Hengstfeld (Baden-Württemberg)

Datei:Wallhausen in SHA.svg Hengstfeld ist heute ein Ortsteil von Wallhausen - im NO des Landkreises Schwäbisch-Hall gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In dem kleinen Ort Hengstfeld wechselte im Laufe der Geschichte oft die Herrschaft; nachdem das Dorf lange Zeit von einer reichsritterschaftlichen Familie beherrscht worden war, fiel es 1792 an Preußen, 1806 an Bayern und schließlich vier Jahre später an Württemberg. Eine frühe jüdische Ansiedlung ist um 1590 belegt; doch erst seit Beginn des 18.Jahrhunderts lässt sich eine dauerhafte Ansässigkeit nachweisen; vehemente Proteste des hiesigen protestantischen Pfarrers gegen die Ansiedlung von Juden wurden dabei von der Herrschaft ignoriert; doch in der Folgezeit versuchte dieser Pfarrer wiederholt, den hier lebenden Juden das Leben schwer zu machen, um sie dadurch zum Wegzug zu bewegen.

Die ersten in Hengstfeld lebenden Juden suchten zunächst die Synagoge in Michelbach an der Lücke auf; ab 1736 fanden gottesdienstliche Zusammenkünfte in einem Gebetsraum eines Privathauses statt. Im unteren Dorf erbaute die Judenschaft schließlich im Jahre 1811 eine eigene Synagoge.

                             Bauentwürfe der Synagoge von 1805  

Über die Einweihung berichtete der Hengstfelder Pfarrer, Christoph Mützel:

„ Freytags, den 8.Februar wurde die hiesige neuerbaute Juden-Schule (Anm. Synagoge) eingeweyhet, wobey eine große Menge von vornehmen gemeinen Leuthen zugegen waren. Der feyerliche Zug ging nachmittags um 2 Uhr von des Liebmann Jandorfs Haus aus in die Mittelgasse zu des Vorsängers Hänles Haus, und von da aus wieder zurück in die Juden-Schule, unterwegs wurde etliche mal gesungen mit der Einstimmung der Music, in der Schule wurde von dem neuen Vorsinger zu Michelbach eine Rede gehalten, ein Gebeth für den König gethan, und dann die gewöhnlichen Ceremonien mit den 10 Geboten gemacht.”

Bei der Neuorganisation des jüdischen Lebens nach 1828 verlor die kleine Gemeinde Hengstfeld ihre Autonomie und musste sich der größeren Gemeinde Michelsbach anschließen; trotzdem durften ihre Angehörigen einige Jahre noch ihre Synagoge nutzen. 1840 wurde diese dann geschlossen; fortan suchten sie - allerdings nur widerstrebend - das Gotteshaus in Michelbach auf. Zehn Jahre später konnte dann die Hengstfelder Synagoge wieder eröffnet werden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20186/Hengstfeld%20Israelit%2021061876.jpgStellenangebot in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juni 1876

Seit 1844 existierte ein Schulhaus, in dem auch eine Mikwe untergebracht war; das eigentliche Gebäude wurde aber zu keiner Zeit als Schule genutzt.

Nach dem Anschluss an die Michelbacher Kultusgemeinde wurden verstorbene Hengstfelder Juden auf dem Friedhof in Michelbach beerdigt; zuvor mussten sie ihre Toten auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Schopfloch begraben.

Juden in Hengstfeld:

         --- um 1720 ........................   2 jüdische Familien,

    --- um 1740 ........................   6     “       “    ,

    --- um 1815 ........................  11     “       “    ,

    --- 1822 ...........................  65 Juden,

    --- 1841 ........................... 110   “  (in 23 Haushalten),

    --- 1847 ........................... 119   “  ,

    --- 1864 ........................... 100   “  ,

    --- 1871 ...........................  84   “  ,

    --- 1890 ...........................  52   “  ,

    --- 1900 ...........................  18   “  ,

    --- 1905 ...........................  keine.

Angaben aus: Gerhard Taddey, Kein kleines Jerusalem - Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, S. 239

Überregionale wirtschaftliche Bedeutung besaßen die dreimal im Jahr stattfindenden Hengstfelder Viehmärkte, bei denen Bauern des Umlandes mit jüdischen Viehhändlern in Kontakt traten. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts bis 1890 wanderten aus Hengstfeld etwa 200 zumeist junge Leute nach Amerika aus; darunter befanden sich zahlreiche Juden; schließlich blieben nur noch ältere Gemeindemitglieder im Dorf zurück. Auf Grund der Überalterung löste sich die Gemeinde auf; 1905 lebte bereits kein einziger jüdischer Bewohner mehr am Ort.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20186/Hengstfeld%20AZJ%2016091904.jpg Notiz in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16.9.1904

Die Synagoge war bereits um 1895 geschlossen worden; ein Jahrzehnt später wurde das Gebäude abgebrochen. 1902 versuchte die Michelbacher Gemeinde noch, das in ihren Besitz gekommene Inventar der Hengstfelder Synagoge zu veräußern, wie eine Anzeige in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 18.Dez. d.J. zeigt:

                                                            aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 18.12.1902

Ein bedeutender Sohn der Hengstfelder Gemeinde war der 1870 geborene Adolf Jandorf; er ging Anfang der 1890er Jahre nach Berlin ging und eröffnete ein Geschäft, aus dem 1907 das berühmte „Kaufhaus des Westens“ hervorging. Adolf Jandorf verstarb 1932; er ist auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee begraben.

 

In Michelbach an der Lücke, einem Ortsteil von Wallhausen, gab es eine verhältnismäßig große jüdische Gemeinde, deren Wurzeln bis gegen Ende des 16.Jahrhunderts zurückreichen. [vgl. Michelbach (Baden-Württemberg)]

Weitere Informationen:

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 519/520

Gerhard Taddey, Kein kleines Jerusalem. Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1992, S. 137 ff. und S. 283 ff.

Otto Ströbel, Juden und Christen in dörflicher Gemeinschaft - Geschichte der Judengemeinde Michelbach/Lücke, Hrg. Historischer Verein für Württembergisch Franken, Band 20/2000, S. 63 f., S. 109 f. und S. 226 f.

Hengstfeld, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 498 - 500