Hessisch Oldendorf (Niedersachsen)

Datei:Hessisch Oldendorf in HM.svg Hessisch Oldendorf ist eine Stadt mit derzeit ca. 19.000 Einwohnern im Landkreis Hameln-Pyrmont (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Hessisch-Oldendorf (Stich Merian, um 1650, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Spuren jüdischen Lebens in Oldendorf reichen bis zu Beginn des 14.Jahrhunderts zurück. Erst gegen Ende des 16.Jahrhunderts liegen dann wieder wenige Nachweise von in Oldendorf lebenden „Schutzjuden“ der Grafen zu Holstein-Schaumburg vor. Sie hatten sich gegen jährliche Zahlungen ein Wohnrecht und Handelsprivilegien erkauft. Um 1680 lebten drei jüdische Familien namens „Wallach“ (oder „Wallich“) als Schutzjuden in der Stadt; die drei Brüder befassten sich hauptsächlich mit Geldgeschäften und traten in den 1690er Jahren mehrmals auch als Kreditgeber der Stadt auf.

Verschiedene "Judenordnungen" reglementierten ihre private und wirtschaftliche Lebenssituation. In den folgenden Jahrhunderten haben aber stets nur sehr wenige jüdische Familien in Oldendorf gelebt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wohnten drei jüdische Familien im Ort; sie handelten mit „Ellenwaren“, Fellen und Häuten - passend in einem Ort mit zahlreichen Gerbern und Schuhmachern.

In den 1820er Jahren bildete sich die Synagogengemeinde Hessisch Oldendorf, die die Orte Oldendorf, Großenwieden, Deckbergen, Hattendorf und Fischbeck umfasste. Neben den Metzgern und Kleinhändlern ragten in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts innerhalb der Oldendorfer Judenschaft die Gebrüder Rosenberg (Kolonial- und Bankgeschäfte) und vor allem der wohlhabende Kaufmann Nathan Peritz Lilienfeld heraus, der im Revolutionsjahr 1848 sogar in den Stadtrat gewählt wurde.

Gottesdienstliche Zusammenkünfte wurden in Privathäusern abgehalten. Ab den 1920er Jahren besuchten die Angehörigen der Oldendorfer Gemeinde die Synagoge in Hameln. Für vier Jahrzehnte konnte in Oldendorf eine kleine jüdische Schule unterhalten werden; das „Schullocal“ befand sich jeweils im Hause der Familie, bei der auch der Lehrer Quartier genommen hatte. 1868 wurde die Schule aufgegeben, da kein Lehrer verpflichtet werden konnte. Religionsunterricht wurde hier noch bis 1895 erteilt.

Seit ca. 1675 existierte ein „Todenhoff“ an der nordwestlichen Ecke des Stadtwalls; dieses Areal wurde gegen jährliche Pacht von den in Oldendorf ansässigen Familien bis ins 19.Jahrhundert benutzt. Um 1830/1835 wurde ein Areal östlich des Ortes (Bollwegstrift) erworben und hier ein neuer jüdischer Friedhofs angelegt.

Juden in Hessisch Oldendorf:

         --- um 1610 ......................  3 jüdische Familien,

    --- um 1770 ......................  3     “       “    ,

    --- 1817 .........................  4     “       “    ,

    --- um 1850 ...................... 43 Juden,

    --- 1871 ......................... 48   “  ,

    --- 1885 ......................... 31   “  ,

    --- 1905 ......................... 26   “  ,  

    --- 1933 ......................... 21   “  ,

    --- 1938 ......................... 13   “  ,

    --- 1939 .........................  7   “  ,

    --- 1942 .........................  keine.

Angaben aus: Erik Hoffmann, Jüdische Nachbarn in Hessisch Oldendorf 1322 bis 1942

Die Oldendorfer Juden übten zu Beginn des 19.Jahrhunderts das Metzger-Handwerk aus oder waren „Handelsmänner“; um 1900 gab es neben wenigen Einzel- auch mehrere Viehhändler.

  http://geschichte-hessisch-oldendorf.de/plugins/pictures/905702/current.png Abb. aus: geschichte-hessisch-oldendorf.de

Mit dem Beginn der NS-Herrschaft setzte verstärkt antijüdische Hetze ein. Ende März 1933 ließ der NSDAP-Kreispropagandaleiter Ernst Koch in der „Schaumburger Zeitung” den folgenden Aufruf verbreiten:

Zur Aufklärung !

Ich bitte jeden Parteigenossen und jede Parteigenossin in der Grafschaft Schaumburg, mir Personen namhaft zu machen, die in jüdischen Geschäften kaufen, und diejenigen Personen, die mit Juden handeln. Ich gebrauche diese Unterlagen zur Ausarbeitung für Propaganda.

Inwieweit die Juden Oldendorfs von den Boykottmaßnahmen betroffen waren, ist nicht genau belegt.

Im Sommer des Jahres 1935 startete die örtliche Parteileitung unter dem Schlagwort „Jüdischer Rassenschänder” eine propagandistische Aktion in der Lokalpresse. Diese gründete sich auf eine von einem Lehrer nachweislich erlogene Behauptung einer angeblichen „Rassenschändung“ im Hause des Viehhändlers Löwenstein. Aufgewiegelte Einwohner drangen daraufhin in dessen Haus ein, verwüsteten die Einrichtung und zwangen die Familie zum vorläufigen Verlassen der Stadt.

Daraufhin beschloss Ende August 1935 der hiesige Stadtrat:

             Juden unerwünscht !           

Hess. Oldendorf, 22.August

Ebenso wie in vielen anderen Städten und Dörfern wurde jetzt auch in Hess. Oldendorf energisch gegen die Juden vorgegangen. Auf Veranlassung der hiesigen Parteileitung faßten die Stadtvertreter einstimmig folgenden Beschluß:

         1. Juden und Judenabkömmlingen ist der Zuzug nach Hess. Oldendorf verboten und damit ist diesen jeder Erwerb von Grundstücken untersagt. Sämtlichen Hausbesitzern wird anheim gestellt, keine Wohnungen an Juden zu vermieten.

         2. Bauern, Handwerker, Geschäftsleute oder sonstige Volksgenossen, die mit Juden in Verkehr stehen, bei diesen kaufen oder Handlangerdienste für diese leisten, erhalten keine Gemeindelieferungen oder in der Gemeinde Arbeiten.

         3. Beamte, Angestellte und Mitglieder der Stadtverwaltung, die sich wie unter 2 schon erwähnt, verhalten, sind sofort zu kündigen und aus ihrem Amte zu entfernen.

         4. Den Juden ist die Beschickung und das Betreten des hiesigen Viehmarktes verboten. Desgleichen ist diesen die Benutzung der städtischen Badeanstalt untersagt.

Während der Novembertage des Jahres 1938 blieb auch Oldendorf nicht von Gewalt verschont; so sollen einheimische SS- und NSDAP-Angehörige, aber auch aufgehetzte „Volksgenossen“ gegen die wenigen jüdischen Bewohner Gewalt angewendet und diese in ihren Wohnungen bedroht haben. Im Frühjahr 1939 lebten nur noch sieben Juden in Hessisch Oldendorf; ihre Spuren verloren sich später in den Ghettos/Lagern Osteuropas. Mindestens 14 gebürtige bzw. in Hessisch Oldendorf ansässige jüdische Bewohner wurden Opfer der Shoa.

Seit 1988 markiert ein Gedenkstein – mit einer Texttafel zur Geschichte der Juden in Hessisch Oldendorf - die Stelle des alten Friedhofs der Oldendorfer Juden; Grabsteine sucht man dort aber vergeblich.

 Gedenkstein auf dem alten Friedhof (Aufn. B. Stegemann, 2007, aus: wikipedia.org, CCO)

Der am östlichen Stadtrand befindliche (neue) jüdische Friedhof weist heute noch ca. 40 Grabsteine auf.

  neuer jüdischer Friedhof (Aufn. B. Stegemann, 2007, aus: wikipedia.org, CCO)

Weitere Informationen:

Erik Hoffmann, Jüdische Nachbarn in Hessisch Oldendorf 1322 bis 1942. Ihre 600jährige Geschichte in der schaumburgischen/hessischen/preußischen Kleinstadt, in: Beiträge zur Geschichte des jüdischen Lebens in der Stadt Hameln und im Kreis Hameln-Pyrmont, Hameln 1998

Erik Hoffmann (Red.), Hessisch Oldendorf, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 831 – 835

Bernhard Gelderblom, Die jüdische Gemeinde Hessisch Oldendorf, in: Zur Geschichte der Juden in Hameln und in der Umgebung, Hameln 2007 (Web-Präsentation)

Der jüdische Friedhof in Hessisch Oldendorf, online abrufbar unter: gelderblom-hameln.de

Der jüdische Friedhof und die Juden von Oldendorf, online abrufbar unter: geschichte-hessisch-oldendorf.de

Die Reichspogromnacht in Hessisch-Oldendorf, online abrufbar unter: geschichte-hessisch-oldendorf.de