Hermannstädtel (Böhmen)

Die ostböhmische Kleinstadt Hermannstädtel (auch Hermannstadt) wurde vermutlich schon gegen Ende des 13.Jahrhunderts gegründet; erste urkundliche Belege liegen aber erst aus dem Jahre 1325 vor. Heute trägt die Stadt den tschechischen Namen Heřmanův Městec; sie liegt südwestlich von Pardubitz/Pardubice.

Die Wurzeln einer jüdischen Gemeinde in Hermannstädtel reichen bis ins 15.Jahrhundert zurück; in einer schriftlichen Überlieferung aus dem Jahre 1570 sind zehn Familien genannt. Die hier lebenden Familien - sie bestritten Geld- und auch Warenhandel - waren den Herren Trcka von Lípa abgabenpflichtig. Seit der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts lebten die jüdischen Familien hier ghettoartig zusammen.

Ein aus der Mitte des 18.Jahrhunderts stammender, mit neoromanischen Stilelementen versehener Synagogenbau wurde um 1870 grundlegend umgebaut und neu eingeweiht; etwa zehn Jahre zuvor war ein Schulgebäude errichtet worden. Vermutlich in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts* wurde der hiesige jüdische Friedhof angelegt, der bis 1940 genutzt wurde; der älteste vorhandene Grabstein stammt aus dem Jahre 1647. Die oft künstlerisch gestalteten Steine tragen hebräische, deutsche und tschechische Inschriften.  * Anderen Angaben zufolge soll der Friedhof schon zu Beginn des 16.Jahrhunderts existiert haben.   

Jüdischer Friedhof (Aufn. Eva Skálová, 2005, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.5)

Juden in Hermannstädtel:

        --- um 1530 ........................     4 jüdische Familien,

--- um 1570 .................... ca.    10   “         “    ,

    --- 1724 ....................... ca.    65   “         “    ,

    --- 1793 ...........................   321 Juden (in 74 Familien),

    --- 1826 ...........................   492   “  ,

    --- 1859 ...........................   720   “   (ca. 18% d. Bevölk.),

    --- 1880 ...........................   434   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- um 1895 ........................ 1.085   “  ,*    * incl. 40 umliegender Dörfer

    --- 1930 ...........................    54   “  ,

    --- 1939 ....................... ca.    60   “  .

Angaben aus: Institut Theresienstädter Initiative (2005)

Ihren Höchststand erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen um die Mitte des 19.Jahrhunderts mit mehr als 700 Personen.

              Im Ghettoviertel (hist. Aufn., um 1890/1900)

Doch bereits ab den 1860er Jahren zogen viele jüdische Bewohner weg; innerhalb weniger Jahrzehnte wurde der Anteil der Juden an der Stadtbevölkerung verschwindend gering.

Die letzten jüdischen Bewohner Hermannstädtels wurden Anfang Dezember 1942 deportiert; über Theresienstadt führte für die meisten der Weg ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Nur sechs Jüdinnen überlebten den Holocaust.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Aufgabe der Synagoge wurden das Synagogengebäude und das benachbarte Schulhaus umfangreich restauriert; seit 2001 steht das Haus kulturellen Zwecken zur Verfügung.

   Ehem. Synagogengebäude nach der Restaurierung (Aufn. ic-prelouc.cz, um 2005)

Auch der jüdische Friedhof ist bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben; mehrere hundert, zumeist unbeschädigte Grabsteine zeugen von der früheren größeren israelitischen Gemeinde von Hermannstädtel; der älteste auf dem Gelände befindliche Grabstein datiert von 1647.

Židovský hřbitov (Heřmanův Městec) 02.JPG

Friedhofsareal und Taharahaus (Aufn. Petr, 2012 und Ben Skála, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

  Alte Grabsteine (Aufn. fishbury, 2012)

Westlich von Hermannstädtel liegt die Ortschaft Caslau bzw. Tschaslau (tsch. Cáslav), in der ab Mitte des 19.Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde beheimatet war. Um 1870/1880 gehörten der neugegründeten Gemeinde knapp 300 Angehörige an, die zumeist aus den umliegenden Dörfern stammten. Seit den 1880er Jahren gab es auf dem kommunalen Friedhof einen abgegrenzten Bereich, der verstorbenen Juden zur Verfügung stand. 1899/1900 weihte die hiesige Judenschaft einen im maurischen Stil, vom Architekten Wilhelm Stiassny konzipierten Synagogenneubau ein, dem eine Schule angeschlossen war.

    

                          Ehem. Synagogengebäude (hist. Aufn. um 1900)                                   hist. Postkarte (um 1920)

Zu Beginn der 1930er Jahre gehörten der Gemeinde noch ca. 120 Personen an. Im Laufe des Jahres 1942 wurden die noch in Caslau lebenden Juden ins Ghetto Theresienstadt verfrachtet; von hier aus wurden sie in die Vernichtungslager deportiert. Nach Kriegsende wurde das ehemalige Synagogengebäude zunächst als Verkaufsraum genutzt; von 1970 bis ca. 1990 war eine Kunstgalerie hier ansässig. Nach der sog. „Wende“ ging das Gebäude - seit 1988 als geschütztes Kulturdenkmal eingestuft - wieder ins Eigentum der Jüdischen Gemeinde Prag über. 2011 wurde die Restaurierung der Synagoge abgeschlossen.

Restauriertes Synagogengebäude (Aufn. O.Korinek, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0) 

In der kleinen Ortschaft Habern (tsch. Habry) - ca. 15 Kilometer südöstlich von Caslau - bestand eine israelitische Gemeinde, deren Wurzeln im 17.Jahrhundert zu suchen sind. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen ca. 300 Personen; wenige Jahrzehnte später waren die meisten abgewandert, die Gemeinde wurde offiziell 1898 aufgelöst. Anfang der 1930er Jahre lebten im Ort noch ca. 25 jüdische Bewohner.

Ein Mitte der 1820er Jahre erbautes Synagogengebäude (es ersetzte einen älteren Vorgängerbaus aus dem 17.Jahrhundert), das bis um 1930 in Nutzung war, ist derzeit noch vorhanden. Westlich des Ortes befindet sich der im ausgehenden 17.Jahrhundert angelegte jüdische Friedhof.

vgl. dazu: Goltsch-Jenikau (Böhmen)

Im Dorfe Raubowitz (tsch. Hroubovice) - östlich von Hermannstaedel gelegen - gab es vermutlich seit dem frühen 18.Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, die in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts bis zu 250 Angehörige besaß und damit mehr als 40% der ansässigen Bevölkerung ausmachte. Ihre Behausungen und die Synagoge lagen inmitten des Dorfes beiderseits eines Bachlaufs. Der Friedhof befand sich an einem nahen Hügel. Nach der Auflösung der Raubowitzer Gemeinde (1894) schlossen sich die verbliebenen Mitglieder in den 1890er Jahren der Kultusgemeinde von Hermannstädtel an. Anfang der 1930er Jahre lebten nur noch ca. 30 Juden im Dorfe. Nach der deutschen Okkupation erfolgte die Deportation der verbliebenen jüdischen Bewohner; nur zwei sollen den Holocaust überlebt haben. 

Ende der 1970er Jahre wurde das Synagogengebäude abgerissen.

Der seit Mitte des 17.Jahrhunderts bestehende, relativ großflächige jüdische Friedhof weist heute noch ca. 250 Grabsteine auf; die ältesten stammen aus den 1780er Jahren. Die letzte Beerdigung war hier 1937.

http://www.czecot.cz/results/zobrobr.php?w=st&id=11011&orig=1 Jüdischer Friedhof in Hroubovice (Aufn. Štěpán Bartoš, aus: east-bohemia.info)

Weitere Informationen:

J. Folkmann (Bearb.), Herman-Mestetz, in: Hugo Gold (Hrg.), Juden und jüdische Gemeinde Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn/Prag 1934, S. 170

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 545/546

Jaromir Kabelác, Juden und jüdische Denkmäler in Hermannstädtel (in tschechischer Sprache), Hermanuv Mestec 1992

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 233, S. 510 und S. 532