Hergershausen (Hessen)

Datei:Municipalities in DA (district).svg Hergershausen ist heute ein Ortsteil von Babenhausen im äußersten Nordosten des Landkreises Darmstadt-Dieburg - knapp 15 Kilometer westlich von Aschaffenburg gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: wikipedia.org, CCO).

Bereits zu Beginn des 17.Jahrhunderts siedelten sich nachweislich die ersten Juden in Hergershausen an. Die Herren von Groschlag erlaubten einer kleinen Zahl jüdischer Familien den Zuzug.

Das Synagogengebäude war ein einstöckiger Fachwerkbau in der Bachgasse (Tränkgasse) in der Ortsmitte und bot knapp 40 Männern und 20 Frauen Platz; er wurde Ende der 1860er Jahre errichtet und im September 1869 eingeweiht; eine Spende einer nach Nordamerika ausgewanderten Familie trug zur Ausstattung des Innenraumes bei.

      

                                                            Zeitungsannonce von 1869                                        Hergershauser Synagoge (Aufn. um 1925)

Für die Besorgung gemeindlicher religiöser Aufgaben war ein Religionslehrer angestellt; die Besetzung der Stelle war im allgemeinen einem häufigen Wechsel; mehr als ein Vierteljahrhundert (von 1873 bis 1909) übte Bernhard Ehrmann das Amt des Kantors und Religionslehrers aus. Letzter Lehrer in Hergershausen war seit 1922 der in Minsk geborene Ascher (Anschel) Schmulowitz.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/Hergershausen%20Israelit%2002101872.jpgAnzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2.10.1872

Ihre Verstorbenen begrub die jüdische Gemeinschaft auf dem Friedhof in Sickenhofen.

Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt.

Juden in Hergershausen:

         --- 1819 .............................  13 jüdische Familien,

--- um 1830 .......................... 122 Juden (ca. 22% d. Bevölk.),

    --- 1867 .............................  97   “  ,

    --- 1880 .............................  86   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1900/05 ..........................  77   “  ,

    --- 1910 .............................  69   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1925 .............................  70   “  ,

    --- 1930/33 ...................... ca.  35   “  ,

    --- 1939 (Febr.) .....................  eine jüdische Familie.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 354

und                 K.Lötzsch/G.Wittenberger, Die Juden von Babenhausen, S. 112

Um 1830 wohnten etwa 120 Juden in Hergershausen, das waren ca. 24% der gesamten Dorfbevölkerung.Gegen Ende des 19.Jahrhunderts war die Zahl der jüdischen Dorfbewohner aber rückläufig. Die Juden des Ortes lebten vom Pferde- und Viehhandel und waren als Metzger und in der Geflügelzucht tätig.

                                                       aus: „CV-Zeitung“ vom März 1924

Um die Jahrhundertwende waren Hergershäuser Juden aktiv am dörflichen Leben beteiligt; von Ausnahmen abgesehen soll zwischen christlichen und jüdischen Bewohnern ein gutes Verhältnis bestanden haben. Aus den Erinnerungen von Herta Stern: „... Das Gemeindeleben in Hergershausen war harmonisch, ebenso das Verhältnis zu den Christen am Ort. Wir waren fromm, aber nicht orthodox, waren bewußte Juden und lebten unter uns. Zum Neuen Jahr wünschten auch die Christen alles Gute, zu Pessach liebten sie es, Mazze zu kaufen, zu Hochzeiten und Beerdigungen gratulierte oder kondolierte man sich gegenseitig. ...” Obwohl die Zahl der Gemeindemitglieder in den 1930er Jahren sehr gering war, fanden in der Synagoge offenbar bis 1938 regelmäßige Gottesdienste statt.

Während der „Kristallnacht“ zerstörten SA-Angehörige aus Starkenburg die Synagoge und verbrannten das Mobiliar und die Ritualien; das stark beschädigte Gebäude wurde danach von der lokalen Feuerwehr niedergelegt. Aus einem Schreiben des Ortsbürgermeisters vom 30.9.1939: ... Die hier niedergelegte Synagoge ist ordnungsgemäß geräumt. Die Räumungskosten wurden von den noch hier wohnhaft gewesenen Juden bezahlt. Das Grundstück erwirbt die Gemeinde. Verhandlungen sind bereits aufgenommen.”  Bis Kriegsbeginn hatten alle Juden Hergershausen verlassen; die letzte hier lebende jüdische Familie war die des Pferdehändler Daniel Siegel (Eckstraße) gewesen. Während ein Teil in die Emigration gegangen war, verzog der andere Teil zumeist nach Frankfurt/Main.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20387/Hergershausen%20KK%20MZ%20Siegel%20Benjamin.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20387/Hergershausen%20KK%20MZ%20Strauss%20Rosalie.jpg zwei J-Kennkarten

Nachweislich wurden zwölf gebürtige bzw. länger in Hergershausen lebende Juden Opfer der Shoa.

Zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Stadtgebiet von Babenhausen - in Hergershausen, Langstadt und Sickenhofen - wurde am 50.Jahrestag des Novemberpogroms an der Amtsgasse ein Gedenkstein enthüllt. Seit 2006 erinnert eine schlichte Gedenktafel an das einstige jüdische Gotteshaus:

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen,

aber meine Gnade soll nicht von Dir weichen.

Jesaja 54,10

Hier stand die Synagoge von Hergershausen

Eingeweiht am 25.September 1869 – zerstört am 9.u. 10.November 1938

Zur Erinnerung an das Leiden unserer jüdischen Mitbürger

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 354

K.Lötzsch/G.Wittenberger, Die Juden von Babenhausen, Hrg. Heimat- und Geschichtsverein Babenhausen e.V., Babenhausen 1988, S. 50 f. und S. 112 - 122

Georg Wittenberger, Die Familie Siegel von Hergershausen. Babenhausen einst und jetzt, hrg. vom Heimat- und Geschichtsverein Babenhausen e.V., Band 22, Babenhausen 1993, S. 1- 48

Thomas Lange, “L’chajim” - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Hrg. Landkreis Darmstadt-Dieburg, 1997, S. 88

Hergershausen, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)