Hellenthal - Blumenthal/Eifel (Nordrhein-Westfalen)

Hellenthal in EU.svg Die in der Eifel liegende kleine Kommune Hellenthal mit derzeit ca. 8.000 Einwohnern liegt im Kreis Euskirchen in unmittelbarer Nähe zur Grenze nach Belgien (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CCO).

Die ersten Juden siedelten sich in Hellenthal und umliegenden Dörfern vermutlich im frühen 18., wenn nicht schon gegen Ende des 17.Jahrhunderts an. Der Graf von Salm-Reifferscheid, der in Geldnöten war, hatte den Zuzug gegen Zahlung jährlicher Schutzgelder gestattet. Um die Mitte des 18.Jahrhunderts lebten im Oberen Oleftal insgesamt allerdings nur vier jüdische Familien. Bis ca. 1800/1810 war der jüdische Bevölkerungsteil ebenfalls noch sehr gering und beschränkte sich auf wenige Familien; er wuchs aber im Laufe des 19.Jahrhunderts deutlich und erreichte um 1900 seinen Höchststand. Die Juden in der Region Hellenthal verdienten ihren Lebensunterhalt vor allem als Viehhändler und Metzger, aber auch als Manufakturwaren- und Textilhändler.

Gottesdienste wurden über viele Jahrzehnte in wechselnden Räumen von Privathäusern abgehalten, ehe 1904 eine neue Synagoge im Dörfchen Blumenthal eingeweiht wurde; es war wohl das größte Synagogenbauwerk in der Eifel.

                  Synagoge Blumenthal (hist. Aufn.)

Über die Einweihung der recht repräsentativen Synagoge liegt der folgende Bericht vor:

„ ... Am 5.August 1904 fand mit großem Gepränge der Umzug aus der alten in die neue Synagoge statt. Alle gingen im Zug paarweise, vorauf Knaben mit bunten Fähnchen, dann 33 weißgekleidete junge Mädchen, die alle Körbchen mit Blumen trugen, dann die drei Ältesten der Gemeinde, jeder eine Gesetzesrolle, umhüllt von rotem Samt, tragend, dahinter der Rabbiner, die Musiker, blasend Beethovens ‘Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre’, nun Landrat und Bürgermeister, dann 50 erwachsene israelitische Mädchen und Frauen in den gewähltesten, kostbarsten Toiletten, dann eine große Zahl israelitischer Männer. Zwei Ehrenpforten standen, eine an der alten, eine an der neuen Synagoge. Blumenthal war beflaggt. Der Rabbiner hielt in der neuen Synagoge die Festrede. Am folgenden Tage (6.8.1904) war der erste Gottesdienst in der neuen Synagoge. Auch viele nichtjüdische Bürger nahmen daran teil. “

(zitiert aus: Hans-Dieter Arntz, Judaica - Juden in der Voreifel)

Der jüdische Friedhof in Blumenthal am Zengelsberg wurde in den 1890er Jahren erstmals belegt.

Juden in Hellenthal:

    --- 1808 .........................  35 Juden,

    --- 1857 .........................  64   “  ,

    --- 1872 .........................  62   “  ,

    --- 1895 .........................  74   “  ,

    --- 1905 .........................  97   “  ,

             ......................... 136   “  ,*    *gesamte Kultusgemeinde

    --- 1911 .........................  87   “  ,

    --- 1933 .........................  65   “  ,

    --- 1935 .........................  82   “  ,*

    --- 1939 .........................  35   “  .*

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Köln, S. 357

Nach dem Ersten Weltkrieg zogen immer mehr Juden aus der Region weg, da durch die Abtretung Eupen-Malmedys und die schwer zu überwindende Grenze zu Belgien ein Teil der Wirtschaftsgrundlage der jüdischen Viehhändler weggebrochen war. Bereits im Jahre der NS-Machtübernahme war die Synagoge in Blumenthal Ziel antisemitischer Hetze; so wurden die Außenwände mit NS-Parolen beschmiert und Fensterscheiben eingeworfen.

In der Nacht vom 9./10.November 1938 setzten Nationalsozialisten, darunter auch der Amtsbürgermeister von Hellenthal, das Blumenthaler Synagogengebäude in Brand. Alle jüdischen Bewohner Blumenthals und Hellenthals wurden festgenommen und - an den schwelenden Trümmern der Synagoge vorbei - im sog. „Prangermarsch“ ins Bürgermeisteramt geführt; vor dem zerstörten Gotteshaus mussten die festgenommenen Männer den Hut absetzen und sich vor den anwesenden SS- und SA-Männern verneigen! Die meisten jüdischen Männer kamen „in Schutzhaft“ und wurden danach ins KZ Sachsenhausen verschleppt.

Blumenthaler Juden am 11.Nov.1938 vor der Synagoge Aufn. aus: H.-D. Arntz

Während des Krieges ging das Synagogengrundstück in den Besitz einer Siedlungsgenossenschaft über; die Synagogenruine war 1942 völlig abgetragen, das Gelände eingeebnet worden.

Fast alle jüdischen Einwohner Hellenthals verloren in der NS-Zeit ihr Leben. Von den Familien Haas und Kaufmann überlebten nur zwei Angehörige.

Sieben Jahre nach Kriegsende fand vor einem Aachener Gericht ein Prozess gegen die Synagogenbrandstifter von Blumenthal statt; der Hauptverantwortliche, der ehemalige Bürgermeister Wilhelm Fischer, wurde zu einer milden Strafe verurteilt.

http://www.ksta.de/image/view/2008/10/6/13067994,10887523,dmData,081106%2Ben%2Bpogrombuch%2B%2525281219315360628%252529.jpg Jüdischer Friedhof, eingewachsener Grabstein (Aufn. Klinkhammer, aus: ksta.de)

Auf dem jüdischen Friedhof in Hellenthal, der heute noch ca. 45 Grabsteine aufweist, weihte man am 50.Jahrestag der „Reichskristallnacht“ ein Mahnmal ein, das den vertriebenen und ermordeten Angehörigen der einstigen jüdischen Gemeinde gewidmet ist.

Mahnmal (Aufn. aus: untaten-an-unorten.de) http://www.untaten-an-unorten.de/images//Ausstellung/Jued_Friedhof_Blumental/resizedimages/_DSC1572.JPG

Im November 2008 enthüllte eine private Initiative in der Alten Schulstraße, am früheren Standort der Blumenthaler Synagoge, ein Denkmal aus Stahl und Glas; die Zingsheimer Künstlerin Maggie Töpfer hatte das Kunstwerk zum 70. Jahrestag des Novemberpogroms geschaffen. Seitdem wurde das Mahnmal bereits mehrfach beschädigt.

http://www.ksta.de/image/view/2013/6/30/23867436,20929389,highRes,2013-07-30_HE_Mahnmal_%25252823%252529.jpg Aufn. Franz Albert Heinen, aus: ksta.de

Seit 2011 gibt hier eine großformatige Tafel zudem Informationen zur jüdischen Ortsgeschichte.

Zwei Jahre später hat man – nach kontroverser Diskussion - mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ begonnen. Zunächst fanden sechs sog. "Stolpersteine", die an das Schicksal von Leopold, Johanna, Ella, Siegfried, Arno und Julius Rothschild erinnern, „Asyl“ in der evangelischen Kirche von Kischseiffen. 2014 und 2015 fanden jeweils neun weitere Steine ihren Platz vor der letzten Wohnstätte der betreffenden NS-Opfer.

Aufn. Franz-Albert Heinen

Hellenthal, Kölner Str. 66, Stolperstein für Gottfried Löwenstein.jpg Hellenthal, Kölner Str. 66, Stolperstein für Sara Löwenstein.jpg Hellenthal, Kölner Str. 66, Stolperstein für Erna Löwenstein.jpg Hellenthal, Kölner Str. 66, Stolperstein für Selma Löwenstein.jpg

verlegt in der Kölner Straße (Aufn. Werner von Basil, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Weitere Informationen:

Hans-Dieter Arntz, Judaica - Juden in der Voreifel, Euskirchen 1983

Hans-Dieter Arntz, Die „Kristallnacht“ in der Eifel. Münstereifel, Kommern, Gemünd und Blumenthal, in: Eifel-Jahrbuch 1984, S. 88 - 95

Hans-Dieter Arntz, Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet  -  Kreisgebiet Schleiden. Euskirchen - Monschau - Aachen - Eupen-Malmedy, Kümpel-Verlag Euskirchen 1990 (Anm. u.a. auch: Der Prangermarsch von Hellenthal, S. 384 ff.)

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 356 - 361

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 234/235

Hans-Dieter Arntz, Reichskristallnacht im Altkreis Schleiden (Teil 4), in: Wochenspiegel Okt. 2008

F.A.Heinen (Red.), In Hellenthal Blumenthal Synagogenmahnmal erneut beschädigt, in: „Kölner Stadtanzeiger“ vom 30.7.2011

Walter Hanf, Juden im oberen Oleftal, hrg. vom Heimatverein Rescheid e. V., Düren 2014

Jüdischer Friedhof Blumenthal, online abrufbar unter: untaten-an-unorten.de

Synagoge Blumenthal, online abrufbar unter: kuladig.de

Auflistung der in Hellenthal verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Hellenthal