg. vom 19.2.1932

Paul Arnsberg, Wolf Heidenheim - der das Verborgene zum Lichte brachte, in: Jüdische Illustrierte, 15.Jg., Heft 1/1966

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 192 - 193

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. und 20.Jahrhundert, Hamburg 1981, Teil I: S. 261 f.

Gerhard Kühnel, Synagoge Heidenheim, ein vergessenes Baudenkmal, Maschinenmanuskript 1987

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 170

Gerhard Bayerköhler, Die jüdische Geschichte von Heidenheim, in: Markt Heidenheim (Hrg.), 1250 Jahre Heidenheim am Hahnenkamm. Jubiläumsbuch aus Anlaß der 1250.Wiederkehr der Gründung des Klosters Heidenheim im Jahr 752, Heidenheim 2002, S. 340 - 354

Cornelia Berger-Dittscheid, Heidenheim, in: Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band II: Mittelfranken, Kunst Verlag Josef Fink, Lindenberg 2010, S. 372 – 382

Gunther Reese, Spuren jüdischen Lebens rund um den Hesselberg, in: Kleine Schriftenreihe Region Hesselberg, Band 6, Unterschwaningen 2011 

Markt Heidenheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Die Wolf-Benjamin-Heidenheim-Gesellschaft e.V in Gründung, online abrufbar unter: wolf-heidenheim-gesellschaft.de