Heinsheim (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für bad rappenau baden-württemberg postleitzahl Heinsheim - am linken Hang des Neckartales gelegen - ist seit Anfang der 1970er Jahre ein Stadtteil von Bad Rappenau - ca. 20 Kilometer nördlich von Heilbronn gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Das badische, bei Mosbach gelegene Dorf Heinsheim war bis 1806 teilweise im Besitze der Familie von Racknitz und des Deutschordens. Seit der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts wohnten hier nachweisbar einige jüdische Familien. In Heinsheim sollen sich aber bereits im 16.Jahrhundert Juden aufgehalten haben, deren Ansiedlung vom Deutschen Orden betrieben worden war; der erste 1563 urkundlich genannte war „Jud Simon von Heinsheim. So soll bereits um 1600 eine Synagoge existent gewesen sein, die auch von Wimpfener Juden aufgesucht wurde. Während des Dreißigjährigen Krieges hatten sich die jüdischen Bewohner vermutlich in sichere ummauerte Städte zurückgezogen, um danach wieder nach Heinsheim zurückzukehren. 1681 legten die beiden Ortsherrschaften fest, dass der Deutsche Orden drei und die Adelsfamilie von Racknitz sechs Judenfamilien aufnehmen dürfte; allerdings wurde diese Anzahl immer wieder überschritten: so lebten in den 1760er Jahren allein 17 jüdische Familien unter dem Schutz der Adelsfamilie. Ihren Lebensunterhalt verdienten sich die in Heinsheim lebenden Juden im Handel mit Pferden, Vieh und „allerhand Waaren“, das heißt vor allem Erzeugnisse der einheimischen Landwirtschaft.

Bis um die Mitte des 19.Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Einwohner ständig zu und erreichte in den 1830er Jahren fast 120 Personen; danach wanderten einige in größere Städte ab, und die Zahl der Gemeindeangehörigen ging stark zurück.

Um 1795 erbaute die Judenschaft Heinsheims mitten im Ort eine neue, unauffällige Synagoge an der Schlossgasse; das im „Hugenottenstil“ errichtete Gebäude besaß auch eine Frauen-Empore. Ein geplanter "Tempelbau" war zuvor der jüdischen Gemeinde von den Ortsherrschaften verboten worden, da man einer „tolerierten Sekte“ kein öffentliches Bethaus „nach Art der Christen“ zugestehen wollte.

  

Ehem. Synagogengebäude in Heinsheim (Aufn. P. Schmelzle, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Zur Verrichtung religiös-ritueller Aufgaben war seitens der Gemeinde ein Lehrer angestellt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20343/Heinsheim%20Amtsbl%20Seekreis%201840%20S622.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20165/Heinsheim%20Israelit%2023081876.jpg

Anzeigen aus "Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" von 1840 und der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14.8.1884

Ein Friedhof war bereits im Laufe des 16.Jahrhunderts angelegt worden, der einige Kilometer vor dem Dorfe auf einer Anhöhe (im Gewann „Schlierbach“) lag; er diente im Laufe der Jahrhunderte weiteren ca. 25 jüdischen Gemeinden Badens und Württembergs als Begräbnisstätte und war mit einigen tausend Grabstätten eine der größten jüdischen Verbandsfriedhöfe Südwestdeutschlands.

 

jüdischer Friedhof Heinheim (Aufn. R. Roemele, 2014 u. P. Schmelzle, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die adlige Ortsherrschaft zog aus dem Friedhof erhebliche Einkünfte: So musste die Judenschaft für die Überlassung des Friedhofsareals jährliche Abgaben leisten, aber auch für jedes Begräbnis war ein nach Alter des Verstorbenen gestaffelter Betrag, ein sog. „Sterbhandlohn“, fällig.

1827 wurde die Heinsheimer Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Mosbach zugeteilt.

Juden in Heinsheim:

    --- 1681 ...........................   9 jüdische Familien,

    --- 1767/68 ........................  17     “       “    ,

    --- 1809 ...........................  61 Juden (in 17 Familien),

    --- 1825 ........................... 100   “   (ca. 12% d. Dorfbev.),

    --- 1836 ........................... 118   “  ,

    --- 1864 ........................... 110   “  ,

    --- 1875 ...........................  72   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1900 ...........................  82   “  ,

    --- 1910 ...........................  45   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1925 ...........................  21   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1933 ...........................  24   “  ,

    --- 1939 ...........................   6   “  ,

    --- 1940 (Nov.) ....................   keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, ..., S. 130

und                 W.Angerbauer/H.G.Frank, Jüdische Gemeinden im Kreis und Stadt Heilbronn

Die Juden Heinsheims verdienten um 1900 ihren Lebensunterhalt vor allem im Viehhandel und mit dem Verkauf von Textilien in den umliegenden Landkreisen; insgesamt lebten sie in recht bescheidenen Verhältnissen. In den ersten Jahren der NS-Zeit wurden die jüdischen Viehhändler des Ortes immer mehr aus dem Handel herausgedrängt, sodass sie schließlich ihre Geschäfte ganz aufgaben, Heinsheim verließen und zumeist emigrierten, größtenteils nach Argentinien. Wegen des Wegzugs ihrer Angehörigen löste sich im Herbst 1937 die Kultusgemeinde ganz auf.

Während des Novemberpogroms zerstörten auswärtige SA-Angehörige Mobiliar und Hausrat der fünf noch in Heinsheim lebenden jüdischen Familien. Das Synagogengebäude blieb von Zerstörung verschont, da es bereits Anfang 1938 in „arischen“ Besitz übergegangen war. Im Spätherbst 1940 wurden die letzten vier in Heinsheim lebenden jüdischen Bewohner nach Gurs deportiert. Mindestens sechs jüdische Einwohner Heinsheims wurden Opfer des Holocaust.

Das über 50 Jahre als Werkstatt und Lagerraum genutzte ehemalige Synagogengebäude wurde in den 1990er Jahren von der Stadt Bad Rappenau erworben. Eine damals ins Auge gefasste Sanierung wurde allerdings nicht realisiert. Das Gebäude ging daraufhin wieder in den Besitz des früheren Eigentümers zurück, der es erneut als Werkstatt verwendete. Inzwischen befand sich das Gebäude in einem schlechten baulichen Zustand. Ein jüngst gegründeter „Freundeskreis Ehemalige Synagoge Heinsheim“ hat das Haus 2013 käuflich erworben, will das „Baudenkmal“ nun restaurieren und es künftig „in würdiger Weise“ nutzen; so ist angedacht, die ehemalige Synagoge nach ihrer Instandsetzung als Ort der Erinnerung, des Dialogs und der Kultur zu verwenden.

   Dachsanierung (Aufn. Hubert Friedrich, 2014)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20365/Heinsheim%20Synagoge%20082014a.jpg

2005 wurden im Dachbereich Reste einer Genisa gefunden, die auch Schriftstücke und Textilien aus dem 18.Jahrhunderts enthielt.

  Der Hochzeitsstein (Aufn. Peter Schmelzle, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

       Auf dem Platz vor der ehem. Synagoge in der Schlossgasse steht der Heinsheimer Memorialstein, den eine Jugendgruppe im Rahmen des ökumenischen Projektes zur Deportation der badischen Juden erstellt hat; der Stein ist mit jüdischer Symbolik verziert. Eine Doublette ist beim zentralen Mahnmal in Neckarzimmern zu finden (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

Der großflächige jüdische Friedhof in Heinsheim, nahe dem Mühlgrund, etwa fünf Kilometer nordöstlich von Bad Rappenau gelegen, besitzt heute noch mehr als 1.100 Grabsteine aus vier Jahrhunderten und zählt damit zu den größten und ältesten noch erhaltenen jüdischen Friedhöfen auf deutschem Boden. Kunstvolle Grabsteine – mit vielfältiger Symbolik - zeugen von der Bedeutung der hier Begrabenen. Auf dem Gelände sind Grabstätten vieler Juden aus fast 30 umliegenden Ortschaften zu finden.

 

Dekorative Grabsteinmotive (Aufn. Förderverein Synagoge Heinsheim)

Weitere Informationen:

Gustav Neuwirth, Geschichte des Dorfes Heinsheim am Neckar, 2.Aufl., o.O. 1965, S. 190 ff.

Festschrift zur Tausendjahrfeier der Gemeinde Heinsheim am Neckar, Heinsheim 1956

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale. Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Stuttgart 1968, S. 130/131

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 187

W.Angerbauer/H.G.Frank, Jüdische Gemeinden im Kreis und Stadt Heilbronn. Geschichte - Schicksale - Dokumente, Hrg. Landkreis Heilbronn, 1986, S. 101 -109

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 218 - 220

Michael Konnerth, Der Judenfriedhof bei Bad Rappenau-Heinsheim - eine der größten jüdischen Begräbnisstätten in Deutschland, in: Bad Rappenauer Heimatbote. Heimatgeschichtliche Beilage des Mitteilungsblattes 6/1994, S. 23 - 37

Michael Rothenhöfer, “Förmliche Kirchenfenster” für eine “nur tolerierte Sekte”. Die Synagoge von Heinsheim am Neckar und ihre Schicksale, in: Kraichgau 14/1995, S. 151 - 164

Monika Preuß (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Bad Rappenau-Heinsheim, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1997

Michael Brocke/Christiane E. Müller, Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 104/105

Andreas und Michael Rothenhöfer, „Förmliche Kirchenfenster“ für eine „nur tolerierte Sekte“ – Die Geschichte der ehemaligen Synagoge von Bad Rappenau-Heinsheim, in: Bad Rappenauer Heimatbote No. 14, Bad Rappenau 2003

Heinsheim, in: alemannia-judaica.de (mit Text- u. zahlreichen Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Gerhard Taddey (Hrg.), ... geschützt, geduldet, gleichberechtigt ... Die Juden im baden-württembergischen Franken vom 17.Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreiches (1918), in: Forschungen aus Württembergisch Franken, Band 52, Ostfildern 2005

Hans-Heinz Hartmann, Genisa-Funde in der ehemaligen Heinsheimer Synagoge, in: Bad Rappenauer Heimatbote Nr. 16, Bad Rappenau 2005

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 33 – 35

Flyer zur Information über die ehemalige Synagoge Heinsheim sowie den Freundeskreis Ehemalige Synagoge Heinsheim e.V. und das Projekt zur Renovierung und künftigen Nutzung des Gebäudes, 2013/2015

Bernd Göller/Gil Hüttenmeister/Rudolf Prach/Tanja Haberzettl-Prach (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Bad Rappenau-Heinsheim, in: Bad Rappenauer Heimatbote - Heimatgeschichtliche Veröffentlichung des Heimat- und Museumsvereins Bad Rappenau sowie der Stadt Bad Rappenau, 2015

Rudolf Petzold, Die Jüdische Gemeinde Heinsheim, in: Bad Rappenauer Heimatbote - Heimatgeschichtliche Veröffentlichung des Heimat- und Museumsvereins Bad Rappenau sowie der Stadt Bad Rappenau, 25. Jg./Dezember 2015, No. 26, S. 73 - 81

Ehemalige Synagoge Heinsheim, online abrufbar unter: synagoge-heinsheim.de (2016)  (Anm.: detaillierte Darstellung der jüdischen Geschichte von Heinsheim)

Ulrike Plapp-Schirmer (Red.), Aus der Heinsheimer Synagoge soll ein Schmuckstück werdem, in: Stimme.de vom 11.7.2019