Herleshausen (Hessen)

Datei:Herleshausen ESW.svg Herleshausen ist eine Kommune mit derzeit ca. 3.000 Einwohnern im äußersten Süden des Werra-Meißner-Kreises – wenige Kilometer nordwestlich von Eisenach (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Gegen Ende des 16.Jahrhunderts sind erstmals zwei jüdische Familien in Herleshausen urkundlich nachweisbar; eine kleine Gemeinde bildete sich wohl gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges. Im 18.Jahrhundert lebten zwei bis drei Familien am Ort. Doch erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts vergrößerte sich die Zahl der jüdischen Bewohner deutlich; dabei handelte es sich zumeist um Zuzüge aus dem ländlichen Umland. Gottesdienste hielt die Judenschaft von Herleshausen zunächst in einem Raum eines Privathauses ab; 1846 konnte die Gemeinde in der Lauchröder Straße ihre Synagoge einweihen; das Gebäude verfügte über ca. 80 Männerplätze und ca. 50 für Frauen.

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20208/Herleshausen%20Synagoge%20101.jpg

Synagoge in Herleshausen nach der Renovierung (hist. Aufn., um 1928, aus: P. Arnsberg)

Anfang der 1920er Jahre musste das Synagogengebäude wegen Baufälligkeit vorübergehend geschlossen werden; nach Behebung der Schäden wurde es 1928 erneut festlich eingeweiht. In einem Beitrag in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 9.Okt. 1928 hieß es dazu:

Herleshausen, 10. September. Die im Jahre 1846 erbaute hiesige Synagoge wurde wegen Einsturzgefahr vor einem Jahre polizeilich geschlossen. Die feierliche Einweihung der umgebauten Synagoge unter Teilnahme aller Bevölkerungskreise fand jetzt statt. Sie wurde vollzogen durch die Herren Kreis-Rabbiner Dr. Baßfreund - Eschwege, Land-Rabbiner Dr. Walter Kassel, Vertreter des israelitischen Landesverbandes, Löwenthal zu Eschwege, Kreisvorsteher Werner - Eschwege. Als Vertreter des Landratsamtes hatten sich Bürgermeister Dr. Stolzenberg - Eschwege, Bürgermeister Feld als Vertreter der hiesigen Gemeinde, Architekt Steinert von hier als Erbauer der Synagoge, Pfarrer Münch und andere geladene Gäste eingefunden. Die Festpredigt hielt Kreisrabbiner Dr. Baßfreund - Eschwege. Umrahmt wurde die Feier durch Vorträge des Synagogenchors Eschwege unter Leitung des Kantors Bacharach von dort."    

Ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gab es am Ort eine jüdische Elementarschule.

                    Lehrer Simon Schön mit seinen Schülern (um 1905)

Die Schule – ab 1911 dann nur noch als Religionsschule geführt - wurde 1923 wegen Schülermangels ganz geschlossen; zu dieser Zeit gab es nur noch sieben jüdische Schulkinder in Herleshausen. Im Keller des Schulgebäudes in der Lauchröder Straße befand sich auch eine Mikwe.

Nach 1850/1860 wurde „Im Ölgrund“ der jüdische Friedhof von Herleshausen angelegt; auf dem Areal wurden bis ca. 1870 auch verstorbene Juden aus Eisenach begraben. Mitte der 1930er Jahre wurde der Friedhof geschlossen; Beerdigungen fanden fortan in Eschwege statt.

Zur jüdischen Gemeinde Herleshausen gehörten auch die in den umliegenden Dörfern lebenden jüdischen Personen, so die in Breitenbach, Unhausen und Wommen.

Die Kultusgemeinde gehörte zum Kreisrabbinat Eschwege im Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel.

Juden in Herleshausen:

    --- um 1590 .........................   2 jüdische Familien,

    --- um 1750/60 ......................   3     “        “   ,

    --- 1835 ............................  62 Juden,

    --- um 1850 ......................... 120   “  ,

    --- 1861 ............................ 118   “  ,

    --- 1871 ............................ 129   “  (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1885 ............................  91   “  (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1905 ............................  94   “  ,

    --- um 1930 ......................... 102   “  (in 24 Familien),

    --- 1933 ............................  64   “  ,

    --- 1937 ............................  37   “  ,

    --- 1939 ............................  31   “  ,

    --- 1941 (Jan.) ................. ca.  30   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 355

und                 K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen ..., S. 24/25                                                          

Herleshäuser Juden verdienten im 19.Jahrhundert als Vieh-, Getreide- und Kleinwarenhändler, aber auch als Handwerker ihren Lebensunterhalt.

Kleinanzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Juni 1881 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20191/Herleshausen%20Israelit%2008061881.jpg

Zu Beginn der 1930er Jahre zählte die Gemeinde etwa 100 Angehörige; nach der NS-Machtübernahme nahm ihre Zahl rapide ab.

Während der „Kristallnacht“ wurde das Synagogengebäude völlig zerstört, die Ruine ein Jahr später abgetragen. Insgesamt wurden 28 Herleshäuser Juden deportiert; ihre Schicksale sind zumeist ungeklärt.

Auf dem ca. 2.000 m² großen ehemaligen jüdischen Friedhofsgelände im Gewann „Ölgrund“ finden sich heute noch ca. 70 Grabsteine; der Friedhof wurde bereits 1935 von den Behörden geschlossen und später teilweise eingeebnet.          
Anm.: Während des Zweiten Weltkrieges wurde in unmittelbarer Nähe ein Friedhof für sowjetische Kriegsgefangene angelegt. Als dieser wegen der Vielzahl von Todesfällen erweitert werden musste, wurde der jüdische Friedhof teilweise eingeebnet und das Gelände für die ums Leben gekommenen Kriegsgefangenen benutzt.

Seit 2008 erinnert eine Gedenktafel in der Lauchrieder Straße an die frühere Synagoge.

2013 wurden in Herleshausen die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen sind weitere hinzugekommen, so dass sich ihre Anzahl auf ca. 80 vergrößert hat (Stand 2018).


beide Abbildungen aus: Fotogalerie Stolpersteine (Kommune Herleshausen)

 

Im Ortsteil Nesselröden gab es eine jüdische Landgemeinde, die um 1860 mehr als 100 Angehörige umfasste und damit ca. 20% der Dorfbevölkerung stellte. Ein alter jüdischer Friedhof befand sich am südöstlichen Hang des Eichenbergs. In der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts wurde ein neues Begräbnisareal „Vor dem Ziegengraben“ angelegt.

[vgl. Nesselröden (Hessen)]

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 355 - 357

P.Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 90

Erich Schwerdtfeger, Die jüdischen Gemeinden in Herleshausen und Nesselröden: Beiträge zu ihrer Geschichte im 19. und 20.Jahrhundert, Herleshausen 1988

K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen im Werra-Meißner-Kreis, Verlag Jenior & Pressler, Kassel 1996, S. 92/93

Herleshausen mit den Ortsteilen Breitzbach, Unhausen und Wommern (Werra-Meißner-Kreis), in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Erinnerung an die jüdische Geschichte von Herleshausen und Nesselröden und deren Nachwirken, umfangreiche PDF-Datei unter: herleshausen.de/Freizeit/JudFrh

Heiko Kleinschmidt (Red.), In Herleshausen wird mit den ersten Stolpersteinen der jüdischen Opfer gedacht, in: „Thüringer Allgemeine“ vom 5.11.2013

Emily Spanel (Red.), 21 weitere Stolpersteine in Herleshausen, in: „Werra-Rundschau“ vom 12..9.2016

Kommune Herleshausen (Hrg.), Fotogalerie Stolpersteine, online abrufbar unter: herleshausen.de/seite/380870/fotogalerie-stolpersteine.html