Heldenbergen (Hessen)

Main-Kinzig-Kreis Karte Heldenbergen mit derzeit ca. 5.500 Einwohnern ist heute ein Ortsteil von Nidderau im Nordwesten des Main-Kinzig-Kreises - am Rande der Wetterau und ca. 20 Kilometer nördlich von Hanau gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/main-kinzig-kreis).

In Heldenbergen bestand von Mitte bis Ende des 19.Jahrhunderts die größte jüdische Landgemeinde im Kreis Friedberg.

Ab ca. 1500 gab es in Heldenbergen eine jüdische Gemeinschaft; die erste jüdische Familie ("Jud Mayer") hatte sich nachweislich 1501 hier angesiedelt. Anfangs begruben die Heldenberger Juden ihre verstorbenen Angehörigen auf dem jüdischen Friedhof von Windecken; seit dem beginnenden 19.Jahrhundert verfügten sie über einen eigenen Begräbnisplatz am Kellerberg, ab ca. 1880 wurde ein neuer Friedhof an der Straße nach Kaichen eingerichtet. Bereits um 1775 soll es in Heldenbergen einen Betraum gegeben haben, der auch von den Juden aus Kaichen aufgesucht wurde. Als 1836 in der Judengasse (heute Bahnhofstraße) eine neue Synagoge mit insgesamt ca. 100 Männer- und Frauenplätzen gebaut wurde, verkaufte die Gemeinde das Gelände, auf dem die alte Synagoge stand. Neben der neuen Synagoge – unweit der katholischen Kirche - war in einem kleinen Fachwerkhaus die Mikwe untergebracht. Aus einer Beschreibung der Synagoge: „ ... In der Mitte des Synagogenraumes stand das Lesepult, das aus grünen Steinen gefertigt war. Darüber hing ein großer Leuchter. In der Mitte der Ostwand befand sich, zwei Stufen erhöht und in einer Ausnischung der Wand eingelassen, der zweiflügelige Toraschrein. ... Durch ein trennendes Holzgitter ist der Betraum klar geschlechtsspezifisch geschieden.”  (aus: Susanne Gerschlauer, Synagogen ..., S. 312)        

                       Rekonstruktionsskizze der Synagoge (Wolf Pannitschka, um 1990)

Die Heldenberger Juden verfügten auch zeitweilig über eine eigene Elementarschule.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20197/Heldenbergen%20LWertheimer%20010.jpg Von den Lehrern der Gemeinde ist insbesondere Leopold (Löb) Wertheimer zu nennen, der mehr als ein halbes Jahrhundert (von 1863 bis 1919) in der Gemeinde tätig war. Wertheimer war eine Zeitlang auch Vorsitzender des hessischen jüdischen Lehrervereins.

Welche Hochachtung sich Leopold Wertheimer durch sein Wirken erworben hatte, war in Presseberichten anlässlich seines Todes zu lesen; so hieß es z.B. in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10.Febr. 1921: Einen unersetzlichen Verlust hat unsere Gemeinde erlitten. Unser allverehrter Lehrer Leopold Wertheimer, der Altmeister und die Zierde der Lehrerschaft, ist nicht mehr! Ein begeisterter und begeisternder Lehrer, ein Kollege, der mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit mannhaft eintrat für das Wohl der ganzen Lehrerschaft - war er doch der Begründer einer ganzen Reihe von Lehrervereinen - ein großer edel denkender Mensch, der keinen Unterschied des Standes, keinen der Konfession kannte, dem als höchstes galt, das Menschliche im Menschen, ein Vater, dessen ganzes Streben es war, trotz aller Fährnisse des Lebens, die ihn betroffen, seine Kinder zu guten tüchtigen Menschen heranzubilden, ein Führer, der mit seiner 56-jährigen Tätigkeit in hiesiger Gemeinde voll und ganz verwachsen war, und der seine Gemeinde hinanführte zu allem Guten und Edlen, hat uns auf immer verlassen. Wie sein Leben, so war auch sein Heimgang ein Kämpfen und Ringen bis zum letzten Atemzug. Hunderte von Menschen gaben ihrem Lehrer, Führer und Freund trotz fürchterlichen Unwetters das letzte Geleite. … "

Juden in Heldenbergen:

         --- um 1790 ......................  16 jüdische Familien,

    --- 1804 ......................... 101 Juden (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- 1830 ......................... 169   “  ,

    --- 1836 ......................... 217   “  ,

    --- 1851 ......................... 261   “   (ca. 16% d. Bevölk.),

    --- 1875 ......................... 200   “  ,

    --- 1880 ......................... 205   "   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1900 ......................... 149   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1905 ......................... 160   "  ,

    --- 1910 ......................... 120   “  ,

    --- 1925 ..................... ca. 110   "   (in 40 Familien),

    --- 1933 .........................  87   “  ,

    --- 1939 .........................  40   “  ,

    --- 1942 .........................  25   “  .

Angaben aus: Monica Kingreen, Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und Heldenbergen, S. 306/307

Bis ins 19.Jahrhundert hinein wohnten die jüdischen Familien in Heldenbergen in der "Judengasse", der heutigen Bahnhofstraße. Größtenteils lebten sie in recht bescheidenen, z.T. auch ärmlichen Verhältnissen; Lebensgrundlage war vor allem der Tuchhandel und das Metzger- und Bäckerhandwerk.

   Anzeigen 1891 - 1893 - 1903

Das bedeutendste Unternehmen eines aus Heldenbergen stammenden Juden hieß „Speiers Schuhgeschäfte“, eines der bekanntesten Schuhwarenhäuser in Deutschland.

  Julius Speier (geb. 1854) wanderte 1871 in die USA aus, kehrte nach zehn Jahren nach Deutschland zurück und eröffnete in Frankfurt ein Schuhgeschäft; zusammen mit seinen Brüdern baute er ein Filialnetz von ca. 40 Geschäften in ganz Deutschland auf. Ende 1938 wurde die Speiererschen Schuhgeschäfte „arisiert“ und als HAKO-Kette weitergeführt.

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts zogen vermehrt Juden aus Heldenbergen weg; besonders jüngere Menschen verließen den Ort, weil sie in den größeren Städten eine bessere wirtschaftliche Zukunft sahen; zudem emigrierten zahlreiche jüngere Familien nach Nordamerika.

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts waren die meisten Juden Heldenbergens im Handel mit Textilien oder Gebrauchtwaren tätig, daneben aber auch im Metzger- und Bäckerhandwerk. Mitgliedschaften in den verschiedenen Vereinen des Dorfes belegten ihre weitgehende Integration in die dörfliche Gesellschaft; seit 1886 gehörte auch ein Jude über lange Jahre dem Gemeinderat an. Mit Beginn der NS-Zeit änderte sich rasch das im allgemeinen problemlose Zusammenleben zwischen Juden und Christen; hatte die NSDAP bei den hiesigen Wählern im November 1932 noch nicht einmal 20% der Stimmen auf sich vereinigen können, so waren es bei den März-Wahlen 1933 schon etwa ein Drittel aller abgegebenen Stimmen. Der „Oberhessische Anzeiger”, der in Heldenbergen eine recht große Leserschaft hatte, rief in seiner Ausgabe vom 31.3.1933 die „deutschen Einwohner“ auf, sich am reichsweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte zu beteiligen.

Deutschland oder Juda ?

Schon einmal in einer schweren Schicksalsstunde des deutschen Volkes ... haben der internationale Jude und seine Drahtzieher es verstanden, durch Boykott und gemeinste Greuelmärchen ... uns die Lebensader abzuschneiden. ... Vom Samstag, den 1.April ab, wird der Kampf aufgenommen! Wer von dieser Zeit ab noch ein jüdisches Geschäft betritt, noch einen jüdischen Arzt oder Rechtsanwalt aufsucht, verfällt der öffentlichen Brandmarkung. ... Jüdische Angestellte haben deutschen Angestellten Platz zu machen. Deutsche Vereine, Berufsorganisationen oder Interessengemeinschaften haben die jüdischen Mitglieder unverzüglich auszuschließen. SA und SS werden die Durchführung dieser Maßnahmen überwachen ! Von der Bevölkerung des Kreises Friedberg erwarten wir, daß sie alles daran setzt, diesen Kampf siegreich durchzuführen. ...   Ab heute heißt unsere Parole:

                                                        Kauft deutsche Ware beim Deutschen !  Deutsches Recht vertritt nur der Deutsche !

                                                        Nur deutsche Lehrer unseren Kindern !  Ins deutsche Haus die deutsche Zeitung !

                                                        Den Juden unter Fremdenrecht !   Deutschland den Deutschen !

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde in Heldenbergen die Synagoge zerstört und jüdische Männer verhaftet; diese wurden ins KZ Buchenwald eingeliefert. Gemeinsam mit SA-Angehörigen beteiligten sich auch Jugendliche, die sich auf der Naumburg in einem „Landjahr-Lager“ befanden, an den Ausschreitungen. Während des Novemberpogroms wurde auch der neue jüdische Friedhof geschändet und teilweise zerstört. Durch den Einsatz des Ortsbürgermeisters wurden Zerstörungen des Eigentums der jüdischen Familien weitestgehend verhindert, doch konnte er sich nicht völlig gegenüber den SA-Trupps und ihrer Führung durchsetzen. Die Synagogenruine wurde 1939 beseitigt und das Grundstück an Anlieger veräußert. Die Schließung der letzten jüdischen Geschäfte und die Umquartierung der jüdischen Bewohner in „Judenhäuser“ besiegelte schließlich das Ende der jüdische Gemeinde in Heldenbergen. Nach der Deportation der restlichen Bewohner im Herbst 1942 war das Dorf „judenfrei“. 61 jüdische Bewohner Heldenbergens sind nachweislich dem Holocaust zum Opfer gefallen.

An einem Hause in der Bahnhofstraße - wenige Meter vom einstigen Standort der Synagoge entfernt - erinnert eine Inschriftentafel an die Geschichte der jüdischen Gemeinde Heldenbergen:

Den Toten zum Gedenken   den Lebenden zur Mahnung

Hier stand die im Jahre 1836 errichtete Synagoge der Jüdischen Gemeinde Heldenbergen.

Diese Gemeinde bestand seit etwa 1500.

Der letzte Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde war Samuel Scheuer, der 1936 in die USA auswanderte.

Zu dieser Zeit lebten in Heldenbergen noch 22 jüdische Familien.

Die Synagoge wurde am 9.November 1938 zerstört.

Die zurückgebliebenen Juden wurden 1942 deportiert und in den Konzentrationslagern umgebracht.

Wir trauern um das Leid aller Ermordeten.

Schalom

Neben dem alten jüdischen Friedhof – genutzt bis in die 1880er Jahre – gibt es in Heldenbergen noch ein weiteres Friedhofsgelände (an der Straße nach Kaichen), auf dem insgesamt ca. 120 Begräbnisse zu verzeichnen sind. Auf dem während der NS-Zeit geschändeten und teilzerstörten Friedhof ist heute nur noch ein Teil der originalen Grabsteine vorhanden.

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20197/Heldenbergen%20Friedhof%20n196.jpg

altes und neues jüdisches Begräbnisgelände (links: L., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0   -   rechts: J. Hahn, 2009)

 

Auf einstimmingen Beschluss derStadtverordnetenversammlung von 2007 wurde festgelegt, das Projekt „Stolpersteine“ zu unterstützen. In vier Aktionen wurden dann seit 2008 insgesamt 80 sog. „Stolpersteine“ in den Nidderauer Stadtteilen Heldenbergen, Windecken und Ostheim in die Gehwege vor der letzten selbst gewählten Wohnstätte der ehemaligen jüdischen Mitbürger eingefügt.

 Nachher verlegt in der Straubelgasse (Aufn. aus: nidderau-borussen09.de)

 

Auch in Windecken, einem anderen Ortsteil von Nidderau, existierte eine jüdische Gemeinde. [vgl. Windecken (Hessen)]

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 343f.

Wolf-Arno Kropat, Kristallnacht in Hessen - Der Judenpogrom vom November 1938 - Eine Dokumentation, in: Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen X, Wiesbaden 1988, S. 100 f.

Monica Kingreen, Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und Heldenbergen, Hrg. Stadt Nidderau, CoCon-Verlag, Hanau 1994

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS, Frankfurt 1995, S. 219/220

Susanne Gerschlauer, Synagogen, in: Ulrich Schütte (Hrg.), Kirchen und Synagogen in den Dörfern der Wetterau, in: Wetterauer Geschichtsblätter - Beiträge zur Geschichte u. Landeskunde, Band 53, Friedberg (Hessen) 2004, S. 311 - 314 und S. 566

Heldenbergen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

N.N. (Red.), Stolpersteine in Nidderau, in: „Bad Vilbeler Anzeiger“ vom 28.6.2007

Jörg Andersson (Red.), Stolpersteine - Vor 70 Jahren wurden jüdische Familien aus Nidderau deportiert. Erinnerung vor Haus Nummer 9, in: "Frankfurter Rundschau“ vom 5.9.2008

Stadt Nidderau – Pressestelle, Anschluss des Projekts Stolpersteine in Heldenbergen, Nidderau 20.5.2011

Georgia Lori (Red.), Leben und Leid jüdischer Familien in Heldenbergen, in: „Frankfurter Neue Presse – Bad Vilbeler Neue Presse“ vom 4.7.2014